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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Süßholz

Foto: Sertürner

Schwarzer süßer Saft

von Ursula Sellerberg, Berlin

Am 13. Juni 2003 geriet die Süßholzwurzel in die Schlagzeilen: Frankfurter Mediziner hatten entdeckt, dass ihr Inhaltsstoff Glycyrrhizinsäure gegen die Lungenkrankheit SARS wirkt. Auch wenn SARS momentan keine Bedrohung mehr darstellt, ist die Süßholzwurzel gegen Magenbeschwerden und Erkältungen noch immer aktuell.

Süßholzwurzel stammt von der Pflanze Glycyrrhiza glabra aus der Familie der Schmetterlingsblütler oder Fabaceen. Ihr Name kommt aus dem Altgriechischen: "glykos" bedeutet süß, "rhiza" Wurzel. Im Lateinischen wurde daraus Liquirita, was die Deutschen volkstümlich zu "Lakritze" umformulierten. Die Volksmedizin nutzt Süßholzwurzel bei Verstopfung, Entzündungen des Magen-Darm- und des Urogenital-Trakts. Süßholz soll die Menstruation und die Milchproduktion fördern sowie die Potenz steigern. Im Mittelalter wurde es unter anderem gegen Heiserkeit, Husten, Brustschmerzen und Verdauungsbeschwerden eingesetzt.

Staude mit violetten Blüten

Die Pflanze stammt aus dem Mittelmeerraum und wird dort in Plantagen angebaut. Sie ist eine ausdauernde Staude, die ein bis zwei Meter groß wird. Zuerst bildet sich eine lange, kräftige Pfahlwurzel. Nach und nach kommen Nebenwurzeln und ein stark verholzter Wurzelstock, das Rhizom dazu. Die Stängel treiben jedes Jahr neu. Die Laubblätter stehen wie bei allen Schmetterlingsblütlern wechselständig und sind unpaarig gefiedert; sie werden bis zu 20 Zentimeter lang. In den Blattachsen wachsen die ährenartigen Blütenstände, die im Frühsommer hellblaue bis violette, kurz gestielte einzelne Blüten tragen. Die Früchte sind Hülsen, die etwa zwei Zentimeter lang werden und drei bis fünf braune, nierenförmige Samen enthalten.

Das Europäische Arzneibuch, Grundwerk der vierten Ausgabe 2002, enthält die beiden Monographien der Süßholzwurzel, Liquiritiae radix, und des eingestellten, ethanolischen Süßholzwurzelfluidextraktes, Liquiritiae extractum fluidum ethanolicum normatum. Als Liquiritiae radix werden die ungeschälten oder geschälten Wurzeln und die Ausläufer von Glcyrrhiza glabra verwendet. Sie werden alle drei Jahre im Spätherbst ausgegraben, gewaschen, meist geschält und an der Sonne getrocknet. Der Süßholzsaft wird durch Auskochen gewonnen, anschließend wird er im Vakuum eingedickt. Aus diesem Saft werden unter Zusatz anderer Stoffe die Lakritzstangen gepresst oder gegossen.

Hauptinhaltsstoff Glycyrrhizinsäure

Süßholzwurzel enthält seifenähnliche Naturstoffe, die Saponine. Die Hauptkomponente ist die Glycyrrhizinsäure, deren Salze zusammenfassend als Glycyrrhizin bezeichnet werden. Außerdem enthält die Droge verschiedene Flavonoide und Cumarine, die das Holz der Wurzel auffallend zitronengelb färben. Der Gehalt an ätherischem Öl ist gering, die Droge riecht nur schwach. Typisch ist ihr süßer, leicht aromatischer Geschmack. Insgesamt wurden bislang über 400 Inhaltsstoffe nachgewiesen.

Wie bei allen Phytopharmaka lässt sich die Wirkung der Droge nicht auf einen einzelnen Wirkstoff zurückführen, sondern auf das Zusammenspiel verschiedener Naturstoffe. So setzen beispielsweise sogar Extrakte, die kein Glycyrrhizin mehr enthalten, die Magensaftsekretion herab und helfen daher bei Magengeschwüren.

Bei Magengeschwür und Hustenreiz

Süßholzwurzel wird innerlich eingesetzt bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren sowie bei chronischer Magenschleimhautentzündung. Ihre vorbeugende Wirkung ist belegt, die zu Grunde liegenden Mechanismen sind aber bislang ungeklärt. Die Droge lindert die Schmerzen schon nach zwei bis drei Tagen, beschleunigt aber nicht die Heilung eines Geschwürs. Sie wirkt abschwellend und Krampf lösend. Glycyrrhizinsäure wirkt entzündungshemmend, was teilweise auf die Hemmung des Gerinnungsfaktors Thrombin zurückgeführt wird. Außerdem hemmte Süßholzwurzelextrakt in Laborversuchen das Bakterium Helicobacter pylori, das für Magengeschwüre verantwortlich gemacht wird.

Die Süßholzwurzel wirkt auch bei Erkältungen. Die meisten Saponine reizen die Schleimhaut des Magens, erregen dadurch Nerven und führen per Rückkopplung über das Gehirn dazu, dass sich der Schleim verflüssigt. Anders beim Glycyrrhizin: Es mindert im Gegensatz zu anderen Saponinen Reize der Magenschleimhaut und wird daher auch gegen Magenschleimhautentzündungen eingesetzt. Möglicherweise lösen die Zubereitungen aus Süßholzwurzel weniger den Schleim, sondern lindern eher den Hustenreiz.

Hustentees immer süßen

Ähnliches gilt für den Zucker in Hustensäften und Hustenbonbons: Zucker regt die Speichelproduktion an. Das vermehrte Schlucken unterdrückt den sich anbahnenden Hustenreiz. Um diesen Effekt zu nutzen, sollten Betroffene Hustentees generell süßen. Neben dieser indirekten Hustenreiz stillenden Wirkung blockiert die Süßholzwurzel möglicherweise auch Hustenreflexe im Gehirn und wirkt somit antitussiv.

Darüber hinaus erschwert Süßholzwurzel das Wachstum verschiedener Mikroorganismen. Glycyrrhizinsäure hemmt unter anderem Viren; Japaner setzen sie zusammen mit Aminosäuren intravenös gegen chronische Leberentzündungen ein. In Deutschland ist Süßholz für diese Indikation nicht zugelassen.

Angewendet werden pro Tag zwischen 5 und 15 Gramm Droge, was etwa 200 bis 600 Milligramm Glycyrrhizin entspricht. Süßholzsirup wird je nach Erkrankung unterschiedlich hoch dosiert: Bei Erkältungen sind es 0,5 bis 1 Gramm, bei Magengeschwüren 1,5 bis 3 Gramm täglich. In Teemischungen ist Süßholzwurzel häufig kombiniert: meist mit Kamille und Pfefferminze bei Magenerkrankungen und mit Anis, Primel- und Eibischwurzel bei Erkältungen.

Süßholzwurzel schmeckt süß und ist in vielen Teemischungen und Phytopharmaka enthalten, um deren Geschmack zu verbessern. Gegen eine Verwendung als Geschmackskorrigens bis zu einer Tagesdosis von 100 Milligramm Glycyrrhizinsäure bestehen keine Einwände, das entspricht etwa 2,5 Gramm Süßholz.

Nicht länger als sechs Wochen

Süßholz soll nicht länger als vier bis sechs Wochen eingenommen werden, denn in hohen Dosierungen zeigt die Süßholzwurzel Nebenwirkungen. Das ist vor allem bei Ulkusmitteln zu beachten, da sie mehr Droge enthalten als die Erkältungspräparate. Nehmen Patienten über einen längeren Zeitraum mehr als 15 Gramm Droge oder 600 Milligramm Glycyrrhizin täglich ein, wirken die Saponine hormonartig: Die Glycyrrhizinsäure hemmt das Enzym, das das Hormon Cortisol abbaut, folglich kann Cortisol länger wirken. Cortisol wird in der Niere angereichert und imitiert das Hormon Aldosteron. Die Nebenwirkungen des Süßholzes gleichen daher einem Überangebot von Aldosteron: Der Körper verliert Kalium, und der Natriumspiegel im Blut steigt. In der Folge kommt es zu Wassereinlagerungen, Herzbeschwerden und der Blutdruck steigt. Der Urin kann sich in seltenen Fällen und bei hohen Dosierungen rot färben. Bei Absetzen der Droge verschwinden alle Nebenwirkungen. Die Patienten sollten während der sechswöchigen Einnahme gegen den Kaliumverlust beispielsweise vermehrt Bananen oder getrocknete Aprikosen essen.

Die aldosteronartige Wirkung erklärt auch mögliche Wechselwirkungen mit einigen Wasser ausschwemmenden Arzneimitteln wie Thiaziden oder Schleifendiuretika: Deren Wirkung wird verstärkt, und der Kaliumverlust erhöht. Wer an einer chronischen Leberentzündung, Bluthochdruck oder einer Nierenerkrankung leidet, sollte ebenso wie Schwangere auf Süßholzwurzel verzichten. Auch Digitalis-Präparate können den Mangel an Kalium verstärken. Die Wechselwirkung zwischen Süßholzwurzel und anthrachinonhaltigen Abführmitteln wie Sennesblättern oder Faulbaumrinde ist hingegen erwünscht. Sind sie in Teemischungen kombiniert, steigt die abführende Wirkung. Durch die Glycyrrhizinsäure ist der Darminhalt besser benetzbar; die Kombination ermöglicht somit eine geringere Dosis der abführenden Drogen.

Erstaunliche Süßkraft

Glycyrrhizin ist 50-mal süßer als Haushaltszucker, also Saccharose. Da Süßholzwurzel häufig Kindertees zugesetzt wird, ist die Frage nach der Karies fördernden Wirkung interessant: Im Gegensatz zu Haushaltszucker verhindert Süßholzwurzel die Anlagerung von Plaque an die Zähne und beugt Karies vor. Kindertees enthalten jedoch häufig auch beträchtliche Mengen an Zucker. Deshalb wird grundsätzlich empfohlen, Kinder an ungesüßten Tee zu gewöhnen. Süßholz ist nicht die einzige Pflanze, die als Lieferant von Süßstoffen in Frage kommt. Das Honigkraut Stevia rebaudiana aus Südamerika enthält den Naturstoff Steviosid, der 300-mal süßer ist als Haushaltszucker. Steviosid ist in Japan das am häufigsten verwendete Süßungsmittel, in Europa ist es nicht zugelassen. Das Neohesperidin aus Orangenschalen ist 1800-mal süßer und das Thaumatin aus den westafrikanischen Ketemfe-Früchten 3000-mal süßer als Haushaltszucker.

Industriell wird die Süßholzwurzel für die Herstellung von Lakritze verwendet, sie ist aber auch in Ale oder Kautabak enthalten. Lakritze ist ein Gemisch aus dem eingedickten, getrockneten Wasserextrakt der Süßholzwurzel mit Zucker, Mehl, Stärke, Gelatine und anderen Stoffen.

Stark-Lakritze nur ab und zu

Der Gehalt an Glycyrrhizinsäure liegt in handelsüblichen Lakritzwaren zwischen 34 und 500 Milligramm pro 100 Gramm. Festgelegt ist, dass ihr Gehalt in Lebensmitteln unter 200 Milligramm pro 100 Gramm liegen muss. Bei höheren Konzentrationen muss die Süßigkeit als "Stark-Lakritze" gekennzeichnet und eine Höchstverzehrmenge auf der Packung angegeben sein. Lakritze mit einem Gehalt von mehr als 1 Gramm Glycyrrhizinsäure pro 100 Gramm Lakritze ist nur zum gelegentlichen Verzehr bestimmt.



Beispiele für Kombipräparate, Rote Liste 2003

  • Bronchosyx N

  • Broncho-Tyrosolvetten®

  • Gastritol Dr. Klein®

  • Harntee 400

  • Heumann Bronchialtee Solubifix® T

  • Heumann Magentee Solu-Vetan®

  • Iberogast® Tinktur

  • Muc-Sabona

  • rabro N Tabletten

  • Renob® Blasen- und Nierentee I

  • Ulcu Pasc® Tabletten und Tropfen

  • Ullus® Magenkapseln N



Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13a
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