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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Baldrian

Foto: Mies

Beruhigung aus der Wurzel

von Monika Schulte-Löbbert

Von der Antike bis ins Mittelalter galt Baldrian als ein Universalheilmittel. Seine beruhigende Wirkung wurde erst in der Neuzeit entdeckt. Fortan setzen ihn die Menschen je nach Konzentration als Tagessedativum oder zur Schlafförderung ein.

Der Echte Arznei-Baldrian, Valeriana officinalis L., gehört zur Familie der Baldriangewächse (Valerianaceae) und ist in Europa sowie in den klimatisch gemäßigten Zonen Asiens heimisch. Inzwischen kommt er auch im nordöstlichen Amerika vor. Baldrian ist eine mehrjährige, 0,3 bis 1,5 Meter hohe krautige Pflanze, die als Überdauerungsorgane Rhizome ausbildet. Valeriana stellt keine hohen Ansprüche an den Boden und wächst in sonnigen sowie in halbschattigen Lagen. Als Feuchtbodenpflanze verträgt er auch gelegentliche Überschwemmungen und ist daher oft auf Wiesen entlang von Gewässerläufen zu finden.

An dem gefurchten hohlen Stängel sitzen die unpaarig gefiederten Blätter in gegenständiger Anordnung. Die unteren Blätter sind lang gestielt, die oberen fast sitzend. Zur Blütezeit von Juli bis September öffnen sich kleine hellrosafarbene, süßlich duftende Blüten. Sie stehen in dichten endständigen Trugdolden mit deutlich herausragenden Staubgefäßen.

Medizinisch verwendet werden nur die unterirdischen Teile der Pflanze: das walzenförmige kurze Rhizom mit den fingerlangen, büschelig angeordneten Wurzeln sowie die Ausläufer.

Früher als »Phu« bekannt

Schon die Ärzte in der Antike schätzten den Baldrian als Arzneipflanze. So beschreibt der griechische Arzt Dioscurides im 1. Jahrhundert n. Chr. eine Pflanze mit dem Namen »Phu«, die dem Baldrian ähnlich ist. Er empfiehlt sie als erwärmendes, menstruationsförderndes und harntreibendes Mittel sowie gegen Seitenstechen. Im Mittelalter kommen neue Anwendungen für Phu hinzu, die vor allem den Magen-Darm-Trakt betreffen. Die Pflanze soll die Verdauung fördern, gegen Magenschmerzen sowie bei »Verstopfung« der Leber und der Milz helfen.

In den Schriften des Mittelalters ist erstmals von »Valeriana« die Rede, während Phu noch häufig als Synonym mitgenannt wird. Die Geschichte der Namensgebung von Valeriana ist reichlich verworren. Eine Theorie: Valeriana sei abgeleitet vom lateinischen »valere«, das kräftig oder gesund sein bedeutet. Die deutsche Bezeichnung »Baldrian« taucht bereits in althochdeutschen Schriften auf. Wahrscheinlich leitet sich das deutsche Wort vom lateinischen »Valeriana« ab.

Manche Forscher behaupten allerdings, der Name gehe auf den germanischen Gott »Baldur« zurück, den Gott des Lichtes. Baldur bedeutet auch der »Hilfsbereite«, wie Baldrian bietet Baldur den Menschen seine Hilfe bei zahlreichen Gebrechen an.

An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit ergänzen neue Indikationen die bisherigen. Hieronymus Brunschwig empfiehlt in seinem »Kleinen Destillierbuch« aus dem Jahr 1500 den Genuss der Baldrianwurzel zur Stärkung der Sehkraft. Schon in der Volksmedizin wurden Erkrankungen am Auge mit Baldrianwurzel behandelt. Im Volksmund heißt er deshalb Augenwurz. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts trugen die Menschen in Graubünden bei entzündeten Augen kleine Bündel aus Kräutern, die Augen-Bündeli, um den Hals. Diese enthielten überwiegend Baldrianwurzeln.

Äußerlich wurde Baldrian zur Behandlung von Feigwarzen, Tierbissen und Wunden eingesetzt. Im Volksmund heißt Baldrian auch Katzenkraut, denn Katzen werden durch Baldrian stark erregt. Für diese Stimulation wird das Alkaloid Actinidin verantwortlich gemacht.

Alte Kräuterbücher führen häufig den Namen »Theriakwurzel« als Bezeichnung für Baldrian. Die Wurzel galt als »Theriak des kleinen Mannes«, ein Allheilmittel, das annähernd so gut wirken sollte wie der kostbare echte Theriak, der neben Baldrianwurzel teure Gewürze wie Zimt, Kardamom, Myrrhe und weitere Heilpflanzen wie Angelikawurzel und Meerzwiebel enthielt.

In den Bereich des Aberglaubens gehörte sein Einsatz zu Zeiten der Pest. So versprach eine der vielen Pestsagen: »Esst Bibernellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an.« Wer Baldrian bei sich trug, sollte außerdem vor bösen Geistern, Hexenzauber und dem Teufel geschützt sein.

Seine Anwendung ausschließlich als Sedativum setzt sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch. Der Arzt Christoph Wilhelm von Hufeland (1762 bis 1836) beschreibt Baldrian als eines der besten Mittel zur Stärkung und Regulierung des Nervensystems. Obwohl seitdem die Baldrianwurzel als eines der wirksamsten pflanzlichen Arzneien gegen nervöse Unruhe und Schlaflosigkeit gilt, gelang es Arzneipflanzenforschern erst vor wenigen Jahren, den Wirkmechanismus ansatzweise aufzuklären.

Schonend trocknen

Zur Gewinnung der Arzneidroge werden der Wurzelstock, die Wurzeln und die Ausläufer im Herbst ausgegraben, weil dann der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten ist. Das Erntegut wird sorgfältig gewaschen und mehrere Tage lang bei etwa 40°C getrocknet, bis sich die Wurzeln leicht brechen lassen. Die frisch gegrabene Wurzel ist geruchlos. Erst während des Trocknungsprozesses entwickelt sich der für Baldrian typische starke Geruch, der durch die Isovaleriansäure verursacht wird. Die Droge stammt aus Kulturen in Belgien, den Niederlanden und Osteuropa. In zunehmendem Maße wird sie auch in Deutschland, besonders in Thüringen, angebaut.

Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 5.7) führt folgende drei Baldrian-Monographien: 

  • Baldrianwurzel; Valerianae radix, 
  • Baldriantinktur; Valerianae tinctura, 
  • Mit wässrig-alkoholischen Mischungen hergestellter Trockenextrakt; Valerianae extractum hydroalcoholicum siccum. 

Als Stammpflanze wird Valeriana officinalis L. s.l. genannt. Der Zusatz s.l. (= sensu latiore, in weiterem Sinne) erlaubt, auch Unterarten des Baldrians zu verwenden.

Die Droge enthält 0,3 bis 0,7 Prozent ätherisches Öl, das sich je nach Herkunft verschieden zusammensetzt. Als drogenspezifische »Leitsubstanz« gilt die Valerensäure, eine Sesquiterpensäure. Valerensäure kommt nur in Valeriana officinalis und in anderen Valeriana-Arten nicht oder allenfalls in Spuren vor. 

Je nach Art der Trocknung enthält Baldrianwurzel 0,5 bis 2 Prozent der möglicherweise zytotoxischen Valepotriate (Valeriana-Epoxy-Triester). Sie sind sehr thermolabil und werden unter Säure- oder Alkalieinfluss sowie durch Alkohol leicht abgebaut. Deshalb sind sie in Zubereitungen der Baldrianwurzel wie Tee, Tinktur oder Extrakt nicht mehr vorhanden. Ihre Abbauprodukte, die Baldrinale, sind gesundheitlich unbedenklich. 

Baldrian ist ein bekanntes und beliebtes Heilmittel. Zahlreiche Studien belegen seine sedierende und schlaffördernde Wirkung. Doch trotz jahrzehntelanger Forschung erwies sich keiner der Inhaltsstoffe als Träger des Wirkprinzips. Deshalb vertreten die Wissenschaftler allgemein die Ansicht, dass die Wirksamkeit des Baldrians auf dem Zusammenspiel der gesamten Inhaltsstoffe beruht und nicht auf einer einzelnen Substanz.

Doch erst vor wenigen Jahren identifizierten Arzneipflanzenforscher in der Droge eine bislang unbekannte Verbindung aus der Gruppe der Lignane, das Olivil. Das hydrophile Olivil bindet an jene Rezeptoren im Gehirn, die den Wach-Schlaf-Rhythmus steuern. Die neuen Untersuchungen zeigten, dass Olivil ebenso wie Adenosin an den A1-Rezeptor andockt und dort eine ähnliche schlaffördernde Reaktion hervorruft. Warum das Olivil dort bindet, ist bislang nicht geklärt. Die Substanz ähnelt dem Adenosin kaum.

Tee, Tinktur und Trockenextrakt

Die Kommission E bewertete 1985 und 1990 die Baldrianwurzel in ihrer Monographie positiv und empfiehlt sie bei Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen. Auch die Europäische Kooperative, die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapie), bewertete die Droge im Juli 1997 für folgende Indikationen als positiv: Nervosität, Rastlosigkeit und Erregbarkeit sowie Einschlafschwierigkeiten. 

Baldrianwurzel ist gut verträglich, es sind weder Gegenanzeigen, Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen bekannt. Obwohl es bisher keine Anhaltspunkte für Risiken gibt, wird Schwangeren und Stillenden die Einnahme nicht empfohlen. Neben der traditionellen Anwendung als Tee oder Tinktur enthält eine Vielzahl von Fertigarzneimitteln den Trockenextrakt aus der Baldrianwurzel. Bei der Empfehlung eines Präparates sollten PTA oder Apotheker auf eine ausreichend hohe Dosierung achten. Die ESCOP empfiehlt eine Tagesdosis von 2 bis 3 g Droge, entsprechend 500 bis 1200 mg Trockenextrakt (Auszugsmittel Ethanol 70 %). Die Einzeldosis für den Tag liegt damit bei 125 mg Trockenextrakt, entsprechend 250 bis 650mg Droge. Diese Menge ist zum Beispiel enthalten in Baldrian-Dispert® Tag zur Beruhigung mit 125 mg. 

Fertigarzneimittel, die zur Nacht genommen werden, sollten mindestens 400 mg Trockenextrakt pro Einzeldosis enthalten, entsprechend 2,2 bis 3 g Droge. Cefan® mit 441 mg oder Luvased® mono mit 450 mg Trockenextrakt erfüllen zum Beispiel diese Anforderung. Ein Baldrian-Präparat zur Einschlafhilfe sollten die Patienten mindestens eine halbe bis eine Stunde vor dem Schlafengehen einnehmen, besser schon am frühen Abend. Von Vorteil ist das fehlende Suchtpotential der Droge.

Zahllose Arzneimittel enthalten eine Kombination aus Baldrian mit anderen beruhigenden Pflanzen wie Hopfen, Melisse und Passionsblumenkraut. Als sinnvoll gelten nur Mittel mit zwei oder drei pflanzlichen Sedativa.

Kennen sie die Ursache ihrer Schlafstörungen nicht und dauern diese länger als zwei Wochen, sollten die Patienten einen Arzt konsultieren.

Valeriana wird auch in zahlreichen homöopathischen Arzneimitteln zur Linderung nervöser Beschwerden angeboten. Als besonders geeignet für Kinder mit einer leichten bis mittelschweren Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat sich das Komplexhomöopathikum Zappelin® erwiesen. Es enthält unter anderem Valeriana D6. In klinischen Studien linderte Zappelin® nach drei Monaten signifikant die typischen Symptome. Bevor Eltern ihr Kind mit Zappelin® behandeln, sollten sie immer erst mit dem Kinderarzt sprechen.

Für die Anwendung als Bad hat die Kommission B8 des Europäischen Arzneibuchs, die für die Balneologie zuständig ist, eine eigene Monographie erstellt. Darin empfiehlt sie Baldrianextrakt oder das ätherische Öl der Baldrianwurzel zur Herstellung von Baldrian-Bädern. Ein warmes Bad von 10 bis 20 Minuten am Abend wirkt mild sedativ, muskelentspannend und dadurch schlaffördernd. 

Baldrian wird nicht nur medizinisch verwendet, sondern auch in der Nahrungsmittel- und Parfümindustrie. Beispielsweise werden Baldrianextrakte als Aromastoffe eingesetzt, wenn die Hersteller von Gebäck oder Eis eine Apfelgeschmackskomponente erzielen möchten. Die Parfümindustrie verwendet Baldrian in der richtigen Mischung als moschusähnlich-holzige, balsamische Duftkomponente. Ob der Rattenfänger von Hameln ein Parfüm mit Baldrianzusatz benutzt hat, ist unbekannt. Der Sage nach soll er Baldrian bei sich getragen haben, um die Ratten anzulocken.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



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