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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Hagebutten

Foto: Mies

Ein Männlein steht im Walde

von Gerhard Gensthaler, München

Hagebutten sind die Scheinfrüchte der Hunds-Rose und gehören zu den vitaminreichsten Früchten. Aber nicht nur aus diesem Grund nutzen Menschen sie seit Jahrhunderten in der traditionellen Medizin. Seit kurzem wird auch eine Heilwirkung bei Rheuma und Arthrose diskutiert. 

Sogar in Gräbern und an Feuerstellen der Frühzeit finden sich Reste der Hagebutten. Schweizer Archäologen entdeckten in den Pfahlbauten aus der Steinzeit am Bodensee Teile dieser Pflanze. Der griechische Arzt Pedanios Dioskurides (1. Jh.) empfahl die getrockneten Früchte bei Darmkatarrh. Der deutsche Botaniker und Arzt Hieronymus Bock (1498 bis 1554) beschrieb die stopfende Wirkung, und der italienische Arzt Pietro Andrea Mattioli (1501 bis 1577) verwendete die Beeren gegen Ruhr, die Kerne gegen Steinleiden.   

Der deutsche Name soll von den beiden alten Worten »Hag«, was soviel wie dichtes Gebüsch bedeutet, und »Butzen« oder »Butten« für einen Klumpen oder Gefäß stammen. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) hat in seinem volkstümlichen Lied »Ein Männlein steht im Walde …« die Hagebutte gemeint und nicht den Fliegenpilz, wie häufig vermutet wird. 

Die Hunds-Rose, Rosa canina L., gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Der botanische Name Rosa canina soll darauf hindeuten, dass diese Rose »hundsgemein« ist, also überall zu finden. Rosa canina ist ein meist 150 cm hoher, kräftiger Strauch. Je nach Standort kann er sogar eine Höhe von mehreren Metern erreichen. Er hat lange Äste und Zweige, die oben und seitlich in Bögen überhängen. Auf der ganzen Pflanze finden sich nach rückwärts gekrümmte Stacheln. Sie sind botanisch gesehen keine Dornen, auch wenn sie landläufig so genannt werden. Die fast papierdünnen Laubblätter sind unpaarig gefiedert, oberseits glänzend dunkelgrün, unterseits heller. Die rosa Blüten, die einen angenehmen Duft verströmen, stehen einzeln oder in mehrblütigen Dolden auf 2 cm langen Stielen.

Zwischen langen, weißen glänzenden Haaren sitzen im Blütenbecher zahlreiche Fruchtknoten. Die Kelchblätter rollen sich nach dem Verblühen ein. Die herzförmigen Kronenblätter sind meist hellrosa bis weiß. Nach der Blüte im Juni entstehen aus den Fruchtknoten die harten kleinen Nüsschen, die der weiter wachsende Blütenbecher umschließt. So entwickelt sich die bekannte Hagebutte, also eine Scheinfrucht. Diese sind scharlachrot, kahl und eiförmig bis kugelig. Ihr Inneres verbirgt zwischen Haaren mit Widerhaken die zahlreichen steinharten Nüsschen. Fälschlicherweise werden die Nüsschen als Samen bezeichnet, sie sind jedoch die eigentlichen Früchte.

Der Strauch wird volkstümlich unter anderem auch Heckenrose, Hagrose oder Hindsrose genannt. Die Engländer nennen ihn hip, dog rose, rosehip oder wildhip, die Franzosen églantier oder cynorrhodon und die Italiener rosa canina.   

Die Hunds-Rose wächst fast überall an Weg-, Feld- und Waldrändern, aber auch auf mageren Wiesen und in lichten Buschwäldern in fast ganz Europa, West- und Nordasien sowie in Nordamerika. Selten kommt sie in Höhen über 1300 Metern vor. 

Aus Rosa canina ist durch Kreuzungen mit der Essig-Rose (Rosa gallica), auch Apotheker-Rose genannt, und durch diverse Rückkreuzungen mit anderen Arten eine Vielzahl von Rosensorten entstanden. 

Bezeichnungen irreführend

Die Pharmacopeae Europeae, 6. Ausgabe, Grundwerk 2008 enthält als Monographie »Hagebuttenschalen – Rosae pseudo-fructus«. Die Scheinfrüchte der Hagebutte werden im Oktober geerntet, wenn sie gerade zu reifen beginnen, satt rot gefärbt und noch fest sind. Nach dem Entfernen der Stiele und Kelchreste und dem Herausschälen der kleinen harten Nüsschen werden die Hagebuttenschalen zunächst 30 Minuten bei 75 bis 80°C vorgetrocknet und dann bei 40 bis 45°C über längere Zeit endgültig getrocknet. Die Droge wird in der Hauptsache aus Südosteuropa importiert. Sie stammt nahezu ausschließlich aus Sammlungen wildwachsender Pflanzen und ist fast geruchlos. Die Fruchtschalen schmecken säuerlich-süß und zusammenziehend.

Aus dem Namen der Monographie des DAC »Hagebutten – Rosae pseudo-fructus cum fructibus« geht eindeutig hervor, dass es sich bei dieser Droge um die Scheinfrüchte mit den Früchten handelt. 

Vitamin-C-Bombe

Die Hagebuttenschalen enthalten bis zu 1,7 Prozent Vitamin C, Zucker, organische Säuren, Pektine, Gerbstoffe, Carotinoide und Flavonoide. Als Vitamin-C-Gehalt fordert das Arzneibuch mindestens 0,3 Prozent, bezogen auf die getrocknete Droge. Aufgrund ihres hohen Vitamin-C-Gehaltes eignen sich die Hagebuttenschalen hervorragend zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten. Zur Zubereitung als Tee werden 2 bis 2,5 Gramm zerkleinerte Hagebuttenschalen mit circa 250 ml heißem Wasser übergossen und nach 10 bis 15 Minuten abgeseiht. Bei ordnungsgemäßem Gebrauch sind keine Nebenwirkungen bekannt.

Die Kommission E hielt 1990 die Wirksamkeit der Hagebuttenschalen und -früchte für nicht ausreichend belegt, weil der Gehalt an Vitamin C bei der Alterung der Drogen rasch abnimmt. Gegen die Verwendung als Geschmackskorrigens hatte sie keine Bedenken. Auch wenn die roten Hagebutten zu Mus verarbeitet und gekocht werden, verringert sich der Gehalt an Vitamin C.

In der traditionellen Medizin werden Hagebutten mit oder ohne »Samen« bei verschiedenen Beschwerden des Magen-Darm-Traktes verwendet, oft nur noch zur Geschmacksverbesserung von Teemischungen. Außerdem dient die Droge als mildes Abführmittel. Zubereitungen aus Hagebuttenkernen sollen bei Harnwegserkrankungen helfen. 

Bauer Hansen und seine Arthrose

Neuerdings wird die Wirksamkeit der Hagebutten bei Arthrosebeschwerden diskutiert. Der dänische Bauer Erik Hansen berichtete in den 1980iger Jahren über positive Erfahrungen mit Hagebuttenpulver bei der Behandlung seiner Arthrose. Diese Wirkung erregte das Interesse des Arztes Dr. Kaj Flemming Winther in Kopenhagen, der den Effekt zusammen mit Dr. Arsalan Kharazmi, Professor für Mikrobiologie, durch In-vitro-Versuche bestätigte. Weitere In-vivo-Studien folgten.

Später wurde als aktiver Inhaltsstoff der Hagebutte ein aus einem Zuckeranteil und Fettsäuren bestehendes Galaktolipid (GOPO®) isoliert, das die Entzündungsreaktion hemmt und damit die Schmerzen lindert. An der Studie beteiligt waren die Wissenschaftler und das Dänische Institut für Landwirtschaft, das Kopenhagener Universitätskrankenhaus und das Dänische Institut für Pharmazie.

In einer doppelblinden, placebokontrollierten Crossover-Studie untersuchte das Institute for Clinical Research in Kolding, Dänemark, Probanden mit Osteoarthritis. Die 112 Studienteilnehmer nahmen drei Monate lang täglich 5 Gramm Hagebuttenextrakt (Litozin®) oder Placebo. Die Symptome der Patienten wie Morgensteifigkeit und durch starke Schmerzen eingeschränkte Beweglichkeit hatten sich in dieser Zeit deutlich gebessert und der Gebrauch von Schmerzmitteln konnte um 44 Prozent gesenkt werden.

In einer weiteren randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie an 100 Patienten wurden die Effekte von standardisiertem Hagebuttenpulver (Litozin®) über vier Monate auf die Beweglichkeit des Hüftgelenks untersucht. Das Ergebnis: Hagebuttenpulver besserte die Beweglichkeit der Gelenke, auffällig war der weit über die Studiendauer hinaus anhaltende  Langzeiteffekt.

In einer Untersuchung am Departement für Biochemie am Kopenhagener County Hospital wurde in einer ebenfalls randomisierten, doppelblinden und placebokonrollierten Studie an 94 Probanden mit Arthrose in Hüfte und Knien die Wirksamkeit eines Pulvers aus Hagebuttenfrüchten und -schalen geprüft. Die 47 Probanden der Verumgruppe erhielten drei Monate lang täglich 5 Gramm des Pulvers (Litozin®). Die Studie wurde um weitere 3 Monate im Crossover-Verfahren verlängert. Im Vergleich zur Placebogruppe reduzierten sich in der Verumgruppe deutlich die Symptome. 

Trotz der in diesen Studien beobachteten positiven Effekte von Hagebuttenpulver sind weitere kontrollierte klinische Studien notwendig, um den Stellenwert der Hagebutte bei der Behandlung von Rheuma und Arthrose endgültig zu definieren. Zusätzlich wurde beobachtet, dass erhöhte LDL-Cholesterol-Konzentrationen im Serum deutlich abnahmen. Auch hier sind für definitive Aussagen weitere Untersuchungen erforderlich. Derzeit gibt es Präparate mit Hagebuttenextrakt nur als Nahrungsergänzungsmittel und nicht als zugelassenes Arzneimittel. 

In vielen Gegenden Mitteleuropas sind die Bewohner noch heute der Überzeugung, dass eine am Weihnachtsabend oder in der Neujahrsnacht verzehrte Hagebutte sie das ganze Jahr vor Krankheiten und Unheil jeder Art bewahrt. Der Inhalt der Scheinfrucht verwenden Kinder gerne als Juckpulver.

Einige erinnern sich sicher an Erlebnisse in Kindertagen: Die herzliche Umarmung nutzte so mancher Freund, um einem hinterrücks einige Hagebuttensamen unters Hemd zu befördern. Wenn das Jucken begann, freuten sich alle Umstehenden diebisch.



Genuss ohne Reue

Jenseits aller medizinischen Anwendungen schätzen viele Menschen die Hagebutte als Lebensmittel, zum Beispiel als wohlschmeckende Marmelade. Hierzu werden frisch gesammelte Hagebutten von Stielen und Blättern befreit, gewaschen und circa 30 Minuten gekocht, bis sie weich sind. Anschließend wird durch ein Sieb passiert, damit die Kernchen hängen bleiben. Das Mus nach Geschmack mit Honig süßen und gleich in heiß ausgespülte Gläser abfüllen. Das Mus hält sich im Kühlschrank circa zwei Wochen. Hagebutten-Mus enthält circa 80 mg Vitamin C auf 100 g. Dieser Wert liegt noch weit über dem üblicher Südfrüchte: Grapefruit enthält beispielsweise 40 mg, Orange 50 mg und Zitrone 53 mg. Daneben gibt es unzählige Rezepte zur Herstellung von Hagebuttenwein, -likör und -elixier. Bei Kindern und vielen Erwachsenen sehr beliebt ist der fruchtige Geschmack des Hagebuttentees. Das alles schmeckt nicht nur gut, sondern ist auch sehr gesund!



E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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