Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Aconitum napellus

Foto: Mies

Heilpflanze als Mordinstrument missbraucht

von Ernst-Albert Meyer

Die giftigste Pflanze Mitteleuropas ist der Blaue Eisenhut. Als klassische Giftpflanze hat er in der Vergangenheit vielen Menschen Leid und Tod gebracht. Zwar ist seine Zeit als »Mordwaffe« vorbei, doch unbeabsichtigte Vergiftungen kommen auch heute noch vor.

Der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) aus der Familie der Hahnenfußgewächse ist eine mehrjährige Staude, die eine Höhe von bis zu 150 Zentimetern erreicht. Die Pflanze bildet auffällige, in dichten endständigen Trauben stehende, dunkelblaue bis dunkelviolette Blüten. Wie bei allen Eisenhutpflanzen umschließen schön geformte Kelchblätter die Hüllblätter der Blüten. Weil das äußere Blütenblatt Ähnlichkeit mit einem Ritterhelm hat, entstand der Name Eisen- oder Sturmhut. 

Die Wildform ist eine geschützte Gebirgspflanze. In mehreren Zuchtformen hat der attraktive Eisenhut als Zierpflanze einen Platz in vielen Gärten gefunden. Er blüht von Juni bis August. 

Nach der griechischen Mythologie entstand diese Giftpflanze, als der Zeussohn Herakles den Wächter des Totenreiches, den dreiköpfigen Hund Zerberus, aus der Unterwelt auf die Erde hinauf brachte. Vom Tageslicht geblendet, geiferte das Ungeheuer giftigen Speichel. Dieser fiel zur Erde, und aus ihm wuchs der Eisenhut, dessen Gift alles Lebende ins Reich der Toten befördern kann. 

Geringe Mengen tödlich

Der Hauptwirkstoff, das Alkaloid Aconitin, kommt in allen Teilen der Pflanze vor. Mit 0,2 bis 3 Prozent ist der Gehalt in den Wurzelknollen am höchsten. Schon 1,5 bis 5Milligramm Aconitin töten einen Menschen. Bei den getrockneten Wurzelknollen liegt die letale Dosis bei 1 bis 2 Gramm. Für Tiere, besonders Pferde, genügen geringere Mengen. Aconitin zählt zu den am stärksten wirksamen biogenen Giften. Schon das intensive Berühren oder Pflücken des Blauen Eisenhutes mit bloßen Händen kann gefährlich sein, denn das Alkaloid wird auch durch die unverletzte Haut resorbiert. Hobbygärtner mit Kindern sollten diese Giftpflanze besser nicht im Garten anbauen. 

Gelangt das Aconitin mit Pflanzenteilen in Mund und Magen, treten schon bald die ersten Vergiftungssymptome auf: Kribbeln und Ameisenlaufen (Paraesthesien) in Händen und Füßen, Lähmungen im Gesicht und ein unerträgliches Kältegefühl im gesamten Körper. Darauf folgen Gefühllosigkeit und Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen, erschwerte Atmung, Schwindel, Ohrensausen, Erbrechen und Durchfall. Je nach Giftmenge tritt der Tod innerhalb von 30 Minuten bis 3 Stunden durch Atemlähmung oder Herzversagen ein. Besonders quälend sind die sehr starken Schmerzen bis zum Tod, während das Bewusstsein bis zuletzt erhalten bleibt. 

Wissenschaftler haben den toxikologischen Effekt von Aconitin aufgeklärt: Nerven- und Herzzellen besitzen spezielle Rezeptoren für das Alkaloid. Reagiert das Aconitin mit diesen Rezeptoren, werden die Nervenmembranen durchlässiger für Natrium-Ionen. Dadurch strömt mehr Natrium während des Aktionspotentials in die Nervenzelle ein und verlängert deren Erregungsphase. Aconitin wirkt somit zuerst stimulierend, später aber lähmend auf sensible und motorische Nervenendigungen sowie auf das Zentralnervensystem. Die Kontraktionskraft des Herzens erhöht sich zunächst durch den Natrium-Calcium-Austausch (positiv inotrope Wirkung), doch bald danach treten Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) auf.

Ära der Giftmischer

»Schwerer ist es, Gift zu erkennen als einen Feind!« Dieser Ausspruch des römischen Rhetoriklehrers Quintilianus (um 80 n. Chr.) verdeutlicht, dass es im antiken Rom üblich war, missliebige Personen mit bestimmten Giften zu beseitigen. Schon der berühmte Dichter Ovid (43 vor bis 18 n. Chr.) beschrieb den Eisenhut als das Gift, das die »schrecklichen Stiefmütter mischen«. Der römische Satiriker Juvenal (um 60 bis 127 n. Chr.) wies auf die bevorzugte Verwendung des Aconits in der römischen Oberschicht hin: »Aconita trinkt man nicht aus irdenen Krügen. Denn nur fürchte sie, wer einen edelsteinbesetzten Becher zum Munde führt.« Römische Giftmörder benutzten die getrockneten und gepulverten Eisenhutwurzelknollen oder einen flüssigen Wurzelextrakt. Um keinen Argwohn zu erregen, tränkten sie Handschuhe oder Hemden ihres Opfers mit dem Extrakt oder streuten das Pulver auf dessen Kopfkissen. 

Auch im alten Griechenland gehörten Giftmorde zum Alltag, und der Handel mit Giften blühte trotz Androhung schwerster Strafen. So wurde bereits der Besitz desBlauen Eisenhuts mit dem Tode bestraft. Trotzdem lebten viele Giftmischer, meist waren es Frauen, in der Antike gut und unangefochten, weil einflussreiche Personen ihre Dienste häufig brauchten und die Gerichte Giftmorde nur selten aufklärten.

Hexenflug und Werwolf

Trotz seiner Giftigkeit und der damit verbundenen Gefahr verarbeiteten Kräuterfrauen den Eisenhut im Mittelalter auch in Hexensalben. Gebräuchliche Bestandteile dieser Zubereitungen, die unter anderem Flugfähigkeit verleihen sollten, waren auch Nachtschattengewächse wie Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut und Alraune. Rieben sich die Frauen mit der Salbe ein, wirkten die in den Pflanzen enthaltenen Alkaloide auf das Zentralnervensystem, verursachten angenehme Halluzinationen und versetzten sie in eine Welt aus Teufelskult, Hexenflug und Gestaltwandel. 

Für die im Rausch erlebte Verwandlung in eine Katze, einen Hund oder den gefürchteten Werwolf, der dem Aberglauben nach den Bauern das Vieh riss, macht die Wissenschaft heute das Aconitin verantwortlich: Es erregt zuerst die sensiblen Nervenenden in der Haut, anschließend lähmt es sie. Dieser Effekt kann ein Gefühl entstehen lassen, als wüchse am ganzen Körper ein Fell. Um den Missbrauch zu verhindern, gab es für den legalen Gifthandel im Mittelalter strenge Bestimmungen. Sie waren Bestandteil von Apothekereiden und Medizinalordnungen. 

Der Prager Giftversuch

Die ständige Gefahr eines Giftanschlags ließ vor allem die Herrschenden und Privilegierten frühzeitig nach Abwehrmaßnahmen gegen Gifte suchen. Besonders hoch im Kurs standen die Antidota, für die sie horrende Summen zahlten. Nach Vergiftungen eingenommen sollten die Gegengifte die Giftwirkung neutralisieren. Auf diese Weise hofften die potenziellen Opfer, den Giftanschlag zu überleben. 

Die wissenschaftliche Untersuchung bestimmter Antidota aus vergangenen Zeiten ergab jedoch, dass die meisten Mittel, trotz der hohen Preise, pharmakologisch unwirksam waren. Dies belegt auch der Prager Giftversuch, über den der berühmte Arzt und Botaniker Pietro Andrea Mattioli (1501 bis 1577) in seinem »Kreuterbuch« berichtete. Als Leibarzt Kaiser Ferdinands I. nahm er 1561 an einem makabren Experiment in Prag teil: Der Kaiser hatte ein »berühmt pulver wider allerley gifft« erworben, dessen Wirksamkeit er testen wollte. 

Als Versuchsperson wählte er einen zum Tode verurteilten Dieb aus. Diesem Mann versprach er, falls er überlebe, die Freiheit. In Anwesenheit des Kaisers, »Doctorn und anderer Namhafftiger Leute« musste der Dieb die Wurzeln, Blüten und Blätter des Blauen Eisenhuts verzehren und dann das Antidot des Kaisers ausprobieren. Nach zwei Stunden klagte der Dieb über Müdigkeit und Herzschmerzen. Als ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat und der Puls schwächer wurde, gab man ihm das in Wein gelöste Gegengift zu trinken. Aber es half nicht! »Da ers getruncken hat/verwandt er die Augen scheußlich/sperrete und zerrete dz maul/krümmet den halß….und machte sich unrein. Darnach legt man jhn auff stroh/da klagt er/wie jhn Schauder oder Kälte anstiesse/nach dem brach er sich /und speyete viel stinckenden wust und gewässer auß von Farben gelb und bleich schwartz…. starb also sanft ohn alle andere Zufälle und Bewegnuß/gleicherweise als entschlieff er. Das Antlitz wurde jhm bleichschwartz.«

Kriegs- und Jagdwaffe

Auch Krieger und Jäger verwendeten den Blauen Eisenhut. Schon im Altertum benutzten Griechen und Inder mit Eisenhut-Extrakt vergiftete Pfeile. Diese waren im 16. Jahrhundert auch bei den Mauren üblich, die den Eisenhut als »Schießkraut« bezeichneten. Die Überlieferung erzählt vom Tod des byzantinischen Kaisers Johannes II. Komnenos im Jahr 1143 nach einem Jagdunfall. Im Kampf mit einem Eber zerbrach sein Köcher, und ein mit Aconit vergifteter Pfeil verletzte den Kaiser leicht an der Hand. Da der Kaiser »die Hand sich nicht abnehmen lassen wollte, starb er an der Vergiftung«. 

Anfang des 17. Jahrhunderts benutzten Soldaten im Nahkampf »Hand-Feuerkugeln«, die den Gegner durch die Entwicklung giftiger Dämpfe schädigen sollten. Die Bestandteile Grünspan, Arsentrisulfid und Antimon mischten sie mit Eisenhut- und Bilsenkrautblättern und -samen. Daraus formten sie mit Petroleum oder Leinöl eine Kugel. Diese Kugeln brannten sie an und schleuderten sie dem anrückenden Feind entgegen.

Aconitum als Homöopathikum

Mit dem Blauen Eisenhut behandelte die Naturmedizin zum Beispiel Nervenschmerzen, rheumatische Erkrankungen, Entzündungen des Herzbeutels und Rippenfellerkrankungen. Albertus Magnus setzte ihn gegen Lepra ein, Paracelsus benutzte ihn als Abführmittel. Die Erfahrung hat gezeigt, dass erwünschte Wirkung und toxische Nebenwirkung eng beieinander liegen und der schwankende Wirkstoffgehalt der Pflanzen oft über Leben und Tod des Patienten entschied. Dieses Wirkprofil bezeichnet der Pharmakologe als geringe therapeutische Breite. Aus diesem Grund rät die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts von seiner Anwendung ab. Deshalb verordnen heute Ärzte Aconitin in der Schulmedizin nicht mehr. 

Dafür ist der Eisenhut in der Homöopathie als Aconitum sehr beliebt. Sein Einsatzgebiet leitet sich nach der Lehre von Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) von seinem Arzneimittelbild ab. Er wird in homöopathischer Verdünnung gegen Symptome eingesetzt, die die Pflanze am gesunden Menschen hervorruft. Aconitum gilt damit als bewährtes Mittel bei allen plötzlich und heftig einsetzenden Erkrankungen im Organismus wie Entzündungen, Herzschwäche, Koliken, Neuralgien und Migräne, aber auch bei Schock, Angst- und Panikzuständen. Das bekannteste homöopathische Einsatzgebiet für Aconitum im Wechsel mit Belladonna ist die Behandlung von Erkältungskrankheiten mit Fieber und Schweißausbrüchen. Außerdem ist Aconitum Bestandteil einer Vielzahl homöopathischer Komplexmittel gegen Erkältungskrankheiten, zum Beispiel Meditonsin®, Influvit®, Nisylen®, Contramutan® oder Metavirulent®, die PTA oder Apotheker dem erkälteten Apothekenkunden gut empfehlen können.

Zur äußerlichen Anwendung vorgesehen ist das Aconit Schmerzöl® von Wala, das bei Nervenschmerzen (Neuralgien), Nervenentzündungen (Neuritiden), Gürtelrose und rheumatischen Gelenkschmerzen hilft. Zubereitungen aus dem Blauen Eisenhut sind bis zur Potenz D3 verschreibungspflichtig.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=686