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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Teufelskralle

Foto: Sertürner

Teuflisch gut bei Rheuma

von Ulrich Meyer, Berlin

Schmerzen machen mürbe. Das wissen Menschen mit chronischem Rheuma. Sie sind deshalb dankbar für jede Empfehlung, die ihre Schmerzen erträglicher macht. Neben zahlreichen Salben gibt es nur wenige Medikamente für die perorale Applikation, die für die Selbstmedikation verfügbar sind. Ein perorales Arzneimittel hat seinen Ursprung in Südafrika: Die Teufelskralle erweitert die Möglichkeiten  der Rheumaberatung in der Apotheke.

"Kann ich die Creme nicht mal ohne Rezept bekommen?" Wohl bei kaum einem anderen topisch anzuwendenden Arzneistoff wurde diese Frage in der Apotheke so häufig gestellt wie bei Diclofenac-haltigen Zubereitungen. Ab dem 1. Januar 1999 lässt sich dieser Kundenwunsch erfüllen: Diclofenac-Cremes sind bis zu einem Wirkstoffgehalt von fünf Prozent aus der Verschreibungspflicht entlassen worden.

Mit Diclofenac hat sich das Spektrum der rezeptfreien topischen Antirheumatika erneut vergrößert. Andere wichtige Wirkstoffe, bei denen seit 1994 eine Entlassung aus der Verschreibungspflicht, erfolgte, sind Piroxicam, Etofenamat, Dimethylsulfoxid, Felbinac, Flufenaminsäure und Indometacin. Indessen unterliegen die genannten Wirkstoffe zur peroralen Anwendung nach wie vor der Rezeptpflicht, da sie bei dieser Applikation mit wesentlich größeren Risiken behaftet sind. So können sie zum Beispiel gastrointestinale Beschwerden bis hin zu Blutungen auslösen. Mit einer Freigabe für die Selbstmedikation ist deshalb in den nächsten Jahren sicher nicht zu rechnen.

Heilpflanzen gegen Rheuma sind noch wenig populär

Für diese therapeutische Lücke bieten sich Phytopharmaka an, zumal auch Patienten mit rheumatischen Erkrankungen häufig ein pflanzliches Präparat einnehmen möchten. Auffallenderweise kennt fast niemand die in Frage kommenden Arzneipflanzen. Während die Kunden in der Apotheke bei Schlafstörungen direkt nach Baldrian, bei depressiven Verstimmungen gleich nach Johanniskraut verlangen, äußern sie bei den Antirheumatika lediglich den diffusen Wunsch nach "etwas Pflanzlichem". Hier können Apotheker und PTA aktiv beraten und guten Gewissens ein Phytopharmakon empfehlen.

Arzneipflanzen für die Rheumatherapie sind: Weidenrinde, Brennnessel, Birkenblätter, Guajakholz sowie eine Kombination aus Pappelrinde und -blättern, Goldrutenkraut und Eschenrinde. Besonderes Interesse hat in den vergangenen Jahren die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) erregt.

Die Entdeckung dieser Pflanze für den europäischen Markt ist ein spätes Resultat der deutschen Kolonialzeit in Südwestafrika, heute Namibia. Um 1904 wurde der ehemalige Soldat und spätere Farmer G. H. Mehnert von Eingeborenen auf die eigentümliche Pflanze aufmerksam gemacht, die ihren Namen den charakteristischen, stark verholzten Früchten verdankt. Diese bilden lange verzweigte Arme mit ankerähnlichen, sehr scharfen Widerhaken aus. Der wissenschaftliche Gattungsname Harpagophytum spielt auf ihr Aussehen an (harpago = lateinisch Enterhaken, phytos = griechisch Pflanze). Der deutsche Name Teufelskralle weist auf die bösartigen und schlecht heilenden Verletzungen hin, die Weidetiere beim versehentlichen Hineintreten in die Früchte erlitten. 

Arzneilich genutzt wurden von den Eingeborenen jedoch nicht die Früchte, sondern die dicklichen, walzen- bis spindelförmigen Speicherknollen, die die Teufelskralle bis zu zwei Meter tief in der Erde ausbildet und die frisch geerntet bis zu 500 Gramm wiegen. Die Knollen enthalten große Mengen an Kohlenhydraten und viel Wasser, so dass die Pflanze auch längere Trockenzeiten in der Savanne relativ gut überstehen kann. Pharmakologische Relevanz besitzen in erster Linie die stark bitter schmeckenden Secoiridoide wie Harpagosid.

Teufelskralle zur Dauertherapie geeignet

Die Eingeborenen Südwestafrikas setzten die Teufelskralle bei einer Vielzahl von Beschwerden ein, ohne dass eine klare Hauptindikation erkennbar wäre. Diese kristallisierte sich erst in den letzten Jahren heraus, als mit hochwertigen, botanisch und phytochemisch exakt definierten Extrakten moderne klinische Studien durchgeführt werden konnten. Hier zeigte sich bei chronisch-rheumatischen Erkrankungen eine gute schmerzstillende und entzündungshemmende sowie die Beweglichkeit verbessernde Wirkung der Teufelskralle. Sie kann gegen Schmerzen in den kleinen und großen Gelenken, aber auch Beschwerden im Schulter- und Rückenbereich eingesetzt werden. Die Domäne der Teufelskralle ist nicht die Behandlung akut aufflackernder Schmerzzustände, vielmehr verbessert sie chronische Leiden, wobei die gute Verträglichkeit eine Dauertherapie über viele Monate ermöglicht. Lediglich leichte Verdauungsbeschwerden, die keinesfalls mit denen der verschreibungspflichtigen Antirheumatika verglichen werden können, treten gelegentlich auf.

Mit der Empfehlung, ein Präparat mit Teufelskralle einzunehmen, können Apotheker oder PTA in ganz anderer Weise "einhaken": Sind doch die Kunden, die an rheumatischen Beschwerden leiden, durch häufige Käufe von Topika oder das Einlösen von Rezepten in der Apotheke meist bestens bekannt. Für die Empfehlung eignen sich hochdosierte Kapsel-Präparate; die Tagesdosis sollte mindestens 4,5 bis 6 Gramm Droge entsprechen. Der früher oft eingesetzte Teufelskralle-Tee ist wegen seines stark bitteren Geschmacks nicht jedermanns Sache, was die Compliance bei der notwendigen Dauertherapie gefährdet. Zudem regt der Tee Magensäuresekretion und Appetit an, so dass es zu unerwünschten hyperaciden Magenbeschwerden und Gewichtssteigerungen kommen kann. Beides lässt sich durch die Einnahme von Kapseln weitestgehend vermeiden.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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