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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Holunder

Foto: Mies

Götterbaum der Germanen

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Schon die Ärzte der Antike schätzten die heilenden Kräfte des Schwarzen Holunders. Germanen und Kelten sahen in dem Strauch den Sitz der beschützenden Göttin Holda. Viele Jahrhunderte versorgte er die ländliche Bevölkerung als Teil ihrer "Naturapotheke" und war als "Hausbaum" beliebt. Bis heute bereichern seine Blüten und Beeren die europäische Küche.

Der Schwarze Holunder findet in ganz Europa meist an Wald-, Feld- und Wegrändern nährstoffreiche Böden für sein üppiges Wachstum. Der griechische Arzt Hippokrates (um 460 bis 370 v. Chr.) beschrieb den Schwarzen Holunder als abführendes, Wasser treibendes und gynäkologisches Mittel. Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) verwendete die Wurzel gegen Wassersucht und die frischen Blätter als Auflage bei Furunkeln. Auch die Heilkundler des Mittelalters befassten sich eingehend mit der Pflanze. Der Frankfurter Arzt und Verfasser eines umfangreichen Kräuterbuches Adamus Lonicerus (1528 bis 1586) empfahl Holunder als entwässerndes, Fieber senkendes und Blut reinigendes Mittel, das auch äußerlich bei Augenleiden und zitternden Händen angewendet werden könne. Der Humanist und Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762 bis 1836) verordnete seinen Patienten bei Atemwegserkrankungen Dampfbäder und Gurgelwasser aus Holunder. Im Laufe der Zeit setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Blüten die Sekretion der Schweißdrüsen fördern, während die Beeren die Nierenfunktion anregen und die Wurzel sowie die Rinde abführen.

Die Volksmedizin verwendet fast alle Pflanzenteile des Holunders: Blätter, Blüten, Rinde und Früchte. Der Teeaufguss aus den Blüten ist auch als "Fliedertee" bekannt, da der Holunderstrauch früher auch als "Fliederbusch" bezeichnet wurde. So nennt der Volksmund die Früchte des Holunderstrauchs "Fliederbeeren", aus denen Norddeutsche die schmackhafte "Fliedersuppe" bereiten.

Neben der medizinischen Anwendung setzten die Menschen den Schwarzen Holunder früher auch zum Färben von Stoffen und Leder ein. Je nach Stärke der zugesetzten Säure ergab der Saft der schwarzen Beeren rote, blaue oder schwarze Farbtöne. Schon die wohlhabenden Römerinnen färbten sich die Haare mit dem Saft der Beeren, der auch pflegt und festigt. Die Rinde färbt tiefschwarz, die Blätter moosgrün. Früher höhlten Jungen die Zweige des Holunders aus, um daraus Blasrohre oder Flöten zu schnitzen. Die Vielzahl der Verwendungsmöglichkeiten aller Pflanzenteile machte den Holunder zu einem beliebten Hausbaum.

Göttin Holda und Frau Holle

Auch in der Mythen- und Sagenwelt früherer Zeiten spielte der Schwarze Holunder eine große Rolle. Er sollte Zauberei und Hexen abwehren und vor Feuer und Blitzschlag schützen. Deshalb pflanzten ihn abergläubische Menschen gern in der Nähe von Gehöften und Scheunen an. Diese "sagenhaften" Kräfte des Strauches gehen auf die Mythologie der Germanen zurück. Der "Holderbusch" galt als Sitz der Göttin Holda oder Holla, die Pflanzen und Menschen beschützte. Unter einem Holunder brachten die Germanen deshalb zu Ehren ihrer Hauptgöttin Opfer dar.

Im 19. Jahrhundert ließen die Gebrüder Grimm in ihrem Märchen "Frau Holle" die alte Kultfigur der Germanen wieder lebendig werden. Frau Holle verwandelt im Märchen die kleinen weißen Holunderblüten in Federn und schüttelt sie als Schnee auf die Erde. In der Zeit, in der die Menschen an die Göttin Holda glaubten, war es streng verboten, einen Holunderbusch zu fällen oder zu beschädigen, andernfalls werde der Frevler unweigerlich von einer Krankheit heimgesucht. Noch aus dem 18. Jahrhundert wird berichtet, dass die Menschen die Göttin um Verzeihung baten, wenn sie einen Holunderbusch fällten.

Schwarze Beeren, weißes Mark

Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra L.) gehört zur Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Die Herkunft des Gattungsnamen "Sambucus" ist unklar, "nigra" bedeutet schwarz und bezieht sich auf die schwarzen Früchte. Im Volksmund heißt er auch Elderbaum, Fliederbusch, Holder, Holler, Husholder, Keilken oder Schwarzholder.

In den Monaten Mai bis Juli fällt der Holunder besonders auf, wenn er seine gelblichweißen schirmförmigen Blütenstände ausgebreitet hat. Die großen, dichtblütigen Trugdolden verströmen einen intensiven Duft. Im Herbst leuchten die saftreichen Beeren schwarz glänzend und locken nicht nur Vögel, sondern auch Beerensammler an. Im Hochsommer bleibt der bis zu sieben Meter hohe Strauch oder kleine Baum meist unbeachtet. Die bogig überhängenden Zweige haben eine anfangs grüne, später graue mit warzigen Lentizellen durchsetzte Rinde. Die unpaarig gefiederten, dicht gesägten Blätter wachsen gegenständig und haben eine mattgrüne Oberseite und eine hellere blaugrüne Unterseite. An einem abgebrochenen Zweig ist der Strauch gut zu erkennen: Das Innere besteht aus einem weißen, weichen Mark.

Das Verbreitungsgebiet des Schwarzen Holunders erstreckt sich von Mittel- und Südeuropa über die Balkanländer nach Zentralasien und Nordafrika. Die Hauptlieferanten für das Drogenmaterial, überwiegend die Blüten, sind die osteuropäischen Länder und Russland, wo der Strauch auch kultiviert wird. Zur Ernte werden die ganzen, voll aufgeblühten Trugdolden abgeschnitten, gebündelt oder auf Darren ausgebreitet und rasch bei etwa 30 °C getrocknet. Sobald sich die trockenen Blüten bei gelindem Reiben von den Stielen lösen, werden sie durch ein Drahtsieb gerieben und dadurch von den Blütenstielen getrennt. Sie kommen als gerebelte Droge unter der Bezeichnung "Sambuci flos" (Holunderblüten) in den Handel. Die Kommission E hat die Holunderblüten positiv bewertet und ihr Wirkungsprofil in der Monographie unter "Sambuci flos" beschrieben. Auch das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur.) widmet deshalb seit 1998 den Blüten eine eigene Monographie "Holunderblüten/Sambuci flos". Inhaltlich entspricht sie, mit Ausnahme des Abschnittes "Prüfung auf Reinheit", der bisherigen Monographie des DAB.

Holunderblüten enthalten bis zu 3 Prozent Flavonoide mit Rutin und Isoquercitrin als Hauptkomponenten. Für die gleich bleibende Qualität fordert das Arzneibuch mindestens einen Gehalt von 0,8 Prozent Flavonoiden, berechnet als Isoquercitrin. Bemerkenswert ist der bis zu 9 Prozent recht hohe Gehalt an Kaliumsalzen. Neben ätherischen Ölen, Gerbstoffen und Kaffeesäurederivaten sind die Schleimstoffe ebenfalls wirksamkeitsbestimmend. Nachzuweisen sind auch Spuren eines cyanogenen Glykosides, des Sambunigrins.

Beeren nur gekocht essen

Das Sambunigrin ist vor allem in den unreifen Beeren enthalten. Der Genuss unreifer und roher Früchte kann starke Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösen. Deshalb sollten Holunderbeeren nur vollreif, also schwarz, und gekocht den Speiseplan bereichern.

Für Patienten, die eine fieberhafte Erkältungskrankheit mit einem pflanzlichen Arzneimittel lindern möchten, eignen sich Holunderblüten als Tee, Dragees oder Tropfen, ebenfalls in Kombination mit Lindenblüten. Auch die Kommission E empfiehlt Holunderblüten als Teeaufguss bei Erkältungskrankheiten. Heiß getrunken wirken Teezubereitungen der Blüten Schweiß treibend (diaphoretisch) und Schleim lösend (sekretolytisch). Welche Inhaltsstoffe für die Schweiß treibende Wirkung verantwortlich sind, ist nicht geklärt. Untersuchungen erbrachten widersprüchliche Ergebnisse. Die Droge soll die Erregbarkeit der Schweißdrüsen für Wärmereize steigern. Andere Autoren führen die diaphoretische Wirkung lediglich auf die Einnahme der großen Menge heißer Flüssigkeit zurück. Als Geschmackskorrigens werden Holunderblüten auch verschiedenen Tees zugemischt. Die sekretolytischen Eigenschaften konnten dagegen eindeutig in Studien an narkotisierten Kaninchen nachgewiesen werden. So enthält zum Beispiel das Fertigarzneimittel Sinupret® neben anderen Heilpflanzen Holunderblüten, die zur Verflüssigung des Nasenschleims beitragen und so das Abfließen erleichtern.

Da weder Nebenwirkungen noch Gegenanzeigen oder Wechselwirkungen bekannt sind, können Patienten Holunderblüten auch zur unterstützenden Therapie zusammen mit anderen Arzneimitteln einnehmen. Der Tee wird aus etwa zwei Teelöffeln (3 bis 4 Gramm) Holunderblüten und circa 150 ml siedendem Wasser bereitet und nach fünf Minuten abgeseiht. Patienten sollten mehrmals täglich, besonders in der zweiten Tageshälfte, ein bis zwei Tassen frisch zubereiteten möglichst heißen Tees trinken.

Auch Homöopathen schätzen Schwarzen Holunder. Das Homöopathikum Sambucus nigra (HAB 2000) wird zu gleichen Teilen aus frischen Blüten und Blättern bereitet. Es wird auch als Schnupfenmittel für Säuglinge und Kleinkinder angewendet. Anfälligen und schwächlichen Kindern hilft es zur Aktivierung der körpereigenen Abwehrkräfte. Manche Homöopathen verschreiben Sambucus nigra zur Linderung von Schweißausbrüchen während des Klimakteriums.

Küchle, Saft und Marmelade

Der Schwarze Holunder ist nicht nur als Heilpflanze beliebt. Im Frühsommer bereichern seine Blüten, im Herbst die Beeren die heimische Küche. Aus in Bierteig getunkten Blütendolden lassen sich köstliche Holunderküchle backen. Ein besonders erfrischendes Getränk ist der aus den Blüten hergestellte Holundersirup, der mit eiskaltem Wasser oder Mineralwasser verdünnt getrunken wird (Rezept siehe Kasten). Die vitaminreichen reifen Beeren lassen sich zu Saft, Gelee oder Marmelade verarbeiten und ergänzen einen gesunden Speiseplan. Holundersaft eignet sich wegen seines hohen Gehaltes an Vitamin C besonders zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen.

Schließlich dienen Blüten und Blätter auch zum Aromatisieren zahlreicher Lebensmittelprodukte einschließlich alkoholischer Getränke wie Wermut und Magenbitter. Einer der bekanntesten ist sicher der italienische Sambuca.



Rezept für Holunderblütensirup

Zutaten:
20 Holunderblütendolden, 2 unbehandelte Zitronen, 1,5 kg Zucker, 50 g Zitronensäure, 1,5 l Wasser

 

Zubereitung:
1. Holunderblüten unter fließend kaltem Wasser sorgfältig waschen und abtropfen lassen. Den dicken Stängel abschneiden. Die Zitronen in Scheiben schneiden und in ein Steingutgefäß geben. Blüten, Zucker und Zitronensäure zufügen. Wasser zum Kochen bringen und verrühren. Zugedeckt an einem kühlen Ort drei Tage ziehen lassen.

 

2. Alles absieben, erhitzen, in vorbereitete Flaschen füllen und sofort verschließen.

 

aus: "Holunderzauber - Ein Kochbuch & mehr", von Andrea Oppermann



E-Mail der Verfasserin:
Schulte-Loebbert@t-online.de



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