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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Johanniskraut

Foto: Klosterfrau

Sonnenschein für die Seele

von Monika Schulte-Löbbert, Neuss

Bereits die Römer setzten Johanniskraut als Heilpflanze ein. Bis vor wenigen Jahren geriet es sowohl in der Medizin als auch in der Bevölkerung in Vergessenheit. Derzeit erlebt das anspruchslose Kraut eine erstaunliche Renaissance: Es ist zum Star unter den pflanzlichen Antidepressiva geworden.

Die heilende Wirkung des Johanniskrautes ist bereits seit mehr als 2000 Jahren bekannt. Die Römer nutzten es vor allem zur Wundheilung und bei Verbrennungen. Im Mittelalter kamen zahlreiche Indikationen hinzu, die jedoch mehr durch Aberglauben geprägt waren: Zur Abwehr böser Geister war es beispielsweise Brauch während der Sonnenwendfeier Johanniskrautkränze zu tragen und diese nach dem Tanzen über das Haus oder ins Feuer zu werfen. Ein um Johanni, den 24. Juni, gepflückter Strauß wurde am Fensterkreuz befestigt, um das Haus und seine Bewohner vor Blitzschlag zu schützen.

Tee half psychisch kranker Frau

Die stimmungsaufhellende Wirkung dieser vielseitigen Pflanze wurde erstmals im frühen 19. Jahrhundert beschrieben. Der schwäbische Oberamtsarzt Julius Kerner berichtete von der Heilung einer psychisch Kranken mit Johanniskraut-Tee. Aber mit dem Siegeszug der chemischen Antidepressiva zur Mitte des 20. Jahrhunderts geriet das Johanniskraut wieder in Vergessenheit. Erst gegen Ende der 80er-Jahre nahm die Bedeutung rasant zu.

Das Johanniskraut, mit botanischem Namen Hypericum perforatum, gehört zur Familie der Hartheugewächse, der Hypericaceen. Es ist in Europa und dem westlichen Asien weit verbreitet. Die anspruchslose Staude wird etwa 60 cm hoch und liebt sonnige Standorte.

Die Hauptblütezeit zum Johannistag im Juni hat sicher zur Namensgebung beigetragen. Die traubig stehenden Blüten mit ihren 50 bis 60 Staubblättern leuchten intensiv gelb. Charakteristisch sind die drüsig punktierten Laubblätter, deren Punkte vor allem im Gegenlicht gut zu erkennen sind. Dadurch wirken sie wie durchlöchert (lateinisch = perforatum). Diese hellen Stellen sind Sekretbehälter mit ätherischem Öl. Die Kelch- und Blütenblätter haben hingegen kleine dunkle Punkte, die das Hypericin, einen roten Farbstoff, enthalten. Sie ergeben beim Zerreiben das Johanniskrautöl, das wegen seiner roten Farbe auch volkstümlich Rotöl heißt (siehe Kasten). Die Monographie der Droge, Hyperici herba, steht neu im Europäischen Arzneibuch NT 2000. Verwendet werden die zur Blütezeit geernteten und dann getrockneten Zweigspitzen.



Hypericum für heile Haut

PTA-Forum  Dass Johanniskraut auch auf der Haut seine Wirkung tut, ist lange bekannt: Das Öl kommt traditionell bei schlecht heilenden, infizierten Wunden zum Einsatz - entweder unverdünnt oder als 2- bis 5-prozentiges Öl in Pasta Zinci. Sein Inhaltsstoff Hyperforin bekämpft Entzündungen und Bakterien. In-vitro-Versuche zeigten, dass hochgereinigtes Hyperforin vor allem multiresistente Staphylococcen-Arten hemmte. Diese Keime, besonders Staphylococcus aureus, machen Neurodermitikern das Leben schwer. Das Bakterium besiedelt bei über 90 Prozent der Patienten die Haut und verdrängt alle anderen Hautkeime. Während akuter Schübe mit infizierten Hautbereichen nimmt seine Keimzahl deutlich zu. Vermutlich unterhalten die Keime Hautentzündungen und verhindern das Abheilen der Haut. So lag es auf der Hand, die Bakterien mit einem Johanniskrautpräparat zu bekämpfen.

Seit Oktober 2002 sind eine Creme und eine Lotion auf dem Markt, die Johanniskrautextrakt enthalten (Bedan®). Beide sind O/W-Emulsionen. Neben der Pflege versuchen die Präparate die hohe Keimbesiedelung und damit die bakterielle Entzündung der Haut einzudämmen. Erste Studien mit allerdings kleinen Patientenzahlen und kurzer Beobachtungszeit zeigten, dass die Präparate im Vergleich zu Placebo den Hautzustand der Probanden signifikant besserten. Vor allem bei Therapie-resistenten leichten bis mittelschweren Fällen, bei denen die Keime das Ekzem unterhalten, könnte der Extrakt Linderung bringen. Möglicherweise wirkt der Extrakt auch immunsuppressiv und senkt die erhöhte Allergiebereitschaft der Haut. Übrigens: Die eingesetzten Johanniskrautextrakte sind frei von den kritischen Substanzen Hypericin und Quercitin; somit entfallen die Gefahren einer Photosensibilisierung und Kanzerogenität. 



Nur der Gesamtextrakt heilt

Obwohl das Johanniskraut und sein Extrakt in den letzten Jahren intensiv untersucht wurden, sind die Forscher noch nicht in der Lage, einem der vielen Inhaltsstoffe die Hauptindikation, die Behandlung leichter depressiver Verstimmungen, zuzuordnen. Nach wie vor ist die Wirkung vom Gesamtextrakt abhängig.

Zu der auffälligsten Substanzgruppe gehören die Hypericine, das Hypericin und Pseudohypericin, die dem Extrakt die rote Färbung verleihen. Sie wirken photodynamisch, das heißt sie erhöhen die Empfindlichkeit der Haut gegenüber dem Sonnenlicht. Die Haut nutzt die aufgenommene Lichtmenge besser, dieser Vorgang wird als Lichtutilisation bezeichnet. Ein Nachteil dieser Eigenschaft des Hypericins ist jedoch, dass vor allem hellhäutige Personen leichter Sonnenbrand bekommen. Auf diesen Zusammenhang sollten PTA und Apotheker die Patienten beim Kauf von Johanniskraut-Präparaten hinweisen.

Neben vielen anderen Inhaltsstoffen ist das Hyperforin in den Mittelpunkt der Forschung gerückt. Noch vor kurzem wurde ihm lediglich der antiseptische und wundheilungsfördernde Effekt des Johanniskrautöls zugeschrieben. Neueste Studien zeigen, dass die stärkste antidepressive Wirkung vom Hyperforin ausgeht. Es hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin aus dem synaptischen Spalt.

Ähnlich wirken auch die "klassischen Antidepressiva", die Trizyklika und die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Diese Tatsache erklärt die gleich gute Wirkung der Johanniskrautextrakte im Vergleich zu chemischen Antidepressiva bei leichter bis mittelschwerer Depression. Eine weitere Parallele zu den Trizyklika ist der um zwei bis drei Wochen verzögerte Wirkungseintritt von Johanniskraut-Präparaten. Die Erklärung: Erst allmählich verändern sich die Dichte und Funktionalität der Neurotransmitter-Rezeptoren.

Phyto-Sonne gegen Winterdepression

Etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung leidet an depressiven Verstimmungen, dies ergab eine aktuelle Emnid-Umfrage. Davon befinden sich nur 17 Prozent in ärztlicher Behandlung. Schwere Depressionen müssen immer von einem Arzt behandelt werden, aber es gibt eine Reihe von Fällen, in denen den Betroffenen in der Apotheke Johanniskraut-Präparate empfohlen werden können.
Patienten, die über Konzentrationsschwäche, eine pessimistische Lebenseinstellung, Schlafstörungen und nervöse Unruhe klagen, können diese Beschwerden mit Johanniskraut sicher und nebenwirkungsfrei behandeln. Besonders im Zusammenhang mit klimakterischen Beschwerden hat sich die Anwendung bewährt. Auch die in den letzten Jahren als Winterdepression beschriebene Antriebsschwäche während der dunklen Jahreszeit lässt sich mit Johanniskraut erfolgreich behandeln.

Das Feld der seelischen Störungen, gegen die Johanniskraut helfen kann, wird immer umfangreicher. So kann es beispielsweise in Zeiten der Trauer statt eines Tranquilizers nützlich sein. Auch beim Tinnitus kann Johanniskraut dazu beitragen, depressive Reaktionen zu verringern.

Bei der Empfehlung von Fertigpräparaten zur oralen Einnahme sollten die Richtlinien der Kommission E als Orientierung dienen: Danach werden als Tagesdosis 2 bis 4 Gramm Droge oder 500 bis 800 Milligramm eines standardisierten Extraktes genannt. Ein Präparat mit 300 mg Extrakt sollte der Patient demnach dreimal täglich einnehmen.

Wirkeintritt ist verzögert

Bei der Abgabe des Johanniskrauthaltigen Arzneimittels sollten die Kunden immer darüber informiert werden, dass die vollständige Wirkung erst nach zwei bis drei Wochen eintritt, damit sie die Therapie nicht vorzeitig abbrechen. Auch der Hinweis auf die Photosensibilisierung bei hellhäutigen Patienten ist wichtig.

Bei Kindern unter 12 Jahren, Schwangeren und Stillenden ist Johanniskraut kontraindiziert. Im Beratungsgespräch sollten PTA und Apotheker erwähnen, dass die gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut-Präparaten die Wirkung anderer Arzneimittel abschwächen kann. Dazu gehören das Immunsuppressivum Ciclosporin, das Virusstatikum Indinavir und die oralen Antikoagulantien vom Cumarin-Typ (Warfarin und Phenprocoumon).

Neben dem Einsatz als Antidepressivum gibt es auch noch die volksmedizinischen Verwendung von Johanniskraut bei Durchfällen, Gallenblasenerkrankungen, Gastritis sowie Rheuma, Gicht und Bronchitis. Diese Indikationen sind auf die entzündungshemmenden Flavonoide zurückzuführen. Zur äußerlichen Anwendung dient das rubinrote Johanniskrautöl, Hyperici oleum: Es fördert die Wundheilung bei leichten Verbrennungen, stumpfen Verletzungen und hilft bei Neuralgien.

Supermarkt-Präparate oft unterdosiert

Johanniskraut-Präparate sind in Deutschland nicht nur in Apotheken, sondern auch in Drogerien und Supermärkten erhältlich. Eine Pilotstudie am Biozentrum der Universität Frankfurt bestätigte die Vermutung, dass in den meisten nicht apothekenpflichtigen Präparaten der Johanniskraut-Extrakt unterdosiert ist. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, die Patienten in der Apotheke entsprechend zu beraten, damit eines der wichtigsten Phytopharmaka seinen Stellenwert in der Behandlung von Depressionen behält und die Forschung fortgesetzt werden kann.



Wer noch mehr über das Johanniskraut erfahren möchte, kann folgende Website ansteuern: www.neuroplant.de. Mehr zum Schmunzeln bietet die Universität Bochum unter www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2000msg00080.html.



Anschrift der Verfasserin:
Monika Schulte-Löbbert
Mozartstraße 1
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