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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Kapuzinerkresse

Foto: Repha

Kapuzinerkresse bekämpft Keime im Harn

von Ulrich Meyer, Berlin

Die Geschäftsfrau hatte ein enges Kostüm mit einem sehr kurzen Rock getragen - trotz der feucht-kalten Witterung. Einige Tage später betritt sie kurz vor Geschäftsschluss die Apotheke und klagt über Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen. Ja, die Symptome seien ihr bekannt, vor Jahren habe sie schon einmal eine Blasenentzündung gehabt. Nein, Fieber bestehe nicht, auch keine Schmerzen in der Nierengegend. Zum Arzt könne sie leider nicht gehen, denn sie müsse morgen früh eine Dienstreise antreten. Ob die PTA ihr ein wirksames Präparat empfehlen könne, das auch ohne Rezept erhältlich sei.

Vergleichbare Situationen kennen Sie sicher auch aus der Apotheke. Die Beratung läuft meist auf die Empfehlung eines Nieren- und Blasentees, eventuell auch auf ein Präparat mit einem hochdosierten Bärentraubenblätter-Extrakt hinaus. In einigen Offizinen gilt dagegen Tropaeolum majus als Geheimtipp gegen Blasenentzündung. Was ist von dem Einsatz der Kapuzinerkresse zu halten? Die meisten kennen die Zierpflanze wahrscheinlich nur aus dem Garten.

Der Kolibri liebt Kresse-Nektar

Die Kapuzinerkresse stammt aus den peruanischen Anden und wurde in der dortigen Volksmedizin zur Behandlung von infizierten Wunden eingesetzt - eine aus heutiger Sicht vernünftige Indikation. Im 16. Jahrhundert gelangte sie nach Europa, bereits im berühmten barocken Kräuterbuch des "Garten von Eichstätt" aus dem Jahre 1613 findet sich ein Portrait der "Indianischen Kresse". Man schätzte die dekorativen, schwefelgelben bis orangeroten Blüten, deren spitz ausgezogener farbiger Sporn an die Kopfbedeckung der Kapuziner-Mönche erinnert. Der botanische Name spielt auf den "Tropaeum" an. Dabei handelt es sich um einen mit Kriegsgerät behängten Baum, der bei den Römern als Siegeszeichen galt. Die kreisrunden Blätter der Kapuzinerkresse repräsentieren die Schutzschilde der Soldaten, die gespornten Blüten kann man als Helme deuten. Die Form der Blüten erleichtert übrigens ihren natürlichen "Besuchern" das Leben: In der südamerikanischen Heimat der Kresse tauchen Kolibris ihre langen Schnäbel in die Blüten und finden am Boden des Sporns Belohnung durch einen süßen und zugleich leicht scharfen Nektar.

Alternative zum Antibiotikum

Der deutsche Name Kapuzinerkresse gibt bereits einen ersten Hinweis auf das wirksame Prinzip. Tropaeolum enthält ähnlich der Gartenkresse, dem Meerrettich und anderen Brassicaceen ein Senföl-Glykosid, aus dem ein scharf schmeckendes und stechend riechendes Öl, das Benzylsenföl enzymatisch freigesetzt werden kann. Das Öl wird im Darm fast vollständig resorbiert, eine Schädigung der physiologischen Flora in tieferen Darmabschnitten ist nicht zu befürchten - im Unterschied zu vielen Antibiotika. Die Ausscheidung erfolgt zum Teil unverändert über die Lunge mit der Atemluft, der instabile Mercaptursäure-Metabolit des Benzylsenföles erscheint im Harn. In bakteriologischen Versuchen zeigte das Öl eine breite Wirksamkeit gegen grampositive und -negative Bakterien sowie gegen Candida-Pilze. Zu den Benzylsenföl-empfindlichen Keimen gehören auch die typischen Erreger von unkomplizierten Harnwegsinfekten wie Escherichia coli und Enterokokken.

Die therapeutische Breite des Benzylsenföls ist relativ hoch, Resistenzen beziehungsweise Kreuzresistenzen mit üblichen Antibiotika wurden bislang kaum beobachtet. Nebenwirkungen durch Tropaeolum treten selten auf. Bei sehr empfindlichen Personen kann es wegen des örtlich reizenden Effektes des Senföles zu leichten Magen-Darm-Beschwerden kommen, deshalb sollten Kapuzinerkresse-Präparate der besseren Verträglichkeit wegen nach dem Essen eingenommen werden. Eine Monografie der Kommission E wurde nicht erstellt, vorhanden ist lediglich eine Stoffcharakteristik der Kommission. Leider mangelt es derzeit noch an modernen Studien, die heutigen Anforderungen genügen.

Die pharmakologisch-experimentelle sowie klinische Erforschung der Kapuzinerkresse und des Benzylsenföls begann 1952 - ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, hatten doch gerade die klassischen Antibiotika ihren Siegeszug angetreten. So blieb die Pflanze trotz zahlreicher positiver Erfahrungsberichte ein Geheimtipp, der bislang nur wenigen Ärzten und Apotheken bekannt ist. Heute wird die Kapuzinerkresse meist in Kombination mit der ebenfalls Senföl-haltigen Meerrettichwurzel eingesetzt - eine durchaus plausible Rezeptur. 

Neben der Therapie von Harnwegsinfekten findet die Kombination auch bei Atemwegsinfektionen Verwendung. Äußerlich appliziert dient die Kapuzinerkresse in Präparaten der anthroposophischen Therapierichtung zur Akne-Behandlung.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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