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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Cranberry

Foto: Sertürner

Kleine Frucht mit großer Kraft

von Monika Schulte-Löbbert

Cranberry ist die amerikanische Verwandte der Preiselbeere. Bereits die Indianer schätzten ihre leuchtend roten Beeren als Nahrungs- und Heilmittel. Jetzt bereichern in Deutschland Cranberries zunehmend die Küche und dienen der Prophylaxe von Harnwegsinfekten.

Die Cranberry (Vaccinium macrocarpon) heißt auch Großfrüchtige Moosbeere. Ihre ursprüngliche Heimat sind die Hochmoore des östlichen Nordamerika. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Neufundland in Kanada entlang der Ostküste bis zu den US-Staaten North Carolina, Tennessee und Virginia. Wie die Preiselbeere gehört sie zur Familie der Heidekrautgewächse, der Ericaceae. Doch die amerikanische Cranberry und die heimische Preiselbeere unterscheiden sich erheblich in Wuchs, Wirkstoffprofil und im Geschmack voneinander. In Deutschland ist die Cranberry häufig unter dem falschen Namen »Kulturpreiselbeere« im Handel, schmeckt aber deutlich anders als Preiselbeeren. Dieroten Beeren sind in rohem Zustand herb und sehr sauer. 

Cranberries bevorzugen einen sehr sauren, feuchten und sandigen Boden. Die Pflanze wird höchstens 20 Zentimeter hoch und breitet sich strauchartig kriechend mit bis zu zwei Meter langen Sprossen am Boden aus. Die Nebenwurzeln dieser Triebe sind kurz und unverzweigt und bilden wie bei allen Ericaceen keine Wurzelhaare. Sie sind auf die Symbiose mit Mykorrhizapilzen angewiesen, die ihnen das Wachstum auf den extrem sauren Böden sichern. Im Mai entwickeln sich die kleinen, schmal-eiförmigen Blätter. Im späten Juni und frühen Juli öffnen sich die zarten rosa-weißen Blüten. Mit ihren zurück gebogenen Kronblättern und den lang herausstehenden Staubfäden ähneln sie dem Kopf eines Kranichs. Deshalb nannten die ersten europäischen Siedler, die sich 1620 an der Ostküste Nordamerikas niederließen, die Pflanze »Crane Berry« (Kranichbeere), was später zu Cranberry verkürzt wurde. Von dem Namen Kranichbeere leitet sich auch die niederdeutsche Bezeichnung Kraanbeere ab. 

Aus den Blüten entwickeln sich zuerst winzige grüne Knoten, die zu den leuchtend roten Cranberries heranwachsen. Ihre volle Reife erreichen die kirsch- bis olivengroßen Früchte zwischen September und Oktober. Die Beeren besitzen ein knackiges helles Fruchtfleisch mit vier großen Luftkammern, in denen sich die Samen befinden. Die Ernte beginnt während des »Indian Summers«, etwa Mitte September und dauert bis Anfang November. Erst nach drei Jahren tragen die jungen Sträucher ihre ersten Früchte, nach fünf Jahren bringen sie den vollen Ertrag.

Wundpflege- und Färbemittel

Die Cranberry hat in Amerika eine lange Tradition. Schon die Indianer schätzten die herben, tiefroten Beeren nicht nur wegen des Nährwertes, sondern auch wegen ihrer Heilkräfte. Die Medizinmänner behandelten Pfeilwunden mit Umschlägen aus Cranberry, um das Gift heraus zu ziehen. Mit Cranberry-Saft wuschen sie die Wunden aus. Die Beeren dienten den Indianern auch zum Färben von Kleidung, Decken, Federn und Haaren.

Die Kranbeere ist noch heute ein unverzichtbarer Bestandteil des Thanks-giving-Menüs der Amerikaner. Diese Tradition geht auf das erste Erntedankfest im Jahr 1621 der Pilgrim Fathers zurück. Nachdem die Siedler das erste entbehrungsreiche Jahr überlebt hatten, bereiteten sie zusammen mit den Indianern ein Festmahl aus Truthahn, Cranberries, Kürbis und Maisbrot zu.

Um ihre Mannschaft vor dem gefährlichen Skorbut zu schützen, nahmen die amerikanischen Seemänner auf ihre langen Seereisen zur Zeit der großen Windjammer Fässer voll Cranberries mit. Die Beeren enthalten reichlich Vitamin C und sind durch ihre Wachsschicht zudem noch lange haltbar. Im Jahr 1845 soll der Überlieferung zufolge ein solches Fass auf der Nordseeinsel Terschelling angespült worden sein. Der Finder des Fasses entleerte die ihm unbekannten Beeren achtlos in den Dünen, wo sie Wurzeln schlugen und verwilderten. Vielleicht ist die Cranberry auf diese Weise nach Europa gekommen, aber heimisch ist sie hier nicht geworden. Nur in einigen wenigen Moorgebieten hat sie sich eingebürgert. 

Rote Seen zur Erntezeit

Schon seit 1720 kultivieren die Amerikaner die Cranberry in ausgewählten Lagen. Zu den Hauptanbaugebieten zählen heute neben den Neuengland-Staaten, Wisconsin, Oregon und Washington die kanadischen Provinzen Quebec und British Columbia. Die meisten der weit über 100 verschiedenen Sorten sind Auslesen aus Wildvorkommen. Sie tragen oft den Namen des Farmers, der sie selektiert hat. Fürden Anbau am wichtigsten sind die Sorten Early Black, Howes, Mc Farlin und Searles oder Jumbo. Diese »großen Vier« unterscheiden sich in Form und Größe der Beeren, im Reifezeitpunkt und in der Lagerfähigkeit. Auch der Vitamin-C-Gehalt variiert zwischen 7,5 und 10,5 mg pro 100 g frische Früchte.

Geerntet wird trocken oder nass. Bei der Trockenernte setzen die Farmer kleine Erntemaschinen ein, die Mähdreschern ähneln und die Beeren direkt von den Stielen pflücken. Die Früchte fallen auf ein Förderband und werden in einem Behälter gesammelt. Sie gelangen als Frischfrüchte in den Handel.

Bei weitem spektakulärer ist die Nassernte. Etwa 95 Prozent der Cranberries werden nach dieser Methode geerntet. Die vier Luftkammern jeder Beere bewirken, dass sie schwimmt. Daher fluten die Farmer die Cranberry-Felder bis zu 45 Zentimeter hoch mit Wasser. Während der Erntezeit prägen rote Seen aus Millionen schwimmender Beeren die Landschaft im Norden der USA. Nach dem Fluten werden die abgelösten Beeren abgesaugt und über Fließbänder in Transportgefäße gefüllt. Nass geerntete Ware wird überwiegend zu Saucen und Saft verarbeitet. Die vier Luftkammern in der Beere haben noch einen weiteren Nutzen: Qualitativ hochwertige Beeren mit intakten Luftkammern hüpfen auf den vibrierenden Transportbändern, minderwertige oder beschädigte tun dies nicht. Nur solche Beeren bestehen den Frische- und Qualitätstest, die sieben Mal über 10 Zentimeter hohe Holzbarrieren springen. Diese werden so vor der Weiterverarbeitung aussortiert oder als ganze Früchte verkauft. Von Oktober bis Dezember werden sie auch auf deutschen Märkten angeboten.

Bakterien haften nicht mehr

Cranberries werden seit Generationen volksmedizinisch genutzt, besonders in Nordamerika. Ihr Saft soll vor Infektionen der Blase schützen und akute Entzündungen lindern. Die gleiche Wirkung bei Beschwerden der Harnwege wurde hierzulande traditionell der Preiselbeere zugesprochen. Inzwischen ist erwiesen, dass nur Cranberrys protektiv wirken. In zahlreichen Studien wurde der Wirkmechanismus untersucht und letztlich auch entschlüsselt. Wichtigster Erreger von Harnwegsinfekten ist das Bakterium Escherichia coli. Mit Hilfe von Fimbrien, fransenartigen Fortsätzen der Zelloberfläche, haken sich E. coli im Epithel der Harnwege fest und lösen die Entzündung aus. Eine unkomplizierte Harnwegsinfektion äußert sich typischerweise in ständigem Harndrang, Brennen beim Wasserlassen und Ziehen in der Blase. 

Neben reichlich Vitamin C und Mineralstoffen enthalten die Cranberries polyphenolische Verbindungen vom Typ der Proanthocyanidine. Bei diesen Substanzen handelt es sich um Oligomere des Catechins und Epicatechins, die wegen ihrer eiweißdenaturierenden Eigenschaften auch als kondensierte Gerbstoffe bezeichnet werden. Die Proanthocyanidine der Cranberry sind doppelt verknüpft zu sogenannten A-Typen, die erst selten isoliert wurden. Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass diese A-förmigen Cranberry-Proanthocyanidine für die Anti-Adhäsionswirkung verantwortlich sind: Sie verhindern das Andocken von Escherichia coli an den Schleimhäuten der Harnwege, indem sie die Fimbrien der Bakterien verkleben. Die Adhäsion der Bakterien gilt aber als Grundvoraussetzung für eine Infektion. Ist das nicht mehr möglich, werden die Bakterien beim Wasserlassen aus der Blase herausgespült.

Cranberry-Saft und -Extrakte eignen sich zur Vorbeugung und diätetischen Behandlung von akuten und rezidivierenden Harnwegsinfekten. Wer morgens und abends jeweils 150 ml Cranberry-Saft trinkt, baut damit einen »Rund-um-die-Uhr-Schutz« auf. Eine sinnvolle Empfehlung für Patienten mit häufigen Blasenbeschwerden sind die in der Apotheke erhältlichen Nahrungsergänzungsmittel mit einem hohen Anteil an Cranberry-Extrakt. Dazu zählen zum Beispiel Cystorenal® Cranberry plus Kürbiskern (300 mg Cranberry-Extrakt, vm36), Urovit® (standardisiert auf 36 mg Proanthocyanidine), Kani® Cranberry-Kapseln (200 mg Cranberry-Pulver) oder speziell für Frauen TUIM® urofemin (200 mg Cranberry-Extrakt). Regelmäßig eingenommen, unterstützen sie die gesunde Blasenfunktion und erhöhen die Widerstandskraft der Harnwege.

In einer Leitlinie der europäischen Gesellschaft für Urologie werden Cranberry-Produkte auch als eine Maßnahme zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten erwähnt. Vor einer Selbstmedikation sollte jedoch immer ein Arzt die Ursache des Harnwegsinfektes abklären.

Weitere Wirkungen erforscht

Die antibakterielle Wirkung von Cranberry-Extrakt ist nicht auf Escherichia coli beschränkt. Neuere Studien belegen eine Hemmung der Adhäsion von Helicobacter pylori an die Magenschleimhaut. Auch gegen Candida albicans und grampositive Stämme sowie Keime der Mundflora erwies sich Cranberry in vitro als wirksam. Diskutiert wird deshalb der Einsatz von Cranberry im Mundwasser und in Zahnpasten zur Kariesprophylaxe. Aufgrund des hohen Gehaltes an Antioxidantien könnten Cranberry-Produkte auch kardiovaskuläre, entzündliche und degenerative Erkrankungen positiv beeinflussen.

Die vielseitigen Beeren bereichern auch die Ernährung. Frische Cranberries lassen sich für Kuchen und Süßspeisen verwenden und zu Saucen verarbeiten, passend zu Wild- und Geflügelgerichten. Die getrockneten Früchte sind eine gesunde Alternative zu Rosinen und schmecken pur oder im Salat, Joghurt und Müsli. Mittlerweile führen gut sortierte Supermärkte die Trockenbeeren. In Nordamerika, England, Skandinavien und jetzt auch in Deutschland wird »Cranberry Classic« als erfrischendes Getränk mit der herb-süßen Note und als Zutat für Mixgetränke angeboten. Cranberry-Saft lässt sich heiß oder kalt genießen. Ein Cocktail, der mit Cranberry-Saft zubereitet wird, ist der aus den 1930er-Jahren bekannte »Cosmopolitain«. Rezepte und weitere Informationen über die Cranberry bietet das Internet unter www.cranberries.de.



Stellungnahme aus Frankreich

Ende Januar 2004 beurteilte die französische Lebensmittelbehörde, die Agence française de sécurité sanitaire des aliments (AFSSA), Studien zur Wirksamkeit von Saft und Saftkonzentraten aus Cranberry (Vaccinium macrocarpon). Anlass für die Stellungnahme der Behörde war ein Auftrag der Generaldirektion für Wettbewerb, Konsum und Betrugsbekämpfung. Diese hatte im November 2003 die AFSSA aufgefordert, folgende Aussage über Cranberrysaft und -saftpulver zu beurteilen: »...trägt bei zur Verminderung der Festsetzung verschiedener Escherichia-Coli-Bakterien auf den Schleimhäuten der Harnwege.«

Nach Prüfung der eingereichten Studienunterlagen kommt die AFSSA zu dem Ergebnis, dass diese Aussage sowohl auf Cranberry-Fruchtsaft als auch auf das Pulver zutrifft. Somit dürften die Hersteller in Frankreich ihre Produkte zu Recht mit dieser Aussage bewerben. Die Daten belegten, dass der Verzehr des Fruchtsafts oder Pulvers aus Vaccinium macrocarpon die Häufigkeit von chronischen Harnwegsinfekten, hervorgerufen durch pathogene Stämme von E. Coli-Bakterien, bei Frauen verringere, so die Behörde in einer schriftlichen Stellungnahme. In einer der zugrunde liegenden Studie nahmen Frauen zwischen 30 und 78 Jahren täglich Pulver ein, das 36 mg Proanthocyanidine enthielt. Auf diesen Wert ist zum Beispiel auch das in Deutschland verfügbare Nahrungsergänzungsmittel Urovit® Pulver und Kapseln standardisiert.



 

 

 

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