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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Latschenkiefer

Foto: Sertürner

Balsam für Leib und Seele

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Dort, wo kein anderer Nadelbaum mehr das raue Klima der Alpen erträgt, fühlt sich die Latschenkiefer wohl und leistet einen großen Beitrag zum natürlichen Lawinenschutz. Ihr wertvolles ätherisches Öl ist Bestandteil zahlreicher pharmazeutischer und auch kosmetischer Präparate.

Die immergrüne Latsche, auch Bergföhre oder Krummholzkiefer genannt, heißt botanisch Pinus mugo und gehört zur Familie der Piniengewächse (Pinaceae). Diese zählen zu den Nadelhölzern oder Koniferen (Coniferae = Zapfenträger), deren Blüten meist in typischen Zapfen angeordnet sind. Die kurzgestielten weiblichen Blüten der Latschenkiefer erscheinen zwischen Mai und Ende Juni bis Anfang Juli an den Zweigenden. Sie sind zunächst dunkelrot und entwickeln sich bis zur Samenreife zu braun glänzenden, ei- bis kegelförmigen, in Gruppen zu zwei oder drei stehenden oder leicht hängenden Zapfen. Die zahlreichen männlichen Blüten sind ockergelb und schraubig um die Blütenachse angeordnet.

Das wertvolle ätherische Öl lagert in den bis zu sechs Exkretgängen der beiderseits dunkelgrünen Nadeln. Diese sitzen immer paarweise an den Zweigen, sind bis etwa fünf Zentimeter lang und an der Basis von mehreren, dicht anliegenden Schuppen umgeben. Die Exkreträume des Latschen-Stammes enthalten Harzgemische, die als Terpentine bezeichnet werden. Die grau-braune Rinde ist schuppenförmig, aber nicht abblätternd. Die Latschenkiefer ist ein sehr genügsamer Baum und Strauch der Gebirge Mitteleuropas, der Balkanländer und des Nord- und Zentral-Apennins. Botaniker gliedern die Art Pinus mugo auf Grund der Zapfenform und der Feinstruktur der Nadel-Schuppen in drei bis vier Unterarten (lateinisch = subspecies, abgekürzt ssp.). Pinus-muga-Arten besiedeln Voralpen- und Gebirgsmoore ebenso wie steinige Steilhänge und passen ihre Wuchsformen den entsprechenden Lebensbedingungen an.

Baum unter Naturschutz

So wächst die niederliegende, maximal drei Meter hohe Zwerg-Kiefer oder Legföhre (Pinus mugo ssp. pumilio) oberhalb der Baumgrenze in Höhen von 1800 bis 2300 Metern. Ihre elastischen, bogig gekrümmten Äste passen sich vorzüglich dem winterlichen Schneedruck in den alpinen Hochlagen an und bilden so einen wichtigen Schutz vor Lawinen und Steinschlag. In Deutschland stehen die Bestände dieser wild wachsenden Latschen-Subspezies unter Naturschutz. Zur Gewinnung des ätherischen Öls werden hierzulande Kulturen rund um Sonthofen im Allgäu in einer Höhe zwischen 800 und 1600 Metern angebaut. Wildsammlungen sind nur noch in Österreich, Italien und einigen osteuropäischen Ländern erlaubt. Dadurch wird der obere Bergwald ökologisch zunehmend geschädigt, und es ist zu erwarten, dass die wild wachsende Latschenkiefer europaweit unter Naturschutz gestellt wird.

Vom Keimen der jungen Samen bis zur Gewinnung des ätherischen Öls dauert es etwa zehn Jahre. Die ersten Keimlinge aus vorgequollenen Samen erscheinen nach etwa 14 Tagen im Keimbeet, wo sie ein Jahr verbleiben. Während dieser Zeit wachsen sie zu robusten, winterharten kleinen Pflanzen heran, die dann in Töpfe gesetzt werden. Innerhalb von drei Jahren entwickeln sich kräftige Ballenpflanzen, die ins Freiland gepflanzt werden können. Nach weiteren fünf bis sieben Jahren erfolgt schließlich die Ernte der Nadeln, jungen Äste und Zweigspitzen.

Über die medizinische Anwendung der Latschenkiefer in früheren Jahrhunderten ist wenig bekannt. Stattdessen sind etliche Berichte über die heilenden Kräfte der in Mitteleuropa heimischen Wald-Kiefer (Pinus sylvestris) überliefert. Demnach nutzten Heilkundige des Mittelalters und der folgenden Jahrhunderte medizinisch die Rinde und Holzspäne zu Umschlägen bei Mastdarmvorfall, die Samen bei Nieren- und Blasenleiden und die Nadeln bei Zahnschmerzen, Angina, Leber- und Frauenleiden. Erst im 19. Jahrhundert erkannten Pharmazeuten die heilende Wirkung des Latschenkiefernöls. Im Jahre 1856 widmete sich der Apotheker und langjährige Bürgermeister von Bad Reichenhall Matthias Mack besonders der Latschenkiefer und gewann aus den Nadeln das wertvolle ätherische Öl. Er empfahl es für Inhalationen oder als Badezusatz zur Stärkung des Immunsystems. Seither ist das Latschenkiefernöl ein wichtiger Bestandteil von bewährten Heil-, Kur- und Pflegemitteln.

Öl aus Nadeln und Zweigspitzen

Das ätherische Öl der Latsche wird durch Wasserdampfdestillation der frischen Nadeln, jüngeren Äste und Zweigspitzen gewonnen. Für die Ausbeute sind die Herkunft und das Alter der Pflanze sowie der Erntezeitpunkt ausschlaggebend: So liegt der Gesamtölgehalt im Januar mit 0,6 Prozent wesentlich höher als im August mit etwa 0,3 Prozent. Die lange Lagerung der Äste und Zweigspitzen verringert ebenfalls den Gehalt an ätherischem Öl.

Eine eigene Monographie "Latschenkiefernöl - Pini pumilionis aetheroleum" führt nur der Deutsche Arzneimittel-Codex (DAC 2004) und der Ergänzungsband 6 (Erg. B.6) des Deutschen Arzneibuchs. In den nachfolgenden Deutschen Arzneibüchern wurde die Monographie Oleum Pini pumilionis durch die Monographie Pini aetheroleum - Kiefernnadelöl ersetzt; auch im aktuellen DAB 10 findet sie sich unter dieser Bezeichnung. Pini aetheroleum kann nicht nur aus der Latschenkiefer, sondern auch aus anderen Kiefernarten wie der Waldkiefer, Pinus sylvestris, gewonnen werden.

Aromatisches Gemisch

Latschenkiefernöl ist eine klare, farblose bis schwach gelbliche Flüssigkeit. Es riecht sehr aromatisch und ist ein Gemisch aus 60 Einzelkomponenten, die zur Gruppe der Terpenkohlenwasserstoffe gehören. Den größten Anteil davon bilden die Monoterpen-Kohlenwasserstoffe mit den Hauptvertretern a-Pinen, b-Pinen, D3-Caren und Limonen. In wesentlich geringerer Menge kommen die Sesquiterpen-Kohlenwasserstoffe vor mit dem Hauptvertreter b-Caryophyllen. Der übrige Anteil setzt sich aus oxidierten Terpenen, Phenylpropanen und einfachen aliphatischen Kohlenwasserstoffen zusammen. Die Prozentgehalte eines qualitativ hochwertigen Öls sollten innerhalb der Grenzwerte liegen, die der DAC 2004 in der Monographie Latschenkiefernöl vorgibt. Diese sind schon sehr weit gefasst, da die Zusammensetzung der Öle je nach Herkunft und Standort der Pflanze variieren. So liegt der Gehalt an D3-Caren in der Unterart Pinus mugo ssp. pumilio mit 28 Prozent deutlich über dem der anderen Latschenkiefern-Subspecies, diese enthalten höchstens 5 Prozent.

Die Identität und Reinheit des echten Latschenkiefernöls von anderen Kiefernölen abzugrenzen, ist auch heute noch schwierig. Der hohe Preis des echten Latschenkiefernöls verleitet Lieferanten dazu, es mit Terpentinöl oder dem preiswerteren Öl der Waldkiefer zu verschneiden. Um diese Verfälschungen eindeutig nachzuweisen, sind moderne Untersuchungsmethoden erforderlich. Dabei wird das Verhältnis der Enantiomeren (rechts- und linksdrehende Form) der optisch aktiven Monoterpene bestimmt. Die so genannte enantioselektive Analyse ermöglicht es, Verschnitte und Verfälschungen von echtem Latschenkiefernöl mit synthetischen Zusätzen oder anderen Koniferenölen zu erkennen.

Neben Verfälschungen mindert auch eine zu lange Lagerung die Qualität des Öls. Durch Autoxidation entstehen aggressive, sauerstoffreiche Verbindungen (Peroxide), die Allergien und Ekzeme auslösen können. Eine hohe Peroxidzahl weist auf ein überaltertes Öl hin, das nicht mehr verwendet werden sollte. Um die Qualität des Latschenkiefernöls zu sichern, muss es in braunen, dicht verschlossenen Flaschen, vor Licht geschützt aufbewahrt werden.

Inhalieren und einreiben

Die Kommission E empfiehlt Kiefernnadelöl, die Mischung aus Latschenkiefern- und anderen Pinienölen, zur innerlichen und äußerlichen Anwendung bei katarrhalischen Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege und ausschließlich äußerlich bei rheumatischen und neuralgischen Beschwerden. Klinische Studien belegen die sekretolytische, durchblutungsfördernde und schwach antiseptische Wirkung des ätherischen Öls. Latschenkiefernöl eignet sich besonders gut zur Inhalation. Am besten eignen sich dazu Gefäße mit einem speziellen Deckel, der nur Mund- und Nasenraum freilässt.

Zur Dampfinhalation befüllen die Patienten das Gefäß mit heißem Wasser und geben einige Tropfen des Öls hinzu. Beim Einatmen der heißen Dämpfe schonen sie so die empfindliche Gesichthaut, und das Öl gelangt direkt in die Bronchien, wo es die Sekretion der Bronchialschleimhaut fördert und den reizbedingten Bronchospasmus reduziert. Danach können sie das zähe Bronchialsekret besser abhusten und wesentlich leichter atmen. Bei Säuglingen und Kleinkindern dürfen Eltern maximal fünf Tropfen auf die Kleidung oder ein Kissen geben.

Auch das Einreiben von Latschenkiefernöl auf die Haut im Bereich des Brustraums und der Naseneingänge lässt Bronchialbeschwerden abklingen. Ein aromatisches Bad am Abend wirkt entspannend, befreit die Atemwege und erleichtert Erkälteten das Einschlafen. Sekretolytisch wirkende Fertigarzneimittel mit Latschenkiefernöl sind zum Beispiel Aerosol Spitzner®N, Allgäuer Latschenkiefer Heil-Öl und Euflux®-N Salbe.

Zahlreiche andere Erkältungssalben enthalten Kiefernnadelöl, zum Beispiel Bronchialbalsam-ratiopharm®, Bronchoforton®-Kinderbalsam, Pinimenthol®-Erkältungsbalsam mild, stas®-Erkältungssalbe/mild sowie Transpulmin® Baby und Kinderbalsam S. Je nach Konzentration sind die Salben für Säuglinge geeignet.

Unerwünschte Nebenwirkungen treten nur bei Missbrauch und falscher Anwendung auf. In seltenen Fällen reizen die Zubereitungen bei empfindlichen Personen Haut und Schleimhäute. Für Patienten mit Asthma bronchiale oder Keuchhusten ist Latschenkiefernöl kontraindiziert, da Bronchospasmen verstärkt werden können. Von der Badanwendung sollten PTA und Apotheker Patienten mit größeren Hautverletzungen, akuten Hautkrankheiten, fieberhaften und infektiösen Erkrankungen sowie Herzinsuffuzienz und Bluthochdruck abraten.

Fördert die Durchblutung

Zur ausschließlich äußerlichen Anwendung von Latschenkiefernöl dienen Einreibungen in Form von alkoholischen Lösungen, Salben, Gelen, Emulsionen und Ölen. In diesen Arzneimitteln wird die durchblutungsfördernde Wirkung des Latschenkiefernöls zur Linderung von rheumatischen und neuralgischen Erkrankungen genutzt. Allgäuer Latschenkiefer Franzbranntwein extra stark lindert beispielsweise Beschwerden der Muskulatur und der Gelenke. Die Wirkstoffe des Franzbranntweins durchdringen mit Hilfe eines speziellen Resorptionsvermittlers die Hautbarriere, gelangen in die Muskulatur und an die Bänderapparate der Gelenke und entfalten dort ihre entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung. Für die entzündungshemmende Wirkung ist das D3-Caren verantwortlich, das nur reines Latschenkiefernöl in therapeutisch ausreichend hoher Konzentration enthält. Der Franzbranntwein hilft auch gegen müde, brennende Beine und nach dem Sport gegen Muskelkater.

Darüber hinaus enthalten viele kosmetische Körperpflegemittel Latschenkiefernöle, zum Beispiel Duschbäder, Seifen, Massageöle, Fußpflegemittel und Deodorants. In diesen Produkten wird neben dem feinen würzigen Duft auch die schwach antiseptische Wirkung des Öls genutzt. Auf Grund des aromatischen Duftes findet es als Saunaaufguss, in Duftlampen, Raumsprays und sogar in Reinigungsmitteln Anwendung.

 

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Schulte-loebbert(at)t-online.de



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