Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Leinsamen

Foto: Mies

Nahrung und sanftes Abführmittel

von Ursula Sellerberg, Berlin

Lein oder Flachs gehört zu den ältesten Kulturpflanzen. Bereits die Steinzeitmenschen bauten ihn an und wussten, was die Pflanze zu bieten hat: Die Samen dienten ihnen und ihren Tieren als Nahrung und lieferten das fette Leinöl; aus den Fasern der Stängel fertigten sie Leinenstoffe. Ebenfalls seit alters nutzten Heilkundige die abführende Wirkung der Samen.

Der Gemeine Lein (Linum usitatissimum) aus der Familie der Leingewächse (Linaceae) stammt vermutlich aus den Steppen Zentralasiens und wird heute weltweit kultiviert. Der botanische Artname "usitatissimum" bedeutet etwa "der Gebräuchlichste" oder "der Allernützlichste". Der Gattungsname Linum ist mit dem griechischen linon (= Faden) verwandt, ein Hinweis auf die Verwendung seiner Stängel zur Faserherstellung.

Die einjährige Pflanze wird 20 bis 150 Zentimeter hoch. Ihr aufrechter Stängel ist erst im oberen Teil verzweigt und dicht besetzt mit schmalen, lineal-lanzettlichen, wechselständigen, bis 2,5 cm langen Blättern. Die himmelblauen, fünfzähligen Blüten sitzen meist einzeln am Ende der rispig verzweigten Sprossachse und blühen in Deutschland im Juni und Juli, allerdings nur bei Sonnenschein. Die Frucht ist eine fast kugelige, vorn zugespitzte Kapsel von sechs bis acht Millimeter Länge. Sie enthält acht bis zehn flache, glänzende Samen. Diese schmecken mild ölig, beim Kauen schleimig. Spezielle Züchtungen liefern goldfarbene Samen, die stärker quellen und besser schmecken als die braunen.

Die getrockneten, reifen Leinsamen (Lini semen) enthalten bis zu 19 Prozent unverdauliche Schleimstoffe, die auf der äußeren Haut der Samenschale lagern. Alle Schleime bestehen aus Zuckermolekülen, die Wasser kolloidal binden können, sich aber nicht in Wasser auflösen.

Leinsamenschleim quillt sehr stark auf: 100 Gramm Leinsamen können 1,6 bis 3 Liter Wasser binden. Das Arzneibuch bestimmt die Qualität über die Quellungszahl. Diese gibt das Volumen in Millilitern an, dass ein Gramm der Droge nach vierstündigem Quellen einnimmt. Laut Arzneibuchforderung muss der Leinsamen auf sechs Milliliter aufquellen.

Zwei bis drei Esslöffel

Leinsamen wirkt durch seine Ballast- und Schleimstoffe abführend. Das fette Leinöl unterstützt diesen Effekt. Die Dosierung bei Verstopfung lautet: Zwei bis dreimal täglich jeweils einen Esslöffel mit mindestens einem Glas Wasser einnehmen. Für sechs- bis zwölfjährige Kinder gilt die halbe Dosis. Leinsamen ist gut verträglich und eignet sich auch für Patienten, deren Darm durch Abführmittelmissbrauch geschädigt ist.

Leinsamen wird ganz, leicht gequetscht oder geschrotet eingenommen. Die Samen entfalten ihre Wirkung im Dickdarm und quellen dort. Dabei steigt ihr Volumen auf das vier- bis achtfache, dehnt die Darmwand und regt dadurch die Darmbewegung an. Der Leinsamen-Schleim bildet eine Gleitschicht und erleichtert so den Transport des Darminhalts.

PTA und Apotheker sollten übergewichtigen Patienten ganze Samen empfehlen. Aus geschroteten Leinsamen entnimmt der Körper auch das fette Öl mit seinem beträchtlichen Energiegehalt: 100 Gramm liefern 470 Kalorien. Aus ganzen Samen kann der Körper das fette Öl wesentlich schlechter aufnehmen. Hinweis für die Kunden: Der Leinsamen darf nicht vorquellen, da er sein ganzes Volumen erst im Darm entfalten soll. Und: Leinsamen nicht zusammen mit Milch einnehmen, denn dann bleibt die Quellung aus.

Zerkleinerte Leinsamen schmecken besser als ballaststoffreicher Zusatz, etwa im Müsli. Geschroteter Leinsamen wird allerdings schnell ranzig. Ursache dafür ist die mehrfach ungesättigte Linolensäure, die leicht oxidiert. Aus diesem Grund werden beim "Linusit"-Verfahren lediglich die äußeren Teile des Samens angequetscht. Die so behandelten Samen sind länger haltbar als vollständig vermahlene.

In der Apotheke sollte Leinsamenschrot grundsätzlich nicht länger als 24 Stunden gelagert werden. Tipp: Den Leinsamenschroter am besten so einstellen, dass er die Leinsamen nur bricht und nicht zu fein zermahlt. Außerdem sollte der Schroter täglich gereinigt werden.

Geduld haben und viel trinken

Patienten, die ihre Verdauung mit Leinsamen anregen möchten, brauchen Geduld, denn die Wirkung zeigt sich erst nach einigen Tagen. Vor allem müssen sie viel trinken, sonst kann der Leinsamen im Darm verklumpen, und es droht Darmverschluss. Kontraindiziert ist die Einnahme von Leinsamen zusammen mit Arzneimitteln, die die Darmbewegung hemmen (zum Beispiel Loperamid), bei Verengungen der Speiseröhre oder des Darms, etwa durch Operationen, und bei akuten Entzündungen des Verdauungstrakts.

Wechselwirkungen zwischen Leinsamen und anderen Arzneimitteln sind möglich, denn er kann die Aufnahme der Arzneistoffe behindern. Daher sollten Patienten ihre Medikamente frühestens eine Stunde nach dem Genuss des Leinsamens einnehmen.

Leinsamen kann auch bei Durchfall helfen. Das klingt auf den ersten Blick paradox, ist aber einfach zu erklären: Im Dickdarm binden die Schleime des Leinsamens die überschüssige Flüssigkeit und verfestigen den Darminhalt. Das verlangsamt die Darmpassage. Die Schleime können Giftstoffe binde, die von den Durchfall erregenden Bakterien stammen. Sie kleiden außerdem die Darmschleimhaut aus und schützen sie so vor weiteren Schäden.

Zur Zubereitung von Leinsamenschleim eignet sich geschroteter Leinsamen. Dieser hilft bei Magen- und Darmentzündungen. Hierzu rührt man einen Esslöffel Leinsamen in eine Tasse kaltes Wasser, lässt das Ganze 20 bis 30 Minuten stehen und seiht den Ansatz ab. Die Patienten sollten zuerst die schleimhaltige Flüssigkeit und danach noch zusätzlich ein Glas Wasser trinken.

Die Volksmedizin verwendet Leinsamen innerlich bei Blasenentzündungen, bei Lungenleiden, Krampfhusten, gegen Schmerzen und Krämpfe. Ein Aufguss soll durch seinen Schleimgehalt außerdem bei Entzündungen im Mund oder am Zahnfleisch sowie bei Heiserkeit, Reizhusten und Magenproblemen helfen.

Nebenwirkungen nicht bekannt

Unter optimalen Labor-Bedingungen entstehen bei einem pH-Wert von 4 bis 6 aus 100 Gramm mehlfein zerkleinerten Samen in vier Stunden 30 bis 50 Milligramm Blausäure. Linustatin, ein Inhaltsstoff der Samen, kann Blausäure abspalten. Dennoch kam es bei Menschen noch nie zu Vergiftungen. Die Gründe: Die Verweildauer im Magen ist zu kurz, und geringe Mengen Blausäure kann der Körper durch das Enzym Rhodanase abbauen. Darüber hinaus inaktiviert der saure Magensaft Enzyme, die die Blausäure freisetzen.

Zur äußerlichen Anwendung, beispielsweise bei lokalen Hautentzündungen, bereitet man einen feucht-heißen Breiumschlag, ein Kataplasma. Dazu wird ein Mullsäckchen mit 30 bis 50 Gramm Leinsamen-Mehl gefüllt und etwa zehn Minuten lang in heißes Wasser gehängt. Anschließend legt man es als Kompresse auf und deckt das Ganze mit einem vorgewärmten Handtuch ab.

Wird Leinsamen in einem Stoffsäckchen in der Mikrowelle oder dem Backofen erwärmt, dann funktioniert er - ähnlich wie ein Kirschkernkissen - als Wärmespeicher und als trockene "Wärmflasche" bei Rücken-, Zahn- und rheumatischen Schmerzen.

Im Tierversuch konnten Leinsamen die Cholesterin-Werte senken. Hierfür ist vermutlich der hohe Anteil ungesättigter Fettsäuren (40 bis 70 Prozent Linolensäure, 10 bis 25 Prozent Linolsäure und 13 bis 30 Prozent Ölsäure) verantwortlich. Goldgelbes bis grünlichbraunes Leinöl wird durch Auspressen der Samen gewonnen. Seine Bedeutung als Speiseöl ist insgesamt gering, da es schnell ranzig wird und sich wegen des hohen Anteils an ungesättigten Fettsäuren nicht zum Kochen oder Backen eignet.

Als Öl für technische Zwecke, die Veredelung von Holzoberflächen und als Rohstoff für Naturfarben und Linoleum ist es unverzichtbar. Früher wurde es zudem als Firnis für Ölgemälde verwendet, denn dünn ausgestrichen erstarrt es innerhalb eines Tages zu einem festen, transparenten Film. In der Pharmazie dient Leinöl als Grundlage für einige Rezepturen, außerdem ist es in einigen Kosmetika enthalten.

Lignane als Phytoestrogene

Pharmazeutisch interessant sind außerdem die Lignane des Leinsamens, eine Vorstufe des Zellwand-Baustoffs Lignin. Lignane wirken hormonartig und zählen daher zu den "Phytoestrogenen". Phytoestrogene lösen gewebsspezifisch estrogene und antiestrogene Effekte aus. Phytoestrogen-haltige Pflanzenextrakte aus Traubensilberkerze, Rotklee und Soja gelten daher als Alternative zur Hormonersatztherapie unter anderem bei Wechseljahresbeschwerden. Im Gegensatz dazu ist Leinsamen für dieses Anwendungsgebiet nicht geeignet, denn aus den geschroteten Samen kann der menschliche Körper nur sehr geringe Mengen des Lignans aufnehmen.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 A
10405 Berlin



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=76