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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Meerrettich

Foto: PZ/Archiv

Scharfe Wurzel gegen Bakterien

von Gerhard Gensthaler

Meerrettich wird seit circa 2000 Jahren als Heilpflanze hochgeschätzt. Noch heute können Besucher im antiken Pompeji ein Wandgemälde mit einer Abbildung dieser eindrucksvollen Pflanze betrachten. Über die Jahrtausende wandelte sich die Verwendung des Meerettichs ständig: In manchen Perioden diente er als Heilmittel, zu anderen Zeiten ausschließlich als Gewürz und Genussmittel.

Bereits vor etwa 3000 Jahren genossen die Chinesen Meerrettich zu vielen Speisen, allerdings nicht frisch gerieben, sondern meist geschmort. Die Ägypter schätzten eher seine medizinische Wirkung und verzehrten Meerrettich neben Zwiebeln und Knoblauch zum Schutz vor Infektionen und Parasiten. Der römische Naturkundler Plinius der Ältere (1. Jhd. n. Chr.) erwähnt Meerrettich in seiner »Naturgeschichte« nur als Heilpflanze, die »eine merkwürdige Kraft hat, Winde zu erzeugen und Rülpse loszulassen«. Als ihn römische Soldaten über die Alpen brachten, lernten die Germanen den Meerrettich kennen.

Die Heimat des Meerrettichs, Armoracia rusticana G. M. Sch., Synonym: Cochlearia armoracia, L., liegt vermutlich im Wolga-Don-Gebiet in Ost-Europa. Darauf deutet auch der in Süddeutschland und Österreich gebräuchliche, aus dem slawischen stammende Name »Kren« hin. Kultiviert wird die Pflanze in Europa und Nordamerika. Meerrettich liebt halbschattige Lagen und nahrhaften, sandig-lehmigen Boden ohne Staunässe. In Franken entstand eines der Hauptanbaugebiete innerhalb Deutschlands. Dort ziehen jährlich im Herbst die »Krenweibla« in die Städte, um den Meerrettich zu verkaufen. 

Stärkung für Pferde

Woher der deutsche Name der Droge stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Am plausibelsten scheint die Deutung zu sein, dass sich der Begriff von »Mähre«, einem alten Pferd, ableitet. Früher und auch heute noch gibt man alten Pferden Meerrettich, um ihnen neuen Schwung zu verleihen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Meerrettich in der Umgangsprache auch Pferderettich, Pfefferwurzel oder Bauernsenf genannt wird. Im Englischen ist die Droge als Great Raifort, Horseradish oder Red Cole bekannt.

Der Meerrettich ist ein Kreuzblütler aus der Familie der Brassicaceae. Die mehrjährige und winterharte Pflanze erreicht eine Höhe von 40 bis 150 cm und hat meist mehrere Stängel, die aufrecht stehen und im oberen Teil ästig, kantig gefurcht und hohl sind. Die dunkelgrünen Blätter sind dicklich, glänzend und haben eine starke Mittelrippe. Seine grundständigen Blätter sind langgestielt, eiförmig, am Grunde herzförmig, ungleich gekerbt und werden bis zu 100 cm lang.

Der Blütenstand setzt sich aus zahlreichen reichblütigen Trauben zusammen, die eigentlich Trugdolden sind. Die wohlriechenden Blüten sitzen auf 5 bis 7 mm langen aufrechten Stielen. Die weißen Kronblätter sind 5 bis 7 mm lang und verkehrt eiförmig. Die Blütezeit ist Mai bis Juli. Die Früchte sind schötchenartig. 

Die Pfahlwurzel ist lang und ziemlich dick, gelblich-weiß und walzenförmig und steht senkrecht im Boden. Sie bildet zahlreiche waagerechte Ausläufer. Der gesamte Wurzelstock riecht scharf und schmeckt stark brennend. Geerntet wird er in den Monaten Juli bis September.

Die medizinisch eingesetzte Droge besteht aus der frischen oder getrockneten Wurzel von Armoracia rusticana. Sie wird zerkleinert und für Tees und Umschläge eingesetzt. Auch Frischpflanzenpresssaft findet Verwendung. 

Im Unterschied zum heimischen Meerrettich schmeckt der aus Japan kommende Wasabi (Japanischer Meerrettich, Armoracia eutrema wasabi) sehr scharf. Seine apfelgrünen Rhizome verwenden inzwischen auch die europäischen Köche zum Würzen.

Penicillin aus dem Garten

Frische Meerrettichwurzel enthält die Glucosinolate (Senfölglykoside) Sinigrin und Gluconasturtin, die beim Zerkleinern der Wurzel Allylsenföl neben wenig 2-Phenylsenföl frei setzen. Diese Substanzen reizen beim Reiben der Wurzel die Tränendrüsen. Zusätzlich enthält die frische Wurzel unter anderem Cumarine, Phenolcarbonsäuren und viel Vitamin C. 

Beim Trocknen der Wurzel werden die Glucosinolate allerdings durch das Enzym Myrosinase zu Phenylethylisothiocyanat beziehungsweise Allylisothiocyanat hydrolisiert. Diese Substanzen finden sich auch im ätherischen Öl wieder, das unverdünnt als Gefahrstoff einzuordnen ist.  

Die Droge wirkt antimikrobiell gegen grampositive und gramnegative Erreger und hyperämisierend, fördert also die Durchblutung. Daher wird sie oft auch als »Penicillin aus dem Garten« bezeichnet. Im Tierversuch wirkt sie direkt spasmolytisch. In Laborversuchen wurden sogar zytotoxische Eigenschaften beobachtet. Eine Studie des Privatdozenten Dr. Uwe Frank vom Freiburger Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene zeigte an 13 klinisch relevanten Bakterienspezies, die Infektionen der ableitenden Harnwege beziehungsweise der oberen Luftwege verursachen, dass Senföle eine ausgeprägte antibakterielle Wirkung auf die grampositiven und gramnegativen Erreger hatten. Gleichzeitig wurden weniger Resistenzen beobachtet als bei der Gabe eines Antibiotikums. Da die Senföle bereits im Dünndarm resorbiert werden, bleibt im Gegensatz zur Therapie mit Antibiotika die für die Verdauung und das Immunsystem so wichtige körpereigene Dickdarmflora unbeeinflusst. 

Die Monographie der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts trägt den Titel Armoraciae rusticanae radix. Die Kommission bewertete die Droge positiv bei Harnwegsinfekten, bei Katarrhen der Luftwege und bei Bronchitis. In kleinen Mengen wirkt sie verdauungsfördernd und harntreibend. Frischer Meerrettich-Presssaft wirkt gegen dyspeptische Beschwerden und Gallenwegsbeschwerden.  

In der Volksmedizin dient die Droge außerdem zur Behandlung von grippalen Infekten, als verdauungsförderndes Mit-tel und wird bei Erkrankungen von Leber und Galle sowie bei Gicht, Rheuma und Kopfschmerzen verwendet. Kommerziell dient die Meerrettichwurzel der Gewinnung des Enzyms Peroxidase. 

Die mittlere Tagesdosis bei medizinischer Anwendung beträgt 20 Gramm frische Wurzel. Äußerliche Anwendungen wie Umschläge sollen nicht mehr als maximal 2 Prozent Senföle enthalten, da die Haut sonst zu stark gereizt wird. Einen Trockenextrakt herzustellen und diesen in Fertigpräparaten weiterzuverarbeiten, was bei vielen anderen Heilpflanzen üblich ist, funktioniert bei Meerrettich nicht, da bei der Extraktherstellung die flüchtigen Senföle entstünden. 

Vorsicht beim Genuss

Allylisothiocyanat ist toxisch. Es kann zu allergischen Reaktionen und Schleimhautreizungen führen. Daher gelten Magen- und Darmgeschwüre sowie Nierenentzündungen als Kontraindikationen für die Droge. Auch bei Kindern unter 4 Jahren soll die Anwendung unterbleiben.

Zwar schätzen viele Menschen den Meerrettich als Gewürz, sie sollten jedoch wissen, dass er im Übermaß genossen zu Koliken und zu Magen- und Darmbeschwerden führt.



Museumstipp

In Baiersdorf in der Fränkischen Schweiz können Interessierte im »schärfsten Museum der Welt« alles zum Thema Meerrettich erfahren. In Texttafeln, Schaubildern, Exponaten und Filmen werden sie über Geschichte, Anbau, Verarbeitung und Verwendung dieses »Scharfmachers« informiert. Das Museum wurde von der Schamel Meerrettich GmbH und Co KG, Erste Bayerische Meerrettichfabrik, anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums eingerichtet. Nähere Informationen unter www.schamel.de.


E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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