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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Mariendistel

Foto: Sertürner

Heilsame Früchte für die Leber

von Ulrich Meyer, Berlin

Auf der Intensivstation eines Krankenhauses erwartet wohl niemand ein Phytopharmakon. Indes fehlen heute in keiner Notfallausrüstung Ampullen mit einem Spezial-Auszug der Mariendistel.

Silybum marianum hat bei den gefürchteten Vergiftungen mit Knollenblätterpilzen so manchen vor dem Tod bewahrt. Die ehemals Carduus marianus genannte Mariendistel gehört zur Familie der Asteraceen (früher Compositen). Sie stammt aus dem Mittelmeerraum. In Deutschland ist sie gelegentlich verwildert anzutreffen, wobei sie warme, sonnige und eher karge Standorte bevorzugt. Die bis zu zwei Meter hohe Distel imponiert besonders durch ihre Blätter, die stark gewellt und von einem Geflecht weißer "Adern" durchzogen sind.

Diese eigentümliche Zeichnung gab der Pflanze auch ihren Namen: Die tiefreligiösen Menschen des Mittelalters glaubten, die Äderung sei durch die Milch Mariens entstanden. Beim Stillen soll die Mutter Gottes die Milch verloren haben und sie sei dann über die Blätter gelaufen. Auch die volkstümlichen Bezeichnungen Frauen- und Milchdistel entstanden vor diesem Hintergrund.

Rätsel der linierten Blätter

Ein naturwissenschaftlich-nüchtern denkender Betrachter wird annehmen, dass ein spezieller Farbstoff den Blättern zu ihrer Zeichnung verhelfe, doch das ist nicht so. Fährt man mit dem Finger unter leichtem Druck über eine weiße Ader, verschwindet die "Farbe" überraschenderweise. Des Rätsels Lösung: Die Epidermis auf dem Mariendistel-Blatt ist an diesen Stellen abgehoben und bildet darunter luftgefüllte kleine Polster. Infolge der veränderten Lichtbrechung erscheinen diese Bereiche weiß. Den apart gezeichneten Blättern sollte sich der neugierige Untersucher allerdings nur mit Ruhe und Vorsicht nähern, denn an den Rändern tragen sie kräftige Stacheln. Pharmakologisch dreht sich bei der Mariendistel aber alles um die braunschwarz glänzenden Mariendistelfrüchte.

Die Mariendistel wurde zwar schon in der antiken Heilkunde eingesetzt, doch verdankt sie dem Arzt Johann Gottfried Rademacher (1772-1850) und dem Pharmakologen Hugo Schulz (1853-1932), dass sie nicht in Vergessenheit geriet. Beide empfahlen eindringlich den Einsatz der Distel bei Lebererkrankungen. Dabei erkannte der Greifswalder Hochschullehrer Schulz neidlos an, dass der am Niederrhein praktizierende Landarzt Rademacher die zentrale Bedeutung der richtigen galenischen Verarbeitung erkannt hatte. Er schrieb: "Rademacher machte ausdrücklich darauf aufmerksam, dass es verkehrt ist, die zerriebenen Samen vor ihrer weiteren Verarbeitung erst durch Sieben von den Schalenstücken zu befreien, da die leistungsfähigen Substanzen eben . . . unter der Schale stecken und Abkochungen oder Auszüge des von den Schalen befreiten Pflanzenmehles völlig wirkungslos sind." Damit war die Richtung für die weitere Erforschung der "Samen" der Mariendistel gegeben, bei denen es sich botanisch gesehen um Früchte, wie bei allen Asteraceen um so genannte Achänen, handelt.

Die chemische Struktur der "leistungsfähigen Substanzen" wurde in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgeklärt. Sie erwiesen sich als ein Gemisch mehrerer Flavolignane (Silibinin, Silidianin und Silicristin), das in seiner Gesamtheit als Silymarin bezeichnet wird. Parallel zu diesen phytochemischen Arbeiten erfolgten umfangreiche pharmakologische und klinische Untersuchungen.

Zwei Wirkprinzipien

Der Extrakt aus den Früchten der Mariendistel gilt heute als dual wirkendes Leber-Therapeutikum mit zwei Wirkkomponenten: Zum einen schirmt er dank einer Membran stabilisierenden Wirkung die Leber vor zahlreichen Zellgiften wie Alkohol ab. Darüber hinaus fängt er freie Radikale ab, wirkt antiperoxidativ, stimuliert die Protein-Synthese und steigert dadurch die Regenerationsfähigkeit der Leber. Wegen dieser Effekte empfahl die Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt den Einsatz des Mariendistelextrakts bei "toxischen Leberschäden" und zur "unterstützenden Behandlung bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose".

Die Silymarin-Dosis pro Tag sollte zwischen 200 bis 400 Milligramm liegen. Die Einnahme als Tee ist bei Mariendistelfrüchten nicht zu empfehlen, da die Flavolignane schlecht wasserlöslich sind und der wässrige Aufguss die für eine Lebertherapie ausreichende Konzentrationen nicht erzielt. Ein Infus eignet sich aufgrund seines leicht bitteren Geschmacks allenfalls zur Behandlung von dyspeptischen Beschwerden, spielt aber im Vergleich zu anderen bewährten Bitterstoff-Pflanzen in der Praxis keine Rolle. Mariendistel-Extrakte sind praktisch atoxisch, bis auf einen vereinzelt auftretenden leicht laxierenden Effekt ist mit keinen Nebenwirkungen zu rechnen.

Der "nahrhafte Kern" der Mariendistelfrüchte enthält übrigens circa 25 Prozent Eiweiß und den gleichen Anteil fettes Öl, das reich an der hochwertigen ungesättigten Linolsäure ist. Im Unterschied zur Saflor-Distel (Carthamus tinctorius) hatte die Ölgewinnung bei Silybum marianum nur eine geringe Bedeutung und ist heute obsolet.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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