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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Melisse

Foto: Sertürner

Entspannung für Psyche und Bauch

von Ursula Sellerberg, Berlin

"Melisse vereint die Kräfte von 15 anderen Kräutern in sich", schrieb Hildegard von Bingen (1098 bis 1179). Schon im Altertum war Melisse als Heil- und Gewürzpflanze bekannt, Theophrastus von Ephesos erwähnte sie vor etwa 2300 Jahren. Auch arabische Ärzte schätzten sie als stimmungsaufhellendes und verdauungsförderndes Mittel.

Melisse (Melissa officinalis), auch Zitronenmelisse genannt, gehört zur Familie der Lippenblütengewächse oder Lamiaceen. Ihren Namen verdankt sie ihrer Verwendung als Futterpflanze für Bienen. Das Wort melissa ist eine mittelalterliche Neubildung aus dem griechischen "melisso-phyllon", was übersetzt etwa "Bienenblatt" heißt. Melissa ist außerdem mit dem lateinischen "mel" (= Honig) und dem deutschen Wort Marmelade verwandt. Auf den Nektarreichtum der Blüten spielt die englische Bezeichnung "bee balm" (= Bienenbalsam) an. "Den Bienen sind keine Blüten lieber als die der Melisse" schrieb schon Plinius vor 2000 Jahren. Diese Vorliebe ist inzwischen wissenschaftlich erforscht. Bienen markieren ergiebige Futterquellen mit einem Drüsensekret, dessen Duft dem der Melisse ähnelt. So wird die Attraktivität für die Insekten verständlich.

Die Heilpflanze stammt aus dem östlichen Mittelmeerraum und wurde in Deutschland erst seit dem Mittelalter heimisch. Die Hauptanbaugebiete liegen in Europa, Nordafrika, Mexiko und den USA. Melisse blüht von Juni bis September, wird etwa 30 bis 70 Zentimeter groß und ist meist stark verästelt. Typisch für alle Lippenblütler sind die vierkantigen Stängel und die gegenständigen Blätter. Der Stängel ist kahl oder spärlich behaart.

Die Laubblätter werden bis zu acht Zentimeter lang und bis zu fünf Zentimeter breit: Sie sind gestielt, breit-eiförmig, rauten- oder herzförmig, am Grunde abgestutzt oder keilförmig. Der Blattrand ist regelmäßig grob-kerbig gesägt. Die Blattoberseite ist kräftig dunkelgrün, die Unterseite heller gefärbt. Haare finden sich nur auf der Oberseite, auf der Unterseite sind höchstens die Nerven behaart. Die Nervatur tritt auf der Unterseite stark hervor. Erst im zweiten Jahr erscheinen die weißen bis gelblichen Blüten. Die Früchte sind viergeteilt und zerfallen in vier kastanienbraune Klausen von zwei Millimeter Länge. Melisse bevorzugt sonnige Standorte mit warmen, sandigen Böden. Wächst sie im Schatten oder Halbschatten bildet sie weniger ätherisches Öl. Wer Melisse im eigenen Garten oder auf dem Balkon anbauen möchte, sollte ein Kräutertöpfchen auspflanzen, statt auf Samen zurückzugreifen.

Vor Licht geschützt lagern

Das europäische Arzneibuch enthält als Droge die getrockneten Laubblätter von Melissa officinalis. Die Blätter können zwei- bis dreimal im Jahr geerntet werden. Durch schonende Trocknung unter 40 Grad Celsius bleibt der Großteil des ätherischen Öls erhalten. Das ätherische Öl selbst wird durch Wasserdampfdestillation gewonnen. Die Droge enthält bis zu 0,3 Prozent ätherisches Öl.

Da dessen Gehalt im ersten Jahr um die Hälfte absinken kann, sollten getrocknete Melissenblätter nicht länger als ein Jahr gelagert werden. Die wichtigsten Inhaltsstoffe des ätherischen Öls sind Citronellal, Citral, Linalool und Caryophyllen. Der prozentuale Anteil der beiden ersten Bestandteile nimmt beim Trocknungsvorgang stark ab, Caryophyllen bildet bei der Lagerung Epoxide. Außerdem enthalten Melissenblätter Flavonoide und Gerbstoffe.

Die Droge sollte vor Licht geschützt und möglichst kühl aufbewahrt werden, sonst verändert sich der Inhaltsstoff Citronellal und zyklisiert. Wie bei allen ätherischen Öldrogen dürfen die Verpackungen keinen Kunststoff enthalten, da dieser das ätherische Öl aufnimmt.

Wegen des geringen Gehalts in den Blättern ist Melissenöl teuer, ein Gramm kostet etwa 23 Euro. In Rezepturen wird es daher größtenteils durch das Citronellöl des Lemongrases (Cymbopogon) ersetzt. Das im Handel angebotene Melissenöl ist nicht das reine ätherische Öl, sondern ein über Melissenkraut destilliertes Citronen- oder Citronellöl.

Mehr Aroma für Salate und Drinks

Auch bei Köchen ist Melisse als Gewürz sehr beliebt. Die frischen Blätter schmecken aromatisch und zitronenartig. Darauf deuten auch ihre volkstümlichen Namen Zitronenmelisse oder Zitronenkraut hin. Frische Melisse verbessert den Geschmack von Speisen, die mit Zitronensaft angesäuert werden. Kurz vor dem Servieren hinzugegeben, verfeinert sie grünen Salat, Obst- oder Kartoffelsalat, Saucen und Eintöpfe. Auch Milchspeisen, Dips oder Erfrischungsgetränke wie Erdbeerbowle profitieren von ihrem Aroma. Ein Tipp zum Ausprobieren: Ein mit zerhackter Melisse bestreutes Butterbrot gilt als Delikatesse. Beliebt ist fein gehackte Melisse auch in Weichkäse.

Dicht verpackt behalten die frischen Blätter im Kühlschrank einige Tage ihr Aroma. Da nur die frischen Blätter ausreichende Mengen an ätherischem Öl enthalten, eignen sie sich getrocknet nicht als Gewürz. Gekochten Speisen sollten die frischen Blätter am besten zerhackt erst kurz vor dem Servieren zugegeben werden, da sich das ätherische Öl beim Kochen schnell verflüchtigt.

 Ein erfrischender Melissentrunk lässt sich aus den folgenden Zutaten bereiten: 5 Melissenblätter, 2 dünne Gurkenscheiben, 10 ml Zitronensaft und 10 ml Zuckersirup mischen, anschließend mit gekühltem Ginger Ale aufgießen und genießen.

Das beste Kraut fürs Herz

In alten Schriften der Volksmedizin wird nicht immer deutlich zwischen Melisse und Pfefferminze unterschieden. Heilpflanzen wurden im Mittelalter oft nach der so genannten Signaturenlehre ausgewählt, die sich aus Parallelen zwischen dem Aussehen der Pflanze und menschlichen Organen ableitet. Wegen ihrer herzförmigen Blätter wandte Paracelsus die Melisse unter anderem gegen Herzkrankheiten an. Er schrieb: "Melissa ist von allen Dingen, die die Erde hervorbringt, das beste Kräutlein für das Herz." Noch heute spiegelt das Anwendungsgebiet "nervöses Herz" dies wider. Melissenpräparate werden volksmedizinisch außerdem als schweißtreibendes und beruhigendes Erkältungsmittel, bei Kopfschmerzen, Kreislaufschwäche und Krämpfen während der Menstruation eingesetzt.

Umschläge aus den zerquetschten Blättern sollen bei schlecht heilenden Wunden, Geschwüren oder Quetschungen helfen. Im Jahr 1611 stellte das Kloster der Barfüßigen Karmeliter zu Paris aus Melisse und anderen Drogen erstmalig ein Geheimmittel her: Karmelitergeist. Karmelitergeist besteht aus einer Mischung verschiedener ätherischer Öle in Alkohol.

Melissengeist hingegen ist ein alkoholisches Destillat aus Melissenblättern und anderen ätherische Öldrogen wie Ingwer, Muskatnuss, Zimt und Angelikawurzel. Dass dieses Vielstoffgemisch gerade nach der Melisse benannt wurde, zeigt den hohen Wert, der ihr zugeschrieben wird. Die regelmäßige Einnahme von Melissengeist ist kritisch zu bewerten. Ihr Alkoholanteil liegt bei bis zu 80 Volumenprozent, so dass Missbrauch- und Suchtgefahr bestehen.

Hilfe bei Schlafproblemen

In der Phytotherapie wird die Melisse bei Einschlafstörungen meist mit Hopfen und Baldrian kombiniert, in Tees korrigiert die aromatische Droge unter anderem den unangenehmen Geschmack der Baldrianwurzel. Wie andere pflanzliche Schlafmittel erleichtert Melisse das Abschalten und unterstützt das Einschlafen.

Ein Tee wirkt am besten, wenn er kurz vor dem Schlafengehen warm und gesüßt getrunken wird. Der Aufguss wird aus ein bis drei Teelöffeln Droge pro Tasse zubereitet. Die beruhigende Wirkung der Melisse wird auf die Inhaltsstoffe des ätherischen Öls zurückgeführt. Wer sich durch ein Beruhigungsbad entspannen möchte, kann ebenfalls ein Produkt mit Melisse wählen.

Psychiater verordnen Kombinationspräparate mit Melisse nicht nur als Einschlafmittel, sondern auch als angstlösendes Medikament. Der Teeaufguss wird in diesem Fall mehrmals täglich nach Bedarf getrunken. Neben dem Tee und Präparaten mit Pflanzenextrakten werden im Handel auch Frischpflanzenpresssäfte angeboten.

Beruhigung für Magen und Darm

Melisse wirkt nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf die Verdauung. Sie beruhigt einen "nervösen Magen", löst Krämpfe und Blähungen. Angewendet werden Tees oder Extrakte (wässriger Auszug zum Beispiel in Gastrovegetalin®). Auch für diese Wirkungen sind die Inhaltsstoffe des ätherischen Öls verantwortlich. Citral und Linalool wirken krampflösend (spasmolytisch). Der aromatische Geschmack der Melisse verstärkt die Bildung von Speichel, Magensaft und Gallenflüssigkeit. Dadurch regt sie den Appetit an und fördert die Verdauung.

Auch bei dieser Indikation wird die Melisse fast immer mit anderen Drogen kombiniert. Einige Fertigarzneimittel enthalten Dosen, die deutlich unter den Empfehlungen der ehemaligen Kommission E des Bundesgesundheitsamtes liegen. Die Expertenkommission empfahl als Einzeldosis 1,5 bis 4,5 Gramm Droge. Der kritische Blick auf die Zusammensetzung lohnt sich.

Melissentee wurde im Rahmen einer klinischen Studie mit Fenchel und Kamille kombiniert und gegen Säuglingskoliken getestet. Nach siebentätiger Anwendung war die Kombination dem Placebo überlegen. Teemischungen aus verschiedenen entblähenden Drogen sind daher besonders bei Kindern zu empfehlen.

Die Inhaltsstoffe des ätherischen Öls Citral, Citronellol, Citronellal und Linalool hemmen das Wachstum von Mikroorganismen. An dieser Wirkung sind spezielle Gerbstoffe der Blätter beteiligt, die auch "Phenolcarbonsäuren" oder "Labiatengerbstoffe" genannt werden.

Alternative bei Lippenherpes

Die Viren hemmende Wirkung beruht vor allem auf der gerbstoffähnlichen Rosmarinsäure, die im wässrigen Auszug enthalten ist. Cremes mit Melissenextrakten (zum Beispiel Lomaherpan®) werden gegen Lippenherpes eingesetzt und sind eine Alternative zu synthetischen Virustatika. Sie sollten so früh wie möglich, am besten schon beim ersten Kribbeln, aufgetragen werden. Die Wirkung beruht vermutlich darauf, dass die Gerbstoffe mit Eiweißen der Zellmembran oder der Viren reagieren, dadurch das Anheften der Viren an die Zellmembran und somit die Infektion verhindern.

Die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten der Melisse machen sie zu einer vielseitigen Heilpflanze mit einem festen Platz in der Apothekenpraxis.



Auswahl von Fertigarzneimitteln
(Falls nicht anders gekennzeichnet, handelt es sich um Kombinationspräparate.)
nach Roter Liste 2002


Indikation Herpes simplex

Lomaherpan® (Monopräparat)


Indikation Magen-Darm

  • Gastrovegetalin® (Monopräparat)

  • Abdomilon® N

  • Gastrol® S

  • Iberogast®

  • Presselin Blähungstabletten K4N

  • Stullmaton®


Indikation Schlafstörungen

  • Bad Heilbrunner Schlaf- und Nerventee

  • Baldriparan® N

  • Doppelherz Melissengeist

  • Dormarist Schlafkaspeln®

  • Euvegal® Entspannungs- und Einschlafdragees

  • Heumann Beruhigungstee Tenerval®

  • JuDorm

  • Klosterfrau Melissengeist

  • Nervosana

  • Phytonoctu®

  • Pronervon®Phyto

  • RubieSed®

  • Salus Gutnacht Kräuter-Dragees N

  • SE Baldrian/Melisse

  • Sedacur® forte Beruhigungsdragees

  • Seda-Plantina®

  • Sedariston®

  • Sedasyx

  • SEDinfant® N



Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 a
10405 Berlin



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