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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Echtes Mädesüß

Foto: Ulrich Mies

Das pflanzliche Aspirin

von Monika Schulte-Löbbert

Das Echte Mädesüß schätzten schon die keltischen Druiden als Heilpflanze. Der süßliche Duft ihrer Blüten bezau-berte sogar königliche Nasen. So ließ Königin Elisabeth I. von England ihr Schlafgemach mit Mädesüß ausstreuen. Heute wird das Kraut meist als Tee zur unterstützenden Behandlung von Erkältungskrankheiten eingesetzt.

Das Echte Mädesüß, Filipendula ulmaria (L.) Maxim., ist in weiten Teilen Europas mit Ausnahme der südlichen Mittelmeergebiete heimisch. Nachdem die Pflanze auch in den Osten Nordamerikas eingeführt wurde, hat sie sich auf der ganzen nördlichen Hemisphäre verbreitet. Sie bevorzugt feuchte, nährstoffreiche Standorte. Ursprünglich war das Echte Mädesüß vor allem in Erlen-Eschenwäldern zu finden, die früher Bach- und Flussauen prägten. Da diese Auwälder rar geworden sind, wächst die Pflanze heute entlang von Wassergräben und Bächen sowie auffeuchten Wiesen, die gar nicht oder nur selten gemäht werden.

Mädesüß aus der Familie der Rosaceen ist eine ausdauernde Staude mit Wuchshöhen zwischen 50 und 150 Zentimetern. Unter günstigen Bedingungen erreicht die Pflanze sogar beachtliche zwei Meter. Aus dem kräftigen Wurzelstock treibt jedes Jahr neben einer Rosette grundständiger Blätter ein aufrechter, häufig rot überlaufener, kantiger Stängel, der sich nur im oberen Teil verzweigt. Die wechselständigen Blätter sind unpaarig gefiedert, stark geadert, ihre Unterseite ist weißlich flaumig behaart. Die einzelnen Fiederblättchen sind am Rande gezähnt und erinnern an die Blätter der Ulme, worauf auch die botanische Bezeichnung »ulmaria« verweist.

Die besonders auffälligen Blütenstände von Filipendula ulmaria bestehen aus zahlreichen cremeweißen Einzelblüten, die in endständigen Doldentrauben angeordnet sind. Zur Blütezeit von Juni bis August verströmen sie einen intensiven, honig-mandelartigen Duft, der sich zum Abend hin verstärkt. Der süße Blütenduft und das üppige Pollenangebot locken zahlreiche Insekten an. Für den Mädesüß-Perlmuttfalter hat die Pflanze eine existenzielle Bedeutung, da seine Raupe auf das Mädesüß als einzige Nahrungsquelle angewiesen ist.

Aus den bestäubten Blüten entwickeln sich kleine, sichelförmig gekrümmte Nüsschen, die häufig zu sechst bis acht zusammenstehen. Mit dem Reifeprozess verlieren sie an Gewicht, sodass der Wind sie leichter weggetragen kann. Das Echte Mädesüß zählt zu den »Winterstehern«, da sich die reifen Nüsschen nur allmählich vom Fruchtboden lösen. Gelegentlich sitzen noch im Frühjahr an vertrockneten Blütenzweigen verbliebene Nüsschen.

Die deutsche Bezeichnung »Mädesüß« hat mit »süßen Mädchen« nichts zu tun. Zur Herkunft des Namens existieren mehrere Theorien: Zum einen soll ihm der Begriff »Mahdsüße« zugrunde liegen, weil die Blätter und Blüten nach dem Mähen einen süßen Geruch verströmen. Außerdem ist Mede die altertümliche Bezeichnung für Grasland, auf dem das Mädesüß wächst, wenn der Boden ausreichend feucht ist. Für diese Herkunft spricht auch der englische Name »meadow sweet«. Eine andere häufig genannte Erklärung bezieht sich auf »Metsüße«, denn früher wurden die Blüten zum Süßen und Aromatisieren von Wein, insbesondere von Met (Honigwein) verwendet.

Der Volksmund kennt für das Echte Mädesüß eine Reihe weiterer Namen. »Wiesenkönigin« spielt auf die beachtliche Größe der Pflanze an und »Federbusch« sowie »Spierstaude« auf die Form des Blütenstandes. Eine früher gängige Bezeichnung war »Immenkraut«, das Kraut der Imker. Das Einreiben der Bienenstöcke mit dem Kraut sollte die Bienen vor Krankheiten schützen und den Honigertrag steigern. Auf die Wirkung bei Durchfallerkrankungen bezieht sich der weniger poetische Name »Stopparsch«, der in einigen Regionen üblich war.

Kraut der keltischen Priester

Gemeinsam mit dem Eisenkraut, der Mistel und der Wasserminze gehörte das Mädesüß zu den heiligen Kräutern der keltischen Priester, den Druiden. Zur Abwehr von Unheil wurden in vielen Gegenden die in der Sonnwendnacht gesammelten Blüten gebündelt in das Gebälk von Häusern und Ställen gehängt. In der Steiermark werden sie deshalb Sunnawend-fäden genannt.

Mit dem Kraut aromatisierten die Menschen ihre Wohn- und Schlafräume. Dazu streuten sie es morgens auf die Holzböden und kehrten abends die vertrockneten Blätter und Stängel aus.

Etwa seit dem 16. Jahrhundert erwähnen Kräuterbücher das Mädesüß. Trotz seiner Bekanntheit finden sich aber nur wenige Angaben. So schreibt der englische Botaniker und Berater von Königin Elisabeth I. John Gerard im Jahre 1597: »…die Blüten in Wein gekocht und getrunken, befreit die Pflanze von Anfällen des Viertagefiebers«. Lonicerus (1528 bis 1586) und Hieronymus Bock (1498 bis 1554) bezeichneten die Wurzel des Mädesüß als gallereinigend und nützlich bei der Roten Ruhr. In der Volksmedizin gilt das Kraut als leichtes Adstringens, Antirheumatikum, Diuretikum und Diaphoretikum (schweißtreibendes Mittel). Auch heute noch wird Mädesüß als mildes und sanftes Schmerz- und Fiebermittel empfohlen.

Medizingeschichtlich ist die Pflanze sehr interessant. Bereits 1839 isolierten zwei deutsche Chemiker aus der Spierstaude, einer damals üblichen Bezeichnung für Mädesüß, erstmals die Salicylsäure, die sie folglich Spirsäure nannten. Danach diente nicht nur die Weide, sondern auch das Echte Mädesüß lange Zeit zur Gewinnung der Salicylsäure. Erst mit der chemischen Synthese und Veresterung der Salicylsäure zur Acetylsalicylsäure, dem Aspirin, verlor die Pflanze an Bedeutung. Dennoch trug Mädesüß zur Entwicklung des Markennamens Aspirin® bei. Während das »A« für Acetyl steht, ist »spirin« aus dem Begriff »Spirsäure« abgeleitet.

Die Bezeichnungen Filipendula ulmaria und Spiraea ulmaria werden als Syno-nyme verwendet, da die Gattung Filipendula früher in die Gattung Spiraea einbezogen wurde. Daher wird Mädesüß nicht selten unter der Drogenbezeichnung »Spiraeae flos/herba« angeboten. Die Gattung Filipendula gehört aber aufgrund chemischer und zytologischer Merkmale nicht zu den Spiraeoideae, sondern zu den Rosoideae. Von Filipendula ulmaria werden drei Unterarten beschrieben, die sich in ihrer Behaarung und der Form der Blätter unterscheiden. Das Arzneibuch nimmt aber keine Differenzierung vor.

Droge als Blüten oder Kraut

Die Monographie »Mädesüßkraut – Filipendulae ulmariae herba« wurde neu in die Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs 4.04 aufgenommen. Danach besteht die Droge aus den ganzen oder geschnittenen, getrockneten blühenden Stängelspitzen von Filipendula ulmaria (L.) Maxim. (= Spiraea ulmaria L.). Sie stammt zum größten Teil aus Kulturen ost- und südosteuropäischer Länder. Zur Gewinnung werden die blühenden Zweigspitzen abgeschnitten und im Schatten, meist unter Luftumwälzung, getrocknet. Im Arzneibuch wird die Droge korrekt als Herba-Droge bezeichnet (früher: Spiraeae flos), weil sie neben den Blüten auch Stängelanteile enthält. In der parallel bestehenden Monographie des DAC 2004 »Mädesüßblüten-Spiraeae flos« besteht die Droge nur aus den getrockneten Blüten von Filipendula ulmaria.

Mädesüßkraut enthält drei Substanzgruppen, die von medizinischem Interesse sind. Dazu zählen neben den Flavonoiden vor allem die Gerbstoffe sowie die Phenolglykoside, hier Monotropitin und Spiraein, aus denen beim Trocknen und Lagern eine kleine Menge ätherisches Öl entsteht. Dieses Öl besteht zu 75 Prozent aus Salicylaldehyd, außerdem aus Salicylsäuremethylester, Phenylethyl- und Benzylalkohol sowie Anisaldehyd. Das Arzneibuch fordert für diese wasserdampfflüchtigen Substanzen einen Gehalt von mindestens 0,1 Prozent. Der Gesamtgehalt der Salicylverbindungen ist aber vergleichsweise gering.

Neben dem traditionellen Einsatz als leichtes Adstringens, Antirheumatikum und Diaphoretikum sind zahlreiche weitere Indikationen im Zusammenhang mit antiseptischen, entzündungshemmenden und antiulzerogenen Eigenschaften des Krauts beschrieben. Die Wirksamkeit wird auf die Gerbstoffe zurückgeführt, die mit etlichen Proteinen nicht kovalente Bin--dungen eingehen. Vermutlich verstärken die Flavonoide diese Effekte. Weiterhin hemmen die in der Droge enthaltenen Salicylat-Derivate die Cyclooxygenase und damit die Bildung der am Entzündungsgeschehen beteiligten Prostaglandine. Die schmerzstillenden, antiphlogistischen und antirheumatischen Eigenschaften der Droge erscheinen somit plausibel.

Folglich bewertete auch die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts im Jahr 1989 das Echte Mädesüß positiv und empfahl es zur unterstützenden Behandlung von Erkältungskrankheiten, bei denen eine Schwitzkur erwünscht ist. Die volksmedizinisch beanspruchte Wirkung als Diuretikum konnte bislang nicht belegt werden.

Als Tee bei Erkältungen

Zur Teezubereitung aus Mädesüß werden ein bis zwei Teelöffel Droge mit siedendem Wasser (etwa 150 ml) übergossen und nach 10 bis 15 Minuten abgeseiht. Als Tagesdosis gelten vier bis fünf Gramm Droge. Der Tee sollte dreimal täglich möglichst heiß getrunken werden.

Mädesüß ist außerdem Bestandteil von Fertigteemischungen gegen Erkältungen, zum Beispiel in Bad Heilbrunner Erkältungs Tee oder in Sidroga® Erkältungstee N. Neben Holunder- und Lindenblüten sowie Birkenblättern ist Mädesüß in Species diaphoreticae des Ergänzungsbandes zum DAB 6 enthalten.

Bei bestimmungsgemäßer Anwendung sind keine unerwünschten Wirkungen bekannt. Obwohl Mädesüßkraut nur geringe Mengen an Salicylaten enthält, sollen Patienten mit einer Salicylat-Überempfindlichkeit die Droge nicht anwenden. Das gilt auch für Säuglinge, Kleinkinder und Asthmatiker. Ebenso wird Schwangeren und Stillenden von einer Einnahme abgeraten.

Die Homöopathie verwendet die frischen, unterirdischen Teile der blühenden Pflanze zur Herstellung von »Filipendula ulmaria« (Spiraea ulmaria) und setzt das Mittel zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen, Schleimhautentzündungen und akneartigem Hautausschlag sowie als harn- und schweißtreibendes Mittel ein. Als Arzneimittel der anthroposophischen Heilmittellehre gilt »Filipendula ulmaria ferm 34c«. Die Urtinktur wird aus den frischen, oberirdischen Teilen blühender Pflanzen hergestellt.

Ähnlich wie Holunderblüten sind Mädesüßblüten auch in der Küche beliebt. Sie eignen sich zum Aromatisieren von Süß- und Fruchtspeisen sowie Getränken. Vor allem belgische und französische Köche aromatisieren mit den Früchten ein Sorbet, das sie zum Abschluss eines guten-Essens servieren.

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