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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Nachtkerze

Foto: Sertürner

Hilfe für Neurodermitiker

von Christina Brunner, Eschborn

Die Europäer stuften die Nachtkerze lange Zeit als Unkraut ein. Dabei genoss sie in ihrer ursprünglichen Heimat, den Prärien Nordamerikas, schon vor Jahrtausenden höchstes Ansehen als Heilpflanze. Die Indianer verwendeten sie zum Beispiel zur Behandlung von Geschwüren, leichten Verletzungen und Hautkrankheiten.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts verschönert die Nachtkerze mit ihren zitronengelben Blüten als Zierpflanze die Gartenanlagen Europas. Die Pflanze verwilderte bald. Sie wächst bevorzugt auf nährstoffreichen trockenen Böden und besiedelt heute ganz Europa mit Ausnahme der höheren Lagen der Mittelgebirge und der Alpen.

Lockreiz in der Dämmerung

Botanisch heißt die Nachtkerze Oenothera biennis. Sie blüht im Sommer zwischen Juni und August. Wer sich am Anblick ihrer Blüten erfreuen will, muss den richtigen Zeitpunkt abwarten: Die Blüten öffnen sich erst mit der Abenddämmerung und leuchten dann wie Kerzen weithin sichtbar. Beim ersten Sonnenstrahl schließt sich die Blüte und fällt bald danach ab. In der Dunkelheit lockt die zweijährige, krautige Pflanze mit ihrem starken Duft und speziellen Blütenzeichen Nachtfalter an. Die Insekten bestäuben die Pflanze. Zwischen August und Oktober reifen die Samen in einer länglichen, vierfächrigen Kapsel aus. Springen die Fächer auf, entlassen sie den scharfkantigen, schwarzbraunen Samen, den der Wind verbreitet.

Das Öl dieser Samen macht die Nachtkerze als Heilpflanze interessant. Es enthält die essenzielle zweifach ungesättigte Linolsäure sowie die dreifach ungesättigte Gamma-Linolensäure. Ein Mangel an diesen Fettsäuren kann zu Hautveränderungen führen, da sie Bausteine der Zellmembran sind. In Form von Phospholipiden regeln sie unter anderem die Permeabilität der Zellwände.

Zudem sind die Fettsäuren Vorstufen der Arachidonsäure und damit auch der Gewebshormone Prostaglandin E1 und E2, die antiallergisch und antientzündlich wirken. In Studien fanden Wissenschaftler bei einem Teil der untersuchten Patienten mit atopischem Exzem erhöhte Linolsäure- und erniedrigte Gamma-Linolensäure-Werte im Serum. Die Wissenschaftler diskutieren, ob bei den Betroffenen eine Fettsäurestoffwechselstörung vorliegt. Sie vermuten einen Enzymdefekt der Delta-6-Desaturase, die Linolsäure in Gamma-Linolensäure umwandelt. Die Gabe von Gamma-Linolensäure soll diesen Defekt ausgleichen und allergische und entzündliche Reaktionen, wie sie zum Beispiel bei Neurodermitikern auftreten, lindern. Dennoch wird die Wirksamkeit immer noch kontrovers diskutiert. Eine Monographie der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes existiert nicht.

Fettsäuren im Samenöl

Präparate mit Nachtkerzensamenöl sind für die Behandlung der Neurodermitis zugelassen. Oenothera biennis ist neben der Schwarzen Johannisbeere (Ribes nigrum) und dem Borretsch (Borago officinales) eine der wenigen bisher bekannten Pflanzen, deren Samenöl Gamma-Linolensäure enthält. Das Öl steht als Fertigarzneimittel in Kapselform in unterschiedlichen Dosierungen zur Verfügung. Erwachsenen wird die Einnahme von zweimal täglich 160 bis 240 Milligramm Gamma-Linolensäure, Kindern von ein bis zwölf Jahren die Einnahme von zweimal täglich 80 bis 160 Milligramm empfohlen. Die Symptome sollten sich nach spätestens zwölf Wochen bessern.

Als Nebenwirkungen können Übelkeit, Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen oder selten allergische Erscheinungen wie Exantheme auftreten. Nachtkerzensamenöl kann unterstützend zur Neurodermitis-Therapie eingesetzt werden. Viele Ärzte befürworten die Therapie vor allem bei Kindern. Ein Behandlungsversuch über einen Zeitraum von sechs Monaten wird empfohlen. Als Ergänzung zur peroralen Einnahme eignen sich Nachtkerzensamenöl-haltige Lotionen oder Cremes, um den trockenen Hautzustand zu bessern.

Nachtkerzensamenöl soll außerdem noch viele andere Beschwerden und Krankheiten wie Diabetes mellitus, Arthritis, das Prämenstruelle Syndrom (PMS) oder einen erhöhten Cholesterolspiegel lindern helfen. Auch hyperaktive Kinder und Patienten mit Multipler Sklerose sollen davon profitieren. Der Nutzen des Nachtkerzenöls bei diesen Indikationen ist jedoch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Bei einigen Frauen mit PMS konnte ein Ungleichgewicht zwischen den Linolsäure-Werten und den Gamma-Linolen- beziehungsweise Arachidonsäure-Werten nachgewiesen werden. Eine Gabe von Gamma-Linolensäure könnte die Prostaglandin-Konzentration im Endometrium positiv beeinflussen und entzündungshemmend wirken. Auch hier bedarf es noch weiterer Forschung.

Der Bedarf an Nachtkerzensamenöl wird in Deutschland bislang fast ausschließlich über Importe gedeckt. China, Ungarn, Polen und England sind die wichtigsten Importländer. Die Ernte erfolgt in diesen Ländern zum größten Teil über Wildsammlungen. Nur in England wird die Nachtkerze feldmäßig angebaut. Die gestiegene Nachfrage nach Nachtkerzensamenöl in den letzten Jahren macht den Anbau inzwischen auch in Deutschland attraktiv. 



Heilt nicht nur, schmeckt auch gut

Die Nachtkerze bildet eine fleischige, rübenartige Wurzel, die bis zu 20 Zentimeter lang und 5 Zentimeter dick werden kann und außen rötlich gefärbt ist. Die Wurzel kann als Gemüse, ähnlich der Schwarzwurzel, verarbeitet werden. Da sie sich beim Kochen schinkenrot färbt, erhielt sie im Volksmund die Bezeichnung Schinkenwurzel. Die jungen Blätter der Nachtkerze können als Salat oder Gemüse, ähnlich wie Spinat, zubereitet werden. Die Samen wurden in Kriegszeiten als Kaffee-Ersatz verwendet.



Anschrift der Verfasserin:
Christina Brunner
Oberortstraße 14
65760 Eschborn



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