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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Probiotika

Stellenwert als Prophylaktikum


Von Carina Steyer / Verstopfte Nasen, Husten, Hals- und Kopfschmerzen gehören genauso zur kalten Jahreszeit wie kürzer ­werdende Tage. Infektionen der oberen Atemwege klingen zwar ­ in der Regel nach drei bis sieben Tagen von selbst ab. Doch wegen der unangenehmen Symptome ist das Interesse an wirksamen Präventionsmaßnahmen groß. Seit beinahe 20 Jahren versuchen Wissenschaftler zu ergründen, ob Probiotika die Abwehrkräfte bei Atemwegsinfektionen stärken und diese Infekte verhindern können.

 

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Probiotika als »lebende Mikroorganismen, die dem Wirt einen gesundheitlichen Vorteil bringen, wenn sie in ausreichender Menge eingenommen werden«. Bis vor einigen Jahren bewarben Unternehmen ihre probiotischen Drinks mit einer Schutzwirkung vor Erkältungen oder versprachen, der Konsum probiotischer Joghurtprodukte fördere die Abwehrkräfte. Seit Einführung der »Health Claims Verordnung« dürfen Anbieter probiotischer Nahrungsmittel zur Bewerbung ihrer Produkte keine gesundheitsbezogenen Aussagen mehr machen, wenn sie nicht zuvor von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit genehmigt wurden.




Probiotische Joghurtprodukte schmecken nicht nur lecker, sondern sorgen mit dafür, dass Kinder seltener an Atemwegsinfekten erkranken.

Foto: Shutterstock/Sheftsoff Stock Photo


Auch wenn die Werbeversprechen der Hersteller jetzt auf den Verpackungen fehlen, betrachten viele Verbraucher Probiotika als Präventionsmaßnahme und greifen verstärkt zu den Produkten. Sie konsumieren Probiotika als Nahrungsergänzungsmittel oder als Zusatz zu fermentierten Nahrungsmitteln wie Joghurt. Milchsäure- und Bifidobakterien sind die Stämme, die am häufigsten eingesetzt werden.

Erster Hinweis

Der erste Hinweis, dass Probiotika einen positiven Effekt auf Atemwegs­infektionen haben könnten, stammt aus dem Jahr 1999. Damals zeigten mit Bifidobakterien gefütterte und mit ­Influenzaviren infizierte Labormäuse seltener Erkrankungssymptome als ihre Artgenossen ohne Bifidobakterien-­haltiges Futter. Kurz darauf erschien als Ergebnis einer finnischen Studie, dass der regelmäßige Konsum von Pro­bio­tika bei Kindern die Häufigkeit von Atemwegsinfektionen verringerte. Seit­dem wurden weitere Studien durchgeführt und veröffentlicht, doch mit zum Teil sehr widersprüchlichen Ergebnissen. Beispielsweise erbrachte eine kürzlich veröffentlichte deutsche Studie mit 159 Mitarbeitern eines Konzerns aus der Stahlindustrie keine Auswirkung des Bakteriums Lactobacillus reuteri auf Infektionen der oberen Atemwege. Im Gegensatz dazu steht eine schwedische Studie mit 181 Mitarbeitern einer Tetra-Pak-Fabrik, in der derselbe Bakterienstamm die Erkrankungshäufigkeit und -länge verringern konnte.

Cochrane Übersichtsarbeit

Die Cochrane-Collaboration hat in Anbetracht des steigenden Probiotikaverbrauchs eine Übersichtsarbeit erstellt. Die Wissenschaftler wollten untersuchen, ob und wie Probiotika im Vergleich zu Placebo helfen, Infektionen der oberen Atemwege zu verhindern. Dafür haben sie mehr als 700 Studien gesichtet und diejenigen ausgewählt, die sich für eine Übersicht eignen. Ausgeschlossen aus der Übersichtsarbeit wurden Studien mit Allergikern oder Probanden mit Immundefekten sowie allen, die innerhalb der letzten zwölf Monate gegen Influenza geimpft worden waren, weitere Immunstimulanzien eingenommen oder übermäßig viel Sport betrieben hatten. Danach blieben zwölf Studien übrig. Ausgewertet wurden schließlich die Daten von mehr als 3700 Kindern, Erwachsenen (um 40 Jahre alt) und älteren Menschen, die alle länger als sieben Tage ein Probiotikum in Form eines fertigen Milchprodukts, als Kapsel oder als Pulver konsumiert hatten. Nicht berücksichtigt wurde der Bakterienstamm des Probiotikums.

Um einen gesundheitlichen Vorteil zu erzielen, empfiehlt die WHO die Aufnahme von mindestens 107 bis 1010 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro Tag. In den meisten eingeschlossenen Studien konsumierten die Probanden 109 oder 1010 KBE, einzig in einer Studie betrug die Dosis 5 x 107 KBE.

Positive Wirkung

Ausgewertet haben die Cochrane-Wissenschaftler zunächst den Zusammenhang zwischen Probiotika und ­Erkrankungshäufigkeit. Die Daten ergaben, dass die Probanden durch regelmäßigen Probiotikakonsum zumindest einmal weniger an einem Atemwegsinfekt erkrankten. Allerdings hängt es stark vom Alter ab, wie häufig jemand von einer Infektion der oberen Atemwege betroffen ist. Kinder und ältere Menschen erkranken viel häufiger als Erwachsene im mittleren Alter. Bei Kleinkindern sind sechs bis acht Erkrankungen pro Jahr durchaus keine Seltenheit, bei Schulkindern dagegen sind es meist nur noch ein bis zwei. Aufgrund dieser Tatsache werteten die Wissenschaftler die Daten auch nach Altersgruppen getrennt aus. Ihr eindeutiges Ergebnis: Während Erwachsene und ältere Menschen vom Konsum der Probiotika im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Probiotika nicht mehr profitierten, zeigte sich bei den Kindern ein deut­licher Vorteil. Zahlreiche einzelne ­Studien mit Kindern bestätigen die­ses Ergebnis. Allerdings muss erwähnt werden, dass für die nach Alter getrennte Auswertung lediglich eine Studie mit Erwachsenen beziehungsweise eine mit älteren Menschen zur Verfügung stand. Obwohl das Immunsystem mit dem Alter schwächer wird und Infektionen wieder zunehmen, wurden nur sehr wenige Studien ausschließlich mit älteren Menschen durchgeführt. Während der Literatursichtung fanden die Cochrane-Wissenschaftler lediglich vier Studien, von denen sie drei als nicht für die Übersichtsarbeit geeignet einschätzten. Das Ergebnis dieser drei: Der Konsum von Probiotika verkürzte bei Erwachsenen und älteren Menschen die Dauer der Erkrankung und die Symptome waren weniger stark ausgeprägt.




Ein fantasievoll zubereitetes Frühstück lässt sicher jedes Kind gerne zugreifen.

Foto: Shutterstock/Nastya22


In keiner der ausgewählten Studien mit Kindern wurde bestimmt, wie lange die Erkrankung dauerte, sodass diese in der Übersichtstudie nicht ermittelt werden konnte. Das Gleiche gilt für Fehltage in Kindergärten, lediglich in einer Studie war miterfasst worden, wie lange Schulkinder dem Unterricht fernblieben. Das Ergebnis zeigt sehr deutlich, dass Kinder, die Probiotika konsumiert hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich weniger Tage fehlten. Allerdings war die Studie mit 80 Probanden so klein, dass die Autoren der Übersichtsarbeit deren Evidenzgrad als sehr niedrig einstufen.

Schätzungen zufolge verordnen die Ärzte in den Industrieländern bis zu 75 Prozent aller Antibiotika gegen Infektionen der oberen Atemwege. Aufgrund des häufig viralen Ursprungs der Erkrankung ist das eine überflüssige Medikation. In der Cochrane-Übersichtsarbeit stellten die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Probiotikakonsum und der Verschreibung von Antibiotika fest: Hatten Probanden Probiotika konsumiert, wurden ihnen seltener Antibiotika verschrieben als Probanden der Vergleichsgruppe.

Keine Empfehlung

Obwohl noch nicht vollständig verstanden ist, wie Probiotika auf Infektionen der oberen Atemwege wirken, sind die Ergebnisse der Studien zum Teil recht erfolgsversprechend. Eine wissenschaftlich gesicherte Empfehlung möchten die Experten der Cochrane-Collaboration aufgrund der derzeitigen Studienlage zum jetzigen Zeitpunkt nicht geben. Die Evidenz ihrer eigenen Übersichtsarbeit reiche für eine solche Empfehlung nicht aus. Vor allem seien die Probandenzahlen einzelner Studien klein und die Durchführung ließe zu wünschen übrig, sodass die Ergebnisse schlecht nachvollziehbar seien.

Für Menschen, die sich in der kalten Jahreszeit vor Infektionen der oberen Atemwege schützen möchten, spricht dennoch nichts gegen den Konsum von Probiotika. Die Nebenwirkungen sind gering und zeigen sich meist in Form gastrointestinaler Symptome wie Diarrhö, Übelkeit oder Flatulenzen. Eine gesunde Ernährung mit viel Bewegung an der frischen Luft könnte allerdings den gleichen Effekt haben wie der Konsum eines Probiotikums. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2015

 

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