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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Schwarzkümmel

Foto: PZ

Viagra der Pharaonen

von Gerhard Gensthaler, München 

Schwarzkümmel hat im Orient eine bedeutungsvolle, fast 4000 Jahre alte Geschichte. Die Berber und ägyptische Priester sollen das Öl als Vitalitätsdroge und sogar als "Liebeszauber" verwendet haben.

Der Samen des Schwarzkümmels (Nigella sativa L.) wird als "Kümmel" schon im Alten und im Neuen Testament erwähnt. Er wurde im Altertum als wohlschmeckendes Gewürz in das Brot geknetet. Allgemein bekannt ist er auch heute noch als würzige Zutat auf türkischem Fladenbrot. Im Grab des ägyptischen Pharao Tut-Ench-Ammun (1347 bis 1337 v. Chr.) fand man als Beigabe ein Fläschchen Schwarzkümmelöl, das heute noch im Ägyptischen Museum in Kairo zu bewundern ist. Sogar der Prophet Mohammed verkündete: "Schwarzkümmel heilt jede Krankheit, außer den Tod."

Bereits vor Christus empfohlen

Der griechische Arzt Hippokrates (460 bis 375 v. Chr.), ebenso ein späterer Kollege Dioskurides von Anazarba (1. Jh. n. Chr.), aber auch der römische Arzt Galenos aus Pergamon (130 bis 200 n. Chr.) und der römische Historiker Gajus Plinius (23/24 bis 79 n. Chr.) kannten und beschrieben verschiedene Wirkungen dieser Pflanze.

Karl der Große (768 bis 814 n. Chr.) empfahl den Samen als Gewürz für den Anbau auf seinen Landgütern. Ebenso verfuhr sein Sohn Ludwig der Fromme, der seinen Pächtern befahl, Schwarzkümmel zu Würz- und zu Heilzwecken anzubauen. Hätte Martin Luther bei der Übersetzung der Bibel an entscheidender Stelle nichts weggelassen, so stünde heute dort noch Schwarzkümmel statt Kümmel, da im Originaltext das hebräische Wort ikazachi Schwarzkümmel bedeutet.

Die Botaniker des 16. Jahrhunderts bezeichneten Nigella sativa als "Schwartzen Kümmel oder Koriander". Sie setzten die Pflanze gegen Verhärtungen, Geschwülste der Milz, grauen Star, Hautleiden, Hühneraugen, Zahnschmerzen und Schnupfen ein. Selbst der bekannte Arzt Paracelsus (1493 bis 1541 n. Chr.) erwähnt Schwarzkümmel in seinen Schriften.

Hilfe für ein krankes Pferd

Als Gewürzpflanze wuchs Schwarzkümmel früher in vielen Bauerngärten. Zum letzten Mal wird er in Hagers Handbuch von 1977 beschrieben. Dann gerät die Pflanze in Vergessenheit. Dass sie in Europa wieder bekannt wurde, verdankt sie dem deutschen Arzt Dr. Peter Schleicher und folgender Geschichte: Das kostbare Dressurpferd seiner Tochter litt unter Asthmaanfällen, die normalerweise mit Cortison therapiert wurden. Ein ägyptischer Tierarzt empfahl jedoch, dem Pferd Schwarzkümmelsamen ins Futter zu mischen, wie dies seit Jahrhunderten bei Araberpferden bei ähnlichen Fällen gemacht wird. Und der Samen wirkte! Seitdem gewann Schwarzkümmel schnell an Bedeutung und findet auch in Deutschland immer mehr begeisterte Anwender.

Im deutschen Sprachgebrauch wird Schwarzkümmel auch Brotwurz genannt, was auf seine frühere Verwendung als Brotgewürz hinweist. Volkstümlich wird er als Schwarzer Koriander oder Römischer Koriander bezeichnet. In England ist er bekannt als "Love-in-a-mist" und in Frankreich als "Cheveux de Venus". Sein ägyptischer Name "Habba el Baraka" bedeutet "segensreicher Samen".

Nigella sativa L. gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Im Mittelmeerraum wachsen etwa 20 verschiedene Nigella-Arten mit bläulichen oder gelblichen Blüten. Heimisch ist die Pflanze in Nordafrika, vor allem in Ägypten, wo sie in Kulturen angebaut wird. Die spezielle Unterart Nigella sativa ist leicht zu verwechseln mit einer ihrer nächsten Verwandten, der in deutschen Gärten vorkommenden Zierpflanze "Jungfer im Grünen" (Nigella damascena L.) oder auch "Venushaarige" genannt.

Nigella sativa wird 30 bis 80 cm hoch, ihre Blätter sind stark fiederspaltig und glänzen grün. Auf den ersten Blick ähneln sie denen von echtem Kümmel. Die einjährige Pflanze ist leicht behaart, die weißen Blüten sitzen endständig. Die Spitzen der fünf Blütenhüllblätter sind grünlich oder bläulich gefärbt.

Nach der Blütezeit von Juni bis August bildet Nigella sativa mohnähnliche Kapseln, in denen sich die Samenkörner befinden. Die Samen sind circa 2 mm groß, länglich, kantig, etwas gebogen, schwarz und riechen angenehm muskatartig. Der Geschmack ist anfangs schwach bitter, später scharf und aromatisch.

Fette Öle und noch mehr

Hauptbestandteil des Samens ist das fette Öl von gelblicher bis rötlicher Färbung und einem aromatischen, leicht pfeffrigen Geruch. Das kalt gepresste Oleum Nigellae sativae enthält zu 55 bis 60 Prozent die zweifach ungesättigte Linolsäure, aus der im Körper die Gamma-Linolen- und die Arachidonsäure entstehen. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind lebensnotwendig und müssen dem Körper mit der Nahrung zugeführt werden. Die einfach ungesättigte Ölsäure ist zu 22 bis 25 Prozent und die gesättigte Palmitinsäure zu 12 bis 14 Prozent enthalten.

Weiterhin enthält das Öl viele lebensnotwendige Aminosäuren: Arginin, Asparagin, Cystin, Glutamin, Glycin, Leucin, Lysin, Methionin, um die wichtigsten zu nennen. Außerdem konnte man Sterole wie Sitosterol, Cholesterol, Stigmastanol und Campesterol identifizieren, die meist mit Fettsäuren verestert sind.

Das ätherische Öl ist für Geruch und Geschmack verantwortlich, hat eine hellgelbe Farbe und verfärbt sich bei längerer Lagerung rötlich. Das im flüchtigen Anteil gefundene Thymochinon eignet sich zur Identitätsprüfung im Apothekenlabor. Gerbstoffe und Saponine runden die Vielzahl der Inhaltsstoffe ab.

Klinische Studien fehlen

Nach verschiedenen Anwendungsbeobachtungen soll das Öl die Histaminfreisetzung aus den Mastzellen hemmen, die Gallenproduktion anregen und viele biochemische Prozesse im Körper positiv beeinflussen: So soll es Allergien, Neurodermitis und Rheuma lindern sowie antimikrobiell, antimykotisch und anthelminthisch wirken. Amerikanische Forscher haben im Reagenzglas unter anderem die immunregulatorische und entkrampfende Wirkung von Schwarzkümmel nachgewiesen.

Ein Forscherteam der Universität Singapur untersuchte im Jahre 2000 den zytotoxischen Effekt von Nigella sativa auf sieben verschiedene Krebszell-Linien. Der Ethylacetat-Extrakt konnte dosisabhängig das Wachstum aller Krebszellen hemmen. Die Wissenschaftler fanden anhand intakter Endothelzellen heraus, dass die verwendete Dosis des ethanolischen Schwarzkümmel-Extraktes für die zytotoxische Wirkung eine entscheidende Rolle zu spielen scheint: 100 µg/ml Extrakt wirkten bei rund der Hälfte der Endothelzellen zytotoxisch, während 50 µg/ml des Auszuges die Wachstumsrate der Tumorzell-Linien nicht beeinflussten. In Versuchen mit Mäuse-Milzzellen fanden die Forscher heraus, dass der ethanolische Extrakt auch das Immunsystem zu beeinflussen scheint. Dieser Effekt hängt allerdings von der Anwesenheit anderer Stoffe wie der Lipopolysaccharide ab. Das Forscherteam glaubt, dass der Extrakt die spezifische zelluläre Abwehr stimuliert. Der konkrete Wirkmechanismus ist allerdings noch nicht bekannt.

Bei der atopischen Dermatitis wird diskutiert, ob ein gestörter Fettsäuremetabolismus für ihre Entstehung mitverantwortlich ist. Möglicherweise besteht hier aufgrund eines Enzymdefektes ein Mangel an Gamma-Linolensäure. Diese dient als Vorstufe der Prostaglandine E1 und E2, die antiallergisch und bronchialerweiternd wirken. Die Gabe von Gamma-Linolensäure soll die Bildung der Prostaglandine im Körper anregen und eine allergische Reaktion bremsen.

Keine Zulassung als Arzneimittel

Schwarzkümmelöl ist als Nahrungsergänzungsmittel im Handel und besitzt keine Zulassung als Arzneimittel. Daher darf es keine Indikation eines Arzneimittel beanspruchen. Die Arzneimittelkommission weist ausdrücklich darauf hin, dass in der Laienpresse mehr oder weniger versteckt solche Indikationen beworben werden, wie "Krebs vorbeugend" oder "bei Lungen-, Leber- und Magenleiden bewährt".

In Indien schreibt man dem Samen eine stimulierende stimmungsaufhellende und tonisierende Wirkung zu. Im Orient wird die Pflanze schon seit Jahrtausenden zur Heilung von Allergien und Entzündungen, auch zur Anregung des Stoffwechsels und der Sekretion, vor allem aber gegen Asthma, Bronchitis und bei Neurodermitis eingesetzt.

Schwarzkümmelöl soll gut verträglich und daher auch für Kinder geeignet sein. Der deutsche Arzt Dr. Peter Schleicher hat über 600 Patienten damit behandelt. Bei mehr als 70 Prozent der Patienten heilten allergische Krankheiten aus. Schleicher setzt es ebenfalls mit gutem Erfolg vorbeugend gegen Erkältungskrankheiten und Grippe ein.

Schwarzkümmelöl in Kapseln

Einen immunregulatorischen Effekt ergaben auch amerikanische Anwendungsbeobachtungen. Dazu müssen etwa drei bis vier Monate lang viermal täglich 10 Tropfen oder zweimal täglich 20 Tropfen reines Schwarzkümmelöl eingenommen werden. Das Öl ist auch in Kapselform erhältlich, doch auch die Kapseln haben keine Zulassung als Arzneimittel.

Auf Grund der derzeitigen Datenlage kann Schwarzkümmel bei keiner Indikation anstelle eines Arzneimittels empfohlen werden. Trotz einiger Erfolg versprechender In-vitro-Tests dürfen Nigella sativa und seine im Handel befindlichen Produkte nicht kritiklos als Wundermittel angepriesen und verkauft werden. Es fehlen noch immer klinische Studien. Lediglich als Lebensmittel zur Ergänzung der Nahrung kann Schwarzkümmelöl in pharmazeutischer Qualität und Prüfung ohne Heilversprechen abgegeben werden.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Gerhard Gensthaler
Fafnerstraße 33
80639 München



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