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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Orthomolekulare Medizin

Mikronährstoffe als Heilmittel


Von Carina Steyer / Die orthomolekulare Medizin ist eine ­alternativmedizinische Heilmethode, die maßgeblich von dem zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling geprägt wurde. ­Dahinter steckt die Idee, mit Mikronährstoffen Krankheiten ­verhüten, heilen oder Beschwerden lindern zu können. Wissenschaftliche Grundlagen fehlen bislang.

 

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Nach Auffassung der orthomolekularen Medizin sind heute viele Lebensmittel durch Züchtung, Lagerung und Transport an Nährstoffen verarmt. Der tägliche Bedarf an Mikronährstoffen könne so nicht gedeckt werden. Doch die orthomolekulare Medizin will nicht nur einem Mangel an Mikronährstoffen vorbeugen, sie möchte akute und chronische Erkrankungen verhindern, heilen und Beschwerden lindern.




Wollte man die 18 Gramm Vitamin C, die Linus Pauling täglich geschluckt haben soll, über die normale Nahrung zu sich nehmen, bräuchte man zum Beispiel 360 Orangen.

Foto: Shutterstock/ Iryna Denysova


Verwendet werden dafür Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren, Fettsäuren und Enzyme in Dosen, die laut Österreichischer Apothekerkammer teilweise 100- bis 1000-fach höher als die gängigen Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften sind. Begründet wird dies damit, dass die Empfehlungen der Fachgesellschaften lediglich Mangelerkrankungen wie Skorbut oder Rachitis verhindern können. Um akuten und chronischen Erkrankungen vorzubeugen, werde eine höhere Dosis benötigt. Diese wird als therapeutisch-pharmakologische Dosis bezeichnet.

Die Deutsche Gesellschaft für Ortho­molekulare Medizin empfiehlt auf ihrer Website zur Verhinderung grippaler Infekte die Einnahme von 2 Gramm Vitamin C pro Stunde ab den ersten leichten Krankheitssymptomen. Am zweiten und dritten Tag könne die Dosis etwas reduziert werden, eine genaue Empfehlung gibt es hier allerdings nicht. Eine zu späte Einnahme könne die Infektion nicht mehr verhindern, die Symptome aber deutlich abschwächen. Die Nebenwirkungen seien mit Durchfall oder Flatulenzen harmlos. Zum Vergleich: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Erwachsene eine Aufnahme von 95 Milligramm (Frauen) beziehungsweise 110 Milligramm (Männer) pro Tag. Chronische Erkrankungen resultieren aus Sicht der orthomolekularen Medizin aus einem über längere Zeit bestehenden Nährstoffmangel.

Wie alles begann

Zurückführen lässt sich die Theorie der orthomolekularen Medizin auf den US-amerikanischen Chemiker Linus Pauling (1901 bis 1994), dem 1954 der Nobelpreis für Chemie und 1963 der Friedens­nobel­preis verliehen wurde. Der US-amerikanische Arzt Paul A. Offit beschreibt in seinem Artikel »The Vitamin Myth: Why we think we need supple­ments« (The Atlantic) die Entwicklung von Paulings Theorien.

Den Anfang machte eine Begegnung mit dem Biochemiker Irwin Stone im Jahr 1966. Stone berichtete Pauling von seiner Theorie, dass Primaten aufgrund einer Genmutation Zucker nicht in Vitamin C umwandeln können. Alle Tiere ohne Genmutation erzeugten täglich eine weitaus höhere Menge Vi­tamin C als Menschen mit der Nahrung aufnehmen würden. Berechnet man diese Menge auf das Körpergewicht eines Menschen, müssten täglich 2 bis 4 Gramm Vitamin C zusätzlich aufgenommen werden. Stone vermutete, dass Menschen in einem dauerhaften Mangelzustand leben, durch den Krankheiten wie Allergien, Erkältungen oder Herzkrankheiten entstehen.




Chemiker und Nobelpreisträger Linus Pauling (1901–1994) im Jahr 1977

Foto: Picture-Alliance/Everett Collection


Pauling ließ sich für die Theorie begeistern und konsumierte selbst die von Stone empfohlenen 3 Gramm Vitamin C pro Tag. Die Dosis überstieg die damals empfohlene tägliche Dosis um das 50-Fache. Nach eigenen Angaben war Pauling seitdem erkältungsfrei und fühlte sich lebendiger. Im Lauf der Jahre erhöhte er seine tägliche Vitamin-C-Dosis, bis er schließlich 18 Gramm pro Tag konsumiert haben soll. Pauling gab der Vitamintheorie den Namen orthomolekulare Medizin und sah in ihr das Mittel zur Prävention von Erkältungen. So forderte er die Leser in seinem Buch »Vitamin C and the Common Cold« eindringlich auf, seinem Beispiel zu folgen und täglich 3 Gramm Vitamin C zu supplementieren. Mitte der 1970er-Jahre folgten rund 50 Millionen Amerikaner Paulings Rat.

Nachdem Pauling öffentlich für die Einnahme hoher Vitamin-C-Dosen warb, nahmen sich einige Wissenschaftler der Thematik an und untersuchten die These im Rahmen von Studien. An der University of Maryland beispielsweise erhielten Probanden die empfohlenen 3 Gramm Vitamin C pro Tag beziehungsweise ein Placebo. Nach drei Wochen wurden die Studienteilnehmer mit einem Erkältungsvirus infiziert. Alle Probanden entwickelten Erkältungssymptome von ähnlicher Ausprägung. Auch an der University of Toron­to in Kanada erhielten 3500 Probanden Vitamin C oder ein Placebo. Wieder gab es keinen Unterschied zwischen den Vergleichsgruppen. Obwohl die Studien­lage eindeutig war, weigerte sich Pauling, dies anzuerkennen.

Unbelehrbar

Pauling entwickelte die Theorie weiter und behauptete nun, dass Vitamin C nicht nur Erkältungen vorbeugen ­würde, sondern auch Krebs heilen ­könne. Nachdem der schottische ­Chirurg Ewan Cameron Pauling berichtet hatte, dass es seinen onkologischen Patienten, die er mit 10 Gramm Vitamin C pro Tag behandelt hatte, jeden Tag besser ging, fühlte sich Pauling ­bestätigt. Er wollte Camerons Ent­deckung in dem angesehenen Fachjournal »Proceedings of the National Academy of ­Sciences« veröffentlichen. Sein Beitrag wurde zu seiner Überraschung abgelehnt und der Fehler in Camerons Unter­suchung schnell aufgedeckt. Die mit Vitamin C behandelten Patienten waren von Anbeginn an gesünder als die nicht Behandelten. Und so galten Paulings Theorien in der Wissenschaftsgemeinschaft wieder einmal als widerlegt.

Pauling soll laut Offit gute Verbindungen zu Medienvertretern gehabt haben, sodass er seine Ansichten über diesen Weg verbreiten konnte. Die Behaup­tung, Vitamin C könne die Sterblichkeitsrate durch eine Krebserkrankung um 75 Prozent reduzieren und eine noch weitere Reduzierung sei durch zusätzliche Nahrungsergänzungsmittel möglich, verbreitete Pauling 1975. Er versprach allen US-Amerikanern ein längeres Leben mit einer Lebenserwartung von 100 bis 110 Jahren. Die Nachfrage nach hohen Vitamin-C-Dosen bei onkologischen Patienten stieg in den USA enorm an. Dies hatte zur Folge, dass Paulings neue Theorie wissenschaftlich genauer unter die Lupe genommen wurde.

Charles Moertel von der Mayo Clinic in Rochester in den USA war der Leiter einer Studie mit 150 Krebspatienten, von denen eine Hälfte 10 Gramm Vitamin C pro Tag erhielt, die andere Hälfte ein Placebo. Moertels Fazit nach Auswertung der Daten: kein Unterschied zwischen beiden Gruppen im Hinblick auf Symptome oder Mortalität. Pauling kritisierte die Studie stark, denn seiner Überzeugung nach könne Vitamin C nur wirken, wenn die Patienten zuvor keine Chemo­therapie erhalten hätten, was in der Studie nicht der Fall war. So startete Moertel eine neue Studie mit Krebs­patienten ohne Chemotherapie. Das Ergebnis unterschied sich nicht vom vorherigen. Moertel fasste zusammen: Hohe Vitamin-C-Dosen sind bei fortgeschrittenen, bösartigen Erkrankungen wirkungslos, unabhängig davon, ob eine Chemotherapie stattgefunden hat oder nicht.

Doch Pauling gab nicht auf. Er wurde nicht müde zu behaupten, dass Kombinationen von Vitamin C mit Vitamin A, Vitamin E, Selen und Betacaroten in der Lage seien, eine ganze Reihe von Krankheiten zu heilen. Herz­erkrankungen, Hepatitis, Mumps, Schlag­anfälle, Tetanus, Diabetes oder Frakturen sind einige Beispiele seiner langen Liste. Nebenwirkungen durch die Langzeitanwendung hoher Vitamin-C-Dosen negierte Pauling vehement. Er verstarb mit 93 Jahren an Prostatakrebs. Seitdem gilt Pauling für Anhänger der Methode als Beispiel, dass die orthomolekulare Medizin ein langes Leben beschert.

Kritik an orthomolekularer Medizin

Obwohl die orthomolekulare Medizin bereits zu Paulings Zeiten stark kritisiert wurde und bis heute eine allgemein anerkannte wissenschaftliche Basis fehlt, halten die Vertreter an der Wirksamkeit der Methode fest. Als Beweis für den Erfolg führen sie häufig Beispiele aus der gängigen medizinischen Praxis an, so etwa die Folsäureversorgung vor und während einer Schwangerschaft, um Neuralrohrdefekten beim Ungeborenen vorzubeugen. Auch dass die Vitamin-D-Referenzwerte in der jüngsten Vergangenheit von der DGE um das Vierfache angehoben wurden, ist wie Wasser auf die Mühlen der Orthomolekular-Anhänger.




Gut versorgt: Der Großteil der Deutschen nimmt über eine ausgewogene Mischkost ausreichend Vitamine auf.

Foto: Shutterstock/Roman Pyshchyk


Belege für die Nährstoffarmut der heutigen Lebensmittel gibt es allerdings nicht. Die DGE hat 2012 die derzeitige Datenlage zur Vitaminversorgung in Deutschland geprüft und stellte fest, dass der größte Teil der Bevölkerung mit einer gesunden Mischkost ausreichend versorgt ist.

Der orthomolekularen Medizin fehlt nicht nur die wissenschaftliche Grundlage, auch ihre teils hohen Kosten werden kritisch betrachtet. Laut der Österreichischen Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin folgt die Methode dem Ansatz »Messen – Therapieren – Kontrollieren«. Nach einer umfangreichen Anamnese soll eine Blutanalyse erfolgen. Die Bewertung und Interpretation der Blutwerte bildet die Grundlage für die eingeleitete Therapie und die Höhe der Dosierung. Die teils hohen Kosten für die Blutanalyse werden nicht von den Krankenkassen bezahlt und müssen vom Patienten selbst getragen werden.

Dazu kommen die laufenden und ebenfalls nicht unerheblichen Kosten für die empfohlenen Präparate. Als Nahrungsergänzungsmittel sind orthomolekulare Präparate ohne Rezept erhältlich. Einige Patienten greifen, um Kosten zu sparen, auf günstigere Mittel zurück, die über das Internet aus dem Ausland bezogen werden können. Andere verwenden orthomolekulare Präparate ohne ärztliche Betreuung und folgen Empfehlungen wie denen der Deutschen Orthomologischen Gesellschaft zur Vermeidung grippaler Infekte. Das Risiko einer Überdosierung oder Wechselwirkung mit anderen Medikamenten kann somit nicht ausgeschlossen werden. Etliche Studien belegen außerdem, dass eine längerfristige, sehr hoch dosierte Gabe von Vitaminen, wie sie zum Teil in der orthomolekularen Medizin praktiziert wird, zu ernsthaften Gesundheitsschäden führen kann. Man denke nur an die fettlöslichen Vitamine A, D und K, die sich bei Überdosierung im Körper anreichern und potenziell schädlich sein können. /



 

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