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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Schlafmohn

Foto: Schweig

Alte Heilpflanze gegen den Schmerz

von Brigitte M. Gensthaler, München

Seit Jahrtausenden schätzen Mediziner die Schmerz stillenden Wirkungen des Pflanzenstoffs Morphium. "Ohne Morphium möchte ich kein Arzt sein", äußerte der Medizinprofessor Paul Krause im Jahr 1925. Doch nicht nur der Schlafmohn bildet das Alkaloid Morphin, nach neuesten Forschungsergebnissen entsteht es sogar im menschlichen Organismus.

Opium und sein Inhaltsstoff Morphin gehören zu den ältesten Arzneien der Welt. Opium ist der getrocknete Milchsaft des Schlafmohns. Nur der Milchsaft von Papaver somniferum L. enthält nennenswerte Mengen Morphium, das heute Morphin genannt wird. Die genaue Herkunft der alten Nutzpflanze ist unklar. "Vermutlich ist Papaver somniferum keine Wildpflanze, sondern eine Züchtung", erklärte der Biologe Professor Dr. Meinhart Zenk von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg während eines Vortrags bei der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft in München.

Schon die Ärzte aus den alten Hochkulturen des Mittelmeerraumes beobachteten, dass der getrocknete Pflanzensaft des Schlafmohns auch schwerste Schmerzen lindern kann. Die älteste Überlieferung stammt von den Babyloniern und Assyrern um 4000 vor Christus. Seit der Antike wird die begehrte Pflanze in Asien, Europa und Nordafrika angebaut.

Der Opiumgebrauch erreichte im römischen Kaiserreich unter Nero eine Hochblüte: Sein Leibarzt Andromachus mischte Opium in den Theriak, einen seit alters her überlieferten Arzneitrunk. Dieser ist eine Mixtur aus bis zu 100 Bestandteilen, die bei vielerlei Gebrechen helfen und vor Vergiftungen schützen sollte. Nero fürchtete ständig, vergiftet zu werden, und trank daher täglich reichlich Theriak.

Den frühen Christen war der Schlafmohn verboten. Krankheit galt als Strafe Gottes, die zu ertragen war. Papst Silvester I. (314 bis 335) wird der Ausspruch zugeschrieben: "Schmerz ist Teilhabe an der Passion Christi." Nach Auffassung Zenks wirkt sich diese Einstellung bis heute aus. Viele Ärzte und auch Patienten haben immer noch Vorbehalte gegen die Schmerz stillenden Opioide. In Deutschland verordnen zu wenig Mediziner starke Analgetika mit der Folge, dass Schmerzpatienten unnötig leiden müssen.

Der arabischen Welt waren diese Vorbehalte fremd, daher nutzten ihre Mediziner das Wissen um die Wirkung des Opiums. Der berühmte arabische Arzt Ibn Sina (980 bis 1037), im Abendland Avicenna genannt, verhalf um die erste Jahrtausendwende dem Opiumgebrauch zu großem Ansehen. In die europäische Medizin holte erst Paracelsus (1493 bis 1541) das Heilmittel zurück.

Morphin aus dem Apothekenlabor

Es war eine Sternstunde der Pharmazie, als der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner (1783 bis 1841) um 1804 das Opium analysierte und das Morphin isolierte. Sertürner erkannte auch den basischen (alkalischen) Charakter des Morphins, aus dem später der Name Alkaloide für die ganze Stoffgruppe abgeleitet wurde. Reines Morphin ermöglichte erstmals die Behandlung von Schmerzpatienten mit definierten Dosen des Analgetikums.

Sertürners Entdeckung regte viele Wissenschaftler dazu an, in anderen Pflanzen intensiv nach weiteren Alkaloiden zu suchen. So erlebte die Pflanzenforschung einen wahren Boom: Bis 1850 wurden mehr als 30 Alkaloide in Heilpflanzen entdeckt, getestet und schließlich als Arzneimittel eingesetzt.

Geschäftstüchtige Apotheker witterten neue Einkommensquellen und widmeten sich der Großherstellung reiner Alkaloide. Allen voran Emanuel Merck, Besitzer der Engel-Apotheke in Darmstadt. Innerhalb weniger Jahre nahm die Morphinproduktion einen ungeahnten Aufschwung. Die Erfindung der Injektionsspritze durch Charles-Gabriel Pravaz ermöglichte erstmals, Arzneistofflösungen zu injizieren. Mit der parenteralen Applikation begann der Siegeszug des Morphins in der Therapie.

Ausgangsstoff Milchsaft

Papaver-Arten werden heute legal zur Ölsaatgewinnung, zum Beispiel in Südeuropa, und zur Opiumproduktion, beispielsweise in Indien und der Türkei, angebaut. Weltwirtschaftlich gesehen wesentlich bedeutender ist der illegale Anbau von Papaver somniferum, vor allem im "Goldenen Dreieck", dem Grenzgebiet zwischen Birma, Thailand und Laos. Bis zu 75 Prozent der illegalen Opiumproduktion sollen aus Afghanistan stammen, etwa 20 Prozent aus Birma, berichtete Zenk. Der Wert des weltweit illegal konsumierten Opiums liegt schätzungsweise zwischen 50 und 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Nahezu bescheiden wirkt dagegen der legale Verbrauch im Wert von etwa 5 Milliarden Dollar jährlich.

Nach wie vor wird Morphin aus der Pflanze gewonnen. Papaver somniferum ist ein einjähriges, 70 bis 120 cm hohes Kraut mit graugrünen Blättern, weißen, roten oder violetten Blüten und etwa walnussgroßen Fruchtkapseln, die zahlreiche blaugraue bis schwarze Samen enthalten.

Der getrocknete Milchsaft, das Opium, wird durch Anritzen der unreifen Kapseln gewonnen. Der austretende weiße Saft (Latex) trocknet rasch ein und verfärbt sich währenddessen braun. Die klebrige Masse wird abgeschabt und gesammelt. Eine einzige Kapsel liefert etwa 20 mg Opium. Das wichtigste Alkaloid im Opium ist das Morphin mit einem Anteil von 10 bis 13 Prozent. Noscapin ist - je nach Herkunft des Opiums - zu 3 bis 6 Prozent enthalten, Codein und Papaverin in deutlich geringeren Mengen. Insgesamt soll Papaver somniferum mehr als 80 Alkaloide bilden.

Unverzichtbar für Schmerztherapie

Morphin ist eines der stärksten Schmerzmittel. Im Körper bindet es vorwiegend an so genannte m-Opioidrezeptoren (das griechische m steht für Morphin) und löst damit eine Reaktionskaskade aus, die das Schmerzempfinden dämpft. Zudem stellt es den Darm ruhig und wird daher bei extremem Durchfall eingesetzt. Die obstipierende Dosis liegt unterhalb der zur Schmerzlinderung benötigten Menge. Daher leiden Schmerzpatienten, die Morphin bekommen, immer an Verstopfung und benötigen ein Abführmittel.

Morphin macht euphorisch und abhängig; es kann das Atemzentrum so stark dämpfen, dass es tödlich wirkt. Es gab unzählige Anstrengungen der Wissenschaftler, durch Abwandlung des Moleküls die erwünschte Schmerz lindernde Wirkung von der Dämpfung des Atemzentrums und der Euphorie zu trennen. Dies gelang den Forschern jedoch nur sehr bedingt. Heute ist eine Reihe von Opium-ähnlichen Stoffen, Opioide genannt, als Arzneimittel auf dem Markt. Dazu gehören Wirkstoffe wie Oxycodon (Oxygesic®), Pethidin (Dolantin®), Methadon (Polamidon®), Buprenorphin (Temgesic®), Tilidin (Valoron®), Fentanyl (Durogesic®), Pentazocin (Fortral®) und Tramadol (Tramal®); alle genannten Handelspräparate sind Beispiele. Methadon und Buprenorphin werden auch bei Heroinabhängigen zur Substitution eingesetzt. Die anderen Wirkstoffe dienen nach den Vorgaben des WHO-Stufenschemas zur Schmerztherapie. Einige Substanzen wirken erheblich stärker analgetisch als Morphin.

In der Medizin hat auch das Alkaloid Codein (Codipront®) große Bedeutung. Es wirkt zwar weniger Schmerz lindernd, dafür dämpft es aber das Hustenzentrum und lindert den quälenden Hustenreiz. Für die Indikation Husten werden auch Dihydrocodein (Paracodin®) und Hydromorphon (Dilaudid®) therapeutisch eingesetzt.

Opioide werden heute nur als Reinstoffe in verschiedenen Arzneiformen wie Tabletten, Kapseln, Tropfen, Sublingualtabletten und therapeutischen Systemen ("Arzneistoffpflaster") angewendet. Die früheren Zubereitungen der Opiumtinktur und des -extrakts sind obsolet.

Morphin im Menschen

Körpereigene Stoffe, die an Opioidrezeptoren angreifen, sind schon länger bekannt: Endorphine und Enkephaline. Jedoch war es eine große Überraschung, als Forscher vor wenigen Jahren im menschlichen Urin Spuren von Morphin nachweisen konnten, obwohl die Probanden kein Morphin eingenommen hatten. Zunächst nahm man irrtümlicherweise an, dass das Alkaloid aus der Nahrung stammte, berichtete der Biologe in München.

Zum Erstaunen der Fachleute wies seine Arbeitsgruppe am Institut für Pharmazeutische Biologie in Halle kürzlich zweifelsfrei nach, dass auch Säugetierzellen Morphin bilden können. Zenk geht davon aus, dass das im Urin gefundene Morphin vom Menschen selbst und nicht aus der Nahrung stammt. Die Bedeutung dieses Befundes sei noch unklar, sagte der Biologe. Auch das endogen gebildete Morphin greife sehr wahrscheinlich am m-Rezeptor an. Da dieser Rezeptortyp beispielsweise bei der Schmerzmodulation, im Immunsystem, bei Alkoholsucht oder psychiatrischen Syndromen eine Rolle spielt, seien viele Deutungen möglich.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de



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