Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Passionsblume

Foto: Sertürner

Eine Pflanze für den Glauben und mehr Gelassenheit

von Ulrich Meyer, Berlin

Als im 17. Jahrhundert die Passionsblume aus dem fernen Amerika importiert wurde, bezauberte ihre Blüte die Europäer. Für die Christen symbolisierte die Blüte die Leidensgeschichte und Kreuzigung Jesu. So erhielt die Rankenpflanze ihren deutschen Namen. Heute wird die Passiflora incarnata wegen ihrer beruhigenden Inhaltsstoffe geschätzt. Ihr Kraut hilft gegen Schlaflosigkeit und Unruhe und ist in zahlreichen Kombinationspräparaten enthalten.

"Dieses ist die berühmte Pflanze, die von Poeten besungen und von Oratoren gefeiert wird, über die Philosophen mit äußerster Schärfe sinnen, die von den Ärzten wegen ihrer wunderbaren Eigenschaften gepriesen, eifrig gesucht von Kranken, bewundert von Theologen und verehrt von allen frommen Christen wird." Mit diesen enthusiastischen Worten pries Dr. Aldinus, Leibarzt und Oberaufseher der Gärten des Kardinals Farnese aus Rom die Passiflora incarnata, als diese im 17. Jahrhundert nach Europa importiert wurde.

Wohl kaum eine Pflanze begrüßte ein Chronist im 17. Jahrhundert bei der Ankunft aus Amerika mit solch enthusiastischen Worten wie die Passionsblume, Passiflora incarnata. Dies ist umso verständlicher, als zuvor aus der Neuen Welt nur unscheinbare und wenig ansprechende Drogen bekannt waren: Rotbraune Chinarinde, grünliches Guajakholz und harzige Klumpen des Perubalsams vermochten die Gemüter der Europäer kaum zu bewegen.

Blüte erzählt von den Leiden Christi

Warum genoss die Passionsblume die Verehrung aller frommen Christen? Ein genauer Blick auf die einzigartige Blüte macht das verständlich: Die zehnblättrige, aus je fünf Kelch- und Kronblättern bestehende Blütenhülle galt als Sinnbild für die zehn getreuen Jünger Jesu. Die siebzig weiß-violett marmorierten Fäden der Nebenkrone erschienen als sein Dornenkranz. Der säulenartige Fruchtknoten wirkte als Pfahl der Geißelung. Die drei Griffel mit den dicklichen Narbenköpfen symbolisierten die Kreuznägel, und die fünf Staubblätter standen für seine Wundmale.

Die Ranken vertraten die Geißeln, mit denen Christus geschlagen, und das dreilappige Blatt repräsentierte die Lanze, mit der er gestochen wurde. Die Leidensgeschichte, die Passion Christi, schien sich in dieser Blüte abzubilden, und folgerichtig erhielt die Pflanze den Gattungsnamen "Passiflora". Nach christlichem Glauben hatte Jesus als fleischgewordener Gott Leid und Schmerz auf sich genommen, woraus der Artname resultierte. Denn "incarnata" leitet sich vom lateinischen incarnare = sich verkörpern ab.

Die köstliche Frucht der Maracuja

Die Gattung Passiflora zählt circa 400 bis 600 Arten. Es handelt sich durchweg um kletternde Stauden, die lianenartig in Wäldern und Gebüschen Nord- und Südamerikas wachsen und bis zu 20 Meter lange Ranken ausbilden können. Passionsblumen sind in tropischen und subtropischen Gebieten inzwischen weltweit anzutreffen, da Botaniker und Sammler sie schon seit dem 18. Jahrhundert verbreiteten und robuste Arten schnell verwilderten. Rund 50 bis 60 Passionsblumen tragen essbare Früchte, die unter dem Namen Maracuja bekannt wurden und deren Größe von der einer Pflaume bis zu vier Kilogramm schweren melonenartigen Gebilden reicht.

Verzehrt wird allerdings nicht das eigentliche Fruchtfleisch, sondern die Samenkerne, die sich mit einem süß-säuerlichen, sehr aromatischen Mantel von geleeartiger Konsistenz umgeben. Den köstlichen Inhalt der inzwischen häufiger im Handel angebotenen dunkelvioletten Früchte von Passiflora edulis entnimmt man nach dem Aufschneiden am besten mit einem Löffel. Neben Süßspeisen und Torten lassen sich auch wohlschmeckende Liköre mit Passionsfrüchten herstellen.

Zum Schlafen ist das Kraut gewachsen

Während die Früchte erst in den letzten Jahren verstärkt Eingang in die mitteleuropäische Küche fanden, kann das Passionsblumenkraut auf eine etwa 40-jährige pharmazeutische Tradition zurückblicken. Zunächst waren US-amerikanische Homöopathen auf die Pflanze aufmerksam geworden und setzten Passiflora als Urtinktur oder in niederen Potenzstufen bei Unruhezuständen und Schlaflosigkeit ein.

Anfang des 20. Jahrhunderts machten Mediziner von dieser Indikation auch in Europa Gebrauch, und etwa ab 1960 nahm die Zahl Passiflora-haltiger Präparate stark zu. Dabei wurde die Pflanze fast immer in Kombination mit anderen bekannten Phyto-Sedativa wie Baldrian, Hopfen und Melisse verwendet, so dass praktisch keine Studien zum Einsatz als Monopräparat vorliegen. Dennoch verabschiedete die ehemalige Kommission E beim Bundesgesundheitsamt eine Positiv-Monographie, die als Anwendungsgebiet "Nervöse Unruhezustände" nennt und eine relativ hohe Tagesdosis von 4 bis 8 Gramm Droge empfiehlt. Beim Einsatz in Kombinationspräparaten ist auf eine ausreichende Dosierung zu achten: Bei zwei Bestandteilen sollten der Kommission E zufolge je 50 bis 70 Prozent der empfohlenen Tagesdosen der Einzelmonographien, bei Dreierkombination je 30 bis 50 Prozent erreicht werden.

Als wertbestimmende Inhaltsstoffe des Passionsblumenkrautes gelten heute Flavonoide, die eine gewisse chemische Verwandtschaft zu denen des Weißdorns besitzen. Dies mag auch erklären, dass die Droge in Frankreich und der Schweiz besonders bei nervös bedingten Herzbeschwerden eingesetzt wird. Da die Flavonoide vor allem in den Blättern enthalten sind, sollte die Teedroge einen möglichst geringen Anteil an Stängeln aufweisen.

Rankende Schönheit ziert den Balkon

Obwohl die Passionsblumen eigentlich aus wärmeren Gefilden stammen, können einige Arten erstaunlicherweise etwas Frost ertragen. Für den Balkon oder geschützte Stellen im Hausgarten empfiehlt sich in erster Linie die blau-weiß blühende Passiflora caerulea, die im Blumenhandel inzwischen häufig angeboten wird. Ihr fleißiges Ranken und unablässiges Blühen erfreut den ganzen Sommer über und vermag auch heute noch die Begeisterung hervorzurufen, die der Chronist schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts verspürte.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=83