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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Gutartige Vergrößerung

Wenn die Prostata drückt


Von Clara Wildenrath / Die gutartige Prostatavergrößerung ist die häufigste Erkrankung älterer Männer. Früher oder später macht sie sich bei fast jedem bemerkbar. Medikamente, zum Teil pflanzlich, und operative Eingriffe können helfen.

 

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Häufiger Harndrang, Nachtröpfeln, nächt­liche Toilettengänge – nahezu ­jeder zweite Mann über 50 Jahren kennt solche Probleme beim Wasserlassen; mit zunehmendem Alter leiden immer mehr daran. Schuld ist in den meisten Fällen eine gutartige Vergrößerung der Vorsteherdrüse, auch benigne Prostata-Hyperplasie (BPH) genannt.




Dieser junge Mann hat beim Wasserlassen keine Probleme, zahlreiche BPH-Patienten schon.

Foto: Shutterstock/skyfish


Bei einem jungen Mann ist die ­Vorste­herdrüse etwa kastaniengroß – doch schon ab dem 35. Lebensjahr beginnt sie zu wachsen. Sie umschließt die männliche Harnröhre direkt unterhalb der Blase wie ein Ring und produziert ein Sekret, das sich bei der Ejakulation mit den Spermien vermischt und sie beweglicher macht. Dass die Prostata mit den Jahren größer wird, ist Teil des normalen Alterungsprozesses. Bei manchen Männern wächst sie allerdings schneller als bei anderen. Woran das liegt, konnte die Wissenschaft noch nicht genau klären. Sicher ist, dass das männliche Sexualhormon Testosteron eine Rolle spielt. Möglicherweise beeinflussen auch Ernährungsgewohnheiten und erb­­­liche Faktoren das Drüsenwachstum. Übergewicht und mangelnde körper­liche Aktivität erhöhen das ­Risiko, an BPH zu erkranken.

Wenn sich die Zellen im Zentrum der Prostata vermehren, kann das dazu führen, dass die Harnröhre zusammengepresst wird. Das behindert die Entleerung der Blase: Der Harnstrahl wird schwächer, das Wasserlassen dauert länger. Oft vergeht auch etwas Zeit, bis die ersten Tropfen kommen, und nach dem Urinieren träufelt es noch nach. Drückt die vergrößerte Prostata auf die Blase, löst das häufig schon Harndrang aus, bevor sie richtig gefüllt ist. Zudem kann die ständige Reizung den Blasenmuskel schwächen, sodass sich die Blase nicht mehr vollständig entleeren kann.

Bei vielen Männern treten diese Symptome auf, ohne ihre Gesundheit zu beeinträchtigen. Trotzdem können sie zu einer großen Belastung werden: etwa, wenn die nächtlichen Toilettenbesuche nicht nur den eigenen, sondern auch den Schlaf anderer Familienmitglieder stören, oder wenn der häu­fige Harndrang bestimmte Aktivitäten einschränkt. Manchmal führt die Prostatavergrößerung aber auch zu ernsthaften medizinischen Problemen.

Komplikationen der BPH

Bleibt in der Blase regelmäßig Restharn zurück, vermehren sich darin leicht Keime. Deshalb kommt es möglicherweise häufiger zu Harnwegsinfekten. Steigen die Keime über die Harnleiter bis ins Nierenbecken auf, drohen dort gefährliche Entzündungen. Auch wenn sich der Urin längere Zeit anstaut, können die Nieren dauerhaft geschädigt werden. Ablagerungen von Urinbestandteilen, die nicht ausgespült werden, fördern zudem die Entstehung von Harnsteinen.

Von einem akuten Harnverhalt spricht der Mediziner, wenn ein Mann plötzlich kaum noch oder gar nicht mehr urinieren kann. Das ist meist sehr schmerzhaft und erfordert schnelles Handeln: Über einen Katheter oder durch eine Nadelpunktion muss der Arzt die überfüllte Blase entleeren. Allerdings tritt ein solcher Notfall innerhalb von fünf Jahren nur bei ein bis drei von 100 BPH-Patienten auf. Die ­Gefahr steigt, je größer die Prostata und je schwächer der Harnstrahl ist.

Ärztliche Untersuchungen

Ob und wie stark die Prostata ver­größert ist, kann der Arzt mit dem ­Finger vom After aus durch den Enddarm ertasten. Die digitale rektale ­Untersuchung gibt auch erste Hinweise darauf, ob krebsverdächtige oder entzündliche Veränderungen vorliegen. In einer Urinprobe lassen sich Entzündungszeichen nachweisen, etwa bei ­einer Infektion der Blase oder der Prostata.

Im Blut wird häufig der PSA-Wert bestimmt. Eine vergrößerte Prostata produziert mehr PSA (Prostata-spezifisches Antigen). Stark erhöhte Werte können auch auf Prostatakrebs hinweisen. Allerdings wird der Wert durch viele Faktoren, zum Beispiel durch Radfahren, verfälscht und gilt als nicht sehr zuverlässig.




Nicht immer muss die BPH behandelt werden. Dennoch sollte der Arzt regelmäßig kontrol­lieren, wie sich die Erkrankung entwickelt.

Foto: Shutterstock/VGstockstudio


Mit einer Harnstrahlmessung (Uroflowmetrie) prüft der Urologe, wie viel Urin der Patient pro Sekunde ausscheidet. Zu diesem Zweck muss er in ein spezielles Gefäß urinieren, wobei die Fließgeschwindigkeit gemessen wird. Nach dem Wasserlassen kann der Arzt die Menge des verbliebenen Restharns in der Blase durch eine Ultraschalluntersuchung ab­schätzen. Mithilfe einer Ultraschallsonde im Enddarm (transrektale Sonografie) lassen sich Größe, Form und eventuelle Veränderungen der ­Prostata ­genauer bestimmen. Bei einem Krebsverdacht kann über diesen Zugangsweg auch eine Prostatabiopsie entnommen werden. Gilt es, ungeklärte Blutbeimengungen im Urin oder andere Erkrankungen der Harnblase abzuklären, wird der Arzt unter Umständen eine Blasenspiegelung (Zystoskopie) empfehlen. Speziellen, meist neuro­logischen Blasenfunktionsstörungen kann er durch urodynamische Untersuchungen auf den Grund gehen. Dabei werden die Druckverhältnisse in Blase, Harnröhre und Darm mithilfe von ­Kathetern gemessen.

Wie stark die Beschwerden des Patienten sind, lässt sich durch den Internationalen Prostata-Symptome-Score IPSS objektivieren. Dieser standardisierte Fragebogen, den der Patient auch selbst ausfüllen kann, wird weltweit verwendet. Er zeigt, ob die Symptomatik milde, mäßig oder stark ausgeprägt ist, und hilft auch bei der Verlaufsbeobachtung.

Mit BPH leben

Das subjektive Ausmaß der Beschwerden und ihr Einfluss auf die Lebensqualität des Patienten bestimmen – neben den objektiven Befunden – auch die Therapie der BPH. Bei einem niedrigen IPSS-Wert und geringem Leidensdruck reicht es oft aus, unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle abzuwarten, wie sich die Erkrankung entwickelt. Zusätzlich können die betroffenen Männer ­einiges unternehmen, um im Alltag besser mit den Beschwerden zurecht zu kommen. Sinnvoll ist beispielsweise, vor dem Schlafengehen oder vor längeren Autofahrten nicht so viel zu trinken. ­Besonders Alkohol und coffeinhaltige Getränke sollten BPH-Patienten meiden, weil sie die Wasserausscheidung verstärken. Allerdings darf die Flüssigkeitszufuhr insgesamt keinesfalls zu sehr eingeschränkt werden. Aktuelle Leit­linien empfehlen, bei einer ver­größerten Prostata pro Tag rund 1,5 Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Ein »Ausstreichen« der Harnröhre kann Nachtröpfeln nach dem Toilettenbesuch vermeiden. Blasen- und Beckenbodentraining tragen dazu bei, die Speicherfähigkeit der Blase zu trainieren.




Präparate mit Brennnesselwurzel gelten bei der Indikation BPH als gut untersucht.

Foto: Shutterstock/Tompet


Oft nehmen ältere Männer bereits Medikamente wegen anderer Erkrankungen ein. PTA und Apotheker können ihnen helfen, herauszufinden, ob darunter Wirkstoffe sind, die die Prostataprobleme verstärken. So führen beispielsweise Diuretika zu einer höheren Flüssigkeitsausscheidung. Auch ­manche Antidepressiva oder Antihistaminika können die Symptomatik verschlechtern. Für viele dieser Arzneimittel gibt es Alternativen. In Absprache mit dem Arzt ist eine Medikamentenumstellung in solchen Fällen oft sehr hilfreich.

Pflanzliche Hilfe

Viele BPH-Patienten vertrauen auf pflanzliche Substanzen, um ihre Beschwerden zu lindern. Häufig verwendet werden beispielsweise Präparate mit Inhaltsstoffen aus den Früchten der Sägezahnpalme (Serenoa repens), aus der Brennnesselwurzel (Urtica dioica radix), aus Roggenpollen (Secale cereale) oder Kürbissamen (Cucurbita pepo). Allerdings gibt es bislang nur wenige aussagekräftige und ausreichend große Studien, die belegen, dass sich die Symptome dadurch stärker verbessern als unter Placebo. Als am besten untersucht gelten Präparate mit Extrakten aus der Sägezahnpalme und / oder Brennnesselwurzel.

Synthetische Wirkstoffe

α-1-Rezeptor-Antagonisten zählen zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten gegen Prostatabeschwerden. Meist wird in Deutschland Tamsulosin eingesetzt; zugelassen sind außerdem Alfuzosin, Doxazosin, Silodosin und Terazosin. Sie reduzieren die Muskelspannung in der Prostata und im unteren Bereich der Blase. So erleichtern sie das Wasserlassen. Meist verbessert sich dadurch die Symptomatik innerhalb weniger Tage. Auf das Prostatawachstum und das Komplikationsrisiko haben α-Blocker allerdings keinen Einfluss. Die meisten Präparate bewirken eine mehr oder weniger starke Blutdrucksenkung – was durch andere blutdrucksenkende Medikamente verstärkt werden kann. Als typische Nebenwirkungen gelten vor allem Schwindel, Abgeschlagenheit und niedriger Blutdruck, aber auch Störungen beim Samenerguss und eine laufende Nase.




Probleme beim Geschlechtsverkehr sind nach einer Prostata-OP nicht ausgeschlossen, aber reversibel.

Foto: Shutterstock/altafulla


Anders als α-Blocker können 5-α-Re­du­ktase-Hemmer nicht nur die Symptome lindern, sondern auch das Prostatavolumen verringern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Sie blockieren ein Enzym, das das männ­liche Geschlechtshormon Testosteron in seine aktive Form Dihydrotestosteron (DHT) umwandelt. DHT ist hauptverantwortlich für die Vergrößerung der Vorsteherdrüse. Die Enzymhemmung reduziert seine Wirkung – so kann sich die Prostata wieder verkleinern. Allerdings setzt der volle Effekt erst nach etwa sechs Monaten ein. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Erektionsstörungen, verringertes sexuelles Verlangen, Störungen beim Samenerguss und Schwellungen der Brustdrüsen. In Deutschland erhältlich sind Finasterid und Dutasterid.

5-α-Reduktase-Hemmer und Alphablocker werden wegen der sich ergänzenden Wirkung auch in Kombination eingesetzt. Stehen bei einer Prostatavergrößerung vor allem die Symptome einer überaktiven Blase im Vordergrund – etwa sehr häufiger Harndrang –, ­können Muscarinrezeptor-Antagonisten (Anti­cholinergika) hilfreich sein. Seit 2012 ist auch der Phosphodiesterase-5-Hemmer Tadalafil, ursprünglich ein Potenzmittel, zur Behandlung der BPH ­zu­gelassen.

Operative Eingriffe

Nicht immer lassen sich die Beschwerden durch Medikamente ausreichend lindern. Oder Komplikationen wie Harnsteine oder Harnwegsinfekte treten ­immer wieder auf. Deshalb rät der ­Urologe manchmal zu einem chirurgischen Eingriff. Auch nach einem akuten Harnverhalt ist in der Regel eine Operation notwendig. Normalerweise wird dabei – anders als bei Prostatakrebs – die Vorsteherdrüse nicht komplett entfernt, sondern nur verkleinert. Bei den meisten Verfahren geschieht das durch die Harnröhre hindurch ­(transurethral). ­Offene Operationen mit einem Bauchschnitt sind heute nur noch selten erforderlich.

Als Standardmethode gilt bislang die »transurethrale Elektroresektion« (TURP), bei der die Prostata mit einer elektrischen Schlinge quasi von innen ausgeschält wird. Die häufigste Nebenwirkung dieses Verfahrens ist der trockene Samenerguss, in der Fachsprache retrograde Ejakulation genannt: Beim Orgasmus wird die Samenflüssigkeit nicht nach außen abgegeben, sondern fließt zurück in die Harnblase. Das hat keinen Einfluss auf die Potenz, beeinträchtigt aber die Zeugungsfähigkeit.

Andere Verfahren nutzen zum Abtragen von Prostatagewebe beispielsweise Laser, Mikro- oder Radiowellen. Bei der »transurethralen Inzision« (TUIP) wird die Prostata nicht verkleinert, sondern durch kleine Einschnitte der Druck auf die Harnröhre vermindert. Während der Heilungsphase nach einer Operation können oft noch Pro­bleme beim Wasserlassen oder Erektionsstörungen auftreten, die aber in der Regel spätestens nach einem halben Jahr nachlassen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2016

 

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