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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Neembaum

Foto: Neem Foundation

Noch viel Potenzial unerforscht

von Ursula Sellerberg

Der Neem- oder Niembaum wird in Indien seit mehr als 4000 Jahren als heiliger Baum verehrt. Übersetzt heißt »Niem« Heilspender oder Krankheitserleichterer. Bislang enthalten einige Präparate gegen Kopfläuse und Hausstaubmilben Neemöl und Zubereitungen aus Neembaumblättern, -rinde oder -samen. Auch in Pflanzenschutzmitteln und in Kosmetika wird Neemöl eingesetzt.

Ursprünglich stammt der Neembaum aus Indien und Sri Lanka, kommt heute aber auch in anderen tropischen und subtropischen Regionen vor. Angebaut wird er in Westafrika und Australien. Der meist immergüne Neembaum wird auch Niem- oder Nimbaum genannt. Seine botanische Bezeichnung ist Antelaea azadirachta (synonym: Azadirachta indica oder Melia azadirachta). Er gehört zur Familie der Mahagonigewächse, der Meliaceae. 

Der Neembaum ist immergrün und wird durchschnitllich 15 bis 20 Meter hoch. An optimalen Standorten kann er auch Wuchshöhen von bis zu 40 Meter erreichen. Er ist relativ unempfindlich gegenüber Trockenheit und kann bei geringem Niederschlag überleben. Kälte verträgt er jedoch gar nicht, dann verliert er seine Blätter. Unter günstigen Bedingungen wächst er sehr schnell. Daher ist Neemholz ein begehrtes Baumaterial.

Die imposante Laubkrone besteht aus unpaarig gefiederten Laubblättern, die bis zu 40 Zentimeter lang werden. Junge Blätter sind oft rötlich, ältere mittel- bis dunkelgrün gefärbt. Die kleinen, weißen Blüten stehen in Rispen. Aus ihnen entwickeln sich olivenähnliche Früchte mit meist einem Samen. Die Früchte schmecken bitter-süß, das Fruchtfleisch ist gelblich-weiß. Vögel und auch andere Tiere fressen die Früchte und verbreiten so die unverdaulichen Samen. 

Das bittere Neemöl (Synonym: Margosaöl oder Nimöl) ist das fette Öl der Samen. Der bei der Gewinnung von Neemöl anfallende Rückstand wird »neem cake« genannt und ist ein wertvoller organischer Dünger. Da der Presskuchen noch viele Mineralien und Nährstoffe enthält, dient er ebenfalls als Viehfutter.

Die Inder mischen Neemblätter unter Getreide oder hängen sie in Speisekammern auf, um Schädlinge fern zu halten. Präparate aus Bestandteilen des Neembaums oder das Neemöl werden zur Abwehr von schädlichen Insekten wie Mücken, Fliegen, Wanzen, Läusen, Kakerlaken oder Wanderheuschrecken eingesetzt. Daher enthalten auch manche Repellents Neembaum. Der Geruch hält Insekten ab, und sie sind weniger vital. 

Ökologische Produkte

Neem-Extrakte sind vollständig biologisch abbaubar. Ein Nachteil: Sie sind nur schlecht lagerfähig, denn die Inhaltsstoffe sind empfindlich gegen Licht und Feuchtigkeit. Nützlingen wie Bienen oder Vögel schaden die Extrakte anscheinend nicht. Traditionell werden Extrakte des Neembaums oder sein fettes Öl außerdem zur Herstellung von Seifen und Zahnpasten angewendet. 

Noch nicht alle Inhaltsstoffe des Neembaums sind umfassend erforscht. Je nach untersuchtem Pflanzenteil enthält der Baum unterschiedliche Substanzen, mehr als 100, schätzen Forscher, mit komplizierten chemischen Strukturen. Traditionell verwendet werden Rinde, Blätter und Samen. Einer der bislang am besten untersuchten Inhaltsstoffe ist der Hauptbestandteil des Samens, das Azadirachtin, ein bitter schmeckendes Terpen. Azidirachtin hemmt das Wachstum von Bakterien, Pilzen und Viren. Wahrscheinlich stört es auch die Vermehrung von Insekten. Ein Indiz für seine Fraß hemmende Wirkung ist, dass die Neembäume bei Heuschreckenplagen verschont werden. Die Blätter enthalten das Alkaloid Parasin und werden als Insektenvertilgungsmittel eingesetzt. 

Pharmazeutisch werden das Neemöl und andere Zubereitungen des Neembaums in Mitteln gegen Kopfläuse oder in Präparaten zur Zahn- und Mundhygiene eingesetzt. Einige Zahncremes und Mundwässer enthalten ebenfalls Neemöl. Es scheint antibakteriell zu wirken und die Behandlung von Zahnfleischerkrankungen zu erleichtern. 

Anwendung in der Ayurveda

In der indischen Volksmedizin (Ayurveda) werden Zubereitungen aus dem Neembaum vor allem bei entzündlichen und fieberhaften Erkrankungen eingesetzt, unter anderem gegen Malaria und Lepra, aber auch bei dyspeptischen Beschwerden und Wurmbefall. Konzentrierte Abkochungen aus den Blättern werden zur Desinfektion genutzt, beispielsweise zum Waschen von Wunden und Geschwüren. Die traditionellen Indikationen und die dabei beobachteten Effekte rechtfertigen bislang nicht den Einsatz in der westlichen Medizin. Daher untersuchen Wissenschaftler derzeit die Wirkung von Zubereitungen aus der Rinde, den Blättern und anderen Pflanzenteilen. 

Neem gegen Hausstaubmilben

Ein in Deutschland bekanntes Anwendungsgebiet des Neemöls ist der Einsatz gegen Hausstaubmilben (zum Beispiel milbiol® oder Milbenfrei Spray Coscura). Es soll die Hautschuppen für Milben ungenießbar machen und das Wachstum der Larven stoppen. Die Präparate müssen wiederholt auf Matratzen, Tages- und Steppdecken, Sofas und Sessel aufgesprüht werden, dann soll die Wirkung mehrere Monate anhalten. Die Produkte hinterlassen keine Flecken; nach einer gründlichen Erstbehandlung ist die Nachbehandlung nach vier bis sechs Wochen nötig. Danach soll die Behandlung laut Herstellerempfehlung alle acht bis zwölf Monate wiederholt werden. Neem-Extrakte sind auch Bestandteil von Mottensprays (wie in Motten frei Spray Coscura biologisch) oder Kopflaus-Shampoos (wie in Wash away Laus Shampoo). 

Bislang wurden keine Nebenwirkungen von Neem-Extrakten bei Menschen beobachtet. Ob die schwer löslichen Inhaltsstoffe durch die intakte Haut resorbiert werden, ist nicht geklärt. Ebenso sind viele Wirkungen der Neem-Extrakte noch nicht vollständig erforscht. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie bei Magengeschwüren die Sekretion von Magensaft hemmen könnten. Neem-Extrakte wirken wegen der spermiziden Wirkung einzelner Inhaltsstoffe möglicherweise auch empfängnisverhütend. 

Aktuell lautet die Empfehlung: Neem-Extrakte nicht einnehmen. Doch eines ist sicher: Neembaum ist pharmazeutisch sehr interessant und verspricht noch einige Überraschungen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de



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