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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Pestwurz

Foto: Sertürner

Pestwurz kämpft gegen Krämpfe

von Ulrich Meyer, Berlin

Zwischen März und Mai blüht die gemeine Pestwurz auf feuchten Wiesen und an Bachufern. Derzeit fällt sie durch ihre gigantischen Blätter auf. Ärzte wendeten die Heilpflanze schon im Mittelalter an: Ihr Wurzelstock versagte allerdings bei der Bekämpfung der Pest-Epidemie, bewährte sich später umso mehr als krampflösendes Urologikum bei Harnsteinleiden. Nun sind die Forscher auf eine weitere Spur gestoßen: In Studien verhindert der Extrakt aus dem Rhizom Migräne-Anfälle.

Eiligen Schrittes verließ der Stadt-Medicus das Haus. Sein Gesicht hatte er unter einer vogelartigen Schnabelmaske verborgen, der - prall mit Kräutern gefüllt - aromatische Dämpfe entstiegen. Die Hände waren in Handschuhe gehüllt, und der Rest des Körpers steckte in einem unförmigen bodenlangen Gewand aus Wachstuch. Der Medicus konnte wieder bei einem Kranken nichts ausrichten: Der "Schwarze Tod" forderte Opfer um Opfer und verbreitete in den Mauern der Stadt unvorstellbares Grauen.

Zahllose Mittel hatte der Stadtarzt schon "wider die pestilenz" versucht: Harze wie Weihrauch und Benzoe, Blätter von Eiche, Orange, Granatapfel und Quitte, verschiedene Hölzer, ja sogar Bernstein und Schwefel. Zuletzt stand Petasites, die Pestwurz, auf dem Rezept. Ihr Wurzelstock galt als schweiß- und harntreibend, und der Arzt hoffte, mit dieser Pflanze die Pest austreiben zu können.

Entspannung für die Harnwege 

Die Verordnung war vergeblich - aus heutiger Sicht durchaus erklärlich, enthält die Pestwurz doch keinerlei Substanzen mit nennenswerter antimikrobieller Aktivität. Indes überraschten die Inhaltsstoffe der Composite durch andere pharmakologische Effekte: Sesquiterpene wie Petasin und Isopetasin entfalten eine dem Papaverin vergleichbare muskulotrop-spasmolytische Aktivität. Das veranlasste die ehemalige Kommission E beim Bundesgesundheitsamt, den Einsatz des Pestwurz-Rhizoms gegen krampfartige Schmerzen im Bereich der ableitenden Harnwege gutzuheißen. Auch die Verwendung bei Dysmenorrhoe und spastischen Bronchialerkrankungen erscheint vor diesem Hintergrund durchaus plausibel. Für die letzt genannte Indikation könnte zudem von Bedeutung sein, dass Petasin und seine Verwandten die Synthese der stark bronchokonstriktorisch wirkenden Leukotriene hemmen.

In Studien gegen Migräne wirksam

Bei dem Versuch, den volksmedizinischen Einsatz der Pestwurz nachzuvollziehen, wurden Forscher in den achtziger Jahren auf eine neue potenzielle Indikation für Petasites aufmerksam: 1986 berichtete F. S. Gruia erstmals, dass Pestwurz-Extrakt bei Migräne-Patienten Anfallshäufigkeit und Schmerzintensität vermindere. Eine Studie am Städtischen Krankenhaus in München-Harlaching konnte die Ergebnisse unter Doppelblind-Bedingungen bestätigen: 25 von 33 Patienten, die ein Pestwurz-Präparat erhielten, zeigten eine Besserung, dagegen nur 11 von 27 mit Placebo behandelten Probanden. Relevante Nebenwirkungen traten nicht auf. Zugelassen sind derzeit zwei Kapsel-Präparate mit den Indikationen Migräne und Spannungskopfschmerz.

Extrakt frei von schädlichen Alkaloiden

Da moderne Pestwurz-Extrakte mit flüssigem Kohlendioxid extrahiert werden, ist eine Gefährdung durch die in der Pflanze enthaltenen potenziell hepatotoxischen Pyrrolizidin-Alkaloide nicht zu befürchten. Die Extraktion verläuft nach einem patentierten Verfahren selektiv, so dass Alkaloid-freie Zubereitungen entstehen. Auch eine Begrenzung der Anwendungsdauer ist bei Verwendung eines CO2-Extraktes nicht zwingend erforderlich. Es wird jedoch empfohlen, Pestwurz-Extrakt zur Migräne-Prophylaxe zunächst über drei bis vier Monate einzunehmen und dann einen Auslassversuch zu unternehmen. Treten die Beschwerden wieder auf, kann das Präparat erneut kurmäßig eingesetzt werden. Bei akuten Migräne-Attacken zeigt Pestwurz keine Wirkung, der Einsatz konventioneller Analgetika ist in diesem Fall jedoch auch unter vorheriger prophylaktischer Petasites-Gabe möglich. Interaktionen sind bislang nicht bekannt.

Während das Rhizom der Pestwurz in den letzten Jahren somit eine erstaunliche Renaissance erfuhr, gelten Zubereitungen aus den Blättern heute als obsolet. Die Kommission E verabschiedete eine Negativ-Monographie, da sie die Wirksamkeit als nicht belegt und die Gefährdung durch den Gehalt an Pyrrolizidin-Alkaloiden als zu hoch ansah.

Schatten-Spender am Uferrand

Die Blätter können dem Kopf dafür in ganz anderer Hinsicht gute Dienste leisten: Mit einer Länge von bis zu einem Meter und einer Breite von 30 bis 60 Zentimetern geben sie an heißen Tagen einen vortrefflichen Sonnenschirm ab. Im Schwyzer-Dütsch erhielt die Pestwurz aus diesem Grund den liebevollen Spitznamen "Sunnetach". An feuchten Stellen, Bachläufen und Teichen ist die Pflanze häufig anzutreffen. Dank der mächtigen Blattschirme wird auch der botanisch wenig versierte Wanderer die Pestwurz kaum verfehlen.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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