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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Spitzwegerich

Foto: Sertürner

Ein Wegelagerer bekämpft Hustenreiz

von Ursula Sellerberg, Frankfurt am Main

Auf fast jeder trockenen Wiese, auf Feldern, Schuttplätzen und an Wegesrändern ist der Spitzwegerich zu finden. Er gehört zu den häufigsten einheimischen Heilpflanzen. Sein wichtigstes Anwendungsgebiet ist der Reizhusten, aber auch gegen Entzündungen der Haut und Schleimhaut wird er eingesetzt.

Spitzwegerich (Plantago lanceolata) ist eine ausdauernde Pflanze, die auf fast jeder Wiese und am Wegesrand wächst. Er bevorzugt trockene Plätze und kalkarme Böden. Die Blätter stehen in einer Grundrosette und werden 20 bis 40 Zentimeter lang. Sie sind schmal und ähneln einer Lanzette, die drei bis sieben Blattnerven treten deutlich als Längsadern hervor. Aus der Mitte der Blattrosette entspringen 10 bis 50 Zentimeter lange aufrechte, blattlose Stängel, an deren Spitze eine walzliche bis kugelige Blütenähre sitzt. Die Ähre ist zwei bis drei Zentimeter lang und besteht aus unscheinbaren Blüten. Die eiförmigen, zugespitzten Deckblätter sind pergamentartig trocken. Erst nach dem Welken der weiblichen Blütenteile entfalten sich die Staubgefäße. Die Blüten produzieren keinen Nektar und riechen nicht, da sie keine Insekten anlocken müssen. Statt dessen sind sie auf Windbestäubung ausgerichtet. Die Staubfäden hängen von Mai bis September lang aus den Blüten heraus. Die Frucht ist eine Kapsel mit zwei Samen.

Der Gattungsname Plantago wird auf das lateinische planta = Fußsohle zurückgeführt; die Blätter anderer Plantago-Arten, besonders von Plantago major, dem Breit-Wegerich, erinnern an Fußsohlen. Der Begriff "lanceolata" stammt vom lateinischen lanceo = Lanze und spielt auf die Form der Blätter an. Auch die deutsche Vorsilbe "Spitz" deutet auf die Blattform hin. Die Silbe "rih" des deutschen Namens stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Herrscher oder König. Somit steht "Wegerich" für "Wegbeherrscher", was zu seiner Verbreitung an Wegesrändern passt. Andere volkstümliche Namen sind Heil- oder Wundwegerich. In Nordamerika war Spitzwegerich bis zur Ankunft der Europäer unbekannt. Er wurde durch verunreinigtes Saatgut eingeschleppt und fand sich daher zunächst nur in der Nähe der Siedlungen von Weißen. Die indianischen Ureinwohner bezeichneten die Pflanze daher auch als "Fußtritt des weißen Mannes".

Volksmedizinisch breit eingesetzt

Spitzwegerich wird bereits in alten Kräuterbüchern vielfach erwähnt und sehr geschätzt. Charakteristisch für sein hohes Ansehen ist die altgermanische Bezeichnung "Läkeblad", was übersetzt etwa "Heilblatt" bedeutet. Er wurde vielfältig eingesetzt, so bei Geschwülsten oder Brandwunden, bei Fieber, Augenentzündungen, nach Hundebissen oder Insektenstichen und gegen Würmer. Auch diente er früher als Blutstiller. Mit Spitzwegerichtee behandelten Ärzte Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgreich den Keuchhusten. Mangels Antibiotika therapierten viele Ärzte im Zweiten Weltkrieg infizierte Wunden mit Zubereitungen aus Spitzwegerich.

In der Volksmedizin wird er heute noch bei Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Appetitlosigkeit und Magenschleimhautentzündungen sowie gegen Blähungen verwendet. Äußerlich wird er für Augenbäder bei Bindehautentzündungen, zur Wundheilung und als Gurgelmittel bei Hals- und Rachenentzündungen eingesetzt.

Verfärbung bei falscher Lagerung

Spitzwegerichkraut enthält die Iridoidglykoside Aucubin und Catalpol, Acteosid, ein Phenylethanoid, 2 bis 6 Prozent Schleimstoffe und etwa 5 Prozent Gerbstoffe. Der Zuckeralkohol Sorbit trägt dazu bei, dass sich auf der Schleimhaut eine schützende Schicht bildet.

Die Arzneibuchdroge, Plantaginis herba, ist das zur Blütezeit geerntete Kraut und enthält Blätter, Stängel und Blütenstände. Aus einem der wichtigsten Inhaltstoffe, dem Aucubin, entsteht bei feuchter Lagerung ein dunkelbraunes Polymerisat. Nicht sorgfältig getrocknete Droge ist daher an dunklen Verfärbungen zu erkennen.

Fluidextrakt hemmt Bakterien

Versuche ergaben eine gute antibakterielle Wirksamkeit des Fluidextrakts und des Presssaftes, wässrige Auszüge hatten dagegen keine Wirkung. Diese auf den ersten Blick überraschende Tatsache ist erklärbar: Verantwortlich für die antibakterielle Wirkung ist nicht das Aucubin, sondern sein Aglykon, das Aucubigenin. Fluidextrakt und Pressaft enthalten das pflanzeneigene Enzym b-Glucosidase, das das Aglykon freisetzt. Das Enzym wird hingegen durch Kochen zerstört, wie es bei der Gewinnung eines wässrigen Auszugs geschieht. Somit bleibt das Aucubin intakt und der Auszug wirkt nicht bakterienhemmend.

Wissenschaftlich belegt sind folgende Einsatzgebiete des Spitzwegerichs: innerlich bei Katarrhen der Atemwege und bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut, äußerlich gegen entzündliche Veränderungen der Haut. Diese Anwendungen beruhen auf den reizmildernden, zusammenziehenden und antibakteriellen Wirkungen der Pflanzeninhaltsstoffe. Die mittlere Tagesdosis liegt zwischen drei und sechs Gramm Droge.

Husten kann auf drei Wegen behandelt werden: erstens durch lokale Minderung des Hustenreizes, zweitens durch periphere und drittens durch zentrale Hemmung des Hustenreflexes. Schleime, so auch die Schleimstoffe des Spitzwegerichkrauts, lindern den Hustenreiz lokal. Als Makromoleküle können Schleime die Schleimhaut nicht passieren und bilden damit auf den Schleimhäuten eine schützende Schicht, die Reize abhält und so den Husten hemmt. Eine andere Möglichkeit der Reizlinderung sind Dampfinhalationen zum Beispiel unter Zusatz von ätherischen Ölen. Den Hustenreflex peripher hemmen andere Heilpflanzen wie das Ephedrakraut; zentral wirksam sind Codein und Noscapin. Beide Substanzen sind auch als Naturstoffe zu bezeichnen, da sie aus dem Opium gewonnen werden können.

Spitzwegerich stoppt Reizhusten

Auch wenn viele Patienten mit heftigem Hustenreiz in der Apotheke nach einem Hustenstiller fragen, ist es nicht immer sinnvoll, den Reflex zu unterdrücken. Hemmende Wirkstoffe wie Noscapin verhindern das notwendige Abhusten von Schleim. So sammelt sich das Sekret in der Lunge, und ein guter Nährboden für Bakterien entsteht. Die Folge kann eine bronchiale "Superinfektion" sein.

Der Hustenreflex ist sinnvoll, weil er Fremdstoffe oder Schleim aus den Lungen befördert. Nur bei trockenem, unproduktivem Husten darf er unterdrückt werden. Spitzwegerich hemmt nicht das Hustenzentrum im Gehirn und kann auch bei schleimigem Husten eingesetzt werden.

Reizhusten entsteht oft durch eine gesteigerte Reaktivität der Bronchien, die durch äußere Reize ausgelöst wird. Mögliche Ursachen sind Irritationen durch Rauch, Allergene oder kalte Luft sowie Infektionen durch Viren oder Bakterien. Außerdem sind unspezifische Entzündungsprozesse an der Entstehung des Reizhustens beteiligt. Zentrale Hustenblocker wirken in der Regel nicht entzündungshemmend, sondern geben dem Körper durch Unterdrückung des Hustenreflexes Zeit zur Selbstregeneration der Rachenschleimhaut.

Die Anwendung von Spitzwegerich bei Reizhusten ist sinnvoll, da seine Wirkung auf mehreren Faktoren beruht. Er wirkt

  • antitussiv: Der Reizhusten wird gedämpft.
  • expektorierend: Das Abhusten des Schleims wird gefördert.
  • antiphlogistisch: Entzündungen werden gehemmt.
  • antibakteriell: Das Wachstum von Bakterien wird gehemmt.
  • spasmolytisch: Krämpfe der Bronchien werden gelöst.

Bei der Therapie mit Spitzwegerich wurden keine Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen beobachtet, auch Gegenanzeigen sind keine bekannt. Er eignet sich daher auch im Kindesalter.

In einer Anwendungsbeobachtung an 593 Patienten wurde die Wirkung eines Spitzwegerich-Fluidextrakts untersucht. Die Patienten waren zwischen 6 und 70 Jahre alt und litten an unspezifischen Atemwegserkrankungen. Der Fluidextrakt wurde durchschnittlich etwa zehn Tage lang eingenommen, anschließend bewerteten Patienten und Ärzte dessen Wirksamkeit. 88 Prozent der Patienten beurteilten die Wirksamkeit als sehr gut oder gut. Etwa 70 Prozent spürten bereits drei Tage nach Einnahmebeginn eine Besserung. Dieser frühe Wirkungseintritt deutet darauf hin, dass der Effekt im Wesentlichen auf einer Entzündungshemmung und nicht auf einer Unterdrückung des Hustenreizes beruht.

Äußerlich gegen Entzündungen

Äußerlich, vorwiegend volksmedizinisch angewendet wird Spitzwegerich gegen entzündliche Hautveränderungen und gegen Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Zur Behandlung von Insektenstiche werden frische Spitzwegerichblätter zu einem Brei verrieben und auf die Stichstellen aufgetragen.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Schwalbacher Straße 49
60326 Frankfurt



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