Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Schleierkraut

Foto: Mies

Schön im Brautstrauß, gut bei Husten

von Gerhard Genstahler

Sehr gerne verwenden Floristen Schleierkraut als Tischschmuck in Blumengestecken, vor allem aber in Brautsträußen. Neben diesem rein dekorativen Einsatz gilt die Pflanze von alters her als Schleimdroge und bewährtes Hustenmittel.

Schleierkraut (Gypsophila paniculata L.), auch Rispiges Gipskraut genannt, gehört zur Familie der Caryophyllaceae. Die mehrjährige, staudenartige Pflanze kann eine Höhe von bis zu einem Meter erreichen. Der Stängel ist vom Grund an sehr ästig, wächst anfangs nach oben und liegt später sehr häufig über der Erde. Die -Staude hat eine kräftige Pfahlwurzel und schmale, graugrüne, zugespitzte Blätter. In lockeren, rispenartigen Blütenständen stehen viele kleine, weiße Blüten zusammen. Die fünf Kronblätter sind eiförmig und länger als die breiten, abgerundeten kurzen Kelchzipfel. Blütezeit ist Juni bis September. Die Früchte sind vielsamige Kapseln. Die Pflanze trägt in England den Namen baby’s breath und in Frankreich brouillard (= Nebel). Ihren deutschen Namen verdankt sie den vielen Blütchen, die wie ein Schleier wirken. Gypsophila paniculata ist nahe verwandt mit dem Seifenkraut (Saponaria officinalis), ebenfalls eine wichtige Saponindroge.

Schleierkraut kommt von Mitteleuropa bis hin nach Zentralasien vor. Als Schnittblume wird sie häufig kultiviert, seltener als Arzneipflanze. Sie wächst in Sandsteppen und auf sandigen Böden, oftmals verwildert auf Schutt und entlang von Bahndämmen. Verwendet wird die getrocknete, rübenartige Pfahlwurzel, Gypsophilae radix, die auch häufig als weiße Seifenwurzel (Saponariae albae radix) bezeichnet wird. 1990 erschien eine positive Monographie der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes mit dem Titel Gypsophilae radix. Die Droge stammt aus Wildvorkommen oder Kulturen in Ägypten, den Balkanländern, China, Griechenland, Italien, Polen, Russland, Spanien und der Türkei. Die Wurzel beziehungsweise Wurzelstücke werden möglichst rasch bei erhöhter Temperatur oder an der Sonne getrocknet. Außer Gypsophila paniculata L. werden auch andere hochwüchsige Gypsophila-Arten verwendet, vor allem G. arrostii GUSSUNE, G. fastigiata L., G. perfoliata L. und G. struthium L.

Saponine verdünnen Schleim

Eine Mischung aus Saponinen und Phytosterolen macht das Schleierkraut medizinisch so wertvoll. Die Pflanze enthält bis zu 20 Prozent eines kompliziert zusammengesetzten Gemischs aus Triterpensaponinen. Die Hauptglykoside Gypsosid A und Gypsosid D sind Bisdesmoside. Durch Hydrolyse entstehen als Aglykone Gypsogenin und Quillajasäure. Die chemische Struktur der einzelnen Komponenten ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Saponine wirken direkt auf den Nervus vagus in der Magenschleimhaut und führen reflektorisch zu einer Wassersekretion in den Bronchien. Auf diese Weise wird das Bronchialsekret verflüssigt. Dadurch wirkt Schleierkrautwurzel expektorierend und lindert den Hustenreiz, was auch für die meisten anderen saponinhaltigen Drogen typisch ist. 

Die Biomembranen bei Mensch, Tieren und Mikroorganismen werden durch Saponine durchlässig gemacht. Diesen Effekt bezeichnen Fachleute als hämolytisch. Deshalb wirken Saponine antibakteriell, spermizid und zytotoxisch. Sie sind bei oraler Aufnahme schwach giftig. Bei intravenöser Applikation wirken sie toxisch, da sie rasch zur Hämolyse führen.

Bewährtes Expektorans

Innerlich wird die Droge traditionell bei Katarrhen der oberen Atemwege zur Schleimlösung und Auswurfförderung verwendet.  Auch in der Volksheilkunde wird Schleierkraut als Mittel bei Atemwegserkrankungen, chronischen Hautkrankheiten sowie eher selten bei rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Als Tagesdosis werden 30 bis 150 mg zerkleinerte Droge (das entspricht 3 bis 15 mg Gypsophila-Saponin) für Teeaufgüsse verwendet. Gegenanzeigen und Wechselwirkungen mit anderen Mitteln sind nicht bekannt. Saponine können wegen ihrer oberflächenaktiven Eigenschaften Haut und Schleimhaut lokal reizen. In seltenen Fällen und bei Einnahme größerer Mengen treten Magenschleimhaut- und Blasenreizungenreizungen sowie Durchfälle auf. Schwangere und Stillende sollten die Droge nicht ohne ärztlichen Rat anwenden. Hier liegen noch keine Untersuchungen zur Unbedenklichkeit vor. Bei Hautproblemen findet die Pflanze in Form von Umschlägen Verwendung.

Auch als Waschmittel geeignet

Pflanzliche Saponine werden heute wieder verstärkt als milde Waschmittel für Pelz, Wolle und andere empfindliche Gewebe verwendet. Dabei werden circa 100 Gramm weiße Seifenrinde in 2 Liter Wasser 10 Minuten ausgekocht. Diese Lauge kann reichlich verdünnt für etwa 500 Gramm Wäsche verwendet werden. Das aus der Wurzel gewonnene reine Saponingemisch setzt die Industrie häufig als Schaumbildner und -festiger ein.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=858