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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Benediktenkraut

Foto: Schöpke

Mit Bitterstoffen den Magen anregen

von Ursula Sellerberg

Als Arzneipflanze ist das Benediktenkraut fast vergessen. Aufgrund seiner Bitterstoffe fördert das Kraut den Appetit und die Verdauung. Im Unterschied zu heute galt die distelartige Pflanze im Mittelalter als Allheilmittel.

Das Benediktenkraut (Cnicus benedictus L.) gehört zur Familie der Korbblütler, der Asteraceae. Der Gattungsname Cnicus nimmt wahrscheinlich Bezug auf die stacheligen Hüllblätter, die die Röhrenblüten umgeben. Das griechische Wort knizein bedeutet quälen. Die Bezeichnung »benedictus« ist lateinisch und heißt übersetzt »gesegnet«. Ein ebenfalls gebräuchlicher botanischer Name ist Centaurea benedicta. Im Deutschen kursieren als Namen unter anderem Kardobenediktenkraut, Bitterdistel, Distelkraut, Bernhardinerwurzel oder Carbenustee.

Die Beliebtheit des Benediktenkrauts beschränkt sich auf das späte Mittelalter. In der Antike erwähnt es noch kein Gelehrter in seinen Schriften. Später wurde das Kraut in jedem Klostergarten angepflanzt, und nicht nur die Mönche schätzten es als Allheilmittel. Der heilige Benedikt von Nursia soll seinen Ordensbrüdern Benediktenkraut empfohlen haben. So sollte es zum Beispiel im 16. Jahrhundert gegen die Pest helfen und im 17. Jahrhundert gegen Krebs. Äußerliche Krebsgeschwüre wurden mit Kardobenediktenwasser gewaschen und zusätzlich mit dem zerriebenen Kraut bestreut. Noch heute enthalten viele Kräuterliköre neben anderen Pflanzenextrakten das Benediktenkraut, beispielsweise der »Benediktiner« aus der Normandie.

Die einjährige Pflanze stammt ursprünglich aus Südeuropa, wird inzwischen aber in ganz Europa kultiviert. Verwildert wächst sie an Ackerrändern oder auf Ödland. Pharmazeutisch verwendet wird das etwa 30 bis 50 cm hoch wachsende Kraut. Seine Stängel sind klebrig behaart, die Blätter buchtig bis fiederspaltig. Die mittleren und oberen Blätter sitzen ohne Stiel direkt am Stängel und umfassen ihn. Die gelben Blüten des Benediktenkrauts bestehen anders als bei anderen Korbblütlern ausschließlich aus Röhrenblüten und sind von stacheligen Hüllblättern umgeben. Cnicus benedictus blüht von Juni bis August.

Aromatisches Bittermittel

Die Droge sind die getrockneten Blätter und oberen Stängelanteile einschließlich der Blütenstände von Cnicus benedictus. Das Drogenmaterial stammt aus Wildbeständen in Osteuropa.

Benediktenkraut ist ein aromatisches Bittermittel, ein »Amarum aromaticum«. Verantwortlich dafür sind vor allem die bitter schmeckenden Sesquiterpenlactone mit der Hauptkomponente Cnicin. Daneben enthält die Droge ebenfalls bittere Lignane und geringe Mengen an ätherischem Öl, Zimtaldehyd und Benzoesäure.

Reines Cnicin wirkt zwar stark antimikrobiell und entzündungshemmend, ist aber auch relativ toxisch: Oral appliziert führen 100 mg zum Erbrechen, 360 mg verursachen Koliken und Durchfall sowie im Hals und in der Speiseröhre ein starkes Hitzegefühl und Brennen. In Versuchen mit Zellkulturen schädigt Cnicin die Zellen und hemmt bei Mäusen das Wachstum von Krebszellen.

Die Droge hat einen Bitterwert von mindestens 800. Das bedeutet, dass ein Gramm Benediktenkraut 0,8 Liter Wasser einen bitteren Geschmack verleiht. Dieser Wert ist relativ niedrig, die Droge also nur mäßig bitter. Nicht beim Benediktenkraut, sondern nur bei sehr bitteren Drogen wie Enzianwurzel oder Chinarinde mit Bitterwerten über 10 000 sind Gegenanzeigen zu beachten. Letztere dürfen nicht bei Patienten mit Magen- und Zwölffinger-darmgeschwüren eingesetzt werden.

Die Kommission E (siehe Kasten) hat die Einnahme von Benediktenkraut gegen Appetitlosigkeit und Verdauungsprobleme (Dyspepsie) befürwortet. Die Droge fördert die Bildung von Speichel und Magensaft, wirkt aber etwas schwächer als andere Bitterdrogen. Homöopathen verwenden ebenfalls das Kraut, das heißt, die frischen oberirdischen Teile blühender Pflanzen und verordnen diese unter anderem Patienten mit chronischen Lebererkrankungen.


Die Kommission E

Von 1978 bis 1995 erarbeitete die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts (Vorläufer des heutigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM) 387 Monographien zu Drogen und Drogenzubereitungen. In dieser Zeit bewerteten 28 Sachverständige das verfügbare wissenschaftliche Erkenntnismaterial. Formulierten sie eine positive Aufbereitungsmonographie, nutzt die Droge gegen die angegebenen Erkrankungen. Bei einer negativen Bewertung kamen die Experten überein, dass das wissenschaftliche Material nicht ausreichte, um die Wirkung zu beweisen oder dass das Risiko größer war als der Nutzen. Die Monographien wurden im Bundesanzeiger veröffentlicht. Seit der 5. AMG Novelle aus dem Jahr 1994 müssen pharmazeutische Unternehmen die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit ihrer Präparate selbst nachweisen. 


In der Volksmedizin galt Benediktenkraut traditionell als Heilpflanze bei Diabetes, Gicht und Rheuma sowie bei inneren Tumoren. Noch heute wird das Kraut innerlich gegen Appetitlosigkeit, Fieber, Erkältungen und als galle- und wassertreibendes Mittel eingesetzt, äußerlich gegen Wunden und Geschwüre.

Als Nebenwirkungen sind bislang nur allergische Reaktionen bekannt. PTA oder Apotheker sollten Patienten, die auf andere Korbblütler allergisch reagieren, auf das allergene Potenzial des Benediktenkrauts hinweisen.

Tee nicht süßen

Benediktenkraut wird meist in Kombinationspräparaten (wie in Gastritol® Dr. Klein, Salus Magen-Tropfen N) oder in Teemischungen traditionell eingesetzt (nach §109a Arzneimittelgesetz): »Zur Unterstützung der Verdauungsfunktion«. Die mittlere Tagesdosis der Droge beträgt 4 bis 6 Gramm. Überdosierungen können Übelkeit auslösen. Da sich die Bitterstoffe durch Hitze zersetzen, sollte die Droge nicht gekocht werden. Für eine Tasse Tee werden daher 1 bis 2 Teelöffel Benediktenkraut nur mit siedendem Wasser übergossen. Dieser Aufguss muss fünf bis zehn Minuten ziehen, bevor man ihn abgießt. Seinen optimalen Effekt erzielt der Tee, wenn die Patienten ihn eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten trinken. Der Effekt geht bei gesüßtem Tee verloren, denn der bittere Geschmack ist für die Wirkung unerlässlich.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de



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