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BERATUNGSPRAXIS

Plausibilitätsprüfung

Augentropfen mit Acetylcystein


Von Andreas Melhorn / Sauberes Arbeiten ist in der Rezeptur selbstverständlich, doch die geforderte Sterilität macht für Augentropfen spezielle Maßnahmen notwendig. Außerdem gilt es, bei der Plausibilitätsprüfung zu den Punkten Konservierung und Kompatibilität zusätzlich auf Isotonie zu achten.

 

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Als er ihr das abgebildete Rezept reicht, bittet der Patient die PTA darum, die Augentropfen noch am gleichen Tag abholen zu können. Der Augenarzt hat ihm die Tropfen gegen sein gerötetes Auge verordnet und er möchte die Behandlung umgehend beginnen. Die PTA verspricht ihm, ihr Möglichstes zu tun.




Die PTA stutzt zunächst über den verordneten Arzneistoff. Als Wirkstoff in Hustenpräparaten kennt sie Acetylcystein (ACC) natürlich, denn die Substanz spaltet die Disulfidbrücken zwischen Mucoproteinen und löst so fest sitzenden Schleim. Die schleimverflüssigende Wirkung kann auch in Nasensprays zur Anwendung kommen. In Deutschland ist für diese Applikation zwar kein Fertigarzneimittel mehr im Handel, doch könnte ein entsprechendes Spray als Rezepturarzneimittel hergestellt werden.

Im Auge wird ACC unter anderem eingesetzt, weil es Kollagenasen hemmt. Dadurch fördert es die Heilung von Hornhautdefekten und verhindert das Entstehen von Geschwüren. Bei bestimmten Formen der Bindehautentzündung spielt auch der mucolytische Effekt eine Rolle. In der Veterinärmedizin finden ACC-Augentropfen bei trockenem Auge Anwendung.



Ein für den Apothekenalltag weniger interessantes Einsatzgebiet ist zum Beispiel die Verwendung als Antidot bei Paracetamol- und anderen Vergiftungen. Entsprechende Infusionslösungen sind als Fertigarzneimittel verfügbar.

Zusammensetzung

Also beschließt die PTA, Acetylcysteinlösung 200 g/l nicht extra herzustellen, sondern diese Antidotinfusions­lösung im Handel zu beziehen. Natriumedetat dient als Stabilisator, um die Zersetzung von ACC durch Schwermetallionen zu verhindern. Weil ACC in wässriger Lösung sauer reagiert und damit die Augentropfen besser verträglich sind, wird der pH-Wert der Lösung mit Natriumhydroxid angehoben. Verwundert ist die PTA über die Tatsache, dass der Augenarzt weder Natriumchlorid zum Einstellen der Isotonie noch ein Konservierungsmittel vorgesehen hat. Da auf dem Rezept nicht steht, dass die Tropfen in Einzeldosisbehältnisse abgefüllt werden sollen, beschließt sie, nach Abschluss der Plausibilitätsprüfung den Arzt anzurufen und diesbezüglich nachzufragen.

Bei der Suche auf der Webseite des DAC/NRF findet die PTA eine standardisierte Rezeptur für Acetylcystein-Augentropfen 2,5 % / 5 % (NRF 15.33.). Zwar ist die Zusammensetzung eine andere, doch gibt es Ähnlichkeiten. Zum Beispiel enthalten auch diese Tropfen Natriumedetat als Stabilisator. Hier findet die PTA zudem den Hinweis, dass 5-prozentige ACC-Lösung bereits hypertonisch ist, was die Abwesenheit von Natriumchlorid erklärt.

Standardrezeptur der DDR

Weitere Nachforschungen führen sie zum Rezepturhinweis »Acetyl­cystein« mit einer Vorschrift für 10-prozentige ACC-Augentropfen, die ursprünglich in den Standardrezepturen der DDR standen (siehe Kasten). Die Vorschrift ist grün gekennzeichnet und daher nicht bedenklich. Zudem stellt die PTA fest, dass die Zusammensetzung der Augentropfen der aktuell verordneten Rezeptur sehr ähnlich ist. Da auf dem vorliegenden Rezept das Konservierungsmittel fehlt, ist die Aufbrauchfrist auf einen Tag beschränkt. Werden die Tropfen in Gefäße zur Einmalanwendung abgefüllt, gilt für die ungeöffneten Behältnisse eine Haltbarkeit von einer Woche bei Lagerung im Kühlschrank und drei Tage bei Raumtemperatur.




Foto: iStock/kurga


Daraufhin ruft die PTA den Augenarzt an und fragt ihn nach dem Konservierungsmittel. Er teilt ihr mit, in diesem speziellen Fall würde er gern auf eine Konservierung verzichten. Als die PTA ihn darüber informiert, dass die Haltbarkeit selbst bei Einzeldosisbehältnissen auf eine Woche beschränkt werden müsste, wägt er neu ab und bittet darum, die Tropfen doch lieber zu konservieren. Als die PTA ihm die Zusammensetzung der Augentropfen vorliest, die sie im Rezepturhinweis gefunden hat, erklärt er sich mit dieser Vorschrift einverstanden.

Damit ist die Plausibilitätsprüfung abgeschlossen. Als nächstes beschäftigt sich die PTA mit der Herstellungsanweisung.

Herstellung

Natriumedetat und Benzalkoniumchlorid werden unter Rühren und Erhitzen in 40 Gramm Wasser gelöst. Als Acetylcystein-Lösung wird die bestellte Antidotinfusionslösung zur Lösung hinzu gegeben. Anschließend wird der pH-Wert der Tropfen mit der Natriumhydroxid-Lösung eingestellt. Diese Lösung besteht aus 40 Gramm Natriumhydroxid in einem Liter Wasser und entstammt den Standardrezepturen (SR) 1990 der DDR. Anschließend wird mit Wasser auf die gewünschte Menge aufgefüllt. Bei Augentropfen sollte generell Wasser für Injektionszwecke eingesetzt werden.


Geänderte Vorschrift

Acetylcysteinlösung 200 g/l 5,0 ml

Benzalkoniumchlorid 0,001 g

Natriumedetat 0,010 g

Natriumhydroxidlösung ­40 g/l ASR qs

Wasser zu 10,0 g


Da die Apotheke weder über ein Laminar-Air-Flow-Gerät noch eine Rezepturwerkbank verfügt, muss die PTA die Augentropfen am Rezepturarbeitsplatz herstellen. Sie desinfiziert alles gründlich und legt entsprechende Schutzkleidung an. Die Sterilfiltration reicht in diesem Fall aus, ist recht einfach durchführbar und auch in der Vorschrift 15.33. des DAC/NRF vorgesehen.




Vor Injektion der Lösung durchsticht die PTA mit der Kanüle die Verpackungs­folie des Abgabe­gefäßes an der desinfizierten Stelle.Fotos: ZL


Während des gesamten Herstellungsprozesses muss mit Blick auf die möglichst geringe Keimzahl unter hygienisch angemessenen Bedingungen gearbeitet werden. Für die Abfüllung der Augentropfen legt die PTA eine 10-ml-Spritze mit Luer-Loc-Verbindung, entsprechende Kanülen, die sterile Filtrationseinheit und das steril verpackte Abgabegefäß zurecht. Sie desinfiziert großflächig die Verpackungsfolie des Abgabegefäßes oberhalb der Öffnung, dazu eignet sich zum Beispiel 70-prozentiger Isopropanol.




Perfekt vorbereitet: Alle Utensilien liegen bereit.

Anschließend zieht sie die fertige Augentropfen-Lösung in eine frisch ausgepackte Spritze, setzt den Sterilfilter auf und steckt eine neue, sterile Kanüle auf den Filter. Mit der Kanüle durchsticht sie die Verpackungsfolie des Abgabegefäßes an der desinfizierten Stelle, spritzt die Augentropfen in das Gefäß und verschließt es, ohne die Folie zu öffnen. Anschließend kann sie das Gefäß aus der Folie nehmen und für die Abgabe beschriften.

Nach der Sterilfiltration muss der Filter zwingend überprüft werden. Dies geschieht mit dem Bubble-Point-Test. Dazu zieht die PTA die 10-ml-Spritze von der Filtrationseinheit ab, leert sie, zieht 10 ml Luft auf und steckt die Filtrationseinheit wieder auf. Anschließend hält sie die Kanüle in ein Becherglas mit Wasser und drückt die Luft durch den Filter. Bevor eine Reihe von Luftblasen aufsteigt, muss die Luft auf ein Volumen von 2 ml zusammengedrückt worden sein. Entweicht vorher Luft, zieht sie mit der Spritze 10 ml Gereinigtes Wasser auf und spritzt dieses durch den Filter. Auf diese Weise werden grenzflächenaktive Stoffe entfernt, die das Testergebnis verfälschen können. Anschließend wiederholt sie den Test.

Nachdem sie den Herstellungsvorgang vollständig dokumentiert und die Apothekerin das Dokument unterschrieben hat, stellt die PTA die Augentropfen her. Der Patient ist glücklich, dass er damit sein gerötetes Auge noch am gleichen Tag behandeln kann. /


Ohne Konservierung

Hätte der Arzt entschieden, auf die Konservierung zu verzichten, müsste die PTA die Tropfen in mehrere Gefäße zur Einmalverwendung filtrieren, beispielsweise in mehrere Augentropfenflaschen – im Unterschied zu industriell verwendeten Einmaldosisfläschchen. Für die Befüllung werden nur ein Filter und eine Nadel benötigt, ansonsten bleibt das Verfahren unverändert. Eine weitere Möglichkeit ist die Abfüllung in Einwegspritzen, die dann meist eingefroren werden. Dann wird die Filtra­tionseinheit über einen Adapter mit einer 1-ml-Spritze verbunden. Der Konus wird zuvor durch drehen gelockert. Anschließend wird die Lösung in die kleine Spritze gedrückt und diese sofort mit einem sterilen Verschlusskonus verschlossen. Dabei muss eine kleine Luftblase enthalten sein.



Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2016

 

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