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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Uzarawurzel

Foto: Niddapharm

Uzarawurzel, der ideale Reisebegleiter

von Ulrich Meyer, Berlin

Wie bei den Hottentotten sieht es hier aus, heißt es salopp, wenn man auf ein großes Durcheinander trifft. Kaum einer weiß, dass tatsächlich ein Volksstamm dieses Namens im südlichen Afrika ansässig ist. Seine Medizinmänner haben den Arzneischatz um eine Pflanze mit schier unaussprechlichem Namen bereichert: Xysmalobium undulatum, eine Asclepiadacee. Hinter dem Zungenbrecher versteckt sich die volkstümlich genannte Pflanze Uzara. 

Die Wurzel stammt aus der Familie der Schwalbenwurzgewächse, zu der auch Marsdenia condurango, die Lieferantin der als Bittermittel geschätzten Condurangorinde gehört. Die Uzarawurzel allerdings ist ein Geheimtipp bei Durchfall und deshalb ein idealer Reisebegleiter im Sommer.

Bei der Uzara-Pflanze handelt es sich um eine mehrjährige Staude, die bis zu einem Meter hoch werden kann. Wie für die Asclepiadaceen typisch führen Blätter und Stängel reichlich Milchsaft, weshalb Uzara im Englischen als "Milk Bush" bezeichnet wird. Die Blattränder sind gewellt, daher der lateinische Artname "undulatum". Die behaarte Frucht ist eine Balgkapsel, die etwa 300 Samen entlässt. Diese sind mit weißen, seidigen Härchen versehen, die als Flugapparat dienen. Das erinnert so frappierend an die Baumwolle und ihre watteartig gefüllte Fruchtkapsel, dass Uzara auch den Namen "Wild Cotton" erhielt. Aus Wildsammlungen stammt die Droge heute nicht mehr, da durch unkontrolliertes Sammeln ihre Ausrottung drohte. Seit den fünfziger Jahren werden Uzara-Pflanzen in Südafrika angebaut, die zwei- bis dreijährigen Wurzeln geerntet und an der Luft getrocknet.

Seit 90 Jahren auf Karrierekurs in Deutschland 

Bereits 1909 brachte der deutsche Forschungsreisende H.W.A. Hopf die Wurzel der Uzara-Pflanze erstmals nach Deutschland. Hopf, der aus dem hessischen Melsungen stammte, ließ die Uzara von einem Arzt seines Heimatortes erproben. Dieser stellte eine gute Wirksamkeit gegen Durchfallerkrankungen fest, woraufhin an der Landesuniversität in Marburg weitere Untersuchungen zur Pharmakologie der Droge durchgeführt wurden. 1911 gründete man in Melsungen eigens für diese Pflanze eine Uzara-Gesellschaft, die einen Extrakt der Wurzel in Form von Tropfen, Tabletten und sogar Suppositorien in den Handel brachte.

Lange Zeit bestand Unklarheit darüber, welche Inhaltsstoffe für die Wirkung der Uzara-Wurzel verantwortlich zu machen sind. Inzwischen ist klar: Es handelt sich um Cardenolide, die den Digitalis-Glykosiden chemisch sehr nahe stehen, sich aber in ihrer räumlichen Konfiguration und der Zucker-Verknüpfung von diesen unterscheiden. Dadurch verlieren sie ihre Wirkung auf den Herzmuskel fast gänzlich, doch darf Uzara sicherheitshalber nicht bei digitalisierten Patienten eingesetzt werden. Auch wenn die Digitalis-Verordnungen seit Jahren rückläufig sind, sollten ältere Patienten im Beratungsgespräch stets nach einer eventuell bestehenden Medikation gefragt werden.

Die Wurzel beruhigt den Darm und löst den Krampf

Als Wirkungsmechanismus wird postuliert, dass die Uzara-Cardenolide den Einfluss des sympathischen Nervensystems auf den Darm verstärken. So lösen sie Krämpfe und dämpfen eine gesteigerte Peristaltik. Man erinnere sich: Sympathikus und Parasympathikus sind Gegenspieler. Ein Krampf kann gelöst werden, indem man Parasympatholytika oder umgekehrt Sympathomimetika verabreicht. Uzara wirkt ähnlich wie ein indirektes Sympathomimetikum. Der krampflösende Effekt ist ein Vorteil gegenüber dem Antidiarrhoikum Loperamid, das nicht über diese Wirkkomponente verfügt. Auch Übelkeit und Brechreiz, die oft den Durchfall begleiten, schwinden unter dem Einfluss der bitteren Uzara. Als weiteres Plus für den Handverkauf ist zu vermerken, dass der Extrakt sogar Säuglingen gegeben werden darf. Für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder bis zwei Jahre kommt Loperamid bekanntlich nicht in Frage, da bei ihnen die Blut-Hirn-Schranke noch nicht völlig ausgebildet ist und deshalb unerwünschte ZNS-Effekte des Opioids auftreten können.

Tropfen oder Dragees - eine Frage des Geschmacks

Uzara steht in Form von Dragees, Tropfen und als Saft zur Verfügung. Die Tropfen schmecken ziemlich bitter, so dass Erwachsene oft die Dragees bevorzugen, kleinen Kindern sollte - auch wegen des Alkoholgehalts - der Saft gegeben werden. Initial wird mit einer hochdosierten Stoßtherapie begonnen, anschließend werden die Präparate je nach Intensität der Beschwerden drei- bis sechsmal täglich verabreicht. Selbstverständlich gilt auch für die Uzara-Medikation dieselbe Regel wie bei allen Durchfallerkrankungen: reichlich Wasser und Elektrolyte zuführen, um den Kreislauf zu stabilisieren und ein "Austrocknen" des Organismus zu verhindern. Darauf ist besonders bei kleinen Kindern und älteren Patienten zu achten, da beide Altersgruppen nur über geringe Salz- und Wasserreserven verfügen. Sollten die Durchfälle trotz Medikation länger als drei bis vier Tage anhalten oder Blut im Stuhl auftreten, muss der Patient umgehend einen Arzt aufsuchen.

Uzara stellt eine wertvolle Bereicherung des Handverkauf-Sortiments in der Apotheke dar und ist nicht nur für die leichteren Fälle geeignet. Die Präparate eignen sich auch für die Reiseapotheke, wenn der Urlaub in südliche oder tropische Gefilde führen sollte und das Risiko, an einer Reisediarrhoe zu erkranken, groß ist.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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