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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Mutterkraut



Foto: Schöpke

Prophylaktisch gegen Migräne

von Monika Schulte-Löbbert

Die Ähnlichkeit im äußeren Erscheinungsbild täuscht: Mutterkraut und Kamille unterscheiden sich erheblich in ihren Indikationen. Über Jahrhunderte wurde Mutterkraut bei Frauenleiden eingesetzt, in England  vor allem gegen Fieber und Kopfschmerzen. Aufgrund klinischer Studien empfehlen Experten Mutterkraut heute vorbeugend vor Migräne.

Das Mutterkraut ist eine mehrjährige, etwa 50 Zentimeter hohe Staude. Vom östlichen Mittelmeergebiet und Vorderasien hat sich das Kraut bis heute in fast ganz Europa verbreitet. Die Pflanze liebt nährstoffreiche Lehmböden und wächst als Blumenschmuck in manchen Bauerngärten, oft auch verwildert an Zäunen, Wegrändern oder auf Schutthalden. Aus einer kurzen Achse entspringt meist ein einzelner, erst im oberen Teil verzweigter Spross. Der längs gerillte und leicht behaarte Stängel trägt gestielte, bitter schmeckende Fiederblätter.

Die einzelnen Blütenköpfe sind mit ein bis zwei Zentimetern auffallend groß und riechen wenig angenehm. Weiße Zungenblüten umgeben die zentral stehenden gelben Röhrenblüten. Manchmal stehen sie zu 30 Blütenköpfchen in lockeren Doldenrispen. Noch während der Blütezeit von Juni bis September entwickeln sich die Früchte, kleine braune Achänen.

Sowohl der Geruch als auch die zahlreichen Blütenköpfchen erinnern an die Kamille. Beide Heilpflanzen gehören zur Familie der Asteraceae, den Korbblütlern. Wie der deutsche Name verweist auch die botanische Bezeichnung Tanacetum parthenium (L.) Schultz-Bip. ebenso wie das Synonym Chrysanthemum parthenium auf die seit alters her gebräuchliche Anwendung bei Frauenleiden und in der Geburtshilfe. Das griechische Wort »parthenos« bedeutet Jungfrau oder jungfräuliche Göttin und bezieht sich auf die als Frauen- und Heilgöttin verehrte Artemis aus der griechischen Mythologie.

Traditionell wurde das Mutterkraut auch zur Fiebersenkung und bei rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Deshalb heißt es im englischen Sprachraum bis heute »feverfew«, was soviel wie »wenig Fieber« bedeutet. Auf die unterschiedlichen Anwendungsgebiete weisen ebenfalls die im deutschen Volksmund gebräuchlichen Namen Fieberkraut, Matronenkraut oder Mutterkamille hin. Auf dieÄhnlichkeit mit der Kamille beziehen sich die volkstümlichen Bezeichnungen »Falsche Kamille« oder »Knopfkamille«, inFrankreich wurde daraus die »grande camomille«.

Bereits um 300 v. Chr. sollen die Griechen das Mutterkraut von den Kriegszügen Alexander des Großen aus Kleinasien in ihre Heimat mitgebracht haben. Schon bald kannten und schätzten die Bewohner des gesamten Mittelmeerraums die heilkräftige Wirkung der Staude. So beschrieb Dioskurides, der berühmte griechische Arzt aus dem 1. Jahrhundert. Chr., den kamillenartigen, unangenehm aromatischen Geruch und den bitteren Geschmack der Pflanze. Er empfahl sie als besonders wirksam bei Frauenleiden sowie als Heilmittel bei Asthma und Steinleiden. Daneben lobte er ihre äußerliche Wirkung bei Hautentzündungen und Geschwüren. Dass auch die Römer Tanacetum parthenium schätzten, belegen Funde von Früchten des Mutterkrautes in Brunnen römischer Landgüter in der Nähe von Aachen und in der Eifel.

Namen stiften Verwirrung

Wegen der Vielzahl unterschiedlicher Namen ist der Gebrauch der Heilpflanze im Mittelalter relativ ungewiss. Vermutlich nannten die Autoren der Kräuterbücher dieser Zeit die Staude »matrona«, »metere«, »matirna« oder »febrefugia«, denn deren Indikationen stimmen mit den von Dioskurides beschriebenen überein.

Unter dem Namen »febrefugia« ist das Mutterkraut auch im Kapitel 70 des »Capitulare de villis« aufgelistet. Diese Landgüterverordnung verfasste Karl der Große im späten 8. Jahrhundert und regelte damit die Versorgung der Klöster und Pfalzen, die er auf seinen ausgedehnten Reisen und Kriegszügen aufsuchte. Im Kapitel 70 schrieb der Kaiser vor, welche Duftpflanzen, Heil- und Würzkräuter, Gemüse und Obstbäume jedes Hofgut anbauen und vorrätig halten sollte. In Aachen hat die Initiative des »Freundeskreis Botanischer Garten Aachen e.V.« einen Karlsgarten nach der Verordnung Karls des Großen angelegt. Selbstverständlich findet sich dort auch das Mutterkraut unter febrefugiam – Fieberkraut.

Die gelehrte Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) nannte das Mutterkraut »metra« und empfahl es, als Suppe zubereitet, den Frauen gegen Menstruationsbeschwerden.

Aspirin der Engländer

Seit dem 18. Jahrhundert behandelten Engländer mit Mutterkraut Kopf- und Zahnschmerzen sowie rheumatoide Arthritis. Diese Anwendung war so weit verbreitet, dass manche englische Autoren es als »Aspirin der Engländer« bezeichneten. Während die Bewohner Südeuropas die Heilkraft des Mutterkrautes noch heute schätzen, geriet die Pflanze in Deutschland in Vergessenheit. Aufgrund placebokontrollierter klinischer Studien aus England setzen seit einigen Jahrzehnten auch hierzulande Mediziner zunehmend das Kraut zur Migräneprophylaxe ein. 

Die Volksmedizin verwendet Mutterkraut ähnlich wie Kamille bei Krämpfen, Verdauungsstörungen, Dysmenorrhoe, als Antiseptikum sowie zur Mundspülung nach Zahnextraktionen. 

Wirksam durch Parthenolid

Nach dem Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur. 6. Ausgabe, Grundwerk 2008) besteht die Droge »Mutterkraut – Tanaceti parthenii herba« aus den getrockneten, ganzen oder geschnittenen, oberirdischen Teilen von Tanacetum parthenium (L.) Schultz-Bip. Sie muss mindestens 0,2 Prozent Parthenolid enthalten, bezogen auf die getrocknete Droge. Typisch ist ihr campherartiger Geruch, der auf den hohen Campheranteil im ätherischen Öl (teilweise bis zu 50 Prozent) zurückzuführen ist. Als Wirksamkeit bestimmend gilt jedoch das Parthenolid, ein Sesquiterpenlacton. Daneben kommen mindestens 20 weitere, meist bitter schmeckende Sesquiterpenlactone vor. Außerdem enthält die Droge Flavonglykoside und lipophile Flavone. Die Arzneidroge stammt aus Wildvorkommen in Zentraleuropa und aus Kulturen in Großbritannien. Zur Gewinnung wird das Kraut während derBlütezeit gemäht und im Schatten indünnen Schichten bei Temperaturen unter 35°C getrocknet.

Hilfreich bei häufigen Attacken

Den Anstoß, den Wirkmechanismus genauer zu untersuchen, gab der volksmedizinische Gebrauch des Mutterkrauts bei Fieber und Kopfschmerzen. In Experimenten mit Mäusen untersuchten Wissenschaftler den analgetischen und antiphlogistischen Effekt des Drogenextraktes und des reinen Parthenolids. Dabei beobachteten sie, dass in beiden Fällen die Prostaglandinsynthese und die Histaminfreisetzung sowie die Plättchenaggregation gehemmt und außerdem die Serotoninausschüttung erheblich vermindert wurden. Am stärksten schmerzstillend und entzündungshemmend scheint das Parthenolid selbst zu wirken. 

Auch eine antimikrobielle Wirkung wurde beobachtet. Nach einer Studie aus dem Jahr 2000 können Parthenolide die Empfindlichkeit von Krebszellen auf die Behandlung mit Zytostatika erhöhen. 

Welche einzelnen Faktoren für die Entstehung der Migräne verantwortlich sind, diskutieren Fachleute bis heute. Sicher ist, dass Serotonin eine auslösende Funktion hat. Somit wirken alle Arzneisubstanzen oder Drogenextrakte, die die Serotoninausscheidung vermindern, als Mittel gegen Migräne. Klinische Studien zur Wirkung des Mutterkrauts bei Migräne erbrachten bis zum Jahr 2000 kein überzeugendes Resultat. Erst zwei Studien aus den Jahren 2002 und 2005 ergaben ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis für den Einsatz des Mutterkrauts bei Migränepatienten. Allerdings profitierten von der Einnahme nur Patienten mit mehr als vier Migräneattacken pro Monat.

Therapiedauer entscheidend

Nahmen die Patienten täglich 100 mg (entspricht 0,5 mg Parthenolid) Mutterkrautextrakt ein, milderte der Extrakt signifikant die Anzahl und Schwere der Migräneanfälle und verbesserte außerdem die Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Schwindel und Erbrechen. Diese Effekte traten aber erst nach längerer Anwendung auf. Unter anderem aufgrund dieser Untersuchungen empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft in ihren Leitlinien das Mutterkraut als Migräneprophylaktikum der zweiten Wahl. Die Monographie der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) nennt die Migräneprophylaxe als Indikation für Mutterkraut. Die Wirksamkeit der Droge bei anderen Indikationen ist bisher nicht ausreichend belegt.

Die ESCOP-Monographie nennt als Tagesdosis der Droge ein Äquvalent von 0,2 bis 0,6 mg Parthenolid, das Europäische Arzneibuch empfiehlt mindestens 125 mg des standardisierten Trockenextraktes mit 0,2 Prozent Parthenolid. Die Patienten sollten die Droge einige Monate anwenden, allerdings mit Pausen, und während dieser Zeit die Dosis reduzieren. Fertigarzneimittel mit Mutterkrautextrakt gibt es nur in Großbritannien (MigraHerb® mit 100 mg Extrakt) und in der Schweiz (Arkocaps® Partenelle mit 200 mg Krautpulver). In Deutschland ist Mutterkraut nur in homöopathischen Arzneimitteln im Handel, zum Beispiel in den apothekenpflichtigen Präparaten Cefagran® Tabletten und Tropfen sowie in Nemagran® Tropfen. Beide homöopathischen Arzneimittel enthalten jeweils die Urtinktur Chrysanthemum parthenium ex herba sicc. Da es sich um registrierte homöopathische Arzneimittel handelt, machen die Hersteller keine Angaben zurIndikation.

Mutterkraut ist bei Schwangeren und Stillenden kontraindiziert, auch Säuglinge und Kleinkinder sollten kein Präparat mit dieser Heilpflanze erhalten. Bei bestimmungsgemäßer Anwendung sind keine Risiken der Droge bekannt. Die Nebenwirkungen sind relativ selten, aber manchmal heftig, beispielsweise Verdauungsbeschwerden, Bauchschmerzen und Schwindel. Nach Langzeitanwendungen bildeten sich bei manchen Patienten Aphten und Entzündungen der Mundschleimhaut. 

Allergene Potenz beachten

Als potente Allergene können Parthenolid und die anderen Sesquiterpenlactone des Mutterkrautes bei Hautkontakt Ausschläge verursachen. PTA oder Apotheker müssen deshalb Patienten mit einer Kontaktallergie gegen Korbblütler von der Anwendung von Mutterkraut abraten. 

Trotz des Allergiepotentials verzehren Engländer die frischen oder getrockneten Blätter des Mutterkrautes als Brotbelag, Gemüse oder in Salaten. Da die Blätter recht bitter schmecken, werden sie meist mit einem anderen Geschmacksträger gemischt.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



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