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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Königin der Nacht



Foto: Schöpke

Dornige Majestät

von Edith Schettler

Merkwürdig wie ihre Gestalt ist die Geschichte der aus Lateinamerika stammenden Kakteen. Einige Arten hielten die Indianer für gut und wohltätig, andere umgab eine Aura aus magischem Zauber und Dämonie. Eine der faszinierendsten Vertreterinnen der Familie derKakteengewächse ist die Königin der Nacht, Selenicereus grandiflorus.

Kakteen sind Überlebenskünstler. Sie haben ihre Blätter zu Dornen umgebildet, um die Verdunstung zu minimieren, und speichern in ihren Geweben über lange Zeiten Wasser. Diese Fähigkeit bezeichnen Botaniker als Sukkulenz. Sukkulente Pflanzen kommen mit erstaunlich wenig Wasser zurecht und können daher in unwirtlichen, trockenen und heißen Gegenden wie Halbwüsten und Trockensteppen überleben.

Schlangenkakteen (Selenicereae) sind Rankpflanzen mit meterlangen fingerdicken Trieben. Sie wurzeln im Boden und wachsen mit Hilfe von Luftwurzeln oder Kletterdornen bis in die Kronen der höchsten Bäume. Entgegen dem Mythos der »Wüstenkinder« stammen die Schlangenkakteen ursprünglich aus den immergrünen Regenwäldern in Mexiko, dem Heimatland aller Kakteen. Sie verbreiteten sich mit der Hilfe von Menschen und Tieren, zum Beispiel Zugvögeln, über den ganzen amerikanischen Kontinent. Heute wachsen sie auch in den regengrünen Trockenwäldern zwischen den USA und Argentinien, hauptsächlich jedoch auf den Karibischen Inseln. Als Zimmerpflanzen eroberten sie die ganze Welt. Sie blühen nur nachts für wenige Stunden, worauf auch ihr Name hindeutet: Selen ist das griechische Wort für Mond.

Schönheit für eine Nacht

Selenicereus grandiflorus, der »Großblütige Mondkaktus«, ist der bekannteste -Vertreter der Selenicereae und bildet nachMeinung von Kakteenfreunden die schönsten Blüten im gesamten Pflanzenreich. Die weißen, strahlenförmigen Blüten der Königin der Nacht erscheinen in den Sommermonaten. Sie erreichen einen Durchmesser von bis zu 35 Zentimetern und eine Länge von 25 Zentimetern. Gegen 23 Uhr springen sie auf, duften intensiv nach Vanille, schließen sich schon nach Mitternacht wieder und verwelken dann. Bereits am Morgen nach der Blüte ist die Pflanze so unscheinbar wie zuvor. Berührt allerdings der neugierige Pflanzenfreund die Blüte vor dem Aufblühen, ist alles Warten vergebens: Sie öffnet sich nicht. In der freien Natur besuchen vor allem tropische Pflanzen fressende Fledermäuse die Blüten, um ihren Nektar zu trinken. Erfolgt dabei eine Bestäubung, wachsen tomatengroße, essbare Früchte heran. 

Die Eigenart der kurzen Blütezeit hat den Ehrgeiz der Züchter geweckt und dem Kaktus damit zu weltweiter Berühmtheit verholfen. Jeder Besitzer einer Königin der Nacht möchte das Schauspiel der nächtlichen Blüte wenigstens ein Mal genießen. Heute werden eigens arrangierte Kakteen-Partys gefeiert, deren Termin allerdings schwer vorauszuplanen ist. Botanische Gärten halten deshalb mehrere Exemplare der Königin der Nacht in Gewächshäusern mit verschiedenen Temperaturen, um in mehreren Nächten blühende Kakteen präsentieren zu können. Sie informieren ihre Besucher online über den Fortgang der Reifung der Blüte.

Seltsame Geschichte

Christoph Columbus (1451 bis 1506) brachte die ersten Kakteen von Mittelamerika nach Europa. Damit begann auch das wissenschaftliche Interesse an diesen Pflanzen. Bereits in der »Historia Generalis Plantarum« von Jacques Daléchamps (1586) fand sich die Abbildung eines Cereus. 1753 beschrieb Carl von Linné (1707 bis 1778) die Königin der Nacht als »Cactus grandiflorus« und nannte als Heimat Mexiko und Jamaika. Die früher gebräuchliche Bezeichnung »Cereus grandiflorus« (Cereus ist das lateinische Wort für Wachslicht) weist auf die Verwendung der in Wachs oder Öl getauchten verholzten Pflanzenstängel als Fackeln hin.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts stieg das kommerzielle Interesse an den Kakteen. Die Auswüchse gipfelten in regelrechten Raubzügen zu den Kakteenstand-orten und hatten die Ausrottung vieler Arten zur Folge. Seit dem 3. März 1973 sind alle Kakteen durch das Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen geschützt, für viele Arten gilt sogar ein vollkommenes Handelsverbot durch Aufnahme in den Anhang 1 der Konvention. So wird beispielsweise das illegale Ausgraben von Kakteen in Mexiko mit einer Gefängnisstrafe geahndet. Im krassen Gegensatz dazu vernichten Arbeiten zum Bau von neuen Straßen oder Stromleitungen im Land die oft nur 1000 Quadratmeter großen Standorte endemischer Kakteenarten vollständig.

Die drei Kakteengesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz wählten Selenicereus grandiflorus zum Kaktus des Jahres 2009, weil einige Selenicereus-Arten in ihrer ursprünglichen Heimat vom Aussterben bedroht sind.

Volkes Medizin

Es verwundert nicht, dass die Königin der Nacht mit ihren schlangenartigen dornigen Trieben und den traumhaft schönen Blüten auch die Volksmedizin inspirierte. So verwenden die Einwohner verschiedener karibischer Länder den Pflanzensaft als Wurmmittel, gegen Blasenentzündung oder Fieber. Äußerlich wenden sie ihn als Einreibung gegen rheumatische Erkrankungen oder, mit Wasser verdünnt, bei juckenden Hautausschlägen an.

Die Triebe enthalten neben den biogenen Aminen Methyl- und Dimethyltyramin als Hauptbestandteil das Phenethylamin (2-Phenylethylamin), die Stammsubstanz der Catecholamine und vieler Halluzinogene. Allerdings wirkt Phenethylamin im menschlichen Organismus nicht, da es sowohl nach oraler als auch intravenöser Aufnahme sehr schnell abgebaut wird. Wer einen Rauschkaktus nach dem Vorbild des Peyote erwartet, wird enttäuscht.

Die Blüten enthalten durchschnittlich 1,5 Prozent Wirkstoffe mit so klangvollen Namen wie Narcissin, Cacticin, Grandiflorin und Kämpferitrin. Inhaltsstoffe, die auch in vielen anderen Pflanzen vorkommen, sind die Farbstoffe Rutosid und Hyperosid. Bei allen genannten Substanzen handelt es sich um glykosylierte Flavonoide. Weitere Bestandteile des Kaktus sind Schleimstoffe, Fette, Wachse und Harze.

Heilwirkung für das Herz

Mit Hilfe von Alkohol werden die Inhaltsstoffe aus den frischen Trieben oder den Blüten im Extraktionsverfahren gewonnen. 1864 entdeckte der italienische Heilpraktiker Rocco Rubini (1805 bis 1886), dass diese Tinktur krampflösend auf die Herzkranzgefäße wirkt und die Durchblutung am Herzen steigert. Sie erhöht den Blutdruck und wirkt im Tierversuch positiv inotrop, das heißt, die Kontraktionskraft des Herzmuskels steigernd. Ihre Wirkung ähnelt der der Digitalis-Glykoside aus den Fingerhut-Arten, ist aber wesentlich sanfter und verlängert nicht wie diese die Systole. Der Extrakt fand deshalb Anwendung bei Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen sowie bei nervösen Herzbeschwerden von Frauen in den Wechseljahren. Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren wurde die Pflanze zum Beispiel in einem süddeutschen pharmazeutischen Werk zu diesem Zweck angebaut, in Ostdeutschland sogar bis zur Wende 1989.

Für die Effekte machen die Forscher die Alkaloide aus den Trieben, besonders Tyramin, Methyl- und Dimethyltyramin verantwortlich. Sie vermuten indirekte Effekte an adrenergen Rezeptoren und daraus folgende sympathomimetische Wirkungen. Allerdings sind diese Stoffe anGlykoside gebunden, was ihre pharmakologische Wirkung im menschlichen Organismus abschwächt. Solche Glykosidkomplexe werden sofort in der Leber abgebaut, ohne am Rezeptor eine Wirkung auslösen zu können.

Derzeit liegen keine verlässlichen Daten über Teratogenität, Mutagenität und Toxizität der Pflanzenextrakte vor. Insgesamt ist die Datenlage aus Versuchen mit Selenicereus grandiflorus sehr dürftig, weshalb die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes bereits 1990 die Monographie der Pflanze negativ bewertete und damit von einer arzneilichen Verwendung abriet.

Homöopathischer Einsatz

Das Deutsche Homöopathische Arzneibuch (HAB) beschreibt die Herstellung einer Urtinktur aus frischen Pflanzenteilen von Selenicereus grandiflorus. Unter dem Namen »Cactus grandiflorus« oder einfach nur »Cactus« setzen Homöopathen das Mittel bei drückenden Schmerzen, die wie ein Gewicht auf der Brust oder auf dem Scheitel liegen, ein. Auch bei Kopfschmerzen, die sich periodisch rechtsseitig, klopfend und pulsierend äußern, kann das Mittel helfen. In der anthroposophischen Medizin kommt die Königin der Nacht ebenfalls zum Einsatz, wie in den Globuli der Wala Heilmittel GmbH Cactus es herba in homöopatischer Verdünnung.

Cactus ist eines der wichtigsten Herzmittel der Homöopathie, zum Beispiel in dem Kombinationspräparat Cactus/Crataegus comp von Weleda. Eines der typischen Einsatzgebiete sind Spannungsgefühle in der Herzgegend mit Blutandrang zum Kopf. Niedrige Potenzen (D1 bis D3) finden Verwendung gegen Herzbeschwerden durch zu hohen Nicotinkonsum oder in Folge entzündlicher Krankheiten sowie Infektionen. Auch Kombinationspräparate gegen Bluthochdruck enthalten niedrige Potenzen von Cactus, zum Beispiel Homeo-orthim®.

Leitsymptom für Cactus grandiflorus ist die Konstriktion. Damit bezeichnen Homöopathen ein Gefühl, dass der ganze Körper in einem Käfig steckt, bei dem sich alle Drähte immer enger zuziehen. Dieses Engegefühl kann das Herz betreffen, aber auch die Kehle, die Brust, die Blase, das Rektum oder die Vagina und den Uterus. Interessanterweise kehren die Beschwerden periodisch wieder, und zwar gegen Mittag und um 23 Uhr nachts – zur Zeit der Kaktusblüte.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
e_schettler(at)freenet.de 



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