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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Brunnenkresse



Foto: Schöpke

Muntermacher für das Frühjahr

von Monika Schulte-Löbbert

Einer der berühmtesten Liebhaber von Brunnenkresse war Napoleon. Er schätzte die Pflanze so sehr, dass er sie in der Nähe von Paris anbauen und eigens für den Winter an den Quellen von Nîmes kultivieren ließ. Das heute wieder entdeckte Wildkraut lindert Atemwegsbeschwerden und ist ein würziger Vitaminspender. 

Die Echte Brunnenkresse (Nasturtium officinale R. Br.) stammt vermutlich aus Südosteuropa. Heute gilt sie als Kosmopolit, denn sie ist nicht nur auf der ganzen Nordhalbkugel verbreitet, sondern auch in Gebirgen der Tropen und Teilen der Südhalbkugel. 

Die Pflanze wächst bevorzugt entlang kleiner Wassergräben und an sonnigen Bachufern oder, wie der Name schon verrät, im klaren, fließenden Wasser einer Quelle oder eines Brunnens. Das Wasser sollte sauerstoff-, aber auch nährstoffreich sein. Je nach Standort variiert die Gestalt der Pflanze. Im tiefen Wasser treibt Brunnenkresse nur kleine und wenig geteilte Blätter und meist keine Blüten. Unter optimalen Bedingungen, das heißt, in flachem, sanft strömendem Wasser erreichen die Triebe teils Längen von 90 Zentimetern und bilden große grüne Polster.

Die Brunnenkresse ist ein typischer Vertreter der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae, früher Cruciferae): Sie bildet traubige Blütenstände aus, in jeder Blüte sechs Staubblätter und die charakteristischen Schotenfrüchte. Die Triebe der wintergrünen, ausdauernden Pflanze kriechen dicht über der Wasseroberfläche, und nur das Ende richtet sich auf. Mit den Wurzeln verankert sich der Spross fest am Grund. Der fast kahle, kantige Stängel ist hohl und trägt unpaarig gefiederte, grasgrüne Blätter. Die »Wasserblätter« sind meist größer und stärker gefiedert als die »Luftblätter«. 

Zur Blütezeit von Mai bis September erscheinen die wenige Millimeter großen, weißen Blüten mit vier Kronblättern und sechs gelben Staubblättern. Aus ihnen entwickeln sich die bis 20 Millimeter großen Schoten, die sich wie eine Sichel leicht nach oben krümmen. In den Schoten stehen die Samen parallel in zwei Reihen. Die auch im Winter grüne Pflanze stellt allerdings ihr Wachstum bei Temperaturen unter 7 Grad Celsius ein.

Die volkstümlichen Namen wie Bachkresse, Wasserkresse oder Grabenkresse verweisen auf den Standort der Pflanze. Die Namen Wassersenf und Wiesenkren erinnern dagegen an den scharfen Geschmack des Krauts. Die Engländer nennen sie watercress; cresson de fontaine heißt sie bei den Franzosen. Ein älteres Synonym für Nasturtium officinale ist -»Rorippa nasturtium-aquaticum«.

Wichtig für Sammler

Laien könnten Brunnenkresse leicht mit dem Bitteren Schaumkraut, Cardamine amara L., verwechseln, das an gleichen Standorten wächst und sehr ähnliche Blätter besitzt. Im Unterschied zur Brunnenkresse sind die Stängel des Bitteren Schaumkrauts mit Mark gefüllt und die Staubblätter rotviolett. Wer für einen Salat aus Wildkräutern Bitteres Schaumkraut statt Brunnenkresse sammelt, geht damit keine Gefahr ein: Das Bittere Schaumkraut ist ungiftig und hat ähnliche Eigenschaften wie die Brunnenkresse.

Wild wachsende Brunnenkresse zu finden, wird allerdings immer schwieriger. Schuld daran ist zum einen die zunehmende Kanalisierung von Bächen und Flüssen, zum anderen die immer schlechtere Wasserqualität durch Überdüngung und Verunreinigungen. Deshalb gilt das Vorkommen von Brunnenkresse in einem Gewässer auch als offizieller Indikator für eine besonders gute Wasserqualität. 

Wer wilde Brunnenkresse sammelt, sollte immer nur einige Triebspitzen abzwicken, damit die Wurzeln im Wasser verbleiben und die Pflanze sich weiter vermehren kann. Außerdem sollte jeder nur so viel ernten, wie er gleich verbrauchen kann, denn die Haltbarkeit ist nur von kurzer Dauer. Und noch ein Rat: Aus hygienischen Gründen sollte nur aus fließenden Gewässern geerntet werden, sonst könnten die Pflanzen bakteriell belastet sein. In der Nähe von Tierweiden besteht die Gefahr, dass sie mit Parasiten behaftet sind. In Frankreich und in der Schweiz infizierten sich Menschen mit dem Großen Leberegel, weil sie Brunnenkresse auf Tierweiden gesammelt und verzehrt hatten.

Kommerzieller Anbau

Die im Handel und auf Märkten angebotene Brunnenkresse stammt aus Kulturen. Frankreich und England sind heute die Hauptlieferanten. Für den Anbau der Brunnenkresse werden flache Gräben benötigt, die von langsam fließendem, 10 bis 12 Grad Celsius kaltem Wasser durchströmt werden. Die seitlich des Grabens aufgeschütteten Wälle schützen die Gräben im Winter vor kaltem Wind. In den Gräben wird der Wasserstand durch einen Zu- und Abfluss geregelt, sodass sie für Pflanzung oder Saat trockengelegt werden können. Die Ernteperiode erstreckt sich von September bis zum Beginn der Blüte im Mai. Die Triebe werden bei einer Länge von 12 bis 15 Zentimetern geschnitten und kommen gebündelt oder in Kunststoffbeuteln verpackt in den Handel. Geerntet wird von Hand oder mit der Sense, weil die Brunnenkresse sehr druckempfindlich ist. Am besten sollte sie frisch verzehrt werden. Vor Feuchtigkeitsverlust geschützt hält sie sich im Kühlschrank circa eine Woche.

Ein Kraut gegen Katarrhe

Als Heilpflanze ist die Brunnenkresse seit der Antike bekannt. Schon die Römer nutzten Brunnenkresse als Würz- und Heilpflanze. In verschiedenen Kräuterbüchern des Mittelalters beschreiben die Verfasser ihre heilenden Kräfte. So steht zum Beispiel im »Macer floridus«, einem sehr frühen Werk der mittelalterlichen Klostermedizin (etwa 11. Jahrhundert) über Nasturtium: »Kochst Du das Kraut oder auch den Samen mit frischer Ziegenmilch und nimmst den Trunk lauwarm zu Dir, so muss jeder Schmerz, der Deine Brust beklemmt, sich legen.« Brunnenkresse galt zudem als harntreibend sowie anregend für Verdauung und Stoffwechsel. Noch heute empfiehlt die Volksmedizin Brunnenkresse für entschlackende Frühjahrskuren. Äußerlich angewendet soll sie die Haut glätten und den Haarwuchs fördern.

Nachgewiesen ist allein ihre Wirkung auf die Atmungsorgane. Deshalb bewertete die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts nur die Indikation »Katarrhe der Luftwege« positiv für Brunnenkressekraut – Nasturtii herba.

Frische Brunnenkresse enthält Senföl-Glykoside (Glucosinolate) mit der Hauptkomponente Gluconasturtiin. Beim Zerstören des Gewebes entstehen durch enzymatische Hydrolyse Senföle, zum Beispiel das flüchtige, stechend riechende 2-Phenylethyl-Senföl sowie geringe Mengen an Nitrilen. Übrigens: Die botanische Bezeichnung nasturtium bezieht sich genau auf diese Inhaltsstoffe, die die Nase quälen. Der Begriff setzt sich aus dem lateinischen nasus für »Nase« und torquere für »quälen« zusammen. Zum Würzen eignet sich nur frisches Kraut, da Geruch und Geschmack beim Trocknen verloren gehen. 

Wegen unzureichender pharmakologischer und klinischer Daten gibt es kein zugelassenes Fertigarzneimittel mit definierter Indikation, vereinzelt werden Presssäfte angeboten. Die Kommission E empfiehlt als Tagesdosis 4 bis 6 g Droge, 20 bis 30 g frisches Kraut oder 60 bis 150 g Frischpflanzenpresssaft. Die Droge ist gelegentlich Bestandteil von Blutreinigungs- oder Schlankheitstees.

Menschen mit Magen- und Darmgeschwüren sowie entzündlichen Nierenerkrankungen sollten keine Zubereitungen aus Brunnenkresse anwenden. Für Kinder unter vier Jahren und Schwangere ist Brunnenkresse ebenfalls nicht geeignet. In seltenen Fällen kommt es zu Magen-Darm-Beschwerden, insbesondere bei Verwendung des frischen Presssaftes.

Verschiedene Cremes gegen Altersflecke enthalten Extrakte aus Brunnenkresse, zum Beispiel Celerit® Creme.

In homöopathischer Zubereitung

Homöopathen verordnen Nasturtium überwiegend bei Reizzuständen der ableitenden Harnwege. Das homöopathische Arzneibuch enthält die Monographie »Nasturtium officinale – Nasturtium aquaticum« und verwendet zur Herstellung der Urtinktur die frischen zur Blütezeit gesammelten, oberirdischen Teile von Nasturtium officinale.

Zu den Kombinationsarzneimitteln, die Brunnenkresse in homöopathischer Verdünnung enthalten, gehören Jsostoma® S Tabletten, Lymphomyosot® N Tropfen, Injektionslösung und Tabletten sowie die Lösung Regena Haut-Fluid-W. Da es sich um registrierte homöopathische Arzneimittel handelt, fehlt die Angabe der therapeutischen Indikation.

Vitaminreiches Küchenkraut

Immer mehr Menschen schätzen Brunnenkresse als Gewürz und gesunden Vitaminlieferanten. Neben hohen Mengen Vitamin C (80 mg auf 100 g Frischpflanze) enthält die Brunnenkresse die Vitamine A, B1, B2 und E. Darüber hinaus lassen sich Flavonoide, Mineralstoffe und Spurenelemente, besonders Eisen, Calcium, Iod und Phosphor nachweisen. 

Als Salatbeigabe werden die frischen Triebspitzen grob gehackt oder als Brotbelag mit Quark, Frischkäse oder Butter gemischt. Fein gehackt oder püriert dient sie auch zum Würzen von Soßen, Suppen, Gemüse, Omeletts und Eintopfgerichten. Der Fantasie der Köche sind dabei keine Grenzen gesetzt.


Der Erfurter Kresse-Park

Bereits im Jahre 1687 wurden in dem quellreichen Gebiet Dreienbrunnen in Erfurt die ersten Brunnenkresse-Kulturen angelegt. Das saubere Quellwasser und die Art des Geländes boten optimale Bedingungen für qualitativ hochwertige Pflanzen. In einer dieser Quellanlagen baut seit 1769 die Familie Haage Brunnenkresse an. Napoleon ließ im Jahre 1809 nach diesem Muster durch zwei Erfurter Gärtner solche Klingen nahe Paris anlegen. Sie bestehen noch heute.

Zu DDR-Zeiten wurde der Anbau weitgehend eingestellt, und die Gräben zerfielen. Nach der Wende hat die »Kressepark Erfurt GmbH« mit einem innovativen Konzept den Anbau der Brunnenkresse wieder belebt. Die Erfurter Haag’sche Anlage produziert jährlich etwa 80 000 Kilo Brunnenkresse, die von hier in fast alle deutschen Großstädte verschickt wird. Der Erfurter Kressepark ist eine gelungene Kombination aus Produktion und Naherholung, wo Interessierte sich die alte Anbaumethode der Brunnenkresse ansehen und erklären lassen können.



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schulte-loebbert(at)t-online.de



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