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Sicherheitshalber kein Alkohol

0,0 Promille in der Schwangerschaft

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann das Ungeborene vielfältig und irreparabel schädigen. Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) können sich als körperliche und geistige Behinderungen sowie Schäden des Zentralnervensystems (ZNS) äußern. Eine unbedenkliche Schwellendosis für den Alkoholkonsum gibt es nicht.
Manuela Kupfer
24.02.2020
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In Deutschland ist Alkohol in der Gesellschaft als Genussmittel breit akzeptiert, er wird bei zahlreichen Anlässen getrunken und ist in verschiedene Traditionen eingebunden. Aktuellen statistischen Erhebungen zufolge liegt der Alkoholkonsum in Deutschland nach wie vor über dem Durchschnitt der EU-Mitgliedsstaaten.

Auch eine große Zahl schwangerer Frauen, je nach Studie zwischen 20 und 58 Prozent, trinkt nach eigenen Angaben gelegentlich Alkohol. Dabei ist jedes Glas eines zu viel, denn das ungeborene Kind trinkt immer mit und kann bereits durch geringe Mengen Alkohol geschädigt werden. Ethanol sowie sein Abbauprodukt Acetaldehyd passieren ungehindert die Plazentaschranke und gelangen über die Nabelschnur zum Fetus beziehungsweise Embryo. Nach wenigen Minuten hat dieser den gleichen Alkoholspiegel im Blut wie die Mutter, kann die Zellgifte jedoch aufgrund seiner noch unreifen Leber nur sehr begrenzt abbauen. Daher zirkuliert der Alkohol länger im Blutkreislauf des Ungeborenen. In der Folge ist dessen Alkoholpegel zeitweise sogar höher als der der Mutter und somit dem Alkohol etwa zehnmal länger ausgesetzt. Durch die längere Einwirkzeit werden die toxischen Wirkungen noch verstärkt und die Zellgifte können irreversible Schäden an sämtlichen Organen, speziell dem Gehirn, verursachen.

Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann zu einem breiten Spektrum an Schädigungen beim ungeborenen Kind führen. Diese umfassen häufig Auffälligkeiten des Wachstums und körperliche Missbildungen, Störungen der Entwicklung, der Kognition und des Verhaltens sowie Einschränkungen in Teilleistungen. Diese Beeinträchtigungen werden unter dem Oberbegriff Fetale Alkoholspektrumstörungen (fetal alcohol spectrum disorders, FASD) zusammengefasst. Abhängig vom Schweregrad unterscheiden Fachleute drei Krankheitsbilder:

  • Fetales Alkoholsyndrom (fetal alcohol syndrome, FAS)
  • partielles Fetales Alkoholsyndrom (partial fetal alcohol syndrome, pFAS),
  • alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung (alcohol related neurodevelopmental disorder, ARND).

Diagnose des FAS

Das FAS entspricht dem Vollbild der Störung und wird durch das gleichzeitige Auftreten von Auffälligkeiten im Wachstum, im Gesicht sowie im ZNS, die mit unterschiedlich stark ausgeprägten Entwicklungsstörungen einhergehen, beschrieben. Für die Diagnose müssen folgende Befunde erhoben werden:

  • Wachstumsstörungen: Gewicht, Körperlänge oder Body-Mass-Index (BMI) sind zu niedrig
  • Auffälligkeiten im Gesicht: kurze Lidspalte, verstrichenes Philtrum (Rinne zwischen Nase und Oberlippe) und schmale Oberlippe
  • ZNS-Schäden: Diese äußern sich entweder strukturell als Mikrozephalie, eine Hirn- und Schädelfehlbildung, oder funktionell durch Entwicklungsverzögerungen (bei Kindern unter zwei Jahren), verminderte Intelligenz oder verringerte Leistung in mindestens drei der folgenden Bereiche: Sprache, Feinmotorik, räumlich-visuelle Wahrnehmung oder räumlich-konstruktive Fähigkeiten, Lern- oder Merkfähigkeit, exekutive Funktionen, Rechenfertigkeiten, Aufmerksamkeit, soziale Fertigkeiten oder Verhalten.

Bei der Diagnose von pFAS und ARND muss das Kriterium einer bestätigten oder wahrscheinlichen Alkoholexposition im Mutterleib zutreffen, Wachstumsstörungen müssen nicht vorliegen. Beim pFAS werden zwei von drei Gesichtsanomalien gefordert, zudem drei ZNS-Auffälligkeiten, beim ARND werden lediglich Befunde im Bereich des ZNS erhoben.

Vor allem bei dauerhafter pränataler Alkoholexposition kann das Kind von einer Vielzahl von Komorbiditäten oder Folgeerkrankungen betroffen sein. In einer Metaanalyse fanden Wissenschaftler insgesamt 428 mit dem FASD assoziierte Störungen. Am häufigsten traten Anomalien des peripheren Nervensystems, schwere Seh- und Hörbehinderungen, Verhaltensstörungen sowie Defizite im Sprachverständnis und in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit auf.

Entwicklung verzögert

Vielfach werden auch Herz-, Nieren- und Skelettfehlbildungen beobachtet. Betroffene Kinder entwickeln sich meist verzögert und leiden unter Schlaf-, Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen. Sowohl ihr Langzeit- als auch ihr Kurzzeitgedächtnis kann beeinträchtigt sein, sie haben Schwierigkeiten mit der Entscheidungsfindung, können nicht abstrahieren und verstehen einfache Zusammenhänge nicht. Oftmals ist das Sozialverhalten gestört, ebenso wie die Emotionen. Sie können sich nur schwer an soziale Regeln halten, sind manchmal aggressiv und kommen nicht selten mit dem Gesetz in Konflikt. Aber auch Suchterkrankungen, Ängste, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen finden sich bei diesen Personen überdurchschnittlich oft.

Menschen mit FAS sind häufig körperlich und psychisch stark beeinträchtigt. Nur wenige sind in der Lage, sich selbst zu versorgen und einer dauerhaften Beschäftigung nachzugehen, viele sind lebenslang auf Hilfe und Unterstützung angewiesen.

Die Prävalenz von FAS liegt in Europa zwischen 0,2 und 8,2 pro 1000 Geburten. Das Vollbild des FAS tritt nach Expertenschätzung nur bei 10 Prozent aller Kinder mit vorgeburtlichen Schäden aufgrund einer Alkoholexposition im Mutterleib auf. Man geht davon aus, dass in Deutschland jährlich etwa 10.000 bis 16.000 Kinder mit FASD auf die Welt kommen, davon mehr als 2000 mit FAS. Demnach ist FASD eine der häufigsten angeborenen Erkrankungen und der häufigste Grund für nicht genetisch bedingte Behinderungen hierzulande.

Häufig nicht erkannt

Dennoch geht man in Fachkreisen davon aus, dass das Krankheitsbild noch stark unterdiagnostiziert ist. Die Vielgestaltigkeit der Symptome kann dabei eine korrekte Diagnose erschweren. Häufig werden lediglich Komorbiditäten oder Folgeerkrankungen wie ADHS erkannt, was leicht zu falschen Schlüssen und Fehlbehandlungen führt. Auch starke negative Einflüsse nach der Geburt, etwa Vernachlässigung und Misshandlung, können die Symptomatik der FASD überdecken. Dass betroffene Kinder in der Mehrzahl keine oder nur kaum äußerlich sichtbare Schäden aufweisen, macht eine Diagnose ebenfalls schwierig. Ein Problem ist auch, dass viele Frauen ihren Alkoholkonsum während der Schwangerschaft nicht oder falsch angeben, oder aber gar nicht danach gefragt werden.

Alkoholkonsum stellt in der gesamten Schwangerschaft ein Risiko dar. Welche Symptome sich letztlich in welchem Schweregrad beim Ungeborenen herausbilden, hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab: Menge, Zeitpunkt und Dauer des Alkoholkonsums, genetische Ausstattung, Fähigkeit des Körpers zum Alkoholabbau (sowohl beim Kind als auch bei der Mutter), Ernährungsstatus, Lebensstil, Stresslevel, Sozialstatus und Alter der Mutter, Umwelteinflüsse, zusätzlicher Konsum von Amphetaminen oder multiplen Drogen, Nikotin, Koffein und Medikamenten.

Keine ungefährliche Schwellendosis

Grundsätzlich erhöht eine gesteigerte Alkoholdosis die Toxizität, die Gefahr ist daher beim Binge-Drinking (exzessiver Alkoholkonsum von mehr als fünf Standardgläsern bei einer Gelegenheit) besonders groß. Allerdings besteht jedoch keine einfache Dosis-Wirkungs-Relation, folglich lässt sich auch keine für das Ungeborene ungefährliche Schwellendosis für den Alkoholkonsum der Schwangeren angeben.

Nun trinken allerdings viele Frauen zu Beginn ihrer Schwangerschaft Alkohol, wenn sie noch gar nicht wissen, dass sie ein Kind erwarten. Hier gilt das Alles-oder-Nichts-Prinzip: In den ersten 14 Tagen nach der Befruchtung teilt sich eine durch Alkohol schwer geschädigte Eizelle nicht weiter und nistet sich nicht in der Gebärmutter ein. Eine Schwangerschaft kommt somit gar nicht erst zustande.

Wenn aber schon eine Schwangerschaft besteht, ist die Gefahr einer Schädigung in den ersten zehn Schwangerschaftswochen, also der Embryonalphase, besonders hoch. In dieser Phase erfolgt die Anlage der Organe und der Embryo ist besonders sensibel gegenüber toxischen Einflüssen. Alkohol kann dann Fehlbildungen und schwere Anomalien auslösen. Ab der dritten Schwangerschaftswoche entwickelt sich das ZNS, damit setzt die Hirnentwicklung ein.

Im zweiten Schwangerschaftsdrittel kann Alkohol das Wachstum des Fetus stören und zu einer Fehlgeburt führen. In den letzten drei Monaten, in denen das Ungeborene stark wächst und auch das Gehirn einen Wachstumsschub erfährt, ist die Gefahr für Wachstumsretardierung und Gehirnschäden am größten. Alkohol in dieser Phase unterbindet die Vernetzung der Gehirnzellen.

Prinzipiell ist das Gehirn, das größte und zugleich empfindlichste Organ des Ungeborenen, am stärksten von einer pränatalen Alkoholexposition betroffen. Alkohol kann in allen Phasen die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen und dieses global oder multifokal schädigen, das heißt, der alkoholtoxische Effekt bleibt meist nicht auf einen abgegrenzten Bereich des Gehirns beschränkt. Je stärker und je mehr Funktionsbereiche beeinträchtigt sind, desto höher wird der Schweregrad der Störung eingeschätzt.

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