PTA-Forum online
Leichte Sprache

Informationen ohne Grenzen

Alle Menschen haben ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Informationen eingeschlossen. Mit leichter Sprache, einem Konzept der Barrierefreiheit, verstehen viele Menschen Texte besser. Auch PTA können für ihre Patienten in leichter Sprache formulieren.
Michael van den Heuvel
11.04.2019
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Schon in den 1970er-Jahren haben sich Menschen mit Lernschwäche in den USA zusammengetan, um ihr Recht auf Teilhabe an Informationen zu vertreten. Seit den 1990er-Jahren verbreitet sich die Idee hierzulande. Anfangs engagierte sich »Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland« als Vertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Und seit 2006 setzt sich das »Netzwerk Leichte Sprache« für weitere Verbesserungen ein. Mittlerweile ist leichte Sprache Teil der Barrierefreiheit geworden.

Zum Hintergrund: Standardtexte erschließen sich nicht allen Menschen. Personen mit Lern- beziehungsweise Leseschwäche oder Bürger, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, Senioren oder Patienten mit Erkrankungen wie einer Demenz haben Schwierigkeiten. Lassen wir Betroffene selbst zu Wort kommen: »Das ist mein Traum: Dass ich Briefe vom Amt lesen kann, ohne dass mir erst jemand erklären muss, was da drin steht«, so Josef S. »Wenn die Sätze so lang sind, dann ist das für mich zu schwer. Dann habe ich schon gar keine Lust mehr, weiterzulesen.« Und Nicole P. ergänzt aus ihrer Erfahrung: »Schwere Sprache ist für mich: Ich kann keine Zeitung lesen. Und ich brauche meine Betreuerin; sie müsste mir vieles vorlesen.« Aber auch die Speisekarte im Restaurant bereitet Nicole Schwierigkeiten. Heute helfen Josef und Nicole anderen Menschen, indem sie Texte prüfen: ein wichtiger Schritt, um Fehler zu korrigieren. 

Fachbegriffe umschreiben, Abkürzungen vermeiden

Die meisten Texte, wie man sie beispielsweise für Apothekenwebsites oder für die Patientenkommunikation in Flyern verwendet, werden in normaler Sprache verfasst. Sie in leichte Sprache umzuwandeln, kostet Zeit, denn Inhalte müssen stark angepasst, teilweise sogar umgeschrieben werden. Die wichtigste Regel lautet, einfache Wörter zu verwenden. Schlecht ist beispielsweise »genehmigen«, besser eignet sich »erlauben«. Begriffe sollten einen Sachverhalt möglichst genau darstellen. In dem Zusammenhang erweist sich der »öffentliche Nahverkehr« als ungeeignet. »Bus und Bahn« treffen es besser. In der leichten Sprache haben Fachwörter oder Fremdwörter nichts zu suchen. Aus einem »Workshop« wird eine »Arbeits-Gruppe«. Die in journalistischen Texten unübliche Trennung per Bindestrich erleichtert es, Inhalte visuell zu erfassen. Oft gelingt es nicht, schwere Begriffe kurz zu umschreiben, etwa »berufliche Rehabilitation«. In leichter Sprache könnte man schreiben: »Frau Müller hatte einen schweren Unfall. Jetzt lernt sie einen anderen Beruf.« Synonyme, die Texte normalerweise lesenswert machen, gehören nicht in die leichte Sprache. Verfassen Sie für die Apotheke eine Broschüre, sollten Sie nicht zwischen »Tablette«,» Pille« oder »Medikament« wechseln. Ideal ist ein einziges, möglichst treffendes Wort, etwa »Tablette«. Kurze Termini (»Bus«) eignen sich besser als längere (»Omnibus«). Experten warnen zudem vor Abkürzungen (»d.h.«). Sie raten, die Begriffe (»das heißt«) auszuschreiben. Gängige Kürzel (»ICE«, »LKW«, »WC«) sind in Ordnung.

Satzbau: Verwinkelt geht gar nicht

Auch bei Satzkonstruktionen lautet das Credo: Weniger ist mehr. Aus verwinkelten Konstruktionen entstehen einzelne Sätze. Aus dem Passus »Falls Sie mir sagen, was Ihnen fehlt, kann ich Sie beraten«, wird in leichter Sprache »Ich kann Sie beraten. Bitte sagen Sie mir: Was fehlt Ihnen?«. Vor Umstellungen (»Gemeinsam finden wir eine Lösung«) wird gewarnt, auch hier sind einfache Varianten (»Wir finden gemeinsam eine Lösung«) die bessere Wahl. Am Satzanfang dürfen Wörter wie »Und«, »Oder«, »Aber«, »Wenn« stehen: »Bitte rufen Sie uns in der Apotheke an. Oder schreiben Sie eine E-Mail.« Persönliche Ansprachen (»Morgen ist Ihr Arzttermin«) sind verständlicher, verglichen mit Floskeln wie »Morgen ist der Termin«. Damit nicht genug. Verben (»Morgen wählen wir den Heim-Beirat«) werden eher empfohlen als Konstruktionen mit Substantiven (»Morgen ist die Wahl zum Heimbeirat«) oder Passiv-Konstrukte (»Morgen wird der Heim-Beirat gewählt«). Fachleute sehen auch im Genetiv (»Das Haus des Lehrers«) eine schwer verständliche Formulierung. Ihre Lösungen (»Das Haus vom Lehrer«, »Das Haus von dem Lehrer«) überraschen auf den ersten Blick, sind jedoch leichter verständlich. Als ähnlich kritisch wie der Genitiv gelten Konjunktive (»Morgen könnte es regnen«). Auch hier empfehlen Fachleute Alternativen (»Morgen regnet es vielleicht«). Negative Formulierungen (»Peter ist nicht krank«) stellen ebenfalls Hürden im Verständnis dar. Besser ist, solche Sätze umzuschreiben (»Peter ist gesund«).

Ungenau, aber verständlich

In Zusammenhang mit leichter Sprache bieten sich arabische Zahlen (»9«) an, während römische Zahlen (»IX«) zusätzliche Hindernisse beim Lesen darstellen. Ziffern (»5 Personen«) sind besser als Worte (»fünf Personen«). Und alte Jahreszahlen (»1899«) entziehen sich oft der Vorstellungskraft. Alternativ kann man hier »Vor langer Zeit...« schreiben. Was Apotheker oder PTA vielleicht stört: Genaue Angaben (»13.457 Patienten«, »14,3 Prozent«) schaden nur. Die Alternativen (»viele Patienten«, »einige oder wenige Personen«) sind nicht akkurat, aber verständlich. Auch bei Telefonnummern lohnt es sich, komplexe Darstellungen wie »(089) 123-456« in Formate wie »089 12 34 56« zu transformieren. Sonderzeichen (»§«) kann man entweder ausschreiben oder doppeln (»Paragraf §1«).

Layout: Bilder sagen mehr als Worte

Vom Inhalt zur Gestaltung des Textes. »Leichte Sprache« bezieht sich nicht nur auf Inhalte, sondern auf übersichtliche Formen zur Darstellung. Linksbündige Texte sind dabei besser als Blocksatz. Nur eine Überschrift darf zentriert sein. Im Idealfall steht jeder Satz in einer neuen Zeile, und zwar ohne Silbentrennung. Außerdem helfen Absätze beziehungsweise Zwischenüberschriften, längere Inhalte zu strukturieren. Wichtige Dinge, etwa Kernaussagen, können farblich hervorgehoben werden. Experten raten zu schwarzer, schnörkelloser Schrift wie Arial, Lucida Sans Unicode, Tahoma beziehungsweise Verdana, und zwar mindestens in 14 Punkt Größe. Gedruckt wird auf dickem, weißem, mattem Papier. Das führt zum maximal möglichen Kontrast. Doch Vorsicht vor »Bleiwüsten«. Ein Bild sagt nicht nur mehr als 1000 Worte, sondern illustriert jeden Sachverhalt. Verwenden Sie scharfe Fotos beziehungsweise Illustrationen. Die Aufnahmen sollten separat stehen, also nicht als Hintergrund für Texte verwendet werden. Zum Abschluss kommt der entscheidende Schritt. Nur Menschen mit Lernschwierigkeiten können beurteilen, ob ein Text alle Kriterien der leichten Sprache erfüllt. Deshalb sollten sie als Zielgruppe Ihren Artikel beurteilen: eine Aufgabe, der sich beispielsweise Nicole oder Josef widmen. Diese Prüfung ist entscheidend, um noch abschließende Korrekturen vorzunehmen.

Komplexe Themen leicht gebracht

Bleibt als Fazit: Der Aufwand, normale Texte in eine leichte Sprache zu transformieren, ist groß. Laut Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), §11, sind dazu nur Behörden verpflichtet, Apotheken oder Arztpraxen jedoch nicht. Und kaum eine Apotheke hat Ressourcen, um Materialien für Patienten selbst zu texten.

Deshalb bietet der Apothekerverband Köln einen Flyer zum richtigen Umgang mit Medikamenten in leichter Sprache an. Einige Beispiele, man beachte die speziellen Formulierungen und Interpunktionen:

  • Wie oft muss ich meine Medikamente nehmen? 1 mal am Tag heißt alle 24 Stunden immer zur gleichen Zeit. 2 mal am Tag heißt alle 12 Stunden immer zur gleichen Zeit (...).
  • Wann genau muss ich meine Medikamente nehmen? Vor dem Essen bedeutet: 30 Minuten vor dem Essen. Beim Essen bedeutet: Während Sie essen oder sofort danach.
  • Mit welchem Getränk nehme ich Medikamente ein? Nehmen Sie das Medikament mit Leitungs-Wasser ein. Trinken Sie am besten ein ganzes Glas.
  • Wogegen helfen meine Medikamente? Fragen Sie Ihren Arzt, welches Medikament gegen welche Krankheit helfen soll. Ihr Arzt schreibt die Antwort auf einen Zettel.

Es gibt noch viel zu tun

Beide Pilotprojekte zeigen, dass es gelingen kann, medizinische beziehungsweise pharmazeutische Sachverhalte in leichter Sprache wiederzugeben. Momentan sind derart verständliche Inhalte eher die Ausnahme als die Regel. Packungsbeilagen stellen für viele Menschen unüberwindliche Hürden dar. Seit 2005 verpflichtet die EU Hersteller zwar, mit ihrem Zulassungsantrag Ergebnisse eines Lesbarkeitstests mit ihrer Patientenzielgruppe einzureichen. Von leichter Sprache ist man aber meilenweit entfernt.

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