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Eine Empfehlung von Experten

1-2-3-Creme aus der Rezeptur

Dieses in der Apotheke herzustellende Dermatikum wird von der S2k-Therapieleitlinie zum Gebrauch von Topika ausdrücklich empfohlen. Welche Patienten profitieren davon? Wie ist das Dermatikum zusammengesetzt? Und zu guter Letzt: Wie gelingt die Herstellung in der Apothekenrezeptur?
Ingrid Ewering
18.05.2021  09:00 Uhr

Die Autoren der Leitlinie zum Gebrauch von Topika sind wahre Experten auf ihrem Gebiet. Sie empfehlen die 1-2-3-Creme zur Behandlung von Dermatosen bei lange andauerndem, quälendem Juckreiz, dem sogenannten chronischen Pruritus. In diesem Expertenrat sitzen nicht nur Dermatologen, sondern auch Apotheker wie zum Beispiel der Leiter des Pharmazeutischen Laboratoriums des NRF, Dr. rer. nat. Holger Reimann

Die drei Wirkstoffe Menthol, Campher sowie Chloralhydrat sind verantwortlich für die Namensgebung »MCC-Creme«. Der Trivialname »1-2-3-Creme« gibt Aufschluss darüber, in welcher Konzentration die drei Komponenten eingesetzt werden: 1 Prozent Menthol, 2 Prozent Campher und 3 Prozent Chloralhydrat.

Menthol ist ein bekannter und wohlriechender Inhaltsstoff zum Beispiel von Erkältungsbonbons. Es wirkt auf der Haut kühlend und stillt Juckreiz. Bei der Neurodermitis-Basispflege wird es als entzündungshemmender Zusatz betrachtet. So können sich eventuell Behandlungen mit Glucocorticoiden erübrigen. Erfahrungen aus der Berliner Charité sowie der Universitätsmedizin Mainz bestätigen die genannten Wirkungen. Es empfiehlt sich die Verwendung von Levomenthol, da dieses pharmakologisch aktiver ist. Welche Kontraindikationen sind zu beachten?

In der Schwangerschaft gilt die kutane Anwendung als sicher. Menthol darf jedoch bekanntermaßen niemals bei Säuglingen oder Kleinkindern eingesetzt werden. Erst ab einem Alter von etwa drei Jahren vertragen sie das ätherische Öl, ohne dass ihnen eine Epiglottis drohen könnte. Diese Verkrampfung des Kehlkopfes führt zu einer Atemnot, die lebensbedrohlich sein kann. 

Nicht großflächig anwenden

Campher ist ein bekannter Bestandteil von Franzbranntwein und anderen Einreibungen für die juckende Haut. D-Campher und racemischer Campher sind therapeutisch gleichwertig, wirken hyperämisierend und lindern Juckreiz. Es ist nicht gesichert, ob Campher wesentlich zur Wirksamkeit beiträgt. Doch fehlt dieser Wirkstoff, entsteht kein Lösungsgemisch. Bereits ab einer subtherapeutischen Konzentration von nur 0,6 Prozent tritt dies allerdings ein.  Campher darf keinesfalls auf geschädigter Haut aufgetragen werden, und der Einsatz bei Säuglingen oder Kleinkindern ist kontraindiziert. Generell sollte die großflächige Dauerbehandlung auf der Haut bei Groß und Klein vermieden werden. 

Chloralhydrat wird missbräuchlich in Form von »K.-o.-Tropfen« angewendet. Denn bei peroraler Applikation wirkt es sedativ und hypnotisch. Kutan angewendet gilt es als obsoleter Wirkstoff. Versuchsweise werden chloralhydrathaltige Individualrezepturen bei unstillbarem Juckreiz in universitären dermatologischen Zentren verordnet. Und so gelangen solche Rezepturvorschriften dann auch in öffentliche Apotheken. Beim Einsatz auf der Haut soll Chloralhydrat Juckreiz reduzieren und schwach antiseptisch wirken. 

Dabei sollte eine Konzentration von 3 Prozent nicht überschritten werden. Das Applikationsintervall ist auf zweimal täglich zu begrenzen, und die Therapiefläche darf nicht größer sein als 10 Prozent der Gesamtoberfläche des Körpers. 

Weiter ist bei Abgabe solcher Dermatika unbedingt auch darauf hinzuweisen, dass der Patient die Hände nach der Applikation gründlich waschen muss. Ansonsten drohen eventuell beim Bereiten und Verzehr von Speisen systemische Effekte. Oder geben Sie einen Einweg-Auftragsspatel mit, beziehungsweise empfehlen die Verwendung von Einweghandschuhen, um die Creme aufzutragen.

Da die 1-2-3-Creme stark riecht und auch über diesen Weg einen pharmakologischen Effekt erzeugen kann, sollte folgender Hinweis in Betracht gezogen werden: »Dieses Arzneimittel kann Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen so weit verändern, dass die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben ist.«

Der Klassiker

Die Basiscreme DAC zählt zu den Schnelldrehern in der Apothekenrezeptur. Dermatologen wählen sie häufig für Individualrezepturen; aber auch im NRF ist sie stark vertreten. Diese Creme enthält keine Kontaktallergene. Beispielsweise werden deshalb sowohl Glucocorticoide, Antimykotika wie Metronidazolnitrat, das wundheilungsfördernde Dexpanthenol oder sogar das rektal anzuwendende Diltiazemhydrochlorid laut NRF-Vorschrift eingearbeitet. Sie ist also bewährt zur Anwendung auf Problemhaut und sorgt für eine gute Rückfettung. Wie ist das möglich, wenn doch eine hydrophile Creme mit dem Emulsionsbild O/W vorliegt? Da hilft ein Blick auf die Mengen der Inhaltsstoffe. Die Creme enthält lediglich 40 Prozent Wasser, zählt jedoch trotzdem zu den hydrophilen Dermatika. Genau betrachtet handelt es sich um eine überfettete O/W-Zubereitung, die aufgrund der wässrigen Außenphase kosmetisch als sehr ansprechend empfunden wird. Denn man kann sie leicht auf der Haut verstreichen, ohne dass ein lästiger Fettfilm zurückbleibt. Werfen Sie bitte einen Blick auf die Zusammensetzung. Die hydrophilen Bestandteile sind blau und die fettenden Bestandteile gelb markiert (siehe Abb. 1.)

Konserviert ist sie mit 40 Prozent Propylenglykol, das als Fettalkohol die Haut mit Feuchtigkeit versorgt, ohne die Rückfettung zu vernachlässigen. Kurz zusammengefasst ist der Fettalkohol Propylenglcol für drei Effekte verantwortlich: Konservierung, Feuchtigkeitsspender und Beschleunigung der Wirkstoffpenetration.

Richtig wählen

Verordnet der Arzt als Grundlage dagegen Unguentum emulsificans aquosum, so hat man die Qual der Wahl. Denn es gibt sowohl die Anionische hydrophile Creme DAB sowie die Anionische hydrophile Creme SR DAC (NRF S.27.), siehe Tabelle 1. Damit stellen sich die Fragen, welche Creme genau der Arzt meint und ob er beim Austausch des Vehicles um Erlaubnis gefragt werden muss. Um die Frage nach der im Einzelfall gemeinten Creme zu beantworten, ist ein kritischer Blick auf dessen Zusammensetzung sehr hilfreich. 

Anionische hydrophile Creme DAB Anionische hydrophile Creme SR/DAC
Emulgierender Cetylstearylalkohol Typ A (Lanette N®) 9 % 21 %
2-Ethylhexyllaurat 10 %
Glycerol 85 % 5 %
Vaseline 10,5 %
Paraffin, dickflüssiges 10,5 %
Konservierung Sorbinsäure 1 % Kaliumsorbat 0,14 %, Wasserfreie Citronensäure 0,07 %
Gereinigtes Wasser 69 % 63,79 %
Die Anionische hydrophile Creme DAB sowie die Anionische hydrophile Creme SR DAC (NRF S.27.)

Die hydrophile Creme DAC enthält mit 21 Teilen mehr als die doppelte Menge an Lanette N®. Der nicht an der Emulgierung beteiligte Anteil dieses grenzflächenaktiven Stoffes wirkt auf feuchter Haut wie Seife. Auch wenn die Cremereste nur mit klarem Wasser entfernt werden, kann sich die Trockenheit weiter verschlimmern. Will heißen, dass auch der Juckreiz weiter zunehmen könnte. Deshalb ist die anionische hydrophile Creme DAB vorzuziehen. Auch im Rezepturhinweis zu Chloralhydrat wird diese Creme als geeignete Grundlage für die 1-2-3-Creme genannt. Der Arzt sollte über diesen Vorzug informiert werden, damit er das Rezept entsprechend ausstellen kann.

Herstellung und Haltbarkeit

Chloralhydrat kann Metall angreifen. Deshalb eignen sich weder die moderne Metallschale noch ein Metallspatel für die Herstellung der 1-2-3-Creme. Die Mischschale aus Glas oder die klassische Fantaschale ist einsetzbar. Chloralhydrat löst sich schnell in Wasser, Menthol und Campher lösen sich hingegen nur sehr langsam in der Lipidphase der Creme. Deshalb werden zunächst die drei festen Wirkstoffe miteinander gemischt und verflüssigen sich dabei ohne weitere Wärmeanwendung. Die klare Lösung wird anschließend in die Grundlage eingearbeitet. Sollte die Produktion mit einem Topitec® oder Unguator® erfolgen, ist die vorherige Verflüssigung in der Mischschale ebenfalls zu empfehlen. Da es sich um ein Lösungssystem handelt, ist beim Unguator die Mischscheibe zu verwenden. Weiter lässt sich im NRF-Rezepturhinweis Choralhydrat Folgendes nachlesen: Beim maschinellen Rühren verflüssigt sich die Zubereitung, verfestigt sich aber wieder nach einigen Stunden. Besonders beim TopiTec® soll deshalb die Spenderdose nicht unmittelbar nach Zubereitung geöffnet werden.

Auch die Abfüllung in eine Kunststofftube ist möglich. Inwieweit Aluminiumtuben mit Innenschutz verwendet werden können, ist nicht geklärt. Bei Verwendung der Basiscreme DAC haben Untersuchungen gezeigt, dass die Creme physikalisch über vier Wochen stabil ist. Da die eingesetzten Cremes konserviert sind, ist die genannte Zubereitung mikrobiell stabil. Wahrscheinlich kann deshalb eine Aufbrauchfrist in Spenderdosen mit sechs Monaten und in der Tube sogar mit einem Jahr angegeben werden.

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