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Hörstörungen

Keine Frage des Alters

Im Apothekenalltag über das Thema Hören zu sprechen, fällt nicht immer leicht. Während junge Eltern für Informationen dankbar sind, reagieren Jugendliche, Erwachsene und Senioren oft eher ablehnend. Hintergrundinfos und Beratungstipps für Apothekenkunden aller Altersgruppen gibt es hier.
Maria Pues
13.06.2019
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Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zählen Hörstörungen zu den sechs häufigsten Erkrankungen, die die Lebensqualität am meisten beeinträchtigen – unter anderem neben Morbus Alzheimer und Depressionen. Über das Hören zu reden, ist daher auch für PTA und Apotheker eine wichtige Aufgabe. Doch häufig fällt ein Gespräch darüber schwer. Wer nicht (mehr) gut hört, bemerkt dies häufig erst spät und akzeptiert es oft noch viel später. Ein möglicher Grund hierfür: Viele Hörminderungen entwickeln sich langsam.

Dabei ist Hörstörung nicht gleich Hörstörung: Betrifft sie das äußere Ohr oder das Mittelohr, spricht man von einer Schallleitungsschwerhörigkeit. Vorübergehende Formen dieser Schwerhörigkeit treten häufig bei Kindern auf. Manche Verursacher – wie ein Ohrschmalz-Pfropf – sind leicht zu beheben. Bei permanenten Formen kann unter anderem eine chronische Mittelohrentzündung Ursache sein.

Von einer Schallempfindungsschwerhörigkeit oder sensorischen Schwerhörigkeit spricht man, wenn die Funktion der Haarzellen in der Cochlea (Hörschnecke) beziehungsweise des Corti-Organs gestört ist. Leitet der Hörnerv die Impulse aus dem Ohr nicht weiter an das Gehirn, spricht man von einer neuralen Schwerhörigkeit. Liegt die Ursache im Gehirn, nämlich in der zentralen Hörbahn oder der Hörrinde, liegt eine zentrale Schwerhörigkeit vor. Diese Form der Schwerhörigkeit kann etwa im Rahmen einer Multiplen Sklerose auftreten.

Diese Unterscheidung ist wichtig, um zu verstehen, warum verschiedene Hörtests erforderlich sein können, um der Ursache einer Hörminderung auf die Spur zu kommen, und warum Patienten, die alle an demselben Symptom – nämlich einer Hörstörung – leiden, unterschiedliche therapeutische Maßnahmen benötigen. Bringt eine Maßnahme nicht den erhofften Erfolg, liegt möglicherweise eine Kombination mehrerer Hörstörungen vor. Das ist beispielsweise bei der sensineuralen Schwerhörigkeit der Fall, bei der Cochlea und Hörnerv betroffen sind. Sie tritt häufig im Alter auf.

Babys und Kinder

Für Säuglinge ist ein gesundes Gehör ein wichtiges Tor zur Welt, denn so hören sie die vertrauten Geräusche ihrer Umgebung, die Stimmen der Eltern – und auch die eigene, wenn sie lautstark ihre Wünsche äußern. Auch für die weitere Entwicklung spielt das Gehör eine wichtige Rolle, etwa beim Sprechen-lernen. Die gute Nachricht: Fast alle Babys kommen mit einem normal entwickelten Gehör zur Welt. Eine mittelgradige bis stärkere Hörstörung haben rund drei von 1000 Neugeborenen. Ein Hörscreening bei Neugeborenen deckt angeborene Hörstörungen meist auf. Manche Hörstörungen können sich jedoch auch erst später entwickeln, sodass diese beim frühen Screening nicht erfasst werden.

Bleibt eine Hörstörung unentdeckt, kann dies die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Möglicherweise lernt es nur verzögert sprechen und/oder spricht bestimmte Wörter falsch aus. Da Verknüpfungen im Gehirn sich laufend bilden und lösen, geht man außerdem davon aus, dass sich bei Hörstörungen bestimmte Verschaltungen nicht entwickeln und dies nach einer längeren Zeit schlechten Hörens möglicherweise auch nicht aufgeholt werden kann.

Die Ursache für angeborene Hörstörungen sind häufig unbekannt. Auch im Rahmen anderer, meist seltener angeborener Erkrankungen können Hörstörungen auftreten. Als mögliche Ursachen für später einsetzende Hörstörungen (Schallempfindungs-Schwerhörigkeit) kommen unter anderem bestimmte Infektionserkrankungen infrage, zum Beispiel Herpes, Masern oder Mumps. Die Erreger produzieren Toxine, die das Gehör schädigen können. Nicht zuletzt kann auch großer Lärm das empfindliche Gehör eines Säuglings schädigen.

Berichten besorgte Eltern in der Apotheke, dass ihr Säugling etwa auf die Ansprache der Eltern verzögert oder nur wenig reagiert, ist schlechtes Hören eine mögliche Ursache. Auch wenn der Nachwuchs überdurchschnittlich spät beginnt, die Laute der Eltern nachzuahmen, oder selbst zu sprechen, sollten PTA und Apotheker den Eltern raten, bei ihrem Kind einen Hörtest durchführen zu lassen. Für zahlreiche Hörstörungen gibt es heute auch für kleine Patienten Therapiemöglichkeiten. Dazu gehören Hörgeräte, logopädische Behandlungen und Schulungen sowie elektronische Hörprothesen (Cochlea-Implantate).

Jugendliche und Erwachsene

Dauerschall oder lauter Knall: Je nach Art der Lärmeinwirkungen können unterschiedliche Schädigungen am Gehör entstehen. Bei einer kurzen lauten Einwirkung – etwa durch einen Feuerwerkskörper, der in der Nähe des Ohrs explodiert – spricht man von einem Knalltrauma. Eine starke und heftige Druckwelle gelangt dabei in das Ohr – ein Schall-Tsunami sozusagen. Dabei kann das Trommelfell reißen; vor allem aber gehen Haarzellen im Innenohr zugrunde. Betroffene hören im Anschluss häufig zunächst ein schrilles Pfeifen, das mit der Zeit abnimmt. Im Hörtest zeigt sich dauerhaft eine charakteristische Lücke bei 6 kHz (Hz: Hertz, Einheit für die Frequenz).

Anhaltend starke Lärmeinwirkung – etwa beim Arbeiten an einem sehr lauten Arbeitsplatz – verursacht hingegen eine charakteristische Schädigung im Bereich von 4 kHz. Auf der Liste der häufigsten berufsbedingten Erkrankungen nehmen lärmbedingte Hörstörungen den ersten Platz ein. Besonders häufig betroffen sind beispielsweise Arbeiter in metallverarbeitenden Betrieben und in der Baubranche.

Auch Chemikalien können das Gehör schädigen, wenn man über Jahre Tag für Tag mit ihnen arbeitet. Dazu gehören Schwermetalle, Benzole und bestimmte Kohlenstoff-Verbindungen. Auch sie hinterlassen im Hörtest eine charakteristische Spur: einen symmetrischen Anstieg der Hörschwelle. Die Betroffenen hören über einen weiten Frequenzbereich insgesamt schlechter.

Studien zeigen, dass Hörstörungen bei Jugendlichen seit Jahren zunehmen. Laute Musik und ungeeignete Kopfhörer spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Erfahrung, dass das Gehör bisher immer wieder in Ordnung gekommen ist, scheint Partyfreunden zunächst recht zu geben: Zwar hört man am Morgen nach der Clubnacht weniger, und in den Ohren pfeift es – doch das hat sich spätestens am übernächsten Tag bisher immer noch von selbst gebessert. Oder?

Das muss man wissen: Ein junges, gesundes Gehör kann Töne zwischen 20 und 20 000 Hz wahrnehmen. Das Hören passiert dabei unter anderem in der Hörschnecke. Dort gibt es für jede Frequenz spezialisierte Haarzellen: innere und äußere. Sind Haarzellen zerstört, zum Beispiel durch starken Lärm, hört man diese Frequenzen nicht mehr, es entsteht eine sogenannte Hörlücke. Je nach Art des Lärms sind bestimmte Frequenzen besonders häufig betroffen. Der Haken: Meist spürt man selbst diese Lücken zunächst nicht. Allerdings merken oft andere, wenn man etwas nicht richtig mitbekommen hat.

»Zum Schutz vor großem Lärm kann man Ohrstöpsel verwenden«, rät Ex-DJ und Buchautor Thomas Sünder im Gespräch mit PTA-Forum für den Besuch lauter Musik-Clubs oder Konzerte. Allerdings machten diese die Musik nicht nur leiser, sondern auch dumpf. Sünder rät zu Lärmschutz-Stöpseln mit speziellen Filtern, die alles leiser machen, ohne dabei dumpf zu klingen. Bei der Auswahl ihrer Kopfhörer sollten Musikfreunde zudem auf hochwertige On-Ear-Kopfhörer setzen statt auf In-Ear-Geräte. Und: Keinesfalls sollte man den in MP3-Playern eingebauten Lärmbegrenzer deaktivieren, der das Gehör vor zu großen Lautstärken schützt. Sünder spricht aus Erfahrung: Unter anderem seine Schwerhörigkeit zwang ihn dazu, seinen Beruf als DJ aufzugeben.

Senioren

Menschen mit einer Altersschwerhörigkeit können meist hohe Töne nicht mehr so gut wahrnehmen; hierbei handelt es sich vermutlich um eine Verschleißerscheinung, denn die entsprechenden Haarzellen befinden sich am Eingang der Hörschnecke. Jede Schallwelle – auch der tiefste Bass – muss zunächst an ihnen vorbei, auch wenn nicht jede Haarzelle jeden Impuls weiterleitet. Doch Informationen laufen nicht nur vom Gehör zu Gehirn, sondern auch in umgekehrter Richtung.

»Das Ohr erhält vom Gehirn sogar mehr Impulse als umgekehrt«, berichtet Sünder. Was wir hören, was wir verstehen und wie wir es empfinden, hängt stark von diesem Austausch ab. Ist das Hören beeinträchtigt, weil etwa bestimmte Haarzellen keine Informationen mehr liefern, nehmen auch nachgeschaltete Funktionen Schaden. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Hörstörungen einer der wichtigsten Risikofaktoren zur Entstehung von Demenzerkrankungen sind. Die Mechanismen sind noch nicht im Detail geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass entsprechende Strukturen im Gehirn dann nicht mehr beansprucht werden und sich mit der Zeit zurückbilden – ähnlich wie die Muskulatur eines eingegipsten Beines.

Bei einer Altersschwerhörigkeit verschlechtert sich das Hörvermögen meist schleichend. Viele Betroffene haben daher durch Gewöhnung und Ausgleichsmechanismen nicht das Gefühl, schlechter zu hören. Sie müssen sich jedoch viel stärker als zuvor konzentrieren, um alles richtig zu verstehen. »Das Gehirn muss viel mehr Arbeit leisten, um die fehlende Hör-Information zu ergänzen«, erläutert Sünder. Hat das Gegenüber »klang« oder »lang« gesagt, »Vitamin D« oder »Vitamin B«? Statt die Information einfach zu hören, müssen Betroffene sie sich aus dem Kontext erschließen. Das strengt an, kostet Zeit, und die Fehlerquote ist hoch. Betroffene fühlen sich daher besonders nach dem Zusammensein mit anderen Menschen erschöpft. Zuhören, das Gehörte durchdenken, darauf antworten, sich eine eigene Meinung bilden, sie vertreten und begründen – das sind komplexe und anspruchsvolle Vorgänge. Nicht selten ziehen sich Betroffene mit Hörstörungen daher sozial zurück.

Von leise bis laut in Dezibel (dB)
20 dB Ländliche Ruhe
40 dB Leises Gespräch
60 dB Normales Gespräch
80 dB Straßenlärm
100 dB Industrielärm
120 dB Rock-Konzert, Diskothek, Club
140 dB Düsentriebwerk
Wichtig: Eine Steigerung um 10 dB wird als Verdopplung des Lärms wahrgenommen. Quelle: IQWiG 

Sich bei Bedarf frühzeitig für ein Hörgerät zu entscheiden, kann nicht nur das Hören und die Kommunikation erleichtern, sondern trägt dazu bei, die komplizierten Strukturen, die unter anderem für das Hören und Verstehen erforderlich sind, zu erhalten. Auch fällt dann die Eingewöhnung nicht so schwer. »Wer ein Hörgerät bekommt, hört zunächst – je nach Geräteeinstellung – ziemlich ungefiltert alles, also auch unangenehme Geräusche«, berichtet Sünder. »Das ist, als würde man eine Sonnenbrille abnehmen: Man ist erst einmal geblendet – umso mehr, je länger man die Brille getragen hat.«

Hörverlust in Zahlen
20?40 dB Leichte Schwerhörigkeit
41?60 dB Mittelgradige Schwerhörigkeit
61-80 dB Hochgradige Schwerhörigkeit
> 81 dB Resthörigkeit oder Gehörlosigkeit (Taubheit)
Quelle: IQWiG

Er selbst hat anfangs wegen eines Dauerrauschens im Hörgerät an einen Gerätedefekt gedacht. Es handelte sich aber um den ganz normalen Hamburger Großstadt-Lärm, den er zwei Jahre lang – zwischen Hörsturz und Hörgerät – nicht wahrgenommen hatte und den er nun plötzlich wieder hören konnte. »Mein Gehör funktionierte mit dem Hörgerät sofort wieder, nicht aber die Filterfunktion des Gehirns, die nun alle Geräusche ungebremst durchließ. Das muss man wissen, wenn man ein Hörgerät bekommt, sonst erschrickt man. Noch besser ist es, wenn man es schon vorher weiß. Denn je länger man wartet, umso weiter baut sich dieser Filter ab und muss sich dann erst wieder neu entwickeln.«

Pflege fürs Gehör

Doch wie schützt und pflegt man sein Gehör, damit es möglichst viele Jahre gut funktioniert? Alles, was zu einem gesunden Leben gehört, dient auch dem Gehörsinn. Bewegung und Sport fördern die Durchblutung, auch in den feinsten Kapillaren des Innenohres. Ausreichend Schlaf benötigt der Körper für seine Reparaturvorgänge, und auch das Ohr kann sich dabei erholen. Eine gesunde Ernährung versorgt auch Ohr und Nerven mit den erforderlichen Mikronährstoffen. Zudem sollte man sein Gehör vor großem Lärm schützen. Da man eine abnehmende Hörfähigkeit häufig nicht unmittelbar spürt, sollte man sein Gehör regelmäßig testen lassen, etwa beim Hals-Nasen-Ohrenarzt oder bei einem Akustiker. Einen ersten einfachen Test kann man bereits zu Hause durchführen, denn auch im Internet oder als App gibt es verschiedene Hörtests.

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