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Einsamkeit

Ab 80 wird es ruhig

Einsame Stunden gehören zum Leben. Das ist nicht unbedingt schlecht, manchmal sogar ganz heilsam. Doch wenn Einsamkeit zum Dauerzustand wird, ist das fürchterlich und macht krank. Alte Menschen können eine solche Situation nur schwer oder gar nicht ändern.
Annette Immel-Sehr
27.06.2019
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Einsamkeit ist ein Gefühl, das Menschen in allen Jahrhunderten beschäftigt hat. Schriftsteller versuchten immer wieder, sie zu fassen. Je nach Epoche standen dabei positive oder negative Aspekte im Vordergrund: Einsamkeit als Voraussetzung für Selbstbesinnung und künstlerisches Schaffen oder Einsamkeit als zutiefst trauriges, auswegloses Empfinden. Psychologen und Sozialforscher im 21. Jahrhundert beschreiben sie als ein Gefühl des Verlassenseins, des Kontaktmangels oder des Verlustes von Kontakten. Einsamkeit entsteht, wenn die Beziehungen eines Menschen nicht seinen Bedürfnissen entsprechen, sei es in der Häufigkeit oder in der Qualität. Demnach können sich Menschen auch in einer Gruppe einsam fühlen, wenn keine innere Verbindung zu den anderen möglich ist. Einsamkeit ist kein Phänomen des Alters, sondern betrifft alle Altersgruppen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene kennen dieses Gefühl. Häufig geht Einsamkeit einher mit Alleinsein. Dennoch ist Alleinsein oder Alleinleben nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen. Manche Menschen sind gern allein; es fehlt ihnen an nichts.

Nicht nur Senioren betroffen

Wer ist besonders von Einsamkeit betroffen? Würde man diese Frage Passanten in einer Fußgängerzone stellen, lautete die häufigste Antwort vermutlich: alte Menschen. Doch diese weit verbreitete Einschätzung ist nur zum Teil richtig, denn »Alter« ist eine lange Zeitspanne mit unterschiedlichen Phasen. Im Frühjahr 2017 befragte ein Marktforschungsinstitut in einer repräsentativen online-Studie über 1.000 Personen zwischen 18 und 70 Jahren zum Thema Einsamkeit. Je nach Altersgruppe waren die Ergebnisse verschieden. Von den 18- bis 29-Jährigen fühlen sich 17 Prozent ständig oder häufig einsam, nur jeder Zehnte nie. Bei den Mittdreißigern erleben sogar 18 Prozent das Gefühl regelmäßig, allerdings auch 16 Prozent nie. Dagegen ist Einsamkeit für die 60- bis 70-Jährigen deutlich weniger relevant: Nur vier Prozent haben das Gefühl ständig oder häufig, 31 Prozent erleben es nie.

Im Rahmen des Deutschen Alterssurvey (DEAS), der derzeit bedeutendsten Langzeitstudie zum Thema Altern in Deutschland, befragen Wissenschaftler insgesamt mehr als 16.000 Menschen. Es geht um die Fragen: Wie sieht Altwerden in Deutschland aus und wie wandelt sich die Lebenssituation älter werdender Menschen? Zum Thema Einsamkeit zeigte sich, dass die Einsamkeitsrate seit Mitte der 1990er-Jahre insgesamt weitgehend stabil ist. Die Wahrscheinlichkeit, einsam zu sein, schwankt in den letzten 20 Jahren zwischen sieben und zehn Prozent. Dabei ist das Einsamkeitsrisiko bei den 40- und 80-Jährigen ähnlich hoch. Männer sind im Durchschnitt etwas einsamer als Frauen. Zwar verlieren Frauen in der zweiten Lebenshälfte häufiger ihren Partner, doch verfügen sie offenbar über ein größeres soziales Netzwerk, das den Verlust zum Teil auffängt und sie vor Einsamkeit schützt.

Allein ist nicht gleich einsam

Auch eine andere wissenschaftliche Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Menschen zwischen 65 und 79 Jahren in Deutschland nicht häufiger von Einsamkeit betroffen sind als Erwachsene im mittleren Alter. Erst in einem Alter von 80 Jahren und älter werden Menschen häufiger einsam. Die Studie NRW80+ untersuchte die Lebensbedingungen, Lebensqualität und das subjektive Wohlbefinden von repräsentativ ausgewählten 1.800 Personen über 80 Jahren. Mehr als die Hälfte der Befragten war zwar verwitwet, doch nur sechs Prozent fühlen sich einsam.

Stress für den Körper

Die aktuelle Altersforschung zeigt also, dass das Vorurteil »alt gleich einsam« nicht der Realität entspricht. Doch auch eine Einsamkeitsrate von sechs Prozent ist hoch, zu hoch. Die Ursachen, die Menschen in eine dauerhafte Einsamkeit führen, sind je nach Lebensalter unterschiedlich. Bei älteren Menschen gibt es einige typische Faktoren: Ausscheiden aus dem Berufsleben, gesundheitliche Einbußen, mangelnde Mobilität, Tod des Lebenspartners sowie von Verwandten und Bekannten sowie Wegzug von Kindern und Enkeln aus dem Wohnort. Je älter Menschen werden, desto häufiger treffen körperliche und kognitive Einbußen, Erkrankungen und soziale Verluste zusammen und machen Einsamkeit wahrscheinlicher.

Betroffene – vor allem Hochaltrige – haben meist keine Chance, aus eigener Kraft oder mit den eigenen Fähigkeiten die Einsamkeit zu überwinden. Sie sind zum Beispiel einfach nicht mehr mobil genug oder in ihrem Hörvermögen zu eingeschränkt, als dass sie sich aktiv in Gesellschaft begeben können oder mögen.

Einsamkeit ist nicht nur ein deprimierendes Gefühl, sondern wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus und verkürzt die Lebenserwartung. Denn Einsamkeit stresst den Körper und schlägt auf das Herz-Kreislauf-System. Einsame Menschen schlafen zudem schlechter, erholen sich weniger und sind anfälliger für Krankheiten. Soziale Isolation und Einsamkeit bei Älteren gelten als Risikofaktoren für Depression, Demenz und wahrscheinlich auch für Wahn- und Angststörungen.

Vielerorts organisieren Kirchengemeinden, Vereine und Verbände Besuchsdienste, um die Einsamkeit alter Menschen zu durchbrechen. Einen anderen Weg geht beispielsweise der Verein Silbernetz in Berlin, der eine Hotline gegen Einsamkeit betreibt. Hier können einsame ältere Menschen anrufen und anonym und kostenlos einfach einmal mit jemandem sprechen. Darüber hinaus vermittelt der Verein »Freunde«, die vereinsamte Menschen nach Absprache regelmäßig zu einer bestimmten Zeit anrufen. Ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich geschieht meist im Stillen und bleibt unbemerkt für die Öffentlichkeit. Es verdient große Wertschätzung, denn es trägt wesentlich dazu bei, dass alte Menschen in Würde leben können.

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