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Stress reduzieren

Ab in die Natur – ohne Kopfhörer und Telefon

Das leise Rascheln der Blätter im Wind, die zwitschernden Vögel – Natur ist gut für Körper und Geist, wie Studienergebnisse bestätigen. Wichtig ist allerdings, die Umgebung bewusst wahrzunehmen und die Technik wegzulassen.
dpa
29.06.2021  12:00 Uhr

»Kanadische Studien haben gezeigt, dass bereits nach 20 Minuten ein guter Effekt da ist«, sagt Andreas Michalsen, Professor für Klinische Naturheilkunde der Charité und Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus in Berlin. Konkret: Der Puls wird langsamer, Blutdruck und Stresslevel sinken, das Immunsystem wird stimuliert. Im Gehirn werden jene Areale besser durchblutet, die für Entspannung und Ruhe zuständig sind; bei Kindern lassen ADHS-Symptome nach.

Naturerlebnisse gegen Stress

Die stressreduzierende und vitalisierende Wirkung durch Naturerlebnisse sei mittlerweile durch eine Zusammenschau von mehr als 100 Studien belegt, sagt Psychologin Anja Göritz. »Das ist keine Esoterik, sondern man kann wirklich sagen, dass solche Aufenthalte im Grünen etwas bringen«, betont die Wirtschaftspsychologie-Professorin der Uni Freiburg. Nicht nur körperliche Effekte seien messbar. Auch psychische Probleme wie Angst und Depressionen werden bei Aufenthalten in der Natur reduziert.

»Das ist keine Esoterik, sondern man kann wirklich sagen, dass solche Aufenthalte im Grünen etwas bringen.«
Anja Göritz, Wirtschaftspsychologie-Professorin der Uni Freiburg

Und dabei muss es nicht immer die perfekte Umgebung im abwechslungsreichen Mischwald oder eine stundenlange Wanderung durch die Berge sein. Selbst bei Menschen, die man mit einem Rollstuhl ins Grüne gefahren habe, haben sich die positiven Wirkungen eingestellt, sagt Mediziner Michalsen: »Es geht vor allem darum, dass wir uns mit unseren Sinnen auf die Natur einlassen – das bedeutet für mich Naturerleben.« Das sei zum Beispiel auch möglich, wenn man auf einer Wiese sitzt oder einfach nur die Wolken betrachtet.

Sehen, Riechen, Hören

Das haptische Erleben, wie es zum Beispiel beim Bäume-Umarmen forciert wird, sei jedenfalls nicht ausschlaggebend für den Effekt, sagt der Experte: »Vermutlich gehen 70 bis 80 Prozent über die Optik, der Rest über die gute Luft und Düfte sowie über akustische Reize wie Vogelgezwitscher oder Rascheln.« Deshalb lohne es sich, alleine und leise in der Natur unterwegs zu sein, statt laut redend mit einer Gruppe oder gar telefonierend, rät Michalsen. »Auch das Konzept der Achtsamkeit spielt eine große Rolle«, sagt der auf Naturheilverfahren spezialisierte Arzt mit Blick auf japanische Studien, die führend bei diesem Thema seien.

Wer mit ständigem Blick auf die Fitnessuhr durch den Wald joggt oder mit Musik aus den Kopfhörern auf dem Mountainbike die Wege entlang rast, profitiert zwar von der Bewegung an der frischen Luft und tut Herz und Lunge etwas Gutes. Viele wichtige Effekte bleiben dann aber im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Oder wie Michalsen sagt: »Für diese Menschen gibt es zwar die saubere Luft, aber vieles bekommen sie nicht mit.«

»Auch das Konzept der Achtsamkeit spielt eine große Rolle.«
Andreas Michalsen, Professor für Klinische Naturheilkunde der Charité

Natürlich müsse man wertschätzen, dass sie Sport treiben, fügt er an. »Aber sie könnten noch viel mehr an Vorteilen haben, wenn sie einfach mal die Technik rauslassen oder ein bisschen langsamer laufen würden.«

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