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Schlafen auf dem Rücken, Spielen auf dem Bauch

Abgeflachter Hinterkopf bei Säuglingen

Um dem plötzlichen Kindstod vorzubeugen, sollen Säuglinge möglichst auf dem Rücken schlafen. Dadurch kann jedoch ihr Hinterkopf abflachen. Meist normalisiert sich die Kopfform wieder, sobald sich das Baby mehr bewegt. Um Risiken auszuschließen, sollte man die Entwicklung aber im Blick behalten.
Barbara Erbe
14.09.2021  16:00 Uhr

Im Mutterleib hat der Fetus wenig Platz, seinen Kopf zu bewegen, erläutert Professor Dr. Robert Rödl, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Präsident der Vereinigung für Kinderorthopädie (VKO). In den Wochen vor der Geburt liegen die meisten Feten mit dem Kopf zu einer Schulter geneigt im Becken der Mutter. »Aus diesem Grund fällt es Säuglingen oft anfangs schwer, den Kopf in die andere Richtung zu drehen – der Gegensatz zu ihrer gewohnten Haltung ist zu groß.« Ähnlich verhält es sich übrigens mit den Knien: Die können Neugeborene auch noch nicht ausstrecken, weil sie ihr ganzes bisheriges Leben mit angewinkelten Beinen verbracht haben – die Beinchen zu strecken, lernen sie erst in den Wochen nach der Geburt.

Mit der im Mutterleib eingeübten Körperhaltung hängt auch zusammen, dass viele Eltern bei ihren Säuglingen anfangs eine – oft asymmetrische – starke Abflachung des Hinterkopfs bemerken. Denn zu der gewohnheitsmäßig geneigten Kopfhaltung kommt hinzu, dass die meisten Babys heute zum Schlafen auf den Rücken gelegt werden, um gemäß ärztlicher Empfehlung dem plötzlichen Kindstod (SIDS: Sudden Infant Death Syndrome) vorzubeugen. Unter anderem dadurch konnte die SIDS-Gefahr seit den 1990er Jahren um 50 Prozent reduziert werden – ein großer Erfolg. »Allerdings führte die konsequente Rückenlage auch dazu, dass sich bei mehr Kindern als früher der schwere, aber noch formbare Hinterkopf durch das lange Aufliegen abflacht«, berichtet Rödl, der auch Chefarzt der Abteilung für Kinderorthopädie am Universitätsklinikum Münster ist.

Weicher Schädel ermöglicht Gehirnentwicklung

Je jünger das Kind ist, desto schneller schreitet das Wachstum voran und desto größer ist die Formbarkeit seines Kopfes. Dass sich der Schädel aus mehreren Knochen zusammensetzt, die erst im Laufe der Entwicklung tatsächlich verknöchern und aushärten, ist zum einen wichtig, damit das Baby bei der Entbindung besser durch den engen Geburtskanal hindurch kommt. Es ermöglicht aber auch, dass sich das Gehirn im ersten Lebensjahr exponentiell entwickeln und die Schädeldecke entsprechend wachsen kann. Zu keinem späteren Zeitpunkt lernt ein Mensch so viel wie im ersten Lebensjahr. Erst am Ende dieses Jahres erreicht der Schädel seine endgültige Form und bereits 80 Prozent des späteren Umfangs.

Stellen Eltern in den ersten Lebensmonaten ihres Säuglings fest, dass sein – weiches – Köpfchen sehr flach und/oder asymmetrisch geformt ist, sollten sie im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen bis zum dritten Lebensmonat des Säuglings klären lassen, woran das liegt. Dazu rät Dr. Tanja Brunnert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. »Meist sind solche Verformungen lagerungsbedingt und damit vorübergehend und unproblematisch.« In seltenen Fällen aber steckt eine vorzeitige Verknöcherung (Kraniosynostose) dahinter. Diese sollte im Verlauf des Säuglingsalters operiert werden. »Denn die Schädelnähte sind wichtige Wachstumszonen des Schädelknochens, deshalb kann eine Kraniosynostose Entwicklungsstörungen oder auch bleibende Schäden nach sich ziehen.« Diese Entwicklungsstörungen bestünden bei den Synostosen meist, weil sie nicht isoliert, sondern im Rahmen von syndromalen Erkrankungen bestehen.

»Meist sind solche Verformungen lagerungsbedingt und damit vorübergehend und unproblematisch.«
Dr. Tanja Brunnert, Pädiaterin

Erfahrene Kinderärzte erkennen leicht an der typischen Kopfform, ob die Ursache einer Schädelveränderung in Verknöcherungen oder in einer dauerhaften Rückenlage liege. Ist die Asymmetrie lagebedingt, »sollten Eltern konsequent dagegen lagern«, so Brunnert. Zum Beispiel dadurch, dass sie das Baby in unterschiedliche Positionen hinlegen. So sollte es, wenn es in Wiege oder Gitterbettchen liegt, die Wand mal zu seiner Rechten und mal zu seiner Linken haben. So muss es, um das Geschehen im Raum (etwa Mobile, Fenster, et cetera) zu verfolgen, den Kopf mal nach links und mal nach rechts wenden. Möglich ist auch eine leichte Seitenlage, die zum Beispiel dadurch entsteht, dass die Eltern an der Seite, an der das Köpfchen abgeflacht ist, ein Handtuch unter der Schulter platzieren. So wird der Druck auf die flache Stelle geringer. Auch sollten die Eltern das Baby abwechselnd mal von links und mal von rechts ansprechen und füttern.

Das A und O ist für die Pädiaterin aber: »Schlafen auf dem Rücken, Spielen auf dem Bauch.« Ist das Baby wach und ist eine Bezugsperson dabei, sollte es so viel wie möglich auf dem Bauch liegen. So lernt es schnell, den Kopf zu heben und zu drehen, trainiert seine Nacken- und Schultermuskulatur und erlangt darüber die sogenannte Kopfkontrolle. Anregender ist es ab einem gewissen Alter auch, auf dem Bauch zu liegen, denn wer nur nach oben blickt, sieht weitaus weniger. Enorm wichtig ist allerdings, dass eine aufmerksame Bezugsperson anwesend ist, gibt Rödl zu bedenken. Ein waches Baby auf dem Rücken liegen zu lassen, sei zwar sicherer, aber für das Kind eintöniger, und fördere überdies mögliche Schiefstellungen des Kopfes.

Meist kosmetisches Problem

Zwar machten sich Eltern häufig Sorgen, wenn das Kopfwachstum ungleichmäßig erfolgt, berichtet Rödl aus seiner täglichen Praxis. Sie befürchten Störungen der Kiefergelenke oder Probleme der Augenstellung und des Hörens. »Diese Befürchtungen sind jedoch in der Regel unbegründet.« Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es keinen direkten Zusammenhang zwischen Schädelform und Folgeschäden. »Meist handelt es sich um ein rein kosmetisches Problem, für das es zahlreiche natürliche Behandlungsmethoden gibt.« Zumal sich die Schädelverformung bei den allermeisten Babys wieder zurückbilde, sobald sie mit etwa sechs Monaten ihren Kopf selbstständig kontrollieren könnten.

Sind die Auffälligkeiten und damit die Sorgen der Eltern in den ersten Monaten sehr groß, hält er einen Besuch bei einem Kinderorthopäden für sinnvoll. Wenn nötig, könnten dann Krankengymnastik oder Chirotherapie verordnet, aber auch hilfreiche Eigenübungen gezeigt werden. Bei sehr ausgeprägten Deformitäten oder wenn das Kind aufgrund einer Entwicklungsstörung in einer Zwangshaltung liegt, kommt eventuell eine Therapie mit einer sogenannten Helmorthese in Frage. Dabei trägt das Baby einen mit einem Klettverschluss versehenen Helm aus weichem Plastik, der an den Stellen, an denen der Schädel abgeflacht ist, Hohlräume schafft. In der Liegeposition werden die Stellen so entlastet.

»Meist handelt es sich um ein rein kosmetisches Problem, für das es zahlreiche natürliche Behandlungsmethoden gibt.«
Professor Dr. Robert Rödl, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Präsident der Vereinigung für Kinderorthopädie (VKO)

Einen solchen Helm anzupassen, sei sehr aufwendig, erläutert der Kinderorthopäde. »Da wird der Kopf gescannt und ein 3-D-Modell gebaut, an das der Helm dann angepasst wird. Das Ganze kostet um die 2500 Euro.« Eine Kassenleistung ist eine solche Behandlung nicht, denn die Indikation ist in den allermeisten Fällen rein kosmetisch und nicht medizinisch. »Aber ich führe die Helmbehandlung durch, wenn Eltern dies für ihr Kind aus kosmetisch-ästhetischen Gründen wünschen und es sie beruhigt. Sie hat ja keinerlei Nebenwirkungen, weder körperlich noch psychisch«, sagt Rödl. Im Grunde könne man die Helmbehandlung mit einer Zahnspange vergleichen. »Die trägt heute auch fast jedes Kind, obwohl sie medizinisch längst nicht immer nötig ist.«

Pädiaterin Brunnert sieht das nicht ganz so entspannt. Schließlich müsse der Helm Tag und Nacht getragen werden. Das führe bei nicht wenigen Babys zu Schwitzen und Juckreiz und erschwere auch das gemeinsame Kuscheln: »Wange an Wange mit dem Säugling, das ist mit so einem Helm nur eingeschränkt möglich.« Für sinnvoll hält sie die Helmtherapie nur in wenigen Fällen mit ausgeprägten Kopf-Deformationen.

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