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Lebensmittel

Aktiv gegen Verschwendung

Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte werfen jedes Jahr in Deutschland unglaubliche 18 Millionen Tonnen Lebensmittel achtlos in den Müll. Sowohl aus ethischer, ökologischer als auch ökonomischer Sicht sollte die Verschwendung von Lebensmitteln deutlich reduziert werden. Durch einfache Maßnahmen kann jeder seinen Beitrag leisten.
Andrea Pütz
21.06.2019  09:00 Uhr

Allein in privaten Haushalten landen jährlich mindestens 55 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf in der Tonne. Vor allem frisches Obst und Gemüse werden weggeworfen, aber auch Brot und Backwaren und bereits zubereitete Lebensmittel. Dies zeigte im vergangenen Jahr eine repräsentative Studie, die von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) durchgeführt wurde. Überraschend war der Altersunterschied: Jüngere Lebensgemeinschaften warfen tendenziell mehr verwertbare Lebensmittel weg als Haushalte mit älteren Personen. Personen bis 40 Jahre sind somit eine wichtige Zielgruppe, die durch modern gestaltete Aufklärungskampagnen gut erreicht werden können.

Lebensmittelverschwendung zieht gleich drei große Probleme mit sich. Wer Lebensmittel wegwirft, verschärft den Klimawandel. Ein Kilogramm Apfel benötigt beispielsweise über 800 Liter Wasser und rund 550 Gramm klimaschädigendes Kohlendioxid für Wachstum, Lagerung, Transport und Verarbeitung. Aber nicht nur das. Es stellen sich auch ethische und wirtschaftliche Fragen: Warum werfen wir frische beziehungsweise originalverpackte Lebensmittel in die Tonne, während Milliarden Menschen weltweit unter der Hungersnot leiden? Auch hierzulande leben 14 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Hinzu kommt: Was könnten wir finanziell einsparen, wenn wir weniger Lebensmittel wegschmissen? Trägt die durch Verschwendung ausgelöste Verknappung der Lebensmittel nicht auch zur Preissteigerung im Handel bei? Von einem ressourcenschonenden und nachhaltigen Verhalten profitierten somit alle Menschen auf der Welt.

Aktionen zu Aufklärung

Dank verschiedener Aufklärungskampagnen ist es bereits in den vergangenen Jahren gelungen, viele Menschen für einen wertschätzenderen Umgang mit Lebensmitteln zu sensibilisieren und motivieren. Gerade über die Einkaufsplanung, Zubereitung, Resteverwertung und Aufklärung zu Mindesthaltbarkeitsdaten kann schnell und einfach der Verschwendung ein Riegel vorgeschoben werden.

Eine der bekanntesten Initiativen gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ins Leben gerufen: Zu gut für die Tonne! Neben monatlichen The-menschwerpunkten, einfachen Tipps, Rezepten und zahlreichen Mitmachaktionen erfahren Verbraucher auf der Homepage (www.zugutfuerdietonne.de), wie sie ihre alltäglichen Lebensmittelabfälle leicht reduzieren können. Neben dieser politischen Maßnahme setzen sich aber auch »Food-Saver« der Unternehmen Foodsharing, too good to go, Sirplus und andere kreativ und mit viel Engagement für einen Wegwerfstopp von Lebensmitteln ein.

Um den Wert eines Lebensmittels besser schätzen zu lernen, sind Workshops und andere Veranstaltungen gut geeignet, bei denen die Bürger nicht nur Tipps zur Rettung von Lebensmitteln erhalten, sondern auch mitmachen dürfen, etwa beim Pressen von Apfelsaft beim Landwirt, in der Käserei oder Backstube. Aktionstage können auch zu einem abwechslungsreichen Familienevent gestaltet werden.

Teilnehmende sammeln Gemüse, Backwaren und Milchprodukte beim Erzeuger und Händler aus der jeweiligen Region ein. Dabei erfahren sie schon einiges über die Herstellung und Verarbeitung der Produkte. Dann kann beispielsweise ein Koch aus den am Vortag »geretteten« Lebensmittel bei einer Live-Kochshow auf dem Marktplatz köstliche Gerichte zaubern und Tipps geben. Live-Musik, Erzählcafés und andere Aktionen runden das Programm ab. Ältere Menschen können solche Erzählcafés wunderbar bereichern. In und nach dem Krieg wurde einfach nichts weggeworfen, zu kostbar war jedes einzelne Lebensmittel. Eintöpfe, später auch bunte Pfannengerichte und Aufläufe sind die perfekte Resteverwertung. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Unter dem Motto »Wir retten Lebensmittel« finden regelmäßig und bundesweit Aktionstage mit bekannten Unterstützern wie Slow Food Deutschland e.V. und die Tafeln Deutschland e. V. statt.

Praktische Abhilfe gegen zu viel Lebensmittelmüll schafft die »Beste-Reste-Box«, die aus der Gemeinschaftsaktion »Restlos genießen« von Greentable und der Initiative »Zu gut für die Tonne!« des BMEL hervorgegangen ist. Die Box soll Gastronomiebetriebe animieren, ihren Gästen das Einpacken der Reste aktiv anzubieten. Zugleich sollen die Gäste motiviert werden, aktiv nachzufragen. Reste, die auch noch später gut schmecken, werden einfach in die 1350 Milliliter fassende Box gepackt und mit nach Hause gegeben. Die Box ist wasser- und fettresistent, recyclingfähig und zu 100 Prozent biologisch abbaubar. Reste mitzunehmen nach einem Restaurantbesuch muss dringend aus der Schmuddelecke raus – weg von Plastikteller mit Aluminiumfolie.

Digitale Rettung

Für die eher Technikversierten eignen sich Apps, mit denen man Betriebe in der Region unterstützt. Überproduktionen lassen sich oft nicht vermeiden, sei es in der Auslage einer Bäckerei, beim Mittagsbuffet im Restaurant oder im Supermarkt. Dieses Essen landet beispielsweise bei »too good to go« in einer sogenannten Wundertüte, die man per App bei den Partner-Restaurants und Co. abholen kann. Leckeres Essen zum reduzierten Preis für die Kundschaft, weniger Verschwendung für die Betriebe und Ressourcenschonung für die Umwelt! Eine Win-Win-Win-Situation, so das Unternehmen.

Bei der Rettung von Lebensmitteln spielen die Tafeln eine besonders große Rolle. So fördert das BMEL derzeit ein gemeinsames Projekt der Tafeln und des Lebensmittelhandels: Das »Tafel macht Zukunft – gemeinsam digital« will die Lebensmittelrettung durch die Tafeln mit digitalen Lösungen weiter vereinfachen, um noch mehr Nahrungsmittel an Bedürftige weiterzugeben. Die App fungiert dabei als Schnittstelle.

Wer noch Reis, Nudeln oder Gemüsereste vom Vortag im Kühlschrank hat, für den eignet sich die Beste-Reste-App von Zu gut für die Tonne! Die App bietet neben Tipps zur Vermeidung von Lebensmittelmüll rund 700 Rezepte, mit denen man aus den Resten noch etwas Feines zaubern kann. Alle Rezepte sind aber auch auf der Homepage der Initiative verfügbar.

Kinder sind die Zukunft

Es gibt zahlreiche Lehrmaterialien, die den Kindern schon in der Schule die Wertigkeit von Lebensmitteln und die Folgen der Verschwendung bewusst macht (z. B. vom BMEL, Zu gut für die Tonne!). Noch wichtiger: Was können sie gegen die Verschwendung tun? Am »Tag der offenen Türe« können die Kids beispielsweise dieses Projekt optisch ansprechend und mit kreativen Ideen für die Umsetzung die Besucher überzeugen. Natürlich sollten auch schon die Kleinsten zu Hause und im Kindergarten beim achtsamen Zubereiten der Gerichte für das Thema sensibilisiert werden.

Der Ernährungsreport 2018 bestätigt, dass die vielen Initiativen schon fruchten: 63 Prozent der Befragten kaufen bereits bewusster ein, damit weniger in der Mülltonne landet. Daran heißt es jetzt anzuknüpfen, denn das Ziel der Vereinten Nationen ist sehr ambitioniert: Bis 2030 soll die Lebensmittelverschwendung pro Kopf halbiert werden – sowohl auf Einzelhandels- als auch auf Verbraucherebene.

Wer gut gerüstet mit einem Einkaufszettel nach Bedarf einkaufen geht, der vermeidet, dass zu viele Lebensmittel im Müll landen. Dies gilt vor allem für frische und leicht verderbliche Lebensmittel. Jeder kennt das: Nach der Arbeit in Eile noch etwas einkaufen und der Magen hängt schon in den Kniekehlen. Wer dann keinen Einkaufszettel in den Händen hält, der ist den verführerischen Sonderangeboten oder den Fragen an der Fleischtheke »Darf’s auch ein bisschen mehr sein?« ausgeliefert. Es landen mehr Lebensmittel im Einkaufskorb als benötigt wird.

Sinne entscheiden mit

Die Küche ist der eigentliche Tatort. Häufig ist es die Unwissenheit der Hausbewohner zur korrekten Lagerung, die die Mülltonne unnötig füllen. Eine Grundausstattung an verschließbaren Frischhaltedosen und ein wenig Struktur in Kühl-, Tiefkühl- und Vorratsschränken hilft, dies zu vermeiden. Neue Waren werden am besten hinter die älteren sortiert. Damit die Lebensmittel möglichst lange frisch bleiben, müssen die meisten frischen Lebensmittel in den Kühlschrank – in die dafür vorgesehene Temperaturzone. Bananen, Tomaten und einige andere Lebensmittel gehören wiederum nicht in den Kühlschrank.

Der wahrscheinlich größte Fehler: Viele Menschen wissen immer noch nicht, dass ein Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) kein Verbrauchs- oder Wegwerfdatum ist. Das MHD ist jedoch lediglich eine Empfehlung des Herstellers, der bis zu diesem Datum die Eigenschaften des Produkts wie Geschmack, Geruch oder Nährwerte garantiert. Nach Ablauf des MHD ist das Produkt nicht gleich verdorben. Bei korrekter Kühlkette und Lagerung ist das Lebensmittel in den meisten noch viele Tage danach in Ordnung, vorausgesetzt das Produkt war noch ungeöffnet.

Beim Griff zum Joghurt sollte man daher wieder mehr seinen Sinnen vertrauen: Wenn der Joghurt gut aussieht, riecht und schmeckt, sollte er im Magen und nicht in der Mülltonne landen. Der Handel sollte Produkte, die auf das MHD zusteuern, nicht auf einem hässlichen »Wühltisch« anbieten, sondern eher optisch ansprechend auf einem »Lebensmittel-Retter-Tisch«. So trauen sich auch mehr Menschen dorthin.

Hackfleisch und frisches Geflügel hingegen sind leicht verderblich. Daher tragen sie ein Verfallsdatum. Ist dies überschritten, müssen sie sofort entsorgt werden. Wurde die Kühlkette beispielsweise im Sommer bei Hitze nicht eingehalten, kann das Lebensmittel noch vor dem Datum von Keimen belastet sein. 

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