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Rückenmarksverletzungen

Aktives Leben trotz Lähmung

Bei einer Querschnittslähmung ist das Rückenmark an einer Stelle komplett oder teilweise durchtrennt. Die Betroffenen sind unterhalb dieses Schadens gelähmt, und auch sensible und vegetative Körperfunktionen können ausfallen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO bedeutet eine Querschnittslähmung in den Industriestaaten heute aber nicht das Ende eines lebenswerten und selbstständigen Lebens.
Verena Arzbach
26.02.2019
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Das Rückenmark gehört zum zentralen Nervensystem. Es verläuft von der Medulla­ oblongata im unteren Hirnstamm durch den Spinalkanal der Wirbel­säule hinunter bis zum ersten oder zweiten Lendenwirbel. Das Rücken­mark hat die Aufgabe, Nervenimpulse vom Gehirn an die Muskeln weiterzuleiten, die dann eine Bewegung ausführen. Sensorische Signale, zum Beispiel eine Berührung, nehmen den umgekehrten Weg, sie laufen über die Nervenbahnen des Rückenmarks zum Gehirn. Auch die Kontrolle der Funktion der inneren Organe wie die Herzfrequenz oder die Weite der Blutgefäße erfolgt über spezielle Nervenstränge im Rückenmark.

Wird der Rückenmarksquerschnitt geschädigt beziehungsweise durchtrennt, entsteht eine Querschnittslähmung. Mediziner unterscheiden hier eine komplette Lähmung (Plegie) von einer inkompletten (Parese). Jährlich erleiden­ weltweit mindestens 250 000 eine Querschnittslähmung, schätzt die WHO in ihrem 2013 veröffentlichten ausführlichen Bericht »Querschnittslähmung – Internationale Perspek­tiven«. Die weitaus häufigste Ursache ist eine Verletzung der Wirbelsäule: Etwa die Hälfte aller Querschnitts­lähmungen entstehen laut WHO infolge eines Verkehrsunfalls, weitere 24 Prozent durch Stürze bei der Arbeit oder beim Sport. Nicht traumatische Querschnittslähmungen können zum Beispiel durch Tumoren oder Infek­tionen entstehen. Auch die Spina bifida­, der offene Rücken, kann Ursache einer Lähmung sein.

Welche Symptome bei einer Plegie oder Parese auftreten, hängt vom Ausmaß der Schädigung ab. Die Betroffenen können die sensorische und mo­torische Kontrolle über die unteren Gliedmaßen, den Rumpf und die oberen­ Gliedmaßen verlieren. Eine Querschnittslähmung kann daneben je nach Schwere auch Einfluss auf die Atmung­, die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Kontrolle von Blase und Darm und die Sexualität haben.

Die Höhe entscheidet

Das Ausmaß der Einschränkungen hängt wesentlich von der Höhe der Rückenmarksverletzung ab. Alle Funktionen, die von den Bereichen des Rückenmarks gesteuert werden, die unterhalb der Verletzung liegen, werden bei der Lähmung in Mitleidenschaft gezogen, da die Verbindung zum Gehirn unterbrochen ist. Beispielsweise haben alle Rückenmarksunterbrechungen auf Höhe der Halswirbelsäule (C1 bis C7) in der Regel die Lähmung beider Arme und Beine zur Folge. Mediziner sprechen­ dann von einer Tetraplegie (auch Quadriplegie). Bei Durchtrennung des Rückenmarks oberhalb des vierten Wirbelkörpers (C4) ist auch das Zwerchfell gelähmt, und der Patient kann nicht mehr selbstständig atmen. Bei der sogenannten Paraplegie liegt die Rückenmarksverletzung unterhalb der Halswirbel. Dann sind die Beine gelähmt­, teilweise kann der Patient auch den Rumpf nicht oder nur eingeschränkt bewegen.

Ist ein Unfall Ursache der Querschnittslähmung, wird der Patient zunächst intensivmedizinisch versorgt. Ist das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt, können die Ärzte in einer Operation versuchen, den Schaden zu begrenzen und die Wirbelsäule zu stabilisieren. Unmittelbar nach der Akutversorgung tritt dann die Pflege der Verletzten in den Vordergrund. Sie müssen vor allem in der ersten Zeit regel­mäßig alle zwei bis drei Stunden gedreht werden, damit sich keine Druckgeschwüre bilden.

Bleibende Folgen

Etwa sechs bis acht Wochen nach dem Unfall werden die bleibenden Folgen­ der Verletzung sichtbar. Die nun vorhandene Querschnittslähmung können die Ärzte zumindest mit den heute zur Verfügung stehenden Therapieoptionen nicht mehr rückgängig machen. Für den Patient bedeutet das eine komplette Änderung seines Lebens: Er wird sehr wahrscheinlich sein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen sein und Unterstützung bei vielen Alltagsaktivitäten benötigen. Die nun folgenden Rehabilitationsmaßnahmen und Behandlungen zielen daher vor allem­ da­rauf ab, die Selbstständigkeit des Patienten soweit möglich zu fördern­ beziehungsweise zu erhalten. Zum Beispiel im Rahmen einer Physiotherapie und Ergotherapie trainieren die Patienten, die Bewegungen, die sie noch ausführen können, bestmöglich einzusetzen.

Für die Betroffenen ist die Diagnose Querschnittslähmung selbstredend ein Schock, häufig geraten sie in eine tiefe Krise. Eine psychologische Betreuung ist deshalb enorm wichtig. Trost können­ auch viele positive Beispiele spenden: Diese zeigen, dass viele Betroffene ihre Leistungsfähigkeit und Unabhängigkeit im Laufe der Zeit immer­ weiter steigern können. Das braucht zwar oft Geduld und Zeit, Jahre­ nach dem Unfall führen viele aber trotz Querschnittslähmung ein erfülltes Leben mit Familie, Beruf und Sport.

Heilbar ist eine Querschnittslähmung aktuell nicht. In Zukunft könnte sich das aber ändern. Einige interessante Forschungsansätze der vergangenen Jahre, die zumindest im Rahmen erster Studien vielversprechende Ergebnisse geliefert haben, geben Hoffnung. Eine der getesteten Methoden ist die elek­trische Stimulation des Rückenmarks, über die ein Schweizer Forscherteam im Oktober 2018 im Fachjournal »Nature« berichtete. Die Wissenschaftler hatten drei querschnittsgelähmten Männern Elektroden im Lendenwirbel-Bereich implantiert. Diese wirkten auf spezielle Stränge des Rückenmarks, die jeweils eine bestimmte Gruppe von Bein­muskeln innervieren.

Das Elektrodenset wurde mit einem unter der Haut implantierten Puls­generator verbunden, und mit etwas Übung gelang es den Patienten, Intentionen zur Bewegung mit der Stimulation zu koordinieren. Innerhalb einer Woche lernten die drei Probanden, mithilfe eines Körpergewichts-Unter­stützungssystems, einer Art Geschirr, zu laufen. Nach einem fünfmonatigen Reha-Programm konnten sie ihre Beinmuskulatur auch bewusst bewegen, wenn der Stimulator abgeschaltet war.

Medikamentöse Ansätze, die zerstörten Nerven zu regenerieren, werden­ ebenfalls in Studien untersucht. Zum Beispiel haben Wissenschaftler aus Zürich einen Wirkstoff entwickelt, der Nervenfasern im Rücken­mark nachwachsen lassen soll. Die Substanz heißt Anti-Nogo-A, ein Antikörper, der sich gegen das Protein Nogo A richtet, das wiederum die Regeneration von Nervenzellen nach einer Rückenmarksverletzung hemmt. Bei Mäusen und Ratten ließen sich mit dem Wirkstoff bereits gute Erfolge erzielen. Ob das auch bei akuten Verletzungen beim Menschen funktioniert, untersuchen derzeit laufende klinische Studien.

Bei gelähmten Ratten funktionierte Bonner Forschern zufolge auch die Behandlung mit dem Wirkstoff Paclitaxel, einem Zytostatikum, das unter anderem gegen Brustkrebs eingesetzt wird. Paclitaxel wirkt am Gerüst der Zellen, den Mikrotubuli. Da es den Aufbau der Mikrotubuli in narbenbildenden Zellen stört, reduziere sich die Narben­bildung, so die These der Forscher. Die Zellen können dann nicht mehr aus dem Bindegewebe in die Wunden wandern. Gleichzeitig soll Paclitaxel auch den Aufbau des Zell­gerüsts in verletzten Nervenzellen unterstützen und deren Wachstum anregen. In anderen Untersuchungen ließen sich die positiven Ergeb­nisse bei den Ratten zwar nur teilweise reproduzieren – dennoch glauben die Forscher, dass dieser Wirk­ansatz Potenzial haben könnte.

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