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Experteninterview

Am Anfang war die Entzündung

Entzündungen bereiten einer Vielzahl schwerer Erkrankungen den Weg. Was man bislang weiß und wie sich entzündliche Prozesse eindämmen lassen, erklärt Professor Dr. Theo Dingermann, Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung.
Edith Schettler
06.03.2020
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PTA Forum: Ist das Thema »Entzündungen« der Schlüssel zum Verständnis chronischer Krankheiten wie Diabetes mellitus, Allergien oder Morbus Alzheimer?

Dingermann: Das kann man tatsächlich so sagen. Entzündungen spielen eine enorme Rolle bei einer ganzen Reihe von Krankheiten. Daher sollte man auch immer an eine Entzündung denken, wenn man über eine Krankheit nachdenkt. Und man sollte fragen, ob man nicht auch in diese Richtung therapieren sollte.

Auch Krebsarten wie das Cervix- oder das Leberkarzinom gehen auf eine Entzündung zurück. Das Virus, in diesem Fall HPV (humanes Papillomavirus) oder HBV (Hepatitis-B-Virus), ist in aller Regel nicht selbst der Auslöser für die Erkrankung. Es führt zu einer Entzündung, und diese verursacht unter Umständen über Jahre an einer Stelle Mutationen durch reaktive Sauerstoffspezies. Dann verwandeln sich die Zellen in Krebszellen.

PTA Forum: Warum leiden Ihrer Meinung nach immer mehr Menschen in den Industriestaaten an chronisch-entzündlichen Erkrankungen? Liegt es am Lebensstil, der Umwelt oder einfach nur daran, dass wir immer älter werden?

Dingermann: Es liegt sicherlich daran, dass unsere modernen Medikamente ganz hervorragend Krankheiten managen können. Heilen können hingegen nur sehr wenige Medikamente. Die Folge ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung chronisch krank ist und dank der Medikamente mit der jeweiligen Krankheit recht gut leben kann.

Das Problem besteht allerdings darin, dass die chronische Entzündung, die mit der Krankheit verknüpft ist, auch chronisch bestehen bleibt. Das erklärt auch die Tatsache, dass trotz der enormen Fortschritte in der Medizin die Erkrankungszahlen steigen. 

PTA Forum: NSAR und Steroide helfen bei akuten Entzündungen, sind aber für den Dauergebrauch weniger geeignet. Wie sieht die medikamentöse Therapie chronischer Entzündungen aus?

Dingermann: Mit modernen Medikamenten kann man heute sehr effektiv in das Entzündungsgeschehen eingreifen. Allerdings sind das sehr teure Medikamente, die nur dann eingesetzt werden, wenn die Schwere der Krankheit dies rechtfertigt.

Tatsächlich gibt es einen großen Bedarf an neuen Arzneimitteln, die nicht nur gut wirksam, sondern auch gut verträglich sind. Das Thema »Entzündung« wird uns sicher noch lange beschäftigen.

PTA Forum: Kann die Naturmedizin helfen, oder birgt sie eher die Gefahr, dass die medikamentöse Therapie zu spät einsetzt?

Dingermann: Mit Einschränkungen hilft sie sehr wohl. Viele Medikamente pflanzlichen Ursprungs besitzen antioxidative Eigenschaften. Solche Wirkstoffe kann man zu einem gewissen Grad auch prophylaktisch einsetzen, um das Risiko für eine Entzündung so klein wie möglich zu halten. Man sollte aber auch die Grenzen der Naturmedizin kennen. Gefährliche Entzündungen müssen aggressiver behandelt werden, damit nicht ein Schaden entsteht, der dann nicht mehr repariert werden kann.

Ich erinnere hier beispielsweise an die Behandlung der Rheumatoiden Arthritis. Das ist eine Erkrankung, bei der klar wird, wie wichtig es ist, eine Entzündung frühzeitig zu stoppen. Wir kennen alle noch die Bilder von Patienten mit verunstalteten Rheumahänden, die zeigen, wie gefährlich eine Entzündung sein kann. Wie bei vielen chronischen Entzündungen werden hier an den Gelenken Schäden sichtbar, die auch Medikamente nicht mehr rückgängig machten können. Diese Bilder sieht man heute gar nicht mehr, wenn die Patienten richtig therapiert sind. Auch die Regenerative Medizin wird in Zukunft mehr Möglichkeiten bieten, beispielsweise im Ersatz kleiner Gelenke der Hand. Damit es gar nicht erst so weit kommt, gilt in der Rheumatologie der Grundsatz »Hit early, hit hard« – so früh wie möglich einsteigen mit den besten Arzneimitteln, die zur Verfügung stehen. Bei guter Einstellung des Patienten können möglicherweise später andere Medikamente das Geschehen kontrollieren.

PTA Forum: Welche Rolle spielen die Einflüsse von Stress, Ernährung und Umweltgiften für den Erfolg der Behandlung chronisch kranker Patienten?

Dingermann: Tatsächlich gibt es auch hier Zusammenhänge. Alle diese Einflüsse können eine Überproduktion an aktiven Sauerstoffspezies provozieren, die in vielen Fällen am Beginn einer Entzündung stehen. Chronische Entzündungen kann der Patient verbessern, indem er selbst etwas macht. Dazu zählen vor allem Ernährung, Bewegung und der Verzicht auf das Rauchen.

In Patientenforen können sich Betroffene über ihre Krankheit austauschen, auch über Verhaltensregeln oder das Thema Ernährung. Ich bin ein großer Freund von einem Therapieversuch, um bestimmte Dinge auszuprobieren. Dazu setzt man sich ein Ziel, zum Beispiel die Reduktion der Schmerzen am Morgen, die mit der Einnahme einer Nahrungsergänzung oder dem Verzehr eines bestimmten Lebensmittels erreicht werden soll. Wenn sich nach vier Wochen der Erfolg nicht einstellt, dann ist diese Maßnahme nicht wirksam. Man kann sich viel Gutes tun und vieles ausprobieren, aber immer auf der Basis einer schulmedizinischen Behandlung. Das Allerwichtigste für den Patienten ist es, dass er seine Medikamente einnimmt, was leider nicht selbstverständlich ist. Das größte Problem in der Arzneimitteltherapie ist die Non-Compliance. Der Patient darf nicht aus Angst vor dem Arzneimittel eine Dauertherapie unterbrechen. Bei chronischen Entzündungen ist es nötig, dass sich der Patient an die Anweisungen des Arztes oder des Apothekenpersonals hält und nicht aus falschen Vorstellungen eigenmächtig Therapiepausen einlegt.

PTA Forum: Immunologen bringen auch das Thema »Altern« in Verbindung mit Entzündungen, sprechen von »inflammaging«. Wäre das ein Ansatzpunkt für das seit Jahrtausenden gesuchte Lebenselixier, das ewige Jugend und Gesundheit verspricht?

Dingermann: Tatsächlich wird genau in diese Richtung geforscht. Zwar sucht man nicht nach einem »Elixier«, aber nach Möglichkeiten, Entzündungen sehr effektiv zu verhindern, wodurch man die Zahl der typischen Alterskrankheiten drastisch senken und so das Leben verlängern könnte.

Ein bereits bekannter Arzneistoff, das Metformin, könnte auch eine Maßnahme zur Prophylaxe von Alterserscheinungen sein. Metformin ist ein starkes Kalorienrestriktions-Mimetikum bei alternden Mäusen. Es wird derzeit auf sein Potenzial, das Altern beim Menschen zu verlangsamen, umfassend untersucht. US-amerikanische Forscher haben Biomarker entdeckt, die sehr objektiv zeigen, ob sich das Altern mit bestimmten Substanzen verlangsamen lässt.

PTA Forum: Welche Substanzen können wir da erwarten, müssen wir auch mit Risiken rechnen?

Dingermann: Es wird in diesem Bereich zurzeit sehr viel in alle Richtungen geforscht, etliches ist sehr experimentell. Eine Richtung, die mehr einleuchtet als andere, ist für mich persönlich das, was das Immunsystem im Fokus hat, dieses wichtige System, das uns am Leben erhält. In Zukunft werden die Entwicklungen dahingehen, unser Immunsystem derart zu modulieren, dass es die Aufgabe übernimmt, das Problem zu lösen. In diesem Zusammenhang suchen vor allem kleine, junge Unternehmen in der Gründerszene nach Substanzen, die die im Alter verloren gegangenen Funktionen des Immunsystems wieder stärken und es in die Lage versetzen, solche eigentlich trivialen Störungen wie eine Entzündung wieder in Ordnung zu bringen. Sobald da interessante Forschungsergebnisse vorliegen, werden die großen Pharmaunternehmen diese kleinen Start-Ups schlucken, und es werden sehr schnell Arzneistoffe auf den Markt kommen. Ich sehe es als Vorteil, dass diese Unternehmen das Ziel haben, eine Zulassung bei der FDA (Food and Drug Administration) oder der EMA (Europäische Arzneimittelagentur) zu erlangen und nicht in den Markt der Nahrungsergänzungsmittel zu gehen. Das minimiert das Risiko.

Auch in der Apotheke werden wir eine Ergänzung erleben, indem sich der Arzneimittelmarkt viel mehr um die noch Gesunden kümmert und versucht, Alterskrankheiten zu verhindern. Da muss sich auch bei den Krankenkassen noch einiges tun im Hinblick auf die Erstattungsfähigkeit. Im Moment zahlen diese nur bei Vorliegen einer Krankheit und für zugelassene Medikamente, aber investieren nicht in die Prophylaxe. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Medikamente sehen werden, die Gesunde einnehmen, um Krankheiten zu verhindern.

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