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Autoimmunhepatitis

Angriff auf die Leberzellen

Die Autoimmunhepatitis ist eine seltene Lebererkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem aus noch unbekannter Ursache die Leber angreift. Da die Erkrankung ohne Behandlung fast immer tödlich verläuft, ist eine frühzeitige Diagnose wichtig.
Carina Steyer
12.04.2019
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Zum ersten Mal wurde die Autoimmunhepatitis (AIH) vor knapp 70 Jahren von dem schwedischen Arzt Jan Waldenström beschrieben. Er hielt sie damals jedoch noch für das Symptom einer anderen Autoimmunerkrankung, und zwar des Lupus erythematodes. Erst gute 15 Jahre später erkannten Mediziner, dass es sich bei der AIH um eine eigenständige Erkrankung handelt. Das Immunsystem der Betroffenen greift die Leberzellen gezielt an und zerstört sie. Die Folge ist eine schwere Leberentzündung, die unbehandelt zu einer Leberzirrhose und später zum Versagen des Organs führt. Warum das Immunsystem derart falsch reagiert, ist bis heute nicht geklärt. Ähnlich wie bei anderen Autoimmunerkrankungen halten Wissenschaftler ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, Umwelteinflüssen und sogenannten Trigger-Faktoren für wahrscheinlich. Diskutiert werden bei der AIH zum Beispiel Giftstoffe, Medikamentenunverträglichkeiten oder Infektionen.

Wie viele Menschen an einer AIH erkrankt sind, ist nicht bekannt. Es gibt derzeit keine zentrale Erfassung. Die Deutsche Leberhilfe schätzt die Zahl der Betroffenen auf 4000 bis 12.000. In Europa wird die Prävalenz mit 16 bis 18 Fälle pro 100.000 Einwohner angegeben, aber diese Zahlen stützen sich auf nur wenige Studien. Die AIH kann in jedem Lebensalter auftreten, besonders oft wird sie zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr diagnostiziert. Typisch ist eine deutliche Verschiebung in Richtung des weiblichen Geschlechts, etwa 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen.

Komplizierte Diagnose

Die Leber besitzt keine Schmerzrezeptoren. Das ist auch ein Grund, weshalb viele Lebererkrankungen lange unerkannt bleiben. Auch die AIH ist keine Ausnahme: Die meisten Patienten nehmen über lange Zeit hinweg keine oder nur unspezifische Symptome wahr. Dazu gehören Müdigkeit, Unwohlsein, Übelkeit, Appetitverlust, starke Gewichtsabnahme und Gelenkbeschwerden. Häufig handelt es sich um einen Zufallsbefund, weil Blutwerte auffällig sind, oder die AIH ist bereits so weit fortgeschritten, dass sich Symptome einer akuten Hepatitis zeigen. Laut der Deutschen Leberhilfe haben bis zu einem Drittel der Erwachsenen und etwa die Hälfte der Kinder zum Zeitpunkt der Diagnose bereits eine Zirrhose. Derzeit gibt es keinen einzelnen Marker, mit dem eine AIH zuverlässig erkannt werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine Kombination unterschiedlicher Faktoren (Kasten), die durch Ausschluss die Diagnose AIH sichern. Oft gelingt es den Medizinern, aus den erfassten Komponenten einen AIH-Score zu berechnen, der die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung widerspiegelt.

Bekannt sind drei verschiedene Typen der Erkrankung, die auf Grundlage der nachgewiesenen Antikörper unterschieden werden. Die weitaus häufigste Form der AIH ist der Typ 1. Bei den Betroffenen zeigen sich antinukleäre Antikörper (ANA) und Antikörper gegen glatte Muskelfasern (Anti-SMA) im Blut. Oft treten auch Antikörper gegen eine Form der weißen Blutkörperchen auf. Typ 2 der Erkrankung wird häufig bei Kindern und Patienten im Mittelmeerraum nachgewiesen. Er gilt als besonders aggressive Form, bei der Antikörper gegen sogenannte Leber-Niere-Mikrosomen (Anti-LKM1) gebildet werden. Beim Typ 3 gehen Mediziner heute davon aus, dass er keine eigenständige Form, sondern vielmehr eine Variante des Typ 1 ist. Betroffene können ausschließlich Antikörper gegen lösliche Leber-Antigene/Leber-Pankreas-Antigene besitzen oder aber eine Kombination aus Typ1 und 3.

Immunsystem ausbremsen

Um die Leber zu schützen, muss das Immunsystem von AIH-Patienten möglichst schnell und konsequent ausgebremst werden. Mittel der Wahl ist eine Kombinationstherapie aus Prednisolon und Azathioprin, das zeitverzögert eingeschlichen wird. Als Alternative zu Prednisolon steht Budesonid zur Verfügung. Ausgeschlossen von dieser Behandlung sind jedoch Patienten mit einer bereits fortgeschrittenen Fibrose oder Zirrhose. Durch die verminderte Metabolisierung in der Leber kann eine erhöhte Toxizität entstehen, zudem besteht das Risiko einer Pfortaderthrombose beschrieben. Die meisten Patienten sprechen gut auf die Therapie an, die Entzündung in der Leber geht zurück und die Leberwerte verbessern sich schnell. Ziel ist es nun, Prednisolon beziehungsweise Budesonid innerhalb von sechs bis zwölf Monaten schrittweise auszuschleichen und Azathioprin auf eine möglichst niedrige Erhaltungsdosis zu senken.

Belastende Nebenwirkungen

Vollmondgesicht, Gewichtszunahme, trockene, empfindliche oder unreine Haut, Haarausfall oder Haarwuchs im Gesicht, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen der Therapie mit dem Glucocorticoid Prednisolon. Sie belasten viele Patienten stark. Studien zufolge sind sie für 13 Prozent der Therapieabbrüche verantwortlich. Hilfreiche Maßnahmen, um unangenehme Nebenwirkungen zu lindern, gibt es nur wenige. Hautprobleme können mit abgestimmten Pflegeprodukten gemildert werden, manchmal kann auch die Unterstützung eines Dermatologen hilfreich sein. Regelmäßige dermatologische Vorsorgeuntersuchungen werden allen AIH-Patienten empfohlen, da die Unterdrückung des Immunsystems nicht nur die Infektanfälligkeit erhöht, sondern auch das Risiko für Hauttumoren. Betroffene sollten deshalb auch starke Sonneneinstrahlung und Solarienbesuche vermeiden.

Eine Gewichtszunahme wird oft durch Heißhungerattacken ausgelöst. Hier ist die einzige Möglichkeit, das Essverhalten streng zu kontrollieren. Langfristig kann die Prednisolon-Therapie auch zu einem erhöhten Osteoporoserisiko führen, weshalb erwachsene Patienten prophylaktisch Calcium und Vitamin-D-Präparate erhalten. Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Azathioprin gehört eine Verminderung der Anzahl von Zellen im Blut, sogenannte Zytopenien. Ihr Verlauf wird mit regelmäßigen Blutbildern anfangs alle ein bis zwei Wochen, später alle drei Monate überwacht. Darüber hinaus können gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder eine Bauchspeicheldrüsenentzündung auftreten.

Medikamente absetzen

Nicht nur die Nebenwirkungen der Medikamente, auch die Erkrankung selbst wirkt sich bei vielen Betroffenen negativ auf die Lebensqualität aus. Müdigkeit und Gelenkschmerzen sind Symptome, von denen viele AIH-Patienten berichten und die auch durch die immunsuppressive Therapie nicht immer zurückgehen. Bei starken Schmerzen können in Absprache mit dem behandelnden Arzt Schmerzmittel eingenommen werden. Bei AIH-Patienten treten zudem Depressionen und Angststörungen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Ob dies direkt mit den Belastungen durch die Erkrankung zusammenhängt oder auf die Immunsuppression zurückzuführen ist, ist derzeit nicht geklärt. Viele Betroffene sind daran interessiert, die Medikamente ganz abzusetzen oder auf »schonendere« Präparate umzustellen.

Wichtig: Absetzversuche sollten immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt und frühestens zwei Jahre nach dem Erreichen einer Remission unternommen werden. Erfolgreich sind sie allerdings nur selten. Nach Angaben der Deutschen Leberhilfe wird der Autoimmunprozess bei mehr als 9 von 10 Patienten nach dem Absetzen der Medikamente wieder aktiviert. Für die Betroffenen bedeutet das, die Therapie erneut mit einer hohen Anfangsdosis einzuleiten. Beim aggressiven Typ 2 ist die Wahrscheinlichkeit eines Gelingens so gering, dass von Absetzversuchen grundsätzlich abgeraten wird.

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