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Viehzucht und Landwirtschaft

Antibiotika-Einsatz weiter reduzieren

Antibiotikaresistenzen sind ein globales Gesundheitsproblem. Um die Wirkung der Antibiotika für die Zukunft zu erhalten, muss ihr Einsatz reduziert werden. In der Landwirtschaft zeichnet sich in vielen Bereichen bereits ein Rückgang ab. Doch es gibt auch gegenteilige Entwicklungen.
Carina Steyer
19.02.2019
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Seit dem Jahr 2011 ist die pharmazeutische Industrie dazu verpflichtet, die an Tierärzte abgegebenen Antibiotika-Mengen regional aufgeschlüsselt zu melden. Das Deutsche Institut für Medi­zinische Dokumentation und Information (DIMDI) sammelt diese Daten. Ausgewertet und bewertet werden sie vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Im Jahr 2017 wurden demnach insgesamt 733 Tonnen Antibiotika von der pharmazeutischen Industrie an Tierärzte abgegeben. Das sind immerhin 973 Tonnen weniger als im ersten Erfassungsjahr 2011. Doch nicht alle Abgabemengen entwickeln sich rückläufig.

Zu den am häufigsten verwendeten Antibiotika-Klassen gehörten 2017 Penicilline (269 Tonnen), Tetracycline (188 Tonnen), Polypeptidantibiotika (74 Tonnen), Sulfonamide (62 Tonnen) und Makrolide (55 Tonnen). Während die Abgabemengen der Penicilline, Tetracycline, Sulfonamide und Ma­krolide seit dem ersten Erfassungsjahr kontinuierlich sinken, registrierte das BVL von 2016 auf 2017 zum ersten Mal einen Anstieg bei den Polypeptidantibiotika. Den Hauptanteil davon machte Colistin aus. Die Abgabemenge der Fluorchinolone ist über den gesamten Beobachtungszeitraum von 2011 bis 2017 um 20 Prozent ge­stiegen. Experten sehen diese Entwicklung kritisch, denn sowohl Colistin als auch Fluorchinolone werden von der Weltgesundheitsorganisation WHO als wichtige Reserveantibiotika in der Humanmedizin eingestuft.

Das größte Problem eines unbedachten Antibiotika-Einsatzes ist die Gefahr, dass sich Resistenzen entwickeln. Bei jeder Zellteilung kann es zu Mutationen kommen, die das Bakterium immun gegenüber dem Wirkstoff machen können. Die stetig steigende Zahl resistenter Bakterien ist mittlerweile zum globalen Problem herangewachsen, das strukturierte Gegenmaßnahmen erforderlich macht. Weltweit laufen Programme, um die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen einzudämmen. So hat die WHO einen globalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibio­tika-Resistenzen ins Leben gerufen. In Deutschland soll die Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie (DART 2020) mit sektorübergreifenden Maßnahmen aus der Human- und Veterinärmedizin Erfolge bringen.

Gesetzlich geregelt

In der Tiermedizin gibt das Arzneimittelgesetz den rechtlichen Rahmen für den Einsatz von Antibiotika vor. Demnach dürfen Antibiotika nur für die Behandlung kranker Tiere und bei therapeutischer Notwendigkeit eingesetzt werden. Die Anwendung ohne vorherige tierärztliche Untersuchung ist ebenso strafbar wie der Einsatz von Antibiotika als leistungsfördernde Futtermittelzusatzstoffe. Offiziell erlaubt ist allerdings die sogenannte Metaphylaxe: Ist ein einziges Tier eines Bestandes erkrankt, können auch die anderen Tiere im Stall behandelt werden.

Besitzer von Schweine-, Rind- und Geflügelmasten sind dazu verpflichtet, offenzulegen, wie oft sie Medikamente einsetzen. Überschreitet der Einsatz die bundesweit erhobenen Zahlen aus vergleichbaren Betrieben, müssen in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt Maßnahmen ergriffen werden, um den Antibiotika-Einsatz zu senken. Kommen die Landwirte den Anforderungen nicht nach, greifen die Behörden ein und können im Bedarfsfall auch das »Ruhen der Tierhaltung« anordnen.

Eine Übertragung von resistenten Bakterien zwischen Mensch und Tier ist möglich. Dies kann über den direkten Kontakt, aber auch über Lebensmittel erfolgen. Durch die Reduktion der verabreichten Antibiotika an lebensmittelproduzierende Tiere konnte zwar ein Rückgang der Antibiotika-Resistenzen bei einigen Bakterien in der Lebensmittelkette beobachtet werden. Dennoch sind die Resistenzraten weiterhin so hoch, dass sie als Quelle für resistente Keime von erheblicher Bedeutung für den Mensch sein können. Insbesondere bei der Verarbeitung von rohem Fleisch können Keime auf Küchenutensilien und die Hände des Kochs übergehen. Hier ist es wichtig, auf eine sorgsame Küchenhygiene zu achten und rohes Fleisch nicht mit offenen­ Wunden an den Händen zu bearbeiten­. Nach der Zubereitung besteht­ keine Gefahr mehr. Kochen, Braten, Backen oder Pasteurisieren töten­ die Bakterien ab.

Rohes Fleisch sollte beim Verarbeiten in der Küche nicht in Kontakt mit anderen Lebensmitteln kommen. / Foto: Getty Images/Anchiy
Keime lauern häufig auch in vorgeschnittenen, abgepackten Salaten. Schwangere und immun­supprimierte Personen sollten darauf besser verzichten. / Foto: GettyImages/d3sign

Antibiotika-resistente Bakterien kommen auch in Gülle, Klärschlamm, Böden und Gewässern vor. Im vergangenen Jahr hat eine Arbeitsgruppe des Julius-Kühn-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen, auf vor­geschnittenen Salaten, Rucola und Koriander­ aus dem Supermarkt Tetracyclin-resistente Escherichia-coli-Bakterien gefunden. Laut den Experten ist es auch möglich, dass Antibiotika-Resistenzen von harmlosen Bakterien im menschlichen Darm an krank­machende Bakterien weitergegeben werden. Dieser sogenannte horizontale Gentransfer ermöglicht es Bakterien, sich an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen.

Es ist allerdings nicht bekannt, wie häufig es tatsächlich zu einer Übertragung von Resistenzen im menschlichen Darm kommt. Zudem existieren keine Zahlen darüber, ob und in welchem Umfang Erkrankungen durch resistente Bakterien auf Lebensmitteln entstehen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) arbeitet derzeit zusammen mit anderen Fachgesellschaften an einer Risikoeinschätzung für die Gesundheit von Verbrauchern durch den Verzehr belasteter Salate. Verbraucher sollten auch hier die Regeln der Küchen­hygiene unbedingt beachten: Rohkost, Salate und frische Kräuter sollten vor dem Verzehr gründlich gewaschen werden. Schwangere und immunsupprimierte Personen sollten auf abgepackte, vorgeschnittene Salate verzichten.

Das Risiko, Antibiotika-Rückstände durch den Verzehr von Lebensmitteln aufzunehmen, ist laut BfR gering. Lebens­mittel von antibiotisch be­handelten Tieren dürfen erst nach einer­ vorgeschriebenen Wartezeit in den Verkehr gebracht werden. Diese stellt sicher, dass sich keine Rückstände im Endprodukt befinden.

Nicht nur bei der Viehzucht, auch im Pflanzenbau kann der Einsatz von Antibiotika notwendig sein. Von großer Bedeu­tung ist hier Streptomycin, das gegen Erwinia amylovora, den Erreger des Feuerbrandes, eingesetzt wird. Der Feuerbrand ist eine bakterielle Obstbaumkrankheit, die schwere Ertragsverluste verursacht und die Rodung ganzer Plantagen erforderlich machen kann. In Deutschland wurde das Bakterium Ende der 1960er-Jahre zum ersten Mal nachgewiesen, und seit den 1990er-Jahren ist die Befallssituation vor allem in Süddeutschland für viele Betriebe existenzbedrohend. Ursprünglich stammt der Feuerbrand aus Nordamerika, wo er bereits seit dem 19. Jahrhundert für schwere Schäden sorgt.

Nordamerikanische Obstbauern waren es auch, die in den 1950er-Jahren damit begannen, Streptomycin gegen den Feuerbrand einzusetzen. Bis zu 14 Mal pro Saison wurden die Obstbäume mit einer Antibiotika-haltigen Lösung besprüht. In den 1970er-Jahren traten dann erste resistente Bakterien­stämme auf.

Streng kontrolliert

Heute ist die Anwendung von Antibiotika im Pflanzenschutz umstritten. In Deutschland und vielen weiteren Ländern­ ist der Einsatz von Streptomycin nur noch unter streng kontrollierten Bedingungen zugelassen, auf den Erwerbsobstbau beschränkt und bedarf einer Sondergenehmigung. Diese erhalten Obstbauern nur bei starkem Befall, wenn die Rodung des gesamten Bestandes einzige Alternative wäre.

Gartenbesitzer dürfen privat keine antibiotikahaltigen Pflanzenschutzmittel verwenden, auch wenn sie viele Obstbäume besitzen. Sie sind dazu verpflichtet, ihre Bäume regelmäßig zu kontrollieren und bei einem Befall frühzeitig zurückzuschneiden. Stark be­fallene Bäume sollten gerodet und verbrannt werden, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Ziel ist es, die Anwendung Antibiotika-haltiger Pflanzenschutzmittel in den nächsten Jahren komplett einzustellen. Wissenschaftler arbeiten seit Langem an Alternativen, zum Beispiel bestimmte Kulturtechniken oder Pflanzen­stärkungsmittel. In normalen Befallsjahren hat man mit deren Hilfe die Krankheit bereits gut im Griff.

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