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Geruchssinn

Aromatherapie: Zwischen Wissenschaft und Esoterik

Der Geruchssinn kann in die Vergangenheit führen, etwa wenn der Duft von frischem Apfelkuchen spontan an Besuche bei der Großmutter erinnert. Er beeinflusst aber auch, ob Menschen sich riechen können oder eben nicht. Die Aromatherapie bedient sich dieser Mechanismen und setzt Düfte mit dem Ziel ein, das Wohlbefinden zu steigern.
Edith Schettler
22.10.2019
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Der Geruchssinn dient dazu, in der Natur zu überleben, Essbares von Verdorbenem zu unterscheiden, Nahrungsquellen ausfindig zu machen oder vor Feuer zu warnen. Heute sind diese Fähigkeiten in einer urbanisierten und technisierten Welt immer weniger gefragt. Trotzdem spielt der Riechsinn weiterhin eine bedeutsame Rolle. Fällt er aus, kann das sogar ein erster Hinweis auf Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer sein.

Forscher der Rockefeller University in New York haben festgestellt, dass die Nase mehr als eine Billion Gerüche unterscheiden kann, das sind mehr Sinneseindrücke als Auge und Ohr zusammen wahrnehmen. Bisher galt als gesichert, dass der Mensch etwa 10.000 unterschiedliche Düfte erkennt, selbst das wäre schon eine ganze Menge.

Der Geruchssinn ist ständig aktiv, auch im Schlaf. Mit jedem Atemzug streichen Duftmoleküle an den rund 30 Millionen Riechzellen in der Nase vorbei. Mehrere Hundert verschiedene Rezeptoren in ihrer Zellmembran sind auf unterschiedliche chemische Eigenschaften der Düfte spezialisiert. Werden sie von den Duftmolekülen besetzt, leiten sie über Aktionspotenziale elektrische Impulse in die beiden Nervenbahnen, die diese weiter an den zweiteiligen Bulbus olfactorius, den Riechkolben, übermitteln. Dieser gehört zum Riechhirn, analysiert die Gerüche und gibt die Informationen darüber an den Hypothalamus weiter. Der Riechnerv Nervus olfactorius und der Gesichtsnerv Nervus trigeminus leiten die Impulse zum Riechkolben weiter.

Geruch und Emotion

Das Riechhirn steht in enger Verbindung mit einer der ältesten Hirnregionen, dem Limbischen System. Hier entsteht die eigentliche Riechempfindung. Das Limbische System entscheidet darüber, ob ein Mensch den Duft als angenehm empfindet oder nicht. Es stellt Vergleiche mit bereits bekannten Gerüchen aus dem olfaktorischen Gedächtnis her. Hier werden auch Emotionen verarbeitet und Endorphine ausgeschüttet. Das Riechen ist also mit Erinnerungen und Gefühlen verbunden, mit der Freisetzung von Hormonen und Botenstoffen.

Um eine Substanz riechen zu können, muss sie flüchtig sein. Die meisten Duftstoffe sind Kohlenstoffverbindungen mit einer molaren Masse unter 300 g/mol. Für die Geruchsintensität gibt es sogar eine eigene Maßzahl, die Europäische Geruchseinheit (GEE ). Sie charakterisiert die Geruchsstoffkonzentration und spielt vor allem in der Abfallwirtschaft eine Rolle.

Die klassischen flüchtigen Naturstoffe sind die ätherischen Öle. Pflanzen produzieren diese in ihren Laubblättern und speichern sie im Pflanzengewebe der Blüten, Früchte oder Wurzeln. Die Öle dienen dazu, Bestäuber anzulocken oder Fraßfeinde abzuwehren. Ätherische Öle bestehen aus Alkoholen, Estern, Terpenen und Ketonen. Sie werden durch Auspressen oder Wasserdampfdestillation der Pflanzenteile gewonnen, lassen sich aber auch synthetisch nachbilden, das ist meist sehr viel preiswerter.

Heilen mit Düften

Viele offizinelle Arzneipflanzen enthalten ätherische Öle, so zum Beispiel Salbei, Kamille, Kümmel und Thymian. Für die Anwendung dieser Pflanzen als Arzneimittel gegen Erkältungen oder Magen-Darm-Beschwerden gibt es positive Monographien und ärztliche Leitlinien, die auf wissenschaftlichen Untersuchungen basieren. Im Gegensatz dazu beruht Aromatherapie zum großen Teil auf Erfahrungen. Sie versteht sich selbst als einen Teil der Phytotherapie und verwendet naturreine ätherische Öle zur Behandlung körperlicher und seelischer Beschwerden in Form von Inhalationen, Einreibungen, Bädern oder alkoholischen Lösungen zum Einnehmen.

Die Wirkung der Inhalation ätherischer Öle bei Erkrankungen der oberen Luftwege ist auch von Schulmedizinern anerkannt. So gibt es belastbare klinische Daten für die Wirkung von Fenchel-, Eukalyptus-, Kiefernnadeln-, Thymian- und Anisöl. Sie erreichen auch über die Haut aufgrund ihrer Lipophilie schnell den Wirkort, so dass sie auch dermal in Salbenform – niemals pur, denn sie sind stark hautreizend – angewendet werden können. Pharmakologische Studien existieren auch für den Einsatz ätherischer Öle zur Behandlung von Verdauungsstörungen. Hier nutzt man die spasmolytische Wirkung von Pfefferminz-, Kümmel- und Fenchelöl auf die glatte Muskulatur des Magens und des Darmes. Auch die Wirkung von Pfefferminzöl gegen Spannungskopfschmerzen ist in Studien belegt, es wirkt als 10-prozentige Lösung so wie Paracetamol. Lavendelöl wirkt nachweislich bei Schlafstörungen, Angstgefühlen und innerer Unruhe. Von großem Interesse für die Forschung ist zurzeit die antimikrobielle Wirkung der ätherischen Öle gegen antibiotikaresistente Keime.

Noch nicht bewiesen

Alle anderen Anwendungsgebiete, die die Aromatherapie beansprucht, sind noch nicht wissenschaftlich bewiesen. Zitronen- und Bergamottöl beispielsweise sollen eine aufmunternde Wirkung bei Niedergeschlagenheit haben, Eukalyptus die Konzentration fördern, Grapefruit beleben und glücklich machen, Muskatellersalbei gegen Angstzustände und depressive Verstimmung helfen. Um Stress zu verarbeiten, empfehlen Aromatherapeuten Mandarinen- und Neroliöl. Die Raumluft verbessern sie in Erkältungszeiten mit Teebaum- und Oreganoöl. Rosenöl soll die Wundheilung beschleunigen, aber ebenso in der Geburtshilfe und in der Sterbebegleitung von Vorteil sein. Vanille soll helfen, besser einzuschlafen oder aber Heißhungerattacken zu widerstehen. Momentan sehr angesagt ist das Öl der Zirbelkiefer. Es soll die Raumluft klären, indem es negative Gerüche, aber auch negative Emotionen neutralisiert. Zudem wird ihm nachgesagt, Kraft und Energie zu verleihen. Einiges davon liegt an der Grenze zur Esoterik, vieles könnte aber auch zu einem spannenden Forschungsthema werden.

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