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Schlaflosigkeit und HIV

Arzneistoffe im April

Seit dem 1. April gibt es auf dem deutschen Markt den neuen Wirkstoff Eszopiclon. Dabei handelt es sich um das S-Enantiomer des seit Langem bekannten Schlafmittels Zopiclon. Ebenfalls neu ist Fostemsavir, eine neue Therapieoption für bestimmte HIV-Patienten.
Sven Siebenand
07.04.2021  08:30 Uhr

Zopiclon-haltige Medikamente sind schon seit vielen Jahren im Handel. Darin ist ein Racemat der beiden Enantiomere (R)- und (S)-Zopiclon enthalten. Pharmakologisch aktiv wirkt jedoch ausschließlich das (S)-Enantiomer. Mit dem Präparat Lunivia® Filmtabletten bringt Hennig Arzneimittel ein neues Medikament zur Behandlung von Schlafstörungen bei Erwachsenen auf den Markt. Darin enthalten ist Eszopiclon, das (S)-Enantiomer des Wirkstoffs Zopiclon. Da das unnötige (R)-Enantiomer nicht mehr enthalten ist, wundert es auch nicht, dass man in Lunivia mit 1, 2 oder 3 mg Wirkstoff auskommt, während in Zopiclon-Medikamenten mehr enthalten ist, nämlich 3,75 oder 7,5 mg. Wichtig: Das (S)-Enantiomer ist ein stabiles Enantiomer, das keiner Umwandlung in das (R)-Enantiomer unterliegt.

Schneller einschlafen

Eszopiclon gehört zur Gruppe der Benzodiazepin-ähnlichen Arzneistoffe. Eszopiclon unterscheidet sich zwar chemisch von den Benzodiazepinen, wirkt aber im Gehirn auch durch die Bindung an den Gamma-Aminobuttersäure A-Rezeptor (GABAA). Dieser Rezeptor gilt als der wichtigste dämpfende Rezeptor im Nervensystem. Er bindet den Neurotransmitter GABA, wodurch der Rezeptor selektiv durchlässig für Chloridionen wird. So können nicht nur Benzodiazepine, sondern auch die sogenannten Z-Substanzen, zu denen auch Zolpidem und das in den USA noch verfügbare Zaleplon gehören, Patienten mit Schlafstörungen durch Modulation dieses Rezeptorkomplexes beim Schlafen unterstützen. Im Vergleich zum (R)-Enantiomer weist das (S)-Enantiomer von Zopiclon eine etwa 50-fach höhere Affinität zum GABAA-Rezeptor auf. Dieser Rezeptor besitzt verschiedene Untereinheiten. Eszopiclon hat dabei eine große Affinität zur α2- und α3-Untereinheit und nur eine geringe Affinität zur α1-Untereinheit. Letzteres könnte das Abhängigkeitspotenzial reduzieren, der Agonismus an der α2-Untereinheit könnte zusätzliche anxiolytische und antidepressive Wirkkomponenten bringen. Vorteile bietet Eszopiclon auch hinsichtlich der Pharmakokinetik. Eine schnellere Aufnahme ins Blut kann die Schlaflatenz verkürzen, das heißt, der Schlafbeginn setzt früher ein.

Die empfohlene Anfangsdosis von Lunivia beträgt 1 mg. Sofern klinisch angezeigt, kann die Dosis auf 2 oder 3 mg erhöht werden. Bei Menschen über 65 Jahren liegt das Tagesmaximum jedoch bei 2 mg. Ebenso ist es bei stark eingeschränkter Nierenfunktion. Eszopiclon ist als Einmalgabe unmittelbar vor dem Zubettgehen einzunehmen. Der Wirkstoff hat einen bitteren Geschmack, sodass die Filmtabletten nicht zerstoßen oder zerbrochen werden dürfen.

So kurz wie möglich

Patienten sollen in derselben Nacht keine weitere Lunivia-Tablette schlucken. In allen Fällen soll die Dauer der Behandlung so kurz wie für eine effektive Behandlung nötig sein und, einschließlich einer schrittweisen Absetzphase, vier Wochen nicht überschreiten. In speziellen Fällen, zum Beispiel bei Patienten mit chronischen Schlafstörungen, kann es notwendig sein, den Behandlungszeitraum auf höchstens sechs Monate auszudehnen. Dies erfordert regelmäßige Kontrollen und Beurteilungen des Zustandes des Patienten, da mit zunehmender Behandlungsdauer das Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit steigt.

Einige Kontraindikationen gibt es zu berücksichtigen: Tabu ist Eszopiclon zum Beispiel bei schwerer Leberinsuffizienz, schwerem Schlafapnoe-Syndrom und in einem Alter unter 18 Jahren. Ferner darf der Wirkstoff nicht bei älteren Patienten zum Einsatz kommen, die gleichzeitig potente CYP3A4-Hemmer erhalten. Denn dies führt möglicherweise zu einer Verstärkung der hypnotischen Wirkung von Eszopiclon, da der Wirkstoff durch das Enzym CYP3A4 metabolisiert wird. Bei jüngeren Patienten kann die gleichzeitige Einnahme eines potenten CYP3A4-Inhibitors eine Dosisreduzierung von Eszopiclon erforderlich machen. Die Tagesdosis darf 2 mg nicht übersteigen.

Besondere Warnhinweise beim Einsatz des neuen Medikaments beziehen sich in der Fachinformation von Lunivia unter anderem auf das Risiko durch eine gleichzeitige Einnahme von Opioiden, das Abhängigkeitsrisiko sowie Absetzerscheinungen. Ein gleichzeitiger Alkoholkonsum ist bei allen Patienten zu vermeiden, da er die sedierende Wirkung des Arzneistoffs verstärken kann.

Unangenehmer Geschmack ist als Nebenwirkung sehr häufig. Häufig treten zum Beispiel Kopfschmerzen, Somnolenz, trockener Mund, Benommenheit und Übelkeit auf. Die vollständige Auflistung der Nebenwirkungen findet sich in der Fachinformation.

Die Anwendung von Eszopiclon in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. In der Stillzeit soll der Arzneistoff ebenfalls nicht zum Einsatz kommen.

Gegen HIV-Infektionen

Die HIV-Therapie hat sich in den vergangenen Jahren dank vieler neuer Erkenntnisse und Medikamente zum Glück verbessert, und die Inzidenz einer multiresistenten HIV-Infektion ist rückläufig. Dennoch sind davon betroffene Patienten auf neue Therapiemöglichkeiten angewiesen. Mit dem Antikörper Ibalizumab (Trogarzo®) kam im Jahr 2020 ein zu infundierendes Präparat für die multiresistente HIV-Infektion auf den deutschen Markt.

Anfang April folgte das in Form von Retardtabletten einzunehmende Fostemsavir-haltige Präparat Rukobia® von ViiV Healthcare. Es soll in Kombination mit anderen antiretroviralen Arzneimitteln für Erwachsene mit multiresistenter HIV-1-Infektion zum Einsatz kommen, wenn kein anderes supprimierendes, antiretrovirales Behandlungsregime zur Verfügung steht.

Fostemsavir wird im Körper zur aktiven Wirkform Temsavir umgewandelt. Temsavir bindet an eine Untereinheit eines HIV-1-Hüllproteins und hemmt damit die Interaktion zwischen dem Virus und dem zellulären CD4+-Rezeptor. Das unterbindet das Eindringen des Virus in die Wirtszellen und somit deren Infektion.

QTc-Zeit verlängert

Die empfohlene Dosis von Rukobia sind zweimal täglich 600 mg. Hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen ist zu bedenken, dass CYP3A-Induktoren die Plasmakonzentration von Temsavir reduzieren können und sich damit negativ auf die Wirksamkeit des HIV-Medikaments auswirken. Die gleichzeitige Anwendung von starken CYP3A-Induktoren ist daher kontraindiziert. Zu diesen Wirkstoffen zählen unter anderem Carbamazepin, Phenytoin, Enzalutamid, Rifampicin und Johanniskraut.

Einen besonderen Warnhinweis gibt es in der Fachinformation von Rukobia zu einer möglichen Verlängerung der QTc-Zeit am Herzen. Bei bestimmten Patienten, die eine bestimmte Begleitmedikation aufweisen, sollte das neue Präparat daher nur mit Vorsicht angewendet werden.

Die am häufigsten beobachteten therapiebedingten Nebenwirkungen waren Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerz, Ausschlag und Abdominalschmerz. In der Schwangerschaft sollte auf Rukobia aus Vorsichtsgründen verzichtet werden.

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