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Faszientraining

Auf der Rolle

Faszienrollen erfreuen sich nicht nur in der Physiotherapie großer Beliebtheit. Auch im Fitnessbereich und beim Leistungssport sind sie gefragter denn je. Hersteller versprechen zahlreiche Wirkungen, doch wissenschaftlich belegt sind nur wenige.
Carina Steyer
27.08.2019
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Als Faszien werden alle faserigen, kollagenen Bindegewebsstrukturen des menschlichen Körpers bezeichnet. Sie umhüllen Organe, Muskeln, Sehnen, Knochen, Gefäße, Nerven, das Gehirn und Rückenmark und durchziehen als zusammenhängendes Netzwerk den gesamten Körper. Sie sorgen dafür, dass Organe ohne Reibung aneinander vorbeigleiten können, Muskeln in Form gehalten werden und bei Bewegungen Kräfte übertragen werden. Faszien bestehen aus straffen, geflechtartig verwobenen Kollagenfasern und Elastin, die je nach Lage mal stärker, mal lockerer miteinander verknüpft sind. Während im Bauchraum vor allem lockeres Bindegewebe vorherrscht, sind die Muskel-Faszien sehr fest.

Lange Zeit wurde den Faszien wenig Bedeutung beigemessen. Sie galten überwiegend als funktionslose Hüllen. Dies änderte sich mit dem ersten Faszien-Kongress, der 2007 an der Harvard Medical School in Boston stattfand. Erstmals wurden Ultraschallbilder gezeigt, auf denen Veränderungen an den Faszien nach einer Massage mit Schaumstoffrollen zu sehen waren.

Heute spricht man den Faszien eine ganze Reihe von Funktionen zu. Einige Wissenschaftler bezeichnen das Fasziengewebe inzwischen sogar als wichtigstes Sinnesorgan des Körpers. Es soll mehr Sensoren als Muskeln besitzen und eine entscheidende Rolle bei der Körperwahrnehmung spielen. Zudem soll es Informationen über Bewegung, Lage, Druck, Spannung und Schmerz liefern. Bewegungsmangel, Überlastung, Fehlhaltung und Stress wiederum sollen sich negativ auf die Faszien auswirken. Sie können verhärten, verkleben und dadurch Verspannungen und Schmerzen verursachen. Abhilfe soll regelmäßiges Faszientraining schaffen, dem Befürworter zahlreiche positive Eigenschaften zugesprechen. Die Selbstmassage mit Faszienrollen soll akute Beschwerden und Schmerzen lindern, die Regeneration nach dem Sport und die Ganzkörperkoordination verbessern, das Verletzungsrisiko senken und die Beweglichkeit sowie die sportliche Leistungsfähigkeit erhöhen. Gesunde Faszien sollen zudem Schmerzen vorbeugen.

Rolle oder Ball

Faszienrollen findet man heute nicht mehr nur in Fitnessstudios und physiotherapeutischen Praxen. Längst haben sie Einzug in viele Privathaushalte gehalten. Es gibt sie als klassische Rollen, aber auch in Form von Bällen oder Doppelbällen. Die Oberflächen sind glatt oder haben Rillen, Riffelungen oder Noppen. Je nach Einsatzgebiet gibt es unterschiedliche Größen und Härtegrade, einige Rollen können zudem vibrieren. Welche Form man wählt, richtet sich nach dem Körperbereich, der bearbeitet werden soll, und dem persönlichen Empfinden. Schmerzempfindlichen, untrainierten Personen wird eher zu weichen Rollen geraten, gut trainierten Sportlern hingegen zu harten.

Faszienrollen wirken auf die gesamte Fläche, die sie abdecken. Einzelne Bälle eignen sich vor allem für die punktuelle Massage kleinerer Muskelgruppen, etwa an den Armen, Schultern oder im Nackenbereich. Doppelbälle werden oft für den Rücken eingesetzt. Das Verbindungsstück zwischen den Kugeln bietet Platz für die Wirbelsäule, die während der Massage ausgespart werden sollte.

Das Training auf der Rolle ist einfach umzusetzen. Es gibt bei den Herstellern von Faszienrollen zahlreiche Anleitungen, die unterschiedliche Abläufe, Bewegungen und Positionen kombinieren. Zum Beispiel können Wade und Achillessehne massiert werden, wenn der Sportler sich auf den Händen und einem Bein stabilisiert. Anschließend wird die Wade von der Kniekehle bis zum Fuß vor und zurück geschoben. Der Rücken kann im Stehen an einer Wand oder im Liegen bearbeitet werden. Lokale Schmerzen können durch kleine, auf die betroffene Stelle beschränkte Bewegungen behandelt werden, anschließend sollte eine großflächige Massage erfolgen.

Viele Anwender empfinden beim Faszienrollen Schmerzen, die oftmals als »Wohlfühlschmerzen« bezeichnet werden. Grundsätzlich sollte das Faszienrollen jedoch nicht unangenehm sein. Ein Schmerz sollte eher als Warnsignal betrachtet werden. Treten Stunden oder Tage nach dem Faszientraining Schmerzen im behandelten Bereich auf, sollte das als Hinweis auf eine strukturelle Schädigung oder Entzündung gewertet und das nächste Training angepasst werden.

Zu wenig untersucht

Neben all den positiven Versprechungen gibt es auch kritische Stimmen. Effekte fallen, wenn überhaupt nachweisbar, nur gering aus. Langzeiteffekte und mögliche Schäden durch das Faszientraining sind bisher kaum untersucht. Sportwissenschaftler am Forschungszentrum für Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung der Bergischen Universität Wuppertal beschäftigen sich schon seit einigen Jahren mit Faszienrollen. In einer kleinen Studie mit 40 Sportstudenten haben sie die Auswirkung des Rollens auf sportliche Leistung und Muskelspannung untersucht. Dafür radelten 20 Probanden für zehn Minuten auf einem Fahrradergometer, bei den anderen 20 Probanden wurden Ober- und Unterschenkel mit der Faszienrolle Blackroll® nach Herstellerangaben behandelt. Die vertikale Sprunghöhe konnte durch das Faszientraining nicht verbessert werden, durch das Aufwärmen auf dem Fahrradergometer hingegen schon. Nachweisbar war hingegen eine geringe Wirkung des Rollens auf die Muskelanspannung, die zu einer kurzfristigen Verbesserung der Beweglichkeit führte.

Speziell zur Schmerzlinderung gibt es nur wenige Untersuchungen. Wurden physiologische Parameter der Regeneration, zum Beispiel der Cortisolspiegel, gemessen, hatte das Faszienrollen keinen Einfluss. Auswirkungen zeigten sich nur bei subjektiven Schmerzangaben nach einem Muskelkater, die durch das Faszientraining gelindert werden konnten.

Kontraindikationen beachten

Der Druck, der beim Hin- und Herbewegen auf der Rolle auf das Gewebe ausgeübt wird, ist groß. Laut den Sportwissenschaftlern der Universität Wuppertal wirkte bei den Probanden der Studie auf den Oberschenkel im Mittel eine Belastung von bis zu 32 Prozent des Körpergewichts, auf die Wade von 34 Prozent. Dies entspricht etwa dem 10-fachen des Drucks, der durch Kompressionsstrümpfe der Klasse 4 erzeugt wird. Da der Druck nicht nur auf die Faszien, sondern auch auf Haut, Muskulatur, Gefäße und Knochen wirkt, raten die Wissenschaftler, Kontraindikationen zu berücksichtigen. Dazu gehören etwa eine Neigung zu Krampfadern, Hämophilie, periphere Neuropathien, Gefäßerkrankungen, Thrombosen und fixierte Wirbelkörper.

Der Hersteller der Blackroll verweist inzwischen auf seiner Homepage darauf, dass die Faszienrollen auf eigenes Risiko für Übungen verwendet werden. Konsumenten sollten sich von einem Physiotherapeuten, Manualtherapeuten, Masseur oder Facharzt beraten lassen, wenn Zweifel bestehen, nach der Selbstmassage stärkere Schmerzen auftreten oder wiederkehrende Verletzungen entstehen. Zudem werden auch hier Kontraindikationen aufgelistet (siehe Tabelle). Die Experten der Universität Wuppertal empfehlen, sich bereits vor der Anwendung von qualifizierten, unabhängigen Experten beraten zu lassen.

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