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Nutri-Score

Auf einen Blick

Er sieht aus wie das Energielabel auf Elektrogeräten und soll ebenso mit einem Blick die Kaufentscheidung erleichtern: der Nutri-Score. Die Kennzeichnung aus Frankreich bewertet den Gesundheitswert eines Lebensmittels anhand einer fünfstufigen Skala. Sie könnte daher das Einkaufen erleichtern.
Inka R. Stonjek
19.06.2019
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Seit Jahren streiten Verbraucherschützer, Lebensmittelhersteller und das Bundesernährungsministerium um eine optische Kennzeichnung der Nährwertgehalte von Lebensmittel. Die Lebensmittelampel, die mit einem schlichten grün-gelb-rot-Schema zu viel Salz, Fett oder Zucker in Lebensmittel anzeigt, wurde in Deutschland im März 2008 gemäß Empfehlung des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz abgelehnt. Doch der Nutri-Score hat nun neue Bewegung in die Diskussion gebracht.

Zwischen Pro und Contra

Der Nutri-Score ist eine Lebensmittelkennzeichnung, die in Frankreich entwickelt und dort seit 2017 freiwillig von den Herstellern auf der Vorderseite ihrer Produktverpackungen angewendet werden kann. Er bewertet die ernährungsphysiologische Qualität eines verarbeiteten Lebensmittels anhand einer fünfstufigen Skala, die von »A« (vorteilhafte Nährwertqualität, dunkelgrün) bis »E« (weniger vorteilhafte Nährwertqualität, rot) reicht. Das Gesamtergebnis wird ermittelt, indem die günstigen Nährstoffe mit den ungünstigen ins Verhältnis gesetzt werden.

Energie, gesättigte Fettsäuren, Gesamtzucker und Salz geben dem Produkt Strafpunkte, abhängig davon, wie viel jeweils in 100 Gramm eines Lebensmittels enthalten ist. Günstige Nährstoffe wie Proteine, Ballaststoffe, Obst, Gemüse und Nüsse gleichen den Punktestand aus (siehe Tabelle 1). Auf diese Weise kommt das Produkt am Ende auf eine Gesamtpunktzahl zwischen –15 und +40, aus der der entsprechende Buchstabe abgeleitet wird (siehe Tabelle 2).

Generell gilt: Je niedriger die Gesamtpunkte beziehungsweise der Nutri-Score, desto gesünder das Lebensmittel. Ein Produkt mit einem günstigen, ausgewogenen Nährwertprofil erhält daher eine grüne Einordnung und den Buchstaben A, ein sehr unausgewogenes Produkt bekommt eine rote Bewertung und den Buchstaben E. Um verschiedene Lebensmitteln miteinander vergleichen zu können, erfolgt die Berechnung nicht pro Portion, sondern pro 100 Gramm. Für unverarbeitete Lebensmittel wie frisches Obst, Gemüse und Fisch ist der Nutri-Score übrigens nicht anwendbar. Wohl aber für Getränke; hier erfolgt die Berechnung dann pro 100 Milliliter. Mit diesen geht der Nutri-Score zudem deutlich strenger ins Gericht. Ein »A« gibt es nur für Wasser.

Ungünstige Nährstoffe Punkte Günstige Nährstoffe
Energie [kcal] Zucker [g] Gesättigte Fettsäuren [g] Natrium [g] Eiweiß [g] Ballaststoffe [g] Obst, Gemüse, Nüsse [%]
<80 <4,5 <1 <0,09 <1,6 <0,9 <40
>80 >4,5 >1 >0,09 1 >1,6 >0,9 >40
>160 >9 >2 >0,18 2 >3,2 >1,9 >60
>240 >13,5 >3 >0,27 3 >4,8 >2,8 -
>320 >18 >4 >0,36 4 >4,6 >3,7 -
>400 >22,5 >5 >0,45 5 >8,0 >4,7 >80
>480 >27 >6 >0,54 6 - - -
>560 >31 >7 >0,63 7 - - -
>640 >36 >8 >0,72 8 - - -
>720 >40 >9 >0,81 9 - - -
>800 >45 >10 >0,9 10 - - -
Tabelle 1: Bewertungsschema für Lebensmittel (Quelle: Santé publique France)

Dieses Gesamtergebnis – berechnet aus der Betrachtung von neun Inhaltsstoffen – unterscheidet den Nutri-Score von der Lebensmittelampel, die es beinahe vor rund zehn Jahren auf die Verpackung von verarbeiteten Produkten geschafft hätte. Sie hat den Gehalt von Fetten, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm separat betrachtet und einer der drei Ampelfarben zugeordnet (bei »grün« ist nur wenig enthalten, bei »gelb« mäßig viel und »rot« steht für kritische Mengen).

Nutri-Score in Deutschland

Frankreich traf die Entscheidung zur Einführung des Nutri-Scores unter anderem auf der Grundlage einer Vergleichsstudie, die vier Kennzeichnungen verglichen hat und aus der der Nutri-Score als verbraucherfreundlichstes System hervorgegangen ist. Zudem kauften die Probanden mit diesem System auch im Supermarkt gesünder ein. Ende 2018 hatten auch deutsche Hersteller seine Einführung angekündigt. Seit Februar standen die Fruchtzwerge von Danone als erstes Produkt im Kühlregal, mittlerweile folgten weitere Danone-Produkte. Tiefkühlhersteller Iglo zog nach. Nun hat das Landgericht Hamburg dem einen Riegel vorgeschoben. Eine einstweilige Verfügung verbietet Iglo, den Nutri-Score zu verwenden. Gegner der Nährwertkennzeichnung ist der in München ansässige »Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft e.V.«, der sich auf die Health-Claims-Verordnung stützt. Dementsprechend sei der Nutri-Score eine gesundheitsbezogene Angabe und damit unzulässig. Iglo hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Auch wenn damit Iglo-Produkte mit Nutri-Score-Label aus dem Handel verschwunden sind, ist der Nutri-Score auf Verpackungen anderer Hersteller zu finden.  

Lebensmittel (Gesamtpunkte Nutri-Score Getränke (Gesamtpunkte)
-15 bis -1 A Wasser
0 bis 2 B -15 bis 1
3 bis 10 C 2 bis 5
11 bis 18 D 6 bis 9
19 bis 40 E 10 und mehr
Tabelle 2: Gesamtergebnis für Lebensmittel und Getränke (Quelle: Santé publique France)

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Adipositasgesellschaft sind vom Nutri-Score dagegen angetan. Ablehnend steht ihm der Lebensmittelverband Deutschland gegenüber. »Eine simple Einteilung von Lebensmitteln oder deren Inhaltsstoffe in positiv und negativ ist zu kurz gegriffen und wird der Komplexität der Ernährungswissenschaften nicht gerecht«, heißt es. Der Verband lehnt jede Kennzeichnung mit Ampelfarben ab.

Die Krux mit der Vereinfachung

Tatsächlich fließen längst nicht alle Aspekte eines Lebensmittels in den Nutri-Score ein. Positive Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, Omega-3-Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe bleiben ebenso unberücksichtigt wie Geschmacksverstärker, Süßstoffe oder Aromen. Das lässt Spielraum zum Panschen. So ließe sich der Nutri-Score eines Produktes verbessern, indem anstelle von Fett Zusatzstoffe zum Einsatz kommen. Außerdem können Verbraucher das Gesamtergebnis beim Einkauf nicht nachvollziehen, ohne sich mühsam im Internet über die Berechnungsgrundlage zu informieren. Überdies fehlt wirkliche Vergleichbarkeit, solange der Nutri-Score freiwillig ist und nur von einzelnen Herstellern verwendet wird. Wer zum Beispiel Süßigkeiten produziert, die ein E bekommen müssten, verwendet den Nutri-Score unter Umständen gar nicht.

Informieren, nicht werten

Deshalb hat der Lebensmittelverband Deutschland selbst eine Nährwertkennzeichnung vorgeschlagen. Sie soll einen Mehrwert zu der ohnehin verpflichtenden Nährwerttabelle liefern, das Lebensmittel aber nicht bewerten. Dazu sieht das Modell fünf Kreise vor, die für Energie/Kalorien, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz stehen. Darin ist jeweils der Gehalt in Kilokalorien beziehungsweise Gramm pro 100 Gramm angegeben. Eine separat hervorgehobene Fläche in jedem Kreis visualisiert ähnlich wie bei einer Tortengrafik, welchen Anteil an der täglichen Zufuhr der Verzehr von 100 Gramm bedeutet. Basis ist die in der Lebensmittelinformationsverordnung EU-weit festgelegte Referenzmenge von insgesamt 2000 Kalorien pro Tag für einen durchschnittlichen Erwachsenen. Zusätzlich soll sollte bei Portionspackungen zum Einzelverzehr mit einer Füllmenge unter 100 g/ml ebenfalls ein Portionsbezug möglich sein.

Ein weiterer Vorschlag kommt vom Max-Rubner-Institut; dessen Wissenschaftler waren von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner dazu beauftragt worden. Hier weisen fünf Sechsecke den Gehalt an Energie/Kalorien, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz in Kilokalorien beziehungsweise Gramm pro 100 Gramm aus. Eine zusätzliche Gesamtbewertung soll eine schnelle Einordnung des Lebensmittels ermöglichen und setzt dazu einmal auf die aus der Hotelbewertung bekannten Sterne, außerdem auf eine mit der Qualität des Lebensmittels zunehmende Farbintensität. Der Gesamtbewertung liegt der Nutrient Profiling System Score der Food Standards Agency in Großbritannien zugrunde, auf dem auch der in Frankreich entwickelte Nutri-Score basiert.

Wann das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Entscheidung trifft, ist unklar. Auch ein weiteres Modell ist angekündigt. Zudem will Klöckner die Verbraucher einbeziehen und über vier bis fünf verschiedene Kennzeichnungssysteme abstimmen lassen.

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