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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Januar 2008

31.01.2008  09:24 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Januar 2008

Sven Siebenand, Eschborn

Knapp 30 neue Arzneistoffe sind 2007 auf den deutschen Markt gekommen. Wie in den Jahren zuvor lag ein Schwerpunkt auf der Verbesserung der Behandlung verschiedener Krebsarten. Dieser Trend hielt auch im Januar an. Mit Nilotinib und Panitumumab wurden zwei Krebsmedikamente eingeführt. Zudem kam das Antiepileptikum Stiripentol auf den Markt.

Bereits seit 2001 ist mit dem Wirkstoff Imatinib eine Substanz zur Therapie von Patienten mit chronisch-myeloischer Leukäme (CML) zugelassen. Dabei handelt es sich um eine Krebserkrankung der weißen Blutkörperchen, bei der die Granulozyten unkontrolliert zu wachsen beginnen. Imatinib kann bei Patienten eingesetzt werden, die »Philadelphia-Chromosom-positiv« (Ph+) sind, das heißt, bei denen sich Gene so umgelagert haben, dass ein so genanntes Philadelphia-Chromosom entstanden ist. Dieses produziert ein Enzym, das zur Entwicklung der Leukämie führt.

Nilotinib

Der neue Wirkstoff Nilotinib (Tasigna®, Novartis Pharma) ist zur Zweit-Linien-Therapie für die Behandlung von Patienten mit Ph+ CML indiziert, die Imatinib nicht vertragen oder dagegen resistent sind. Wie Imatinib gehört der Neuling zur Gruppe der Tyrosinkinase-Inhibitoren. Diese Substanzen blockieren bestimmte Enzyme, so genannte Proteinkinasen. Nilotinib hemmt eine spezielle Kinase, die Bcr-Abl-Kinase, welche von Leukämiezellen produziert wird und dazu führt, dass sich diese unkontrolliert vermehren. Durch die Hemmung dieser Kinase trägt Nilotinib dazu bei, die Ausbreitung von Krebszellen einzudämmen.

Nilotinib ist als Kapsel mit 200 mg Wirkstoff erhältlich. Die empfohlene Tagesdosis beträgt zweimal zwei Kapseln in einem Abstand von zwölf Stunden. Die Kapseln sollte der Patient unzerkaut mit Wasser schlucken und zwei Stunden vor und eine Stunde nach der Einnahme nichts essen, da Nahrung die Bioverfügbarkeit von Nilotinib erhöhen kann.

Starke CYP3A4-Hemmer wie Ketoconazol, Itraconazol, Moxifloxacin, Clarithromycin, Telithromycin, Ritonavir sowie Grapefruitsaft können die Serumkonzentration von Nilotinib erhöhen. Die Kombination mit dem Zytostatikum ist daher nicht empfehlenswert. Gleiches gilt für CYP3A4-Induktoren wie Johanniskraut, Carbamazepin, Phenytoin und Rifampicin, da diese die Serumkonzentration von Nilotinib senken können.

Zudem besitzt Nilotinib eine pH-Wert-abhängige Löslichkeit. Stoffe, die die Magensäure-Sekretion hemmen wie Antazida, H2-Blocker und Protonenpumpenhemmer sollten deshalb nicht gleichzeitig mit dem Tyrosinkinase-Inhibitor eingenommen werden.
Die häufigsten Nebenwirkungen des Medikaments beziehen sich auf das Blutbild. So kann die Zahl der roten und weißen Blutkörperchen sowie der Blutplättchen verringert sein. Aus diesem Grund muss der Patient während der Therapie regelmäßig seine Blutwerte kontrollieren lassen. Eventuell verringert der Arzt daraufhin die Dosis oder unterbricht die Behandlung. Außerdem treten unter der Behandlung häufig Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Ausschlag und Juckreiz sowie Müdigkeit auf.

Panitumumab

Bei metastasiertem Kolon- oder Rektumkarzinom, einem Dickdarmkrebs, der sich in andere Körperteile ausgebreitet hat, können Ärzte seit Januar Panitumumab (Vectibix®, Amgen) verordnen. Indiziert ist der Wirkstoff zur Monotherapie nach dem Versagen einer Standard-Chemotherapie, zum Beispiel mit einer Kombination aus 5-Fluorouracil, Oxaliplatin und Irinotecan.

Panitumumab wird bei Patienten angewendet, deren Tumorzellen ein Protein, den so genannten epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) auf ihrer Oberfläche tragen und ein nicht mutiertes KRAS-Gen aufweisen. Das KRAS-Gen regt nach einer Mutation in Tumorzellen das Krebswachstum an.

Der Hersteller betont, dass sich Panitumumab als erster vollständig humaner monoklonaler Antikörper von den anderen Therapieoptionen  unterscheidet, so vom chimären Antikörper Cetuximab, der bereits im Jahr 2004 als Therapieoption bei Darmkrebs auf den Markt gekommen ist. Anders als Panitumumab enthält dieser Wirkstoff auch murine (murin = von der Maus) Aminosäuresequenzen.

Panitumumab bindet an den EGFR-Rezeptor. Dadurch können die Tumorzellen die über EGFR übertragenen Signale, die für Wachstum und Ausbreitung des Tumors erforderlich sind, nicht mehr empfangen. In Krebszellen, die ein mutiertes KRAS-Gen enthalten, wirkt der Antikörper anscheinend nicht. Der Antikörper wird in Zwei-Wochen-Abständen intravenös infundiert. Die empfohlene Dosis beträgt 6 mg pro Kilogramm Körpergewicht.

Etwa neun von zehn Patienten zeigen unter Panitumumab Nebenwirkungen an der Haut, zum Beispiel Ausschlag, Rötung, Juckreiz sowie trockene und rissige Haut. Diese sind jedoch in den meisten Fällen nur leicht bis mittelschwer. Zudem zählen Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Atembeschwerden und Husten zu den häufigsten Nebenwirkungen.

Stiripentol

Stiripentol (Diacomit®, Desitin Arzneimittel GmbH) wird bei Kindern mit einer sehr seltenen Form der Epilepsie, der so genannten schweren myoklonischen Epilepsie im Kindesalter (SMEI), eingesetzt. Die Erkrankung ist auch unter der Bezeichnung Dravet-Syndrom bekannt. Stiripentol erhielt die Zulassung als Zusatztherapie zu den Antiepileptika Clobazam und Valproat, das heißt, wenn mit Clobazam und Valproat schwere so genannte Grand-mal-Anfälle mit Bewusstlosigkeit nicht ausreichend kontrollierbar sind, kommt die Komedikation mit dem neuen Antiepileptikum Stiripentol infrage.

Seine genaue Wirkweise ist bisher noch nicht vollständig geklärt. Möglicherweise erhöht der Wirkstoff die Aktivität anderer Antiepileptika, indem er deren Abbau in der Leber verlangsamt. Zudem schien Stiripentol in einem Tiermodell die Konzentration von Gamma-Amino-Buttersäure (GABA), einem wichtigen inhibitorischen Überträgerstoff im Säugetiergehirn, zu erhöhen. Wissenschaftler vermuten, dass der neue Arzneistoff die Aufnahme von GABA im synaptischen Spalt und/oder das abbauende Enzym GABA-Transaminase hemmt.

Die empfohlene Tagesdosis beträgt 50 mg pro Kilogramm Körpergewicht, welche die Patienten in zwei oder drei Dosen über den Tag verteilt einnehmen. Unter Umständen muss der Arzt die Dosis von Clobazam unter Stiripentol reduzieren, die Valproat-Dosis muss normalerweise nicht angepasst werden.

Stiripentol gibt es als Portionsbeutel zur Herstellung einer Suspension oder als Kapseln mit 250 oder 500 mg Wirkstoff. Wichtig für die Beratung: Stiripentol muss zusammen mit Nahrung eingenommen werden, nicht jedoch mit Milchprodukten, kohlensäurehaltigen Getränken, Fruchtsäften, Kaffee oder Tee sowie Coffein- oder Theophyllin-haltigen Lebensmitteln.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen unter Stiripentol zählten in klinischen Studien Appetit- und Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit sowie Muskelstörungen.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
S.Siebenand(at)govi.de 

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