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Selbstmedikation bei Rückenschmerzen

Die Krux mit dem Kreuz

26.01.2010
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Selbstmedikation bei

Die Krux mit dem Kreuz

von Andrea Hämmerlein

Rückenbeschwerden haben sich zu einem Volksleiden der Deutschen entwickelt. Nur etwa 20 Prozent bleiben ihr Leben lang davon verschont. In den meisten Fällen verursachen Dysbalancen zwischen Muskeln und Sehnen die Probleme. Oft sind sie harmlos, und die Beschwerden verschwinden innerhalb weniger Tage von selbst. Die wichtigste Regel für alle Betroffenen lautet: durch Bewegung den Rücken stärken.

In Deutschland leiden laut Statistik aktuell bis zu 40 Prozent der Menschen an Rückenschmerzen. Bei etwa 70 Prozent kehren diese mindestens einmal im Jahr wieder. In der Rangfolge der schmerzenden Körperstellen stehen an erster Stelle Kopfschmerzen und an zweiter Rückenschmerzen. Auch bei den Gründen für einen Arztbesuch folgen sie direkt hinter den Atemwegsinfektionen. Das Leiden zieht sich durch alle Altersgruppen, peinigt Bürotätige ebenso wie sportlich Durchtrainierte, nimmt mit dem Alter jedoch zu: Am häufigsten betroffen sind die 50- bis 70-Jährigen, Frauen mehr als Männer. Ein Blick auf die Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung zeigt: Auch hier stehen die Rückenschmerzen an erster Stelle. Diese Fakten lassen ahnen, welche Kosten Rückenleiden im Gesundheitssystem und der gesamten Volkswirtschaft verursachen.

Steckbrief Rücken

Die Wirbelsäule ist das knöcherne Rückgrat des Menschen, komplex und raffiniert aufgebaut. Ein Wirbelkanal (Spinalkanal) für das Rückenmark zieht sich durch 7 Halswirbel, 12 Brustwirbel und 5 Lendenwirbel hindurch bis hin zum Kreuz- und Steißbein. Zwischen den einzelnen Wirbeln liegen weiche Bandscheiben als Stoßdämpfe. Rundherum stabilisieren kräftige Bänder, Sehnen und Muskeln die lange Wirbelsäule und geben dem Rückgrat Halt, denn sie muss Kopf und Oberkörper tragen und den aufrechten Gang, Bewegungen und Drehungen ermöglichen.

Über 75 Prozent aller Rückenschmerzen entstehen im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS). Sie werden volkstümlich als Kreuzschmerzen bezeichnet. Als akute Rückenschmerzen gelten Beschwerden, die maximal drei Monate andauern. Ziehen sich die Schmerzen länger hin oder befallen den Patient mindestens zwei akute Schmerzereignisse jedes Jahr erneut, sprechen Mediziner von chronischen Rückenschmerzen.

Zusammenhang zur Psyche

An der Entstehung von Rückenschmerzen sind viele Faktoren beteiligt. etwa:

  • Bewegungsmangel, zum Beispiel durch überwiegend sitzendeTätigkeit
  • Körperliche Schwerstarbeit, zum Beispiel Bauarbeiter
  • Falsche Hebetechniken, zum Beispiel mit gebeugtem Rücken 
  • Einseitige Körperhaltung, zum Beispiel bei Köchen
  • Stress, familiäre oder berufliche Probleme, seelische Belastungen
  • Übergewicht

 

Auch psychische Belastungen spielen eine Rolle bei der Schmerzentstehung. Formulierungen wie »Jemandem den Rücken stärken«, »Jemandem in den Rücken fallen« oder »Das hat ihm das Rückgrat gebrochen« weisen auf diesen Zusammenhang mit der Psyche hin. Ärzte finden bei den meisten Rückenschmerz-Patienten keine körperliche Ursache für die Beschwerden, vielleicht auch deshalb, weil seelische Überlastungen eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Ein Schaden an den Wirbelkörpern oder den Bandscheiben sowie »eingequetschte Nerven« sind eher selten der Grund für Rückenschmerzen. Eine eindeutige Ursache finden Ärzte nur bei rund 2 Prozent (siehe Kasten).

Rückenbeschwerden mit eindeutiger Ursache

  • Anatomische Längendifferenzen der Beine 
  • Bandscheibenvorfälle 
  • Degenerative Wirbelsäulenerkrankungen, zum BeispielOsteochondrose
  • Wirbelsäulenerkrankungen wie Morbus Bechterew
  • Gleitwirbel (Spondylolisthese)
  • Tumore der Wirbel
  • Wirbelbrüche, zum Beispiel bei Osteoporose

Am häufigsten lösen Muskelverspannungen die Schmerzen aus, denn verspannte, harte Muskeln »reizen« die in der Nähe liegenden Nerven. Relativ oft verursacht ein Hexenschuss akute, heftige Kreuzschmerzen. Mediziner nennen diesen Lumbalgie oder Lumbago (lateinisch lumbus = Lende und griechisch algos = Schmerz). Beim Hexenschuss treten nach einer bestimmten Bewegung plötzlich sehr starke, oft stechende Schmerzen im Kreuz auf. Ausgelöst wird er meist durch Drehbewegungen beim Heben, Bücken beziehungsweise Aufrichten. Infolge nehmen die Betroffenen eine Schonhaltung ein und bewegen sich mit gekrümmtem Rücken. Ein Hexenschuss schmerzt nicht im Bein.

Dagegen äußern sich die Beschwerden bei Patienten mit einer Ischialgie (Ischiassyndrom, Lumboischialgie) oft dadurch, dass die Schmerzen bis ins Bein ausstrahlen. Der Ischiasnerv ist fast fingerdick und verlässt den Spinalkanal zwischen dem letzten Lenden- und dem darunter liegenden ersten Sakralwirbelkörper, zieht sich von da unter den Gesäßmuskeln entlang ins Bein bis hin zum Fuß. Wenn der Nerv durch eine Wirbelblockade (Fehlstellung der Wirbelkörper) oder einen Bandscheibenvorfall zusammengedrückt oder verletzt wird und sich entzündet, klagen die Betroffenen über stechende Schmerzen, die in Bein und Fuß ziehen. In leichteren Fällen spüren sie nur über Empfindungsstörungen. Typischerweise verstärkt Bewegung die Beschwerden.

Den Teufelskreis durchbrechen

Möchten Patienten ihre Rückenschmerzen selbst behandeln, sollten PTA oder Apotheker die Symptome und möglichen Auslöser der Beschwerden abfragen. Für die Selbstmedikation eignen sich nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) und Analgetika. Diese helfen, den Teufelskreis der Schmerzentstehung zu durchbrechen, damit sich die Patienten möglichst rasch wieder bewegen können. Als Arzneisubstanzen kommen Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen und Paracetamol in Frage. 

Mit Ausnahme des Paracetamols ähneln sich die Nebenwirkungen und Kontraindikationen der genannten Substanzen aufgrund des Wirkmechanismus. Im Vergleich dazu sind die unerwünschten Wirkungen von Paracetamol eher gering. Daher gilt Paracetamol bei leichten bis mittelschweren Kreuzschmerzen als das Mittel der Wahl. Patienten mit einer schweren Nieren- und/oder Leberfunktionsstörung dürfen allerdings kein Paracetamol einnehmen. Stillt Paracetamol die Schmerzen nicht ausreichend, können PTA oder Apotheker ASS, Diclofenac, Ibuprofen oder Naproxen empfehlen. Von Vorteil ist deren antientzündliche Wirkkomponente. 

Bei Menschen mit einem empfindlichen Magen verursachen diese Arzneistoffe manchmal Bauchschmerzen und Übelkeit, vor allem nach längerer Einnahme besteht in diesen Fällen auch ein erhöhtes Risiko für  Magenbluten oder gar ein Magen-Darm-Geschwür. Frauen im letzten Trimenon der Schwangerschaft dürfen kein ASS oder NSAR einnehmen.

Außerdem müssen PTA oder Apotheker die Anwendungsbeschränkungen bei Kindern und Jugendlichen beachten: Ibuprofen ist in der 400-mg-Dosierung kontraindiziert bei unter 6-Jährigen, ASS und Naproxen bei unter 12-Jährigen sowie Diclofenac bei unter 14- beziehungsweise 15-Jährigen. Vorsicht ist auch geboten bei Patienten mit Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, vorgeschädigten Nieren und schweren Leberfunktionsstörungen. 

Kontraindikationen beachten

Ferner sollten PTA oder Apotheker das Interaktionspotential dieser Arzneistoffe beachten. Eine der häufigsten Interaktionen ist die Wechselwirkung von ASS oder NSAR mit Antihypertensiva wie ACE-Hemmern, Angiotensinrezeptor-Antagonisten, Beta-Blockern und Diuretika. Die kurzfristige gemeinsame Einnahme ist unproblematisch. Erst bei längerer Kombination von Arzneimitteln dieser beiden Gruppen sollte der Arzt Blutdruck und Nierenfunktion des Patienten sorgfältig überwachen. Bei Diabetikern, die Insulin spritzen oder Sulfonylharnstoffe, zum Beispiel Glibenclamid, einnehmen, kann ASS in einer Dosierung von 2 bis 3 g am Tag zu einer Hypoglykämie führen. Diesen Patienten sollten PTA oder Apotheker als Schmerzmittel besser Paracetamol oder ein NSAR empfehlen. Zu den weiteren Kontraindikationen für ASS, Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen zählen Asthma bronchiale sowie Blutgerinnungsstörungen. Haben Patienten in der Vergangenheit auf ASS oder ein NSAR allergisch reagiert, sollten sie keinen dieser Arzneistoffe einnehmen. Die Einzel- und Tageshöchstdosen der Arzneistoffe sind in der folgenden Tabelle zu finden.

Tabelle: Einzel- und Tageshöchstdosen der Analgetika in der Selbstmedikation für Erwachsene

Arzneistoff Einzeldosis (peroral in mg) Tageshöchstdosis (peroral in mg)
ASS 500-1000 3000
Ibuprofen 200-400 1200
Diclofenac (Salz) 12,5-25 75
Naproxen (Salz) 220-250 660-750
Paracetamol 500-1000 4000

Nennt der Patient im Beratungsgespräch Symptome, die auf eine behandlungsbedürftige Ursache der Beschwerden hinweisen (siehe Kasten), sollten PTA oder Apotheker ihm dringend zum Arztbesuch raten. Bis zum Arzttermin können die genannten Analgetika die Schmerzen lindern.

Warnhinweise für eine Differentialdiagnose beim Arzt

  • Kreuzschmerzen und plötzlich zunehmende Schwäche 
  • Taubheitsgefühle 
  • Kribbeln im Bein
  • Lähmungserscheinungen in Bein, Fuß oder Zehen
  • Inkontinenz

 

Quelle: Patientenleitlinie Rücken- und Kreuzschmerzen der Universität Witten/Herdecke

In Bewegung bleiben

Vielen Rückenschmerz-Patienten hilft unterstützend Wärme, beispielsweise ein Heizkissen, eine Wärmflasche oder Rotlicht. Doch auch durchblutungsfördernde Maßnahmen wie Rheumasalben oder Wärmepflaster empfinden die meisten als angenehm. Wie stark Wärme die Muskeln entspannt und damit die Schmerzen lindert, konnten Wissenschaftler bestätigen. Kurzfristig soll Wärme sogar wirksamer sein als Paracetamol oder Ibuprofen.

In der ersten akuten Phase lindert Bettruhe die Beschwerden, besonders Patienten mit einem Hexenschuss sollten die untere Wirbelsäule in der sogenannten Stufenlagerung entlasten. Hierbei liegen sie im Bett auf dem Rücken und die Unterschenkel im rechten Winkel am besten auf einer harten Unterlage. Doch nach Möglichkeit sollten die Patienten nicht länger als zwei Tage im Bett verbringen, denn die Schonhaltung verlängert die Dauer der Schmerzen.

Den Rücken schulen

Sobald wie möglich sollten sie ihre normalen Alltagstätigkeiten wieder aufnehmen. Neben dem »rückengerechten« Verhalten ist stabilisierende Gymnastik sehr zu empfehlen, ebenso ein Ausgleichssport. Schwimmen oder Radfahren trainieren die Muskulatur und stärken den Rücken. So kann jeder Patient erneuten Schmerzattacken vorbeugen. Vor allem Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sollten auf eine korrekte Körperhaltung sowohl im Sitzen als auch bei ihren alltäglichen Aktivitäten achten und diese trainieren. Damit stärken sie die Flexibilität, Kraft und Koordination der Muskulatur und verbessern gleichzeitig ihre Fitness. Krankenkassen übernehmen die Kosten spezieller Schulungen, der sogenannten Rückenschule. Dort lernen die Patienten neben bestimmten Übungen zum Training der Muskeln Einzelheiten über den Aufbau und die Funktion des Rückens und seine Belastung in verschiedenen Körperhaltungen. 

Auch spezielle Übungen unter Anleitung eines Krankengymnasten sind in diesem Zusammenhang sinnvoll. Der Krankengymnast versucht, Schäden am Bewegungsapparat, die durch falsche Bewegungsmuster entstanden sind, abzuwenden oder zu mildern. Neben Streckbehandlungen, Spannungsübungen und entspannender Lagerung lernen die Patienten hier für den Rücken schonende Bewegungsabläufe kennen.

Akupunktur und manuelle Therapie

Gegen Rückenschmerzen hilft auch die Akupunktur. Nach der traditionellen chinesischen Medizin rufen Blockaden des Stroms der Lebensenergie Qi Schmerzen, Gesundheitsstörungen und Krankheiten hervor. Indem der geschulte Akupunkteur die Nadeln gezielt setzt, wird der Fluss der Lebensenergie harmonisiert, Blockaden lösen sich und Schmerzen nehmen ab.

Verursachen psychische Belastungen die Rückenbeschwerden, raten Ärzte zur Psychotherapie. Dazu zählt beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie. Methoden der Stressbewältigung oder auch der Schmerzkontrolle bewirken, dass der Patient einen »gewissen Abstand« zu seinen Beschwerden bekommt.

Weitere Behandlungsverfahren sind die Osteopathie und Chirotherapie, auch manuelle Therapie genannt. Sie sollten nur durch erfahrene Osteopathen, Chiropraktiker oder in diesem Bereich speziell ausgebildete Ärzte angewendet werden. Diese Methoden können Patienten mit unkomplizierten Rückenschmerzen innerhalb der ersten sechs Wochen nach Auftreten der Beschwerden helfen. Ihre Wirksamkeit konnte in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen werden.

Weitere Informationen im Internet

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
A.Haemmerlein(at)abda.aponet.de